„Mütter ficken und Huren gebären“ (Nancy Huston) //FSK18

„Mütter ficken und Huren gebären“ (Nancy Huston) //FSK18

Mir gehts wieder um Sexualität. Das obige Zitat nimmt natürlich nur die Frauen in den Fokus, aber an ihm wird so schön deutlich, was wir gesellschaftlich hier haben:

Wir leben immer noch in einer pubertären Gesellschaft, die sich gegen althergebrachte Moral auflehnt und ihre eigene Stimme sucht.

Wir trennen Liebe und Sex, indem wir behaupten, beides gehöre zusammen, wenn es denn (moralisch) richtig gemacht wird. Wir ergehen uns in Worten und Bildern über Mutterschaft ohne die Verbindung zu dem sehen zu wollen, was dem voraus ging. Kinder entstehen im Kreisssaal mit Hilfe von Fachpersonal, nicht während des Orgasmus eines Mannes in der Vagina einer Frau.

Nix da. „Mütter ficken und Huren gebären.“ Sex ist dreckig, macht Flecken und wird besser durch Fantasie.

(Ich nehme bei meinen hiesigen Ansichten über Sex selbstverständlich all jene sexuellen Begegnungen aus, die nicht consensual ablaufen.)

Wenn wir uns christlich einwandfreie (also hetero-orientierte) Paare angucken, so dürfen sie heutzutage sicherlich unverheiratet sein, was ein großes Zugeständnis ist. Allerdings berichten viele Paare nach einer mehr als 2-jährigen Beziehungsdauer und ab dem Alter von etwa 30, dass sie vermehrt gefragt werden, ob sie denn nicht heiraten wollen…So normal ist das mit der Nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Oder eben noch lange nicht normal. Gut an diesen Paaren ist, dass sie gesellschaftlich so überhaupt nicht auffallen. Männlein und Weiblein gehen nunmal öfter zusammen über die Straße und reden, gehen Kaffee trinken oder ins Kino. Und vielleicht kriegen sie irgendwann mal ein Kind. Im Kreisssaal. Die Sexualität dieser Paare ist so unsichtbar wie ihr Beziehungsstatus. Sie nehmen am Stadtbild teil, ohne raushängen zu lassen, dass er vielleicht im Bett gerne Pumps trägt oder sie vielleicht gerne swingen geht. Schön für diese Paare! Sie dürfen sexuell selbstbestimmt sein, weil eben niemand weiß, was sie sexuell so alles unternehmen. Gut, sexuelle Selbstbestimmtheit ist noch ein anderes Thema. Unsere Sozialisation hat da der einen und dem anderen noch ein paar Hausaufgaben mitgegeben, bis die sexuelle Selbstbestimmtheit erreicht ist. Aber solange das nicht sichtbar ist, ist es der Gesellschaft Wurscht. Solange ich nicht weiß, wer in den Pornos der Nachbarn die Hauptrolle spielt, denk ich da gar nicht drüber nach.

Dabei ist es doch so interessant, sich mit sexuellen Präferenzen zu beschäftigen. Wie viele kichern mit, wenn der Begriff „lecken“ ins Spiel kommt? Wieviele haben schon kopfschüttelnd vor dem Dolly Buster Shop den Schritt beschleunigt, weil da Dinge im Schaufenster liegen…herrje, wers denn braucht? Hingucken müssen wir ja alle. Und vielleicht auch mal mit ganz viel Aufregung einen Dildo bestellen? Oder zumindest mal ein heißes Höschen? Ehrlich, diese Produkte, Pornofilme und Sexspielzeug, werden nicht nur für ein paar „andere“ produziert! Aktuell hat eine Vibratoren-Produktreihe sogar eine Designauszeichnung bekommen! Es gibt Sex-Shops nur für Frauen (wo es dasselbe Zeug gibt wie in den unspezialisierten Sex-Shops, naja, vielleicht mehr Wäsche und mehr Chichi), Sex-Shops für BDSM-Bedarf, Sex-Shops neben Toys-are-us und Sex-Shops für Männer. Es muss also irgendwo Kundinnen und Kunden geben, die das Zeug kaufen und sicherlich auch benutzen, denn zum ausstellen ist es dann doch ein wenig zu frivol (für die meisten).

Ich möchte damit sagen: Diese frivole Nische des Lebens ist keine Nische! Und viele Menschen tun Dinge im Bett, die mit Missionarsstellungscharme nichts zu tun haben! Da wird mit Lebensmitteln gesaut, da werden Haushaltsgeräte eingeführt, da wird halsbrecherisch ans Bett gefesselt und in den Mund ergossen. Consensual! Heterosexuell! Und keinen gehts was an! Ist das nicht prima?

Was ist aber nun mit den Leuten, deren sexuelle Präferenz sich eben nicht erschöpft mit dem Gott-gegebenen Schlüssel-Schloß-Prinzip und der Fähigkeit zur potentiellen Kinderzeugung? Was ist, wenn der Schmetterling im Bauch erst anfängt zu flattern, wenn da eben jemand auf einen zu kommt, der oder die einem selbst noch viel ähnlicher ist als ein Hetero-Mensch es sein könnte?

Ganz davon zu schweigen, dass der Prozess bis zur Klärung der eigenen Wünsche in diesen Fällen meist komplizierter verläuft und die Erkenntnis dann den meisten auch noch eine gehörige Portion Mumm abverlangt (Dank unserer bereits oben erwähnten Sozialisation) wird es dann erst richtig lustig, wenn durch das eigentlich schöne Bekenntnis zum geliebten Menschen nach außen vermeintlich sichtbar wird, was daheim im Bett für ein Beat zum Samba hämmert.

