offener Brief an Anna

Liebe Anna,

durch Dein Projekt selbstgeboren hast Du etwas aufgerissen. Ich bin mir sicher, dass Du das gar nicht wolltest. Die Bilder von Deiner Familie und Dir, Euer anthroposophischer Lifestyle, atmen eigentlich nicht die Luft der Wut gegen andere.

Nichts desto trotz hast Du mir und vielen anderen Mamas weh getan.

Und nur weil die Absicht vielleicht nicht die es abgrenzens war, hat sie dennoch dies erreicht: Ich fühle mich ausgegrenzt, abgewertet, verletzt…

Vielleicht hast Du die vielen vielen Blogbeiträge nicht alle gelesen, aber sicher haben Dir ein paar Vögelchen gezwitschert, dass Du da etwas losgetreten hast. Dass sich das Lesen Deines Projektes in Wut auflöst und dass die Wut nichts mit der Idee, „Darstellung von gelingenden Geburten ohne medizinische Eingriffe“ zu tun hat sondern mit diesem kleinen Wörtchen „selbstgeboren“.

Da Du Hebamme bist, musst Du wissen, dass es viele Komplikationen gibt, die eine natürliche Geburt ausschließen. Wobei der Terminus „natürlich“ für mich auch schon immer schrecklich war. Ich hätte nämlich sehr viel dafür gegeben, natürlich zu entbinden. Während der Wehen meines dritten Kindes war ich kurz davor, mein Leben dafür zu geben, weil ich es wundervoll fand endlich, ENDLICH einmal Wehen zu spüren. Zu spüren, dass mein Körper das kann! Das mein Kind und ich zusammen bereit sind für den Start. Aber nichtmal Du hättest mich mit einer 1 Jahr und 11 Tage alten Kaiserschnittnarbe einfach so gebären lassen! Keine Hebamme hätte das getan! Ihr alle hättet und habt mir gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ruptur zu groß ist…habe ich deswegen unnatürlich entbunden?

Ich wollte bei jedem Kind die „natürliche“ Entbindung! Ich habe mir für jedes Kind einen Raum im sanften Licht gewünscht mit Musik, die mir gut tut. Ich habe mir für jedes Kind eine Hebamme gewünscht, die mich stärkt und das Kind empfängt und mir sofort (SOFORT) in den Arm drückt ohne großes Geputzt, Gemesse oder Kontrolle. Ich habe es mir gewünscht! Und ich habe es nicht ein Mal erleben dürfen bei 3 Geburten!

Die erste war ein Notkaiserschnitt in der 30ten Woche. Dicke Beine, irrer Blutdruck, schwache Herztöne: Cut!

Die zweite war ein vorbereiteter (Not)Kaiserschnitt in der 33ten Woche. Schwindel, Verdacht auf Praeklampsie, ein Aussetzer der Herztöne: Cut!

Die dritte Geburt war ein geplanter Kaiserschnitt, weil ich zu früh nach Kind 2 das dritte erwartete. Mein Kind löste in der Nacht vor dem KS Termin Wehen aus. Ich war außer mir vor Freude…ich kam in die Klinik und der Muttermund war bereits offen! Das war alles echt! Nicht nur Senkwehen oder Vor-, Übungs-, wie-auch-immer-man-es-nennen-will-Wehen, sondern richtig echte, endgültige! Und ich veratmete sie ohne es gelernt zu haben, einfach, weil es sich richtig anfühlte. Ich wurde gelobt, wie ich mit der Heftigkeit der Schmerzen umging. Ich fühlte mich gut! Alles war richtig! Der Kleine Mann war bereit…und ich durfte nicht natürlich selbständig gebären wegen des Risikos. Und ich ließ es zu. Es war nicht ok. Aber ich ließ es zu: Cut!

Und das Ergebnis ist eine Mama, die inzwischen einen 12 Seiten-langen Blogbeitrag zu dem Thema gelöscht hat, weil sie vor lauter Tränen und Verzweiflung nicht mehr aushalten kann, daran zu denken.

Anna, ich habe meine Kinder selbst geboren. Ich war dabei gesteuert und gelenkt, aber ich habe die Bereitschaft gehabt. Ich bin in diesen Momenten Mama geworden. Ich war danach diejenige, die die Sehnsucht in ihrem Herzen nach den kleinen Kindern gespürt hat. Ich hatte die ganze Last und werde sie immer haben. Ich habe sie geboren! Niemand sonst!

Ich würde Dich gerne bitten, Dein Projekt umzubenennen. „Selbstgeboren“ ist selbstgerecht, irreführend, verletzend und falsch! Die damit auflodernden Zweifel sind zu stark und unnötig! „Selbstbestimmt geboren“ wäre ein label, das meiner Ansicht nach genau das ausdrückt, was Du meinst. Die Selbstbestimmtheit habe ich mir gewünscht und habe sie nicht gehabt. Ich konnte nichts selbst bestimmen, noch nichtmal bei der Narkose hatte ich eine Wahl. Und ich wünsche Selbstbestimmtheit unter der Geburt so vielen Frauen wie möglich, weil ich auch glaube, dass das etwas ist, was zu uns gehört, was wir können. Aber ich habe meine Kinder selbst geboren…auch mit einem Kaiserschnitt.

Es gibt so vieles, in dem uns Mamas einer vom Pferd erzählt wird. So viel Verunsicherndes. Gleichzeitig müssen wir mit dieser Lebensveränderung umgehen und gleichzeitig in dem Leben bleiben, das wir von vorher kennen, weil die Gesellschaft unseren Totalausfall nicht auffängt.

