Wutkinder-Kinderwut

Gestern Abend nach dem Elternabend habe ich noch kurz mit unseren beiden Herzenserzieherinnen geschnackt. Es ging natürlich um meinen Großen, der so ein niedliches Gruppentier ist. Und der laaangsam mutig wird. Die beiden Mädels wissen nämlich, dass mein Großer hier zuhause hin und wieder den Punk abgehen lässt. Aber so richtig. Sie haben erst gelacht bei der Vorstellung, dieses niedliche, schmusige und lustige Kind könnte abdrehen. Aber so langsam traut er sich auch in der Krabbelstube, zumindest das Marzipanschwein rauszulassen.

Heute auf Twitter hat die liebe Momatka aus ihrem Alltag gehilferuft, weil ihr Punkt mit seiner Wut ordentlichen Wirbel verursacht. Und rundherum kamen Antworten von Mamas, die mittendrin sind (in Wutphase 1 oder 2 oder 3….).

Unsere Kinder sind in bestimmten Entwicklungsphasen einfach wütend. Manchmal sehen wir die Ursache dafür. Manchmal nicht. Aber egal ob wir wissen warum oder nicht: wir stehen vor diesen kleinen Wüterichen oder Wüterinchen und fragen uns, was wir denn bitte tun sollen!?! Was ist der richtige Weg? Grenzen setzen? Auslöser vermeiden? Festhalten? Allein lassen?

Als der Große hier seinen ersten Wutanfall hatte, führte er mich quasi selbst durch seine Dramaturgie: Ich probierte alles mögliche aus (halten, nicht halten, Schnuller, Kekse, Trinken, Bücher, Knete, Reden, Singen…das volle Programm) und er wurde immer wütender, bis ich ihm sagte, dass ich ihm dann nicht helfen kann und einfach abwarten werde, bis er sich beruhigt hat. Er forderte mich noch ein paar Mal auf, etwas zu tun, um es dann doch zu finden bis ich irgendwann bockig wurde und deutlich mitteilte, dass er bisher alles doof fand und ich deswegen jetzt nichts anderes mehr tu, als seinen Bruder festzuhalten, der von der Wut auch schon was abbekommen hatte. Dann stand der Große schreiend/weinend neben dem Sofa. Ich redete mit dem kleinen Bruder und erklärte ihm, dass der Große nur wütend ist und dass das vorbei geht…und plötzlich lachte mein großes Kind, holte ein Buch hervor und fragte: „Buch? Ja?“

Und der erste Wutanfall ging vorbei.

Ich habe daraus gelernt: Er wird groß und braucht mich nur noch als Sekundantin aber nicht mehr als Stellvertreterin. Ich soll bei ihm sein, aber ihm zutrauen, dass er es kann. Und ich soll mich auch nicht von ihm manipulieren lassen (diese Hilflosigkeit, die entsteht, wenn ich sein Angebot annehme und er es aber doch nicht will, überträgt sich sehr schnell und heftig auf ihn). Ich bin seine Mama und nicht seine Strippenzieherin. Er löst sich aus unserer Bindung ein weiteres Stück und er kann selbst entscheiden, wann er nicht mehr wütend sein muss.

Ich habe diese Haltung des Vertrauens in ihn für mich weiter kultiviert und komme damit ganz gut klar. Papa Darling hat da etwas größere Schwierigkeiten, weil er harmoniebedürftiger ist als ich. Er will die Wut beenden und unterschätzt jedesmal den Dickkopf des Großen. Sicher finde ich es auch anstrengend, wenn er 30min wütend schreiend durch die Wohnung läuft, weil er beispielsweise nicht die Schlafzimmertür zuschlagen soll, aber: ich weiß es geht vorbei…und ich weiß: Auf den Arm ist so etwas das letzte, was der Große dann will. Achja: Und Zuhören kann er dann auch nicht, also muss keiner groß mit ihm reden. Nur eben da sein.

Ich weiß, es ist gut! Ich kann seine Wut, auch die ungerichtete irgendwie gut verstehen. Mir erscheint das Leben selbst heute noch manchmal als völlig unübersichtlich und nervig. Und wenn mir dann jemand etwas nimmt, woran ich Freude habe, werde ich wütend. Meine Eltern konnten meine Wut nicht wirklich aushalten. Gefühle generell wurden, wie in vielen Familien, sehr zensiert besprochen. Aber zum Glück hab ich selbst einen bombigen Dickkopf und habe immer darauf bestanden, meine Gefühle ernst zu nehmen und sie niemals runterzuschlucken.

Das möchte ich meinem Sohn auch mitgeben. Deine Gefühle sind richtig. Und sie sollen sichtbar sein. Zuhause ist so etwas noch uneingeschränkt möglich, hier soll es den Raum dafür geben.

