mehr miteinander

Ausatmen.

Ich habe dieses Blog ja gerade erst begonnen und spüre jetzt die Veränderung in meinem Leben. Nicht, weil ich mich öffentlich äußere. Das habe ich an anderer Stelle und in anderer Form (nix mit einem Blog vergleichbares) bereits getan. Es liegt an dem, was plötzlich zu mir kommt: Bilder, Gefühle, Einstellungen, Ideen anderer Menschen (hauptsächlich Frauen), die ich einfach so abrufen kann.

Ich lese und lese und folge links und spüre, wie in mir wieder etwas beginnt zu wachsen. Der Teil meines Gehirns, der im Studium glücklich war, nehme ich an. Und ich möchte all den Frauen antworten. Auf alles, was ich lese, reagieren. Meine Bilder dazu werfen, eine Weile Begleiterin sein und mich begleiten lassen. Eigenes nach außen tragen.

Gerade habe ich den Text Nudeln mit Ketchup von alsmenschverkleidet gelesen und in mir ist so viel angesprungen. Durch den Text musste ich auch den Text Vierzehn Euro Achtundfünfzig von MamaMiez lesen und befand ich innerhalb von 5 Minuten Lesezeit mitten in den Spannungsfeldern meiner Ausbildung wieder: Welche Hilfe ist Hilfe? Wann leidet ein Mensch? Kann man individuelle Wege aus dem Leid durch systematische Hilfe unterstützen?

„Jeder ist seines eigenes Lebens Schmied.“ Wir können Armutsgrenzen festlegen, aber das Leid dahinter ist individuell. Wir können Wege zur Hilfe entwerfen, nur das eben nicht individualisiert, weil es ja planbar sein muss. Jeder bedürftige Mensch („bedürftig“ ist inzwischen ein Wort geworden, dass alle so richtig klein macht) muss sich in eine Schablone pressen (lassen) um etwas von dem Hilfskuchen abzubekommen und wenn es nicht passt, weil der eigene Lebensentwurf eben etwas anderes vorsah als das für die Hilfe notwendige Verhalten, tja dann…

Was können wir denn damit machen? Wir spüren den Wunsch zu helfen und sehen gleichzeitig die Hürden davor. Wir spüren den Wunsch, Hilfe in Notlagen zu bekommen und können uns beinah von außen dabei zuschauen, wenn wir den Kopf schütteln und „Danke, es geht schon…“ murmeln. Es gibt diesen sogenannten Stolz, es alleine zu schaffen. Und es gibt ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Ich verheddre mich gerade in so schrecklich vielen Gedanken und Erinnerungen. Meine Zeit mit dem ganz großen Sohn, in der ich alleine war. Während der Schwangerschaft genauso wie während der Geburt. Eine Germanistik-Studentin, die gerade mal die Zwischenprüfung hinter sich hatte. Natürlich habe ich ein Urlaubssemester und Sozialhilfe beantragt. Die Sachen fürs Kind kamen so angespült. Nichts davon selbst ausgesucht, weil es kaum finanziellen Spielraum gab. Um mich selber hab ich mich sowieso kaum noch gesorgt, weil ja nur das Baby zählte. Ängste hatten keinen Adressaten mehr. Ich verbrachte die sechs Monate Schwangerschaft auf einzelnen Inseln: Ich erinnere mich an einzelne Verabredungen und meinen Umzug. Und an meine Sehnsucht nach anderen Menschen. Mein verzweifeltes Internet-Flirten. An die Hitze (es war im Sommer 2003). Ich erinnere mich, wie gut mir diese Hitzequalen getan haben, weil ich so Ablenkung hatte von dieser Leere. Ablenkung von der Einsamkeit. Der Armut, die plötzlich spürbar wurde, weil ich nichts mehr zum Anziehen finden konnte, ich mich unfassbar hässlich fand. Ich musste viel liegen und ruhen. Der Fernseher lief den ganzen Tag, bis er in der Hitze den Geist aufgab.

Ich wollte in einem Ferienlager kochen. Ich hatte geplant, dass ich die 10 Tage so nichts zu essen selber kaufen muss und nicht alleine bin. Bingo. Nach 5 Tagen sprach die erwachsene Mitarbeiterin mich an, dass sie meinte, ich müsste dringend nach hause, weil das alles zu viel wäre für mich. Ja, mit dem dicken Bauch in dem kleinen Zelt auf drei Isomatten schlafen, war hart. Aber ich hatte solche Angst. Sie konnte meine Situation verstehen. Es tat ihr sehr leid. Aufrichtig, klar und deutlich. Sie schenkte mir 100 Euro mit den Worten: „Ich denke, dass Leihen keinen Sinn macht. Du sollst nicht drüber nachdenken, wann Du es zurückzahlen kannst. Vielleicht kannst Du es irgendwann weitergeben an jemand anderen.“

Das war das, was mir helfen konnte! Vertrauen in meine Zukunft! Verständnis! Und der direkte Wunsch zu helfen. Kein verkopftes: „Ja, was kann man denn da machen…?“ oder die Weiterleitung in eine Beratungsstelle oder oder oder. Genauso und nicht anders möchte ich helfen. Unmittelbar. Wenn ich kann.

Manchen Menschen werfe ich einen Blick zu, der „Aufmunterung“ heißen soll, andere bekommen Geld, wenn sie darum bitten. Wenn ich kein gutes Gefühl dabei habe, lasse ich es bei einem unkommentierten „nein“. Ich spreche an, lächle und halte gerne Türen auf. Ich erwarte dafür nichts. Ich spende kein Geld und kaufe keine Lebensmitteltüten für die Tafel. Ich lehne professionelle Spendensammler ab und halte lieber meine Augen offen. Ich sage einem Mädchen, das von halbstarken Großkotzen als „hässliche Fotze“ bezeichnet wird, dass sie wunderhübsch ist und nicht auf sowas hören soll. Das alles kann ich tun. Vielleicht wird es irgendwann noch mehr. Vielleicht nicht. Darauf kommt es meiner Ansicht nach nicht an. In meinen Augen geht es um Kommunikation mit deinem Lebensumfeld. An einen Umsturz des Systems glaube ich nicht mehr. Uns steht die Angst vor der Unsicherheit wie tätowiert ins Gesicht geschrieben. Aber wir sind Anpassungskünstler. Daran glaube ich. Und ich glaube, dass wir auch innerhalb dieses sich selbst korrumpierenden Systems Wege finden können, die Gesellschaftsdepression aufzuhalten. Nicht mit Yoga, Veganismus oder Räucherstäbchen, sondern durch unser Menschsein. Unser Wissen um die Tiefen, die Hürden und unsere Erfahrungen beim weitergehen. Nicht aus Arroganz oder Überheblichkeit, sondern weil es uns allen besser geht, wenn es uns allen besser geht. Ohne System. Ohne Anlaufstellen. Ohne Kontrolle. Einfach weil Menschsein heißt, mehr als sich selbst zu sehen.

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