Es ist so viel! Für manche Mamas zu viel (ich zähle mich dazu!)! Sei Du nicht der nächste Faktor, der uns vor Augen führt, was wir verpasst haben, was uns niemand zurückgeben kann, und dass wir es ja hätten haben können, wenn wir nur gewollt hätten. Dein Satz:

„Geburt funktioniert! Es kann ganz einfach sein, wenn Frauen währenddessen die Möglichkeit haben ganz bei sich zu bleiben und zurückhaltende und bestärkende Begleitung dabei erfahren“ist eine glatte Lüge und ein Schlag ins Gesicht all der Frauen, die Sehnsucht danach hatten und es nicht bekommen konnten. Weil es da keine Wahl gab, ob wir wollten oder nicht.

 

Minusch

 

 

Ich häng hier noch einige ganz unterschiedliche Blogbeiträge von anderen Mamas an. Wir sind uns in einem Punkt einig: Uns ist Selbstbestimmtheit wichtig und wir möchten nicht aufgetrennt werden in die einen oder die anderen. Wir sind Mamas. In anderen Punkten sehen wir das meiste ganz eigen und individuell…

Mama notes

Mama hat jetzt keine Zeit

frische Brise

word up

BerlinMitteMom

Ich lebe jetzt

Gemischtwarenlädchen

mama mia

junaimnetz

drop the thought

Und ein Papa (mehr Männer an diese Themen!):

astefanowitsch

 

20 thoughts on “offener Brief an Anna

    1. Ich musste ja auch etwas ausholen…^^
      Wahnsinn, oder? Ich hab gestern schon über die Macht von Texten gestaunt. Und hier gehts eigentlich „nur“ um ein Wort…ich bleibe nachdenklich (und immernoch angegriffen…*grmm*)

    1. Danke Dir! Die Diskussion habe ich nicht mitbekommen (und 18 Seiten Kommentare kann ich mir auch gerade nicht mal so eben durchlesen), aber ich kann sie mir bildhaft vorstellen…
      Dieses Thema wird sicher noch lange bewegend bleiben. Umso besser, immer wieder den Diskurs zu beleben, oder?

      Minusch

  1. „Und das Ergebnis ist eine Mama, die inzwischen einen 12 Seiten-langen Blogbeitrag zu dem Thema gelöscht hat, weil sie vor lauter Tränen und Verzweiflung nicht mehr aushalten kann, daran zu denken.“

    Du solltest dich mal fragen, woher dieser „Natürlichkeits“-Druck kommt, warum du ihm aufgesessen bist und warum er dich in die Verzweiflung treibt.

    1. Möglich, dass es von der traumatischen Erfahrung inklusive Tod meines ersten Sohnes kommt? Fänd ich logisch…und ich folgere daraus: wenn es mir so geht, geht es auch anderen so. Ich bin kein Einzelfall. Wobei ich Natürlichkeits-Druck als Ausdruck unpassend finde. Es war/ist eher eine mehr gerichtete Sehnsucht und/oder eine klare Vorstellung von dem, was für mich richtig gewesen wäre.

  2. Meine Frau hat per Kaiserschnitt geboren, weil sie es so wollte. Weil sie sich über Vor- und Nachteile und Risiken informiert hat und auf dieser Basis für informierte Entscheidung für sich und die Kinder getroffen hat. Sie hat sich dafür von Hebammen wie Dreck behandeln lassen müssen. Sie hat es dreimal getan und sie würde es wieder tun.

    Den Kindern geht es gut, und ihr geht es gut, Wo genau ist das Problem?

    1. Niemand muss ein Problem anderer haben. Und wenn es Euch mit dem Weg gut ging, geht es Euch weiterhin gut. No offense. Dies spricht eher für die, die eben alles andere als zufrieden sind.

  3. Du sprichst mir aus dem Herzen…es sollte leider nicht so sein, wie ich es mir gewünscht hatte und letztendlich bin ich froh und dankbar, dass ich bei vollem Bewußtsein und mit meinem Mann sehr schnell unsere kleine Maus gesund zur Welt bringen durfte. Hey, sehen wir es mal so: Wir tragen eine große Narbe für das Leben und die Liebe – WIR sind die ganz Harten ;-).

    1. Naja, das grenzt ja wieder ab und ist, trotz positiver Konnotation, nicht ganz mein Wunsch. Meine Narbe ist völlig ok. Und mein Weg wird auch irgendwann ok sein. Aber für potentielle Schwiegertöchter an der Seite meiner Jungs (weiß ja noch nicht, ob sie Schwiegertöchter oder -söhne anschleppen werden) will ich gerne kämpfen! Denn es ist sicher auch für die Männer schöner, ein positives Geburtserlebnis zu begleiten.

  4. in sed-syntax geht das sehr knapp:

    s/\#selbstgeboren/\#selbstgerecht/g

    (ersetze #selbstgeboren mit #selbstgerecht)

    so ist das, wenn romantik nicht merkt, wie sie ganz unromantisch zur kränkung wird. schritt zwei ist dann, ein missverständnis zu beklagen. auf seiten der gekränkten, versteht sich. schritt drei: gräben bewachen. war ja schließlich gar nicht so gemeint, nicht wahr.

    .~.

    1. Ich kann mir vorstellen, dass es für sie auch nicht ganz einfach ist, so aus der lauen Luft zu reagieren. Aber der Diskurs ist wichtig! Das ist offensichtlich.
      Romantik kann echt zum Problem werden…lässt die sich syntaktisch darstellen? (einfach mal so aus Neugierde?)

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