wer bin ich

Als Königin der Umwege komme ich immer wieder an Lichtungen in meinem Leben, auf denen ein sanfter Wind die Blätter über mir bewegt und die Lichtflecken auf dem Boden mir ein Gefühl der Stille unter Wasser geben. Ich stehe dort ganz still. Ich halte einen Stift und ein Notizbuch in den Händen und spüre die verschiedenen Ströme.

Ich gehe irgendwann los. Gezogen von einem Licht, einem Duft. Oder vertrieben durch ein Geräusch.

Ich hasse Geräusche. Diese beiläufigen unachtsamen Geschehnisse ausgelöst von anderen. Mein Gehör registriert sie den ganzen Tag. Unentwegt. Wir leben mitten in der Stadt und ich weiß nicht, wie Menschen hier schlafen können. Ich konnte es früher mal. Ich konnte es, bevor meine Seele bis auf die Knochen abmagern musste, um meine Geschichte ertragen zu können. Aber jetzt kann ich es nicht mehr. Ich kann diese Geräusche noch nicht mal beschreiben. Weder motiviert noch unmotiviert oder angelehnt oder in einer anderen Sprache. Ich ertrage sie nicht.

Ich setze meine Schritte konsequent und ohne zu zögern. Ich sehe noch im Laufen zurück und weiß, dass es nur eine Richtung geben kann. Die Frage nach einer anderen Richtung würde dafür sorgen, dass stillstehen müsste ohne meine Lichtung. Ohne die Flecken. Ohne den Wind. Das wäre eine Katastrophe. Vermute ich.

Das einzige, was ich in der Schule gut konnte, war lesen. Ein wenig schreiben. Aber lesen. Diese Fragen nach Inhalten von Büchern waren mir eine einzige Scham. Ich brauchte ein Literaturlexikon um Bücher zusammenfassen zu können, denn: Wozu soll irgendjemand ein Buch erzählen? Wir können es doch alle lesen. Wenn ich wissen will, was in einem Buch steht, lese ich es. Keine Inhaltsangabe könnte mich darüber informieren.
Ich habe sehr viel geschwiegen im Unterricht. Erst, wenn mir klar wurde, dass allen anderen wirklich nicht klar war, worum es ging, habe ich mich gemeldet und erklärt. Danach war ich wieder still.
In anderen Fächern ging das so nicht. Aber wozu auch. Was in der Schule gelehrt wurde, war für mich völlig irrelevant. Nichts davon begleitet mich bis heute. Nur das Wissen, dass ich lesen kann. Und dass ich dann aufblühe, wenn die Sprache sich verabschiedet.

Allerdings konnte ich im Sport in der Oberstufe einen zarten Schatten des Lesens durch das Tanzen finden.
Ich habe Tanzen nie gelernt. Ich war im Turnen und flog raus, weil ich nicht in der Schlange stehen wollte um zu warten, wann denn endlich ich auf diesen wunderbaren Schwebebalken durfte. Ich war im Schwimmen und durfte nach zwei Harnwegsinfekten in zwei Monaten dort nicht mehr hin, weil es zu gefährlich für mich war.
Ich bastelte aus alten Gardienenresten Tanzkleider für mich. Schnitt klassische Musik aus dem alten Radio mit meinem kleinen Kassettenrekorder mit, damit ich sie immer wieder hören konnte.
Und meine Eltern schickten mich zur Leichtathletik.
Ich war immer die letzte beim Laufen. Die, die nicht weit springen konnte. Kugelstoßen=Totalversagen. Speere hätte ich gern geworfen, aber ich war zu klein. Hürdenlauf mochte ich gern. Das Achten auf die Schrittlänge und der gezielte Sprung hatten etwas Elegantes in meinen Augen. Aber dauernd musste ich auf der Aschenbahn rennen. Eines von zwei Mädchen. Und immer die Letzte.
Dann kamen meine Grundschulfreundinnen zur Rhythmischen Sportgymnastik. Das war zwar kein Tanzen aber es war bunt und wir durften diese wunderbaren Bänder durch die Luft wirbeln. Ich durfte hingehen…

Es gab einen Auftritt als Gymnastin in der Gruppe. Vor uns waren die kleinen Turnerjungs dran, unter ihnen mein Bruder. Ich genoss den Auftritt mit den Bändern und schwingenden Bewegungen. Es gibt kein Photo davon. Mein Vater hatte den Film für meinen Bruder schon verschossen.

Meine Eltern waren bei keinem Wettkampf. Aber ich hielt durch, bis die Pubertät einsetzte und mein Gefühl für Sexismus erwachte. Ich bekam Brüste und mit steigender körperlicher Weiblichkeit gingen meine Bewertungen in den Keller. Alle kannten dieses Phänomen und sprachen offen darüber. Und ich verließ die Mannschaft. Drei Jahre lang 4 Mal die Woche trainiert.

Ich habe in der Schule getanzt und immer die besten Bewertungen bekommen. Ich war stolz. Obwohl ich wusste, dass es nur Schulsport war und nichts mit der Realität zu tun hatte. Ich erinnere mich an meinen ersten Spagat voller Stolz. Ich erinnere mich an meine erste Goldmedaille und das Heimkommen und die Wut meiner Mutter, weil ich nicht sofort nach dem Wettkampf gekommen war.