Plötzlich zu einer doch recht unspezifischen und fiktiven Gruppe zugezählt und mit dieser Gruppe verurteilt (wofür eigentlich?) zu werden, nur weil vielen Menschen die Fantasie fehlt, sich vorzustellen, dass es außer Lecken und Analsex doch noch anderes für homosexuell-orientierte geben könnte, ist einfach unfassbar widerlich! Denn: a) gibts noch was anderen und b) geht auch das niemanden was an!

Hat das wirklich was mit Angst zu tun? Können Menschen wirklich Angst vor Menschen haben, nur weil diese vielleicht Sex auf eine Art haben, die sie selber nicht haben wollen? Ist es wirklich Angst vor dem Unbekannten? Kann ich mir fast nicht vorstellen, bei der Masse an Analsex-Pornographie, die im Internet kursiert. Und eine Frau zu lecken ist jetzt auch nichts unheimlich beängstigendes.

Was haben denn konservativ urteilende Menschen davon, Homosexualität von sich zu weisen?

Homosexuell-orientierte Menschen haben keinen Missionarsstellungssex zur Fortpflanzung. Und das weiß jeder und jede. Und das ist die Anklage und das Urteil. Alle anderen Menschen tragen die Unterstellung, liebevolle und seltene (wegen der Kinder) Liebhaber zu sein, quasi als Vorwegnahme auf der Stirn. Männlein-Männlein und Weiblein-Weiblein-Paare natürlich nicht. Weil das, was wir allen unterstellen so nicht möglich ist, ist es das andere, Lecken und Analsex und das hat ausschließlich mit Lust zu tun! Wer Analsex hat benutzt auch Gleitmittel, wer Gleitmittel braucht, muss es kaufen…und das geht nur bei einschlägigen Händlern…pipapo. Urteil gefällt: die sind anders und gehören nicht dazu also brauchen sie auch keine Extrawurst. Selbst schuld, wenn sie nicht die vögeln, mit denen wir klar kämen.

Dasselbe Prinzip gilt für alle anderen queeren Leute, die sich tagtäglich mit bescheuerten Blicken beschäftigen müssen. Einerseits tragen sie zwangsläufig Teile ihre Sexualität sichtbar nach außen. Andererseits belegen diese sichtbaren Teile den Unterschied zu den konservativen Welt-Erhaltern.

Ihr lieben Gegner von alternativen Lebensentwürfen und BefürworterInnen der heterosexuellen Ehe, ich unterstelle Euch pauschalen Neid und gnadenlose Naivität gepaart mit pubertärer Scham über Eure eigene Sexualität! Wäret ihr nur ein kleines bißchen neugieriger auf die Welt, würdet ihr ahnen, dass Eure unausgelebten Fantasien von gekidnappten Piratenbräuten und Ärzten denen die Frauen vertrauen nichts anderes sind als zarte Wurzeln faustdicker SM-Fantasien! Und weil ihr Euch verbietet, diese Wurzeln zu gießen, bedroht Euch jedes Bekenntnis anderer zu den eigenen Abgründen. Wenn ihr das Kribbeln bei 50 Shades of Grey bekommt, oder bei Basic Instinct, wenn ihr als Jugendliche beim Schulmädchenreport an Euch herumgespielt habt, dann habt ihr eine Ahnung davon, was für ein Dammbruch möglich wäre, würdet ihr dem nachgehen. Keine Sorge, niemand möchte, dass Dämme brechen und Familien vergehen, weil Mama und Papa plötzlich erkannt haben, wie gut es ihnen tut, schmutzige Geheimnisse zu teilen! Tatsächlich wäre es aber hilfreicher, nicht diejenigen abzuwerten, die keine andere Wahl haben, als ihre Fantasien auszuleben, weil diese nunmal verknüpft sind mit ihrer Entscheidung für die Liebe.

Und an die konservativen Stimmen, die sich sexuell sehr wohl ausleben und nichts unterdrücken, möchte ich richten: Ihr seit in der Minderheit! Ich kanns nicht belegen aber ich bin mir sicher! Also drückt Euer Minderheiten-Kino nicht der nächsten Generation auf! Nur weil ihr nach außen nichts verlauten lasst über die Liebesschaukel im Keller und die heimlichen Club-Besuche fünf Dörfer weiter, heißt das nicht, dass das gesund für Eure oder meine Kinder wäre. Ich möchte gern lauter schreien als ihr und der nächsten Generation mehr Achtung für die Privatsphäre anderer und weniger Schiss vor der eigenen Courage mitgeben! Nein, meine Kinder werden auch nie erfahren, auf was Papa und ich so abfahren, aber ich hab auch kein Problem mit anderen Lebensentwürfen, bizarren Paaren oder gar Queers.

Liebe sollte der Grund für Familiengründung sein. Nicht Fortpflanzung. Oder Gott, die Dorfgemeinschaft, die zu fegende Kirchentreppe oder Mutti.

Ebenso wie Lust der Motor für Sex sein sollte. Nicht Fortpflanzung. Oder eheliche Verpflichtung oder finanzielles Prekariat. Warum wir zu wenig Kinder haben, liegt sicher nicht an den Paaren, die keine Kinder kriegen können. Das ist eine völlig andere Debatte.

…so…mit mir sind die Pferde durchgegangen.

Aber ich finde diesen Beitrag gut. Ich kann diese Abgrenzungs-/ Ausgrenzungs-Kacke nicht mehr ertragen und habe grundlegende Schwierigkeiten, eine solche Haltung als andere Meinung anzunehmen. Deswegen diskutiere ich auch nicht darüber, sondern schreibe es hier an meine Scheibe zur Welt. Ja, mangelnde Diskussionsbereitschaft gilt landläufig als Schwäche. Ich hätte sie allerdings Sigmar Gabriel während der Koalitionsverhandlungen von ganzem Herzen gewünscht.

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