fremd bestimmt

Heute hat der Blitz eingeschlagen. Erst in meinen Kopf und dann in mein Herz. Ich hatte eben Gedanken zum Blog notiert, um danach den Kleinen in das zweite Vormittagsschläfchen zu begleiten, da passierte es: Etwas aus meiner Vergangenheit zog sich die Maske runter und dahinter lauerte eine hässliche Erkenntnis.

Beim Blog-Notizenmachen hab ich über die Formulierung „Fremdbestimmtheit als Frau“ drübergelesen. Ich habe was ganz anderes notiert. Und als ich das mit der Fremdbestimmtheit notiert hatte, irgendwann vor einem Monat, ging es auch eher um ein Jetzt und die letzten zwei Jahre als Schwangere.

Mich hat so geärgert, dass ich in beiden Schwangerschaften wie ein Schaf von den Ärzten vor sich her getrieben wurde und meine Wünsche so gar keine Rolle spielten. Oder meine Kompetenzen. Wer könnte schon besser über meinen Körper Bescheid wissen, als andere? Seit mir damals Germaine Greer (ich war etwa 20) die Augen geöffnet hat, mit dem Hinweis, dass in den Industrienationen die Frauen zwei Mal im Jahr gynäkologisch kontrolliert/überwacht werden und Männer nicht, ärgert mich das alles immer wieder. Hinzu kommt, dass ich überhaupt kein Ärzteglück habe und immer wieder an Knallchargen gerate, die geradezu übergriffig werden, sobald ich anderer Meinung bin.

Mich kotzt das ehrlich an. Zahnärzte, die mich als Zumutung bezeichnen, weil ich nunmal inzwischen, dank vieler fruchtloser Versuche, eine ausgewachsene Angst vorm Zahnarzt habe (nicht wegen der Behandlung an sich, sondern wegen des erniedrigenden Umgangs mit mir). Gynäkologinnen, die mir mit wüsten Todesszenarien meines Ungeborenen drohen, nur weil ich in eine Behandlungablehne, deren Ablauf ich bereits kenne und von der ich weiß, dass sie nur aufgrund eines Parameters ausgelöst wird, ohne zu fragen, ob ich das schaffe oder gar brauche). Hausärzte, die auf ein Screening/Check-up/Langzeit-was-auch-immer bestehen und sich keine Sekunde fragen: passt das gerade in der Leben meiner Patientin rein?

Meine Mann ist nichts davon passiert! Noch nie! Noch nie wurde ihm ein Medikament aufgeschwatzt oder eine Behandlung. Er wurde noch nie engmaschig kontrolliert oder gar persönlich angegriffen.

Klar kann man jetzt meinen, ich wäre eine Querulantin (war ich genau ein Mal, vor einem Monat, als meine Gyn weder auf Anrufe, noch auf Mails reagiert hat und mir ihre Sprechstundenhilfe einen Gesprächstermin für Mitte Dezember geben wollte). Und selbst wenn ich eine Querulantin wäre, gäbe das niemandem das Recht, mich schlecht zu behandeln…aaaaaaahrg.

Worum es mir aber zu Beginn eigentlich ging, war die größte Fremdbestimmtheit meines Lebens. Der Tag, an dem mein Sohn starb. Ich war bis zu diesem einen Tag jeden verdammten geliebten einzelnen Tag bei meinem Kind im Krankenhaus. Nicht ganz sechs Monate lang. Ich habe ihn Tag für Tag mit seinen Kabeln und Schläuchen aus dem Bettchen gehoben und auf dem Arm gehalten, damit er schlafen konnte. Ich war depressiv, ließ mich behandeln, und war in dieser Zeit so lang ich konnte bei ihm. Ein paar Leute, auch im Krankenhaus, sagten, ich solle mal was für mich tun und mir mal einen Tag Urlaub gönnen. Konnte ich vom Herzen her nicht. Keine Chance.

Dann, an dem Tag seines Todes, konnte ich aus irgendeinem Grund daheim bleiben. Ich rief auf seiner Station an und gab Bescheid, dass ich später käme. Das wurde freundlich registriert, nichts weiter gesagt und gut war. Ich habe mich an diesem Tag auf meine Zukunft konzentriert und mir meinen Semesterplan zusammengestellt. Das hat eine Weile gedauert. Und plötzlich war sehr viel von dem Tag um. Und dann klingelte das Telefon mit „Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen…“.

Ich hatte am nächsten Tag noch ein telefonisches Gespräch mit dem Chefarzt über den Tagesablauf. Über die Notwendigkeit ihm morgens mehr Sauerstoff zu geben, über den Inkubator, über das Intubieren am Nachmittag und über die versuchte Reanimation. Sie hatten alles getan. Alles.

Aber sie haben mich nicht angerufen.

Mag sein, dass sie mich schützen wollten. Aber ich war schon erwachsen. Ich wollte bei ihm sein. Ihn begleiten. Mir drohten sowieso Horrorszenarien für die Zeit, die kommen sollte. Ich wurde nicht gefragt.

Das schoss mir im Bett neben meinem Kleinen durch den Kopf. Ich konnte nicht weinen, weil der Kleine mich ja auch braucht und ich brauche fürs Weinen um mich herum Raum. Aber ich war auf einen Schlag verzweifelt. Neben mir ein wunderbarer kleiner Junge, der immer wieder so geheimnisvoll schaut. Und in meinem Herzen ein anderer kleiner Junge, der gegangen ist, ohne einen letzten Kuss von mir. Verdammt…ich hab so um ihn kämpfen müssen und wurde übergangen, als er nicht mehr konnte.

Hätte man das auch mit einem Vater gemacht? Oder nur mit der Mitte-20-Mutti ohne Ausbildung dafür mit Depression?

Tu ich den Ärzten (es waren fast nur Männer!) unrecht? Spielt das eine Rolle, bei dem, was mir genommen wurde?

Ich möchte schrecklich gern sämtlichen Medizinern in den Arsch treten für ihre Gefühllosigkeit, ihre Pampigkeit, ihre überzogene Erwartungshaltung an ihre Patienten. Ich war schon so oft so verdammt klein in Gegenwart dieses medizinischen Fachpersonals, dabei bin ich an sich kein kleines Mäuschen. Ist das vielleicht nur mein eigenes psychodynamisches Ding? Eine Übertragung? Oder ist es viel mehr, nämlich eine systematische Schwächung der Einzelnen? Ein Bild von einer Frau, die nichts kann außer auf das reagieren, was ein/eine Kittelträgerin sagt? Ein Gag der Pharmaindustrie, um ihre bekloppten Pillen loszuwerden?

Ich freu mich wirklich für jeden Menschen mit guter Beziehung zu Ärzten. Ich befürchte nur, dass es das nicht oft gibt.

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