Entschleunigungsnotwendigkeit

In meiner kleinen der-Kleine-Schläft-Pause, erlaube ich mir sehr gern, Blogs zu lesen. Eben hat mir Greta aus der Seele geschrieben und ich möchte gern noch weiter gehen.

…jetzt muss ich aufpassen, dass ich mich nicht schon wieder in meinen Gedanken verheddere. Irgendwie fang ich nämlich diese Beiträge mit einem Auge an und höre mit dem anderen auf…

Ich bin ein Weihnachtsfan. Ich steh auf Glitzer. Ich steh auf Christmas-Radio. Und ich beschenke schrecklich gern andere Leute. Ich bin zwar durchsozialisierte Katholikin, aber ich steh nicht auf Kirche zu den Hochämtern und genieße meine ganz eigene Vision von Weihnachten als Konzentrat eines Jahres und Wunsch nach möglichst viel Liebe für möglichst viele Menschen.

Andererseits bin ich total stressempfindlich. Schon immer sensibel für Zeitdruck habe ich mir dieses Jahr vorgenommen, mich nicht zu stressen. Geschenke müssen nicht perfekt sein. Sie müssen vom Herzen kommen. Das kann man auch ohne  Druck hinkriegen. Geschmückt wurde unsere Wohnung Stück für Stück und für den Baum gibts ohnehin den Heiligabendmasterplan, damit wir uns nicht in unseren letzten Stückchen Energiereserve verlieren.

Ausgelebt bedeutet das nun: Ich suche keine Geschenke in der Innenstadt sondern möglichst ganz gezielt in den kleinen Läden in unserem Viertel. Ich meide generell große Versandhäuser (aus politischen Gründen…ebenso meide ich Discounter aus politischen Gründen und bin froh, dass wir uns das leisten können). Ich mach so gut wie alles zu Fuß (Busfahren in der Weihnachtszeit ist fast noch schlimmer als ne Shopping-Mall). Ich bewerte mein Essen nicht als gut/gesund/schlecht/ungesund sondern nehme das, was da ist als gegeben. Nur das alleine-essen kriege ich partout nicht aufgewertet, naja. Ich nehme in Kauf, dass meine 2do-Liste immer länger und länger wird, weil ich zwischendurch auch Zeit mit dem Kleinen nachholen muss (als er frisch bei uns war, war der Große so sehr präsent, dass der Kleine sehr viel zurückstecken musste. Und ich habe mir vorgenommen, den Rest seines ersten Lebensjahres nach Krabbelstubenbeginn des Großen, möglichst viel mit dem Kleinen zu machen). Ich nehme meiner Fehler hin.

Wenn ich das so lese bin ich super vernünftig, super gechillt und super vorbereitet.

Tatsächlich bin ich aber supermüde, superreizbar und superbedürftig und frage mich: ist das alles eine dringende Notwendigkeit meines Körpers oder noch eine freie Entscheidung meines Geistes gewesen? Hätte ich schon jedes Jahr den Plan so fahren können oder ist er erst dieses Jahr Realität geworden, weil ich einfach nicht mehr weiter kann? Oder ist es Zufall, dass meine Realitäts-Rezeption mich zu dem Schluss kommen lässt, dass ich meinen Konsum ganz bewusst umsteuern und ändern möchte und es zusätzlich auch gar nicht mehr anders machen kann? Geniales Timing?

Ich sehe diese vielen Menschen, die sich durch die Lichter- und Soundburgen drücken wenn ich zur Drogerie muss (ja, ich habe auch den Anspruch aufgegeben, alles für den Kleinen selbst zu kochen…ich kanns nicht…muss die Drogerie ran). Meine Eltern haben uns schon durch unser Shopping-Center gezogen um den Jungs die Back-Wichtel-Aufbauten zu zeigen und ich habe an den Kindern meiner Augen ablesen können, wie es in mir aussah: „Wow ist das viel viel viel viel…“

Selbst eine Gruppe Gebetsschwestern war sich nicht zu doof, in dieser Shopping-Hölle zwischen H&M, Tchibo, dem kleinen offenen Stresscafe und den wackelnden Backwichteln zu singen, mit Fähnchen zu schwenken und bedächtig ein Plastikbaby in einer Krippe anzuhimmeln.

Warum um alles in der Welt muss es immer so gnadenlos viel sein? Die Musik finden sicher die meisten total doof! Und es reicht doch, wenn die Lichterkette leuchtet, muss sie wirklich blinken? Die Luft in diesen Menschensammelzentren wird immer schlecht. Das kombiniert mit Blinkelichtern, Glitzer, verschiedensten Liedern und Sonderangeboten kann nur die Hölle sein! Wer will denn da entscheiden, etwas zu kaufen? Oder sich gar beraten lassen?

Und Greta hat recht, wenn ihr danach die Bettel-Menschen auffallen. Auch sie passen sich an! Hier nuscheln plötzlich sämtliche 1-Euro-Bettler das alles gut ist und sie uns Gutes wünschen. Hat da jemand ein Marketing-Seminar besucht? Ich kann jeden verstehen, der sich darüber ärgert, wenn ich kein Kleingeld rausrücke. Derzeit wird mir „alles Gute“ gewünscht und ich frage mich, warum? Kann doch nur eine Geschäftsidee sein…oder tu ich den Menschen Unrecht?

Es ist so schwer geworden. Oder so kompliziert. Viel. Und eine neue Welt. Ich kann mich davor nicht verschließen. Das wäre unvernünftig. Ich kann die Welt ab und zu aussperren und ignorieren. Und ich kann meine Kinder dafür sensibilisieren, dass diese Gefühle ernstzunehmen sind. Dieser Druck im Kopf, wenn es zu viel wird. Der plötzliche Durst nach frischer Luft. Das Bedürfnis, sich abzuduschen und Wasser zu trinken. Die Verwirrung, nachdem man instinktiv „nein“ gesagt hat und zwei Türen später eigentlich doch gern einen Euro abgegeben hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s