Und den harmoniebedürftigeren Mamas da draußen möchte ich gerne sagen: Wut ist nicht automatisch verletzend oder schmerzhaft. Sie ist vor allem eine Menge Energie und Druck, die einfach raus müssen. Es ist auch keine Qual, wütend zu sein. Sicher wollen die Kinder immer wieder irgendwas, was sie nicht bekommen. Aber: sie halten das aus und kommen damit zurecht. Und: sie kennen Euch! Und experimentieren mit ihren Möglichkeiten. Wenn also eine harmoniebedürftige Mama mit einem fitten und vertrauensvollen Kind ausgestattet ist, wird das Kind schnell kapieren, dass das mit der Harmonie ein guter Hebel bei Mama ist. Ich kann meinem Sohn förmlich ansehen, wie er kombiniert, was ihn wohin gebracht hat und ob es sich lohnt, das nochmal zu versuchen. Deswegen ist das einzige, wo wir wirklich was falsch machen können, unsere Konsequenz (naja falsch…wir müssen es ja selber ausbaden und können selbst entscheiden, wann wir uns dem „Kampf“ stellen möchten. Früher oder eben später…hihi).

Nein, Mama MUSS überhaupt nicht alles möglich machen. Sicher soll sie ihr Kind unterstützen und die eine Mama traut sich eben mit dem Kind über die Hängebrücke, die andere nicht. Nicht mehr uns nicht weniger. Wir achten auf uns und auf die Kinder und müssen einfach nur klar in unseren Entscheidungen sein.

„Jetzt wird die Jacke angezogen. Wenn es Dir hilft, kannst Du dabei das Duplo-Pferd festhalten aber ich zieh Dir die Jacke jetzt an. Das tut nicht weh und Du kennst das schon.“

„Eine Stunde vor dem Abendessen gibt es keine Kekse mehr. Wenn Du argen Hunger hast, kannst Du schon ein Brot oder Obst essen, aber keine Kekse mehr.“

„Wenn Du mit der Gabel nicht so essen kannst, dass Du Dir und anderen nicht weh tust, nehme ich die Gabel weg und Du kannst es morgen nochmal versuchen.“

Das alles sind noch keine nennenswerten Grenzen aber in unserer Konsequenz zeigen wir dem Kind eine Art Linie, die ihm Sicherheit gibt. Wir sind dann berechenbar. „Morgens ziehen wir mir eine Jacke an und wir gehen in die Krabbelstube. Wenn ich mit der Gabel rumfuchtle nimmt Mama sie weg. Kekse gibts zu bestimmten Tageszeiten.“ Diese Sicherheit ergänzt das Vertrauen, dass unsere Kinder in uns haben. Sie bewegen sich fort von uns, werden unabhängiger, aber sie brauchen immernoch ganz viel Vertrautheit und Geborgenheit. Und nichts ist vertrauter und gibt mehr Wärme als das, was ich kenne und was immer gleich bleibt.

Wir können stolz sein, wenn unsere Kinder zuhause wütend werden. Das ist Zeichen einer gesunden Entwicklung. Jetzt können wir bei uns ein paar Einstellungen nachjustieren: Mein Kind kann total wütend sein und mir gehts damit schlecht…warum eigentlich?…

 

Ach, und wo auf Twitter auch die am Horizont drohende und von Wutattacken durchzogene Pubertät auftauchte: Die Pubertät ist eine verdammt geile Zeit! Was in den Hirnen unserer Kinder dann los ist, ist das aufregendste, was sie je erleben werden. Sicher mag es in dieser Zeit viel Streit geben, aber den sicher niemals aus der lauen Luft sondern immer mit ernsthaften Anliegen (von jugendlicher Seite aus). Es lohnt sich also, sich jetzt schon dafür zu wappnen, dann auf die Probe gestellt zu werden. Denn dann geht es absolut nicht mehr um Harmonie sondern um Wahrhaftigkeit, Authentizität und um unsere Kinder, die besser sein wollen als wir.


2 Gedanken zu “Wutkinder-Kinderwut

  1. Liebe Minusch,
    es hilft so unendlich zu sehen, dass man mit der Situation nicht alleine ist & wie andere damit umgehen. Danke dafür.
    Liebe Grüße, Momatka

  2. So schielen wir uns alle gegenseitig über die Schulter und lernen ne ganze Menge…das ist schon toll mit so vielen Blogs und so vielen Mamas, die unterschiedlich sind. Und es macht glücklich, finde ich. 🙂
    (schade, dass gerade ihr Mamas in einer ganz anderen Ecke seit…so langsam würde ich die ganzen Knöpfe, Punkte, Mamas gern mal kennenlernen)

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