…Ich bin eine unfassbare Summe meines Lebens und meiner Sehnsüchte…meine Gedichte haben niemanden interessiert. Aber ich habe sie kiloweise geschrieben. Jahrelang. Dann der erste PC-Crash ohne Sicherung. Inzwischen gab es einen zweiten PC-Crash. Sehr viele Texte sind in dieser Welt voller Pixel verloren gegangen. Nur wenige sind ausgedruckt.

Ich wurde während des SozPäd-Studiums mal bewundert für meine Texte. Von Leuten, die sich freuten, dass sie einen reinen Endreim formulieren konnten. Und die selbst mit Haikus ohne Inhalt immense Schwierigkeiten hatten. Wieder nicht die Realität.

Ich stand einmal auf einer Poetry-Slam-Bühne. Es war so still. Ich las meine Texte. Ich trag romantisiertes Schwarz. Ich bekam Applaus und anerkennendes Nicken der „Kollegen“ (nur Männer). Ich wäre gut. Ich bräuchte allerdings nicht hoffen, hier weiter zu kommen.

Ich hatte mich mit 16 beim literarischen März um den Leonce und Lena Preis beworben. Ich wurde natürlich nicht in die Endrunde eingeladen, mit meinen pubertären Schwanengesängen. Aber ich saß voller Scham dabei, als die KandidatInnen lasen. Und ich schämte mich so sehr für meinen arroganten Versuch, bei denen mitzuspielen.

Jahre später saß ich wieder im Publikum, und einer, mit dem ich eine wunderbare Nacht gehabt hatte, bekam den Preis. Ich besitze ein Gedicht von ihm an meinen verstorbenen Sohn. Ich konnte so wenigstens der Poesie nahe sein. Wenigstens das. Eine Nacht voller wunderbarer Worte und Stille und Staunen. Ich werde noch immer leicht…

In mir tobt so eine Sehnsucht nach meinem Gegenteil. Ich könnte töten in meinem Verlangen nach Stille. Augenschließen.

Ich kann jeden Menschen verstehen. In meinen stillsten Stunden, versuche ich, mich in die Köpfe von Mördern und Kinderschändern zu schleichen um dort zu lernen. Ich möchte immer in die Schatten. In die Ängste. Der Sonnenschein interessiert mich nicht. Ich möchte dort denken, wo die Scham jedes Leben erstickt. Ich möchte den Dreck ans Licht ziehen und allen zeigen, dass dieser Dreck es wert ist, angenommen zu werden. Traurigkeit, Zusammenbrüche, Verluste, Tod Tod Tod! Dies alles ist realer als das meiste andere! Nur diese Schatten machen uns zu dem, was wir sind!

Was meint ihr denn, in was für einem Zustand man gelebt haben muss, um so zu spielen, wie Robin Williams es getan hat? Wo ist die Tragik, dass er depressiv war und Menschen zum Lachen gebracht hat? Wo? Das ist normal! Langweilig! Schaut Euch die großen Geister an! Niemand von denen war frei! Niemand! Unsere hellsten und kreativsten Köpfe waren vom Scheitel bis zur Sohle krank!! MalerInnen, KomponistInnen, TänzerInnen, SchriftstellerInnen…

Eure sichere Welt ist nur so bunt, weil andere ihre Köpfe für Euch übers Feuer gehalten haben, damit ihr sehen könnt, was danach passiert!

Und das ist nichtmal beschämend, denn sie haben es freiwillig getan! Sie sind ihren Spuren gefolgt und haben sich selbst an die Pranger gestellt. Sie waren und sind das Gegenteil von Politik. Angreifbar. Verletzend. Provokant subjektiv. Und ohne jede Lobby. Ohne Sicherheit.

Und ich liebe diese Menschen. Ich möchte bei Ihnen sein. Vielleicht erlaube ich mir den Mut, wenn meine Kinder groß sind.

Robin Williams kotzt sich sicher die Seele aus dem Leib für all diese Solidaritätsbekundungen. Hättet ihr doch auf den Tischen gestanden, als er noch lebte! Posthume Ehre. Meine Güte. Mehr nicht?

Wer bin ich?

Ich sitze auf dem Sofa und vermeide, was zu tun ist. Ich forsche in meiner versumpften Gefühlswelt nach dem Wasserzufluss. Ich die Prinzessin Mononoke meiner eigenen Landschaft. Ich fühle mich verschmutzt durch den Druck. Und ich baue mich auf zu einem Monstrum, das alles tun wird, um die eigenen Kinder rechtzeitig so stark zu machen, dass sie niemals kuschen vor dem, was die Gesellschaft sich einbildet zu sein.

Ich stehe auf der Lichtung. Ich kann wählen. Ich hatte immer die Wahl. Ich habe immer gewählt. Und nie falsch.

Liefs,
Minusch


Ein Gedanke zu “wer bin ich

  1. Unglaublich! Du bist mir unheimlich. Wie du Gefühle in Worte verzauberst… und manche sind auch meine. Vorallem die, die ich NIE in Worte zu fassen wage, aus Angst, sie bekämen ein leben und würde mitmischen wollen. Jetzt, wo die See still liegt und die Sonne scheint. Du starke Wahnsinnsfrau! Ich verbeuge mich vor Dir und Du gehörst auf eine Bühne, im Gardinen-Tanzrock oder nicht. Es grüßt eine Gymnastin, die auch immer alleine auf Wettkämpfen war und ein viel zu kleines Grab auf dem Firedhof im Herzen mit Blümchen bepflanzt.

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