Büchermacht

Gerade sitze ich im Sonnenschein auf dem Sofa. Autos fahren auf der Straße. Fußgänger unterhalten sich vor der Sparkasse.

Für 45min war ich allerdings nicht hier. Ich habe ein Buch fertig gelesen. Für mich. Weil ich bei vielen Büchern diesen letzte-Seite-Sog verspüre. Also bei vielen nicht. Bei den Büchern, die ich in meinem Regal akzeptiere. Wenn ich jetzt allerdings verrate, was für ein elitäres und intellektuell anspruchsvolles, welchen Geheimtipp von Buch ich aktuell fertig gelesen habe, nehme ich ein Stückchen Spannung hier raus: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes.

Aha.

Ich hätte besser „Der Friedhof von Prag“ (Eco) oder wenigstens „Die Kinder der Elefantenhüter“ (Hoeg) nennen sollen. Oder Susanne Riedel. Oder Germaine Greer. Nein. Ich habe seit Beginn meiner Schwangerschaft mit dem großen Schatz nochmal meine Sammlung durchgelesen, weil mein Hirn durch diese hormonelle Havarie für nichts zu gebrauchen war. außer für Geschichten, in denen ich schonmal zuhause war. Erst war „Der Herr der Ringe“ (ohne Silmarillion) dran. Dann sämtliche Vargas Krimis. Dann alles von Peter Hoeg. Dann Harry Mulisch. Und dann: Harry Potter.

Alle meine Bücher haben die Macht, mir ein gutes Gefühl zu geben. Aber was ich gerade mit Harry Potter, diesen Kinder/Jugendbüchern, erlebt habe war für mich überraschend. Ich wollte die Bücher früher ganz lange nicht lesen, weil ich eine totale Abneigung gegen Bestseller-Listen habe. Ich mag diese Rankings nicht. Und ich bin fest davon überzeugt: wenn die meisten Menschen etwas ganz toll finden, finde ich es beschissen (passt bei den meisten Filmen, den meisten Songs/Musikern und eben auch bei den meisten Büchern). Bis meine Mutter mir das erste Buch mal in die Hand drückte, als ich krank war und nichts zu lesen zu hause hatte. Im Zustand des krank-seins lese ich dankbar alles. (So hab ich selbst Illuminatus (Dan Brown) mal gelesen. Ich habe etwa 8h gebraucht und fühlte mich danach völlig verraten und verkauft. Ein entsetzlicher Schriftsteller!!!)

Bei Harry Potter (ich las ihn mit Anfang 20) fühlte ich mich nicht verraten, sondern verstanden. Angesprochen. Gemeint. Beschenkt. Diese Geschichte war so wunderbar für mein Herz, dass ich mit Leichtigkeit nach und nach die anderen Bücher gelesen habe. Mit 29 bekam ich, glaub ich, die drei dicksten geschenkt und dann drückte ich mich lange um den letzten Band herum, bis ich mich traute, ihn zu lesen. Das Ende anzunehmen.

Seit dem habe ich die Bücher, bis zu meiner Schwangerschaft, einmal im Jahr alle durchgelesen. Einfach so. Weil es mir gut tat. Es war immer schön, spannend, witzig. Ich habe mich immer wieder in Harry verortet, konnte ihn so gut verstehen. Seinen Frust, seine Sehnsucht, sein Glück.

Ich war auch dieses Mal ganz bei ihm. Bis zu Band 7. Da war etwas anders. Band 7 begann ich letztes Jahr. Nach der Entbindung des Kleinen. Irgendwann im Herbst. Ich hab nicht oft darin gelesen, war meistens zu müde. Es war anders. Harry war mir nach wie vor verständlich. Aber nicht mehr so nah. Wohingegen ich in den Familienszenen (bei den Weasleys oder bei den Beschreibungen von Harrys Familie) aufgeblüht bin.

Eben hat Mrs. Weasley das Duell mit Bellatrix Lestrange beendet. Es begann mit den Worten „NICHT MEINE TOCHTER, DU SCHLAMPE“. Ok, nicht gerade hohe Literatur, aber das Gefühl, blind zu sein vor Angst um mein Kind, vor Wut auf einen Menschen, der/die meinem Kind etwas anhaben will: Ich war ganz bei ihr! Ich habe geweint! Ich hab schon bei den Beschreibungen von Harrys Mutter geweint, aber immer gedacht, es ginge in mir um Harry. Dabei bin ich jetzt selbst eine Mutter, die sich jederzeit vor ihre Kinder stellen wird. Ich kenne diese Angst, tot zu sein und meine Kinder nicht mehr schützen und begleiten zu können. Ich habe sie sehr oft. Dieses Bild, wie mir etwas geschehen ist und meine Kinder verstehen nicht, warum ich nicht aufstehe. Ich habe die Seiten gewechselt: weg von der jungen Frau die ihre Vergangenheit bewältigt um nach vorne zu sehen hin zu einer Frau, die diese wahnsinnige Zeit ihrer Kinder gestaltet und irgendwann mit etwas Glück der Inbegriff von Zuhause für sie sein wird.

Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Ich wollte es nicht glauben. Ich bin nicht mehr die Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder bei deren Suche unterstützt.

Diese Erkenntnis hat mich umgehauen. Ich bin erwachsen. Ich bin jetzt Teil der Sehnsucht meiner Kinder. Ich bin froh, diese Bücher noch einmal gelesen zu haben. Ich denke, jetzt ist es gut.

Danke J.K. Rowling, dass Du mich die letzten Jahre so wundervoll begleitet hast mit dieser Geschichte.

„Die Narbe hatte Harry seit neunzehn Jahren nicht geschmerzt. Alles war gut.“

4 thoughts on “Büchermacht

  1. Da muss ich mir jetzt aber auch eine Träne verdrücken. Eine Träne über das Mutter sein, das Kindheit gestalten und das sich verändern. Mir ging es mit Harry Potter übrigens ganz ähnlich. Ich habe die Bücher auch ewig nicht gelesen, weil ich den Medienhype nicht mochte. Aber gegen eine gute Geschichte kann man sich eben dann doch nicht wehren. Mein Schwesterlein liest gerade den ersten Band mit ihrem Sohn. Vielleicht sollte ich auch mal wieder in Hogwarts rumhängen. 😉

  2. …Bücher können so schrecklich viel…und sie suchen einen aus, denke ich. Wie die Zuaberstäbe von Ollivander oder Gregorowitsch.
    Irgendwie bin ich heute emotional transzendent. *schnüff*

  3. Oh, Bücher… Seit einem halben Jahr suche ich einen neuen Lieblingsbuchkandidaten und bin doch immer wieder enttäuscht… Minulinu, wie lässt man sich von einem Buch finden? Man kann wohl nur geduldig warten und hoffen…

    1. Hm…das letzte Buch, von dem ich mich habe finden lassen, war Die Endlichkeit des Lichts von Susanne Riedel. Mein Exfreund hatte es im Regal stehen. Er hatte es auf dem Flohmarkt gekauft aber nicht durchgelesen. Es sah recht mitgenommen aus…aber der Titel und das Cover sagten mir was. Und ich hatte Glück: Das Buch hat mir gut getan…sooo sehr…

      Also, ein wenig vermytifiziert kommt das Buch dann, wenn Du es brauchst. Ich drück die Daumen, dass Du es dann erkennst 🙂

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