me and medien I

Seit meinem letzten Beitrag mehr Porno für alle geht mir mehr und mehr durch den Kopf, dass wir alle mal langsam mit dem Medienkompetenzkram anfangen müssen. Vielleicht kann so ein Prozess tatsächlich auch andere flankierende Prozesse positiv beeinflussen. Und es gibt eine Menge an flankierenden Prozessen. Ich habe noch nicht lange darüber nachdenken können (heute ist der erste nicht-Magen-Darm-Infekt-verseuchte Tag in unserer Familie), aber ich hänge bereits jetzt am reflektierten Umgang mit Smartphones (ja, klingt unsexy, wird aber mal notwendig), an der sexuellen Selbstwahrnehmung und sexuellen Sozialisation von Mädchen/Frauen und Jungen/Männern, Selbsterkenntnis und Ansprüchen an sich selbst…und da lauert noch mehr.

In meiner bisherigen Arbeit mit Jugendlichen in verschiedensten Umgebungen war das Thema Porno IMMER präsent. Entweder direkt ausgesprochen durch anzügliche Witze oder verdeckt durch giggelnd weitergeschickte Videos. Einmal ins Gespräch gekommen wurden IMMER klare Aufklärungsdefizite erkennbar. Eben die ganzen interessanten Punkte, die nicht im schulischen Unterricht angesprochen aber in Pornos gezeigt werden: Kann man beim Sex eine Frau echt abwechselnd in die Vagina und in den Po stoßen? Spritzen Männer echt so viel ab? Mögen alle Mädchen heftigen Sex? Stehen alle Jungs auf heftigen Sex?

Als Jugendliche habe ich mir diese Fragen noch nicht stellen müssen. Das härteste, was ich gesehen habe, waren die winzig kleinen Telefonsexanzeigen in der Fernsehzeitung. Aber ich habe sie gesehen. Mehr als bemerkt. Sie haben mich beeindruckt. Das, was heute an sexueller Information möglich ist und genutzt wird, übersteigt das natürlich bei weitem. Ein junger Mensch mit Smartphone kann abends unter der Bettdecke heftige SM-Videos konsumieren und sich in einem wahren Rausch an Gefühlen verlieren. Kann. Muss nicht. Es gibt sicherlich eine Menge Jugendliche, die diesem Konsum nicht wahllos verfallen, aber auch diese werden damit konfrontiert. Und ich wünsche ihnen allen Eltern, die nicht hilflos dastehen, wenn es ihnen auffällt. Wenn Fragen im Raum stehen. Wenn der/die Gyn vielleicht eine etwas unangenehme Erkrankung festgestellt hat…Wenn vielleicht ein explizites Video auftaucht, das irgendwie mit dem Kind verknüpft ist.

Was können wir Eltern denn tun, wenn unsere Kinder in das Internet-fähige Alter kommen? Kindersicherungen sind eines. Nur werden die Kinder irgendwann alt genug, um diese Sicherungen zu umgehen. Ein Leben ohne Smartphone ist sicher auch nicht der richtige Weg, denn so wie es aussieht, wird es bald nur noch für Rentner Angebote geben, die ohne Internetverbindung funktionieren.

Wir brauchen also Strategien unabhängig von unserer sexuellen Sozialisation.

Und.

Wir Eltern müssen drüber reden können.

Ehrliche Antworten ohne rote Wangen und nervöses Zittern. Du interessierst Dich für Analesex? Ok, Du solltest wissen, dass es dafür sehr viel Vorbereitung braucht. Mal eben schnell einen anderen Menschen in den Popo poppen ist sicherlich keine gute Idee und es gibt auch einige Menschen, die mögen das nicht. Stell also vorher klar, dass ihr alles über Hygiene geklärt habt, dass Dein gegenüber da genauso neugierig ist wie Du und benutzt ein Kondom. IMMER! Egal ob das irgendjemand uncool findet!

Sicher sprechen einen die eigenen Kinder nicht darauf an, wie das mit dem Sex eigentlich so läuft, aber wir sollten vorbereitet sein, denn diese Konfrontationen kommen auch indirekt und nicht nur im bildungsfernen Lebensbereich. Wir sollten uns selbst umschauen in diesem Universum. Wie funktioniert sowas wie redtube, youporn und was es nicht alles gibt (ich mag jetzt keine vollständige Liste posten…wer suchet, der/die findet). Wie sehen die Pornos aus? Was kommt besonders häufig vor? Was steht so alles in den Tag-Listen? Und was soll das alles sein? Selbst suchen bringt da eine ganze Menge.

Ich glaube sehr gern, dass es visuell noch jungfräuliche Männer und Frauen gibt. Wenn einem selbst wichtig ist, keine Pornos anzuschauen, dann ist das eine Entscheidung, die ich ernst nehmen kann. Nur leider müssen auch derart Entschiedene mit ihren Kindern umgehen, wenn diese mit entsprechenden Konfrontationen aufwarten (direkt oder indirekt). Dann würde helfen, wenigstens jemanden zu kennen, an den sie verweisen können. Augen auf, Fühler ausgestreckt. Wir Eltern dürfen auch deligieren. Beispielsweise an entsprechende Seiten. Stellt Euch vor, ihr seit heute jung und sucht mit diesem Filter Antworten. Dann findet ihr vielleicht etwas, was ihr euren Kindern vorschlagen könnt.

Bei allen Debatten pro und contra Pornographie ist doch eines klar: Es gibt sie! Und es wird sie weiterhin geben! Sicherlich können wir Rollenklischees darin unverschämt bis verstörend finden und wir können uns fragen, wer zum Henker denn darauf steht, dass ihm/ihr…naja, ich brauche keine bildhaften Beispiele. Ich will auch keine Kinks verurteilen. Es bleibt eine Tatsache, dass schrecklich viele Leute gerne beim Betrachten expliziter Filmchen masturbieren und dass davon die Welt nun wirklich nicht untergeht. Und diese Leute sind auch nicht nur komische alleinstehende Männer. Es sind Eheleute, Singles, Lebenspartner, sexuell herkömmlich Orientierte und sexuell heftig Orientierte, kreative und langweilige Menschen, Männer UND Frauen.

Für jeden ist etwas dabei. Wenn klar ist, was gefällt, finden sich die Schlagworte, die auf das verweisen, was gesucht wird. Wegschauen bringt nichts. Abwerten, aufregen, beschimpfen bringt nichts (oder zumindest nichts Gutes). Lieber ernsthaft an die Seite stellen und immer wieder klar machen:

„Mein Kind, steh zu Deinen Gefühlen und zu Deiner Neugier! Solange Du Dich und andere ernst nimmst, schützt und wertschätzt, kann Dir nichts Schlimmes passieren. Und wenn Dir etwas komisch vorkommt, ein komisches Gefühl auslöst (und wenn es nur eine kurze Irritation ist), sprich jemanden an, dem/der Du vertraust. Bei diesem Thema geht es nur um Handlungen, die Du magst. Alles andere ist falsch.“

PS: Nein, ich kenne keine sinnvolle Literatur bisher. Sollte in den letzten 3 Jahren etwas zu diesem Thema erschienen sein, ging das sicherlich aus Familienbildungs-Gründen an mir vorbei. Meine bisherigen Suchen haben noch keine für mich verwertbaren Ergebnisse ergeben. Ich hoffe sehr, dass sich ein paar wissenschaftlich fundierte und leidenschaftliche Menschen finden, die diese Feld aufarbeiten und uns daran teilhaben lassen möchten.

So bleibt es erstmal bei der Quintessenz aus meiner bisherigen Arbeitserfahrung. Besser als nichts, wie ich finde. Und ein Anfang, den man angreifen kann um ins Gespräch zu kommen.

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