freiheit

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Guten Morgen.

Dies ist mein erster freier und geplanter Montag. Ich lasse Gedanken rieseln.

Eigentlich wollte ich einen Schrank ausmisten, aber mein Körper meinte, er müsse mir jetzt mal beim Bremsen helfen, und hat ein paar kräftigen Erkältungsviren angeboten, mich platt zu machen. Deswegen jetzt kein Schrank ausmisten. Deswegen ein Mama-Wohlfühlprogramm.

Ich sitze hier also in der schottischen Wolldecke von Opa und trinke grünen Kusmi-Weihnachtstee von meiner Schwägerin (in spe) aus meiner geliebten Hirschtasse. In der Küche steht noch ein durchgezogenes Stück meiner ersten Torta della Nonna (ich bin soo verliebt in diese Tarte). Hinter mir dudelt „a midwinter nights dream“ von Loreena McKennitt und ich kann allen Herbstverliebten nur empfehlen: macht das dringend nach!

Ich bin trotz dicker Nase, Bergen von Taschentüchern, Rückenschmerzen und Husten gerade glücklich.

Wie wertvoll diese Zeit ist.

Ich habe schon immer ein Faible für diese Tage gehabt, die heimlich vorbei schleichen und mich ansonsten in Ruhe lassen. Diese Tage, die morgens schon warm genug fürs Wohlfühlen aber auch kühl genug für Stricksocken sind. Zeit, die leicht golden durch die Fenster schimmert und dann eine lange Kette von Momentenperlen, die mir erlauben, niemand besonderes zu sein. Ich bin nicht schön angezogen, aber ich trage das Halstuch aus Wolle-Seide-Mischung, dass Papasch mir geschenkt hat. Meine Haare sind gekämmt aber ansonsten erkältungsmatt. Ich glaub, ich hab mich nicht mal eingecremt. Das ist mein Ronja-Räubertochter-Ich. Das Waldmädchen. Die Frau in mir, die am liebsten irgendwo leben will, wo es einfach praktisch ist, sich in dicken Wollwesten und Strumpfhosen Wege durch das Geäst zu suchen.

Ich erinnere mich an das Gefühl von kalten Felsen unter meinen Füßen. Damals, als ich noch beinah jeden Tag frei war, dorthin zu gehen, wo ich sein wollte. Ich war regelmäßig am Felsenmeer. Immer wieder und vor allem im Herbst. Ich bin über diese Felsen gesprungen und habe das Leben um mich herum jubeln gespürt. Ich habe dort mit einer Freundin gesungen. Ich habe früh morgens auf den Steinen gelegen und auf die Sonne gewartet. Verbunden mit Elias Alder, Ronja Räubertochter, Maudi Lathur.

Und ich erinnere mich an die Suche nach Esskastanien an der Burg Frankenstein. Sie liegen an der Burg durcheinander mit Bucheckern. Ich bin auf allen vieren am Hang entlang gerutscht bei meiner Suche. Ein Knie immer im feuchten Laub. Um mich herum Brennnesseln und Äste und Pilze (ich würde zu gern Pilze erkennen können). Es macht mich so glücklich, Essen zu finden. Nicht weil ich es nicht kaufen kann, sondern, weil ich weiß, wie es ist, wenn ich nichts kaufen kann aber solche Leckereien dennoch haben darf. Einfach weil sie von den Bäumen fallen. Lauter glänzend braune Geschenke, glatt und sanft und wunderschön.

Ich erinnere mich auch an die vielen Erkältungen in den letzten 3 Jahren, die ich nicht auskurieren konnte. Jetzt kann ich eine Pause haben. Füße hochlegen. An meinem Teppich weiterhäkeln und Tee trinken. Den ganzen Tag Tasse für Tasse aufbrühen und langsam genießen. Jetzt geht das. Nach 3 Jahren zum ersten Mal.

In meiner Ruhe singen die verschiedenen Instrumente nur für mich von Vergangenem und dem was vor mir liegt. Ja, ich weiß, wie ich mich retten kann. Ich weiß, wo meine Energie sitzt und wie ich sie auffüllen kann, wenn ich mehr gebraucht habe, als ich besitze. Ich weiß, wie ich meine eisernen Reserven schütze. Und meine geliebte Ruhe kommt zurück zu mir. Sie ist geflohen vor dem Krach, der Angst und meiner Wut. Die kleine apfelgrüne Libelle. Sie hat vielleicht unter einem Dachziegel gesessen und auf diesen Tag gewartet. So wie ich. Auf einen leicht bewölkten Herbsttag, der nur mir gehört. Sie hat abgewartet, bis Oma und Opa die Jungs abgeholt haben, bis ich den Boden freigeräumt und mir die Decke aufs Sofa gelegt habe. Sie kam durch ein gekipptes Fenster, als ich mir den Tee aufgebrüht habe. Und als ich mich auf das Sofa setzte, vor mir mein Tee und neben mir meine Kissen, hat sie sich dort niedergelassen, wo sie sich am wohlsten fühlt: neben meinem rechten Ohr auf der Schulter, ganz nah an meinem Hals, nah an meinem Puls. Meine Wasserjungfer.

Diese Zeit gehört mir. Ich darf dümpeln und dämmern und träumen und schlummern. Ich habe die größte Aufgabe meines Lebens hinter mir. Das was noch vor mir liegt, kann kaum so schwer sein, wie ein Kleinkind zu trösten, ohne es auf den Arm nehmen zu können, weil dort bereits das Geschwisterbaby weint. Nichts kann so schwer sein, wie der Beziehungsaufbau zu einem Neugeborenen, während ich solche Sehnsucht nach dessen Bruder habe, weil ich in der Schwangerschaft so viel im Krankenhaus war.

Diese Tränen gehören mir. Ich denke, ich habe es geschafft. Denn ich kenne mich gut genug um zu wissen: sobald die Sprache beginnt, bin ich in Sicherheit. Ich kann mit meinen Worten und meiner Stimme alles schaffen. Ich kann alles verstehen. Ich kann alles erklären. Meine Kinder zeigen mir, das ich recht habe. Meine Söhne hören mir zu. Und ich höre aus ihren Stimmen meine Sehnsucht nach Abenteuern und Zauber. Ich habe es geschafft…

…ich habe es geschafft.


4 Gedanken zu “freiheit

  1. Liebe Minusch, ich bin so froh, dass Du mich gefunden hast! Denn dadurch habe ich DICH gefunden. Ein Schatzkästchen voller „DU“. Welch wundervolle Worte, welch Poesie! Um auf Deinen letzten Kommentar bei mir Bezug zu nehmen: Du machst Dir unnötig Gedanken. Alles wird gut, ist gut. Das kann ich hier lesen. Genieß Dein Glück und füttere es ❤ Bis ganz bald mit sonnigen Grüßen, Dein neuer begeisterter Fan Rike

    1. Himmel, Rike…und ich war schon so glücklich, in Dein Leben reinschauen zu dürfen. In eines, das sich der Form nach ganz anders gestaltet als meins aber in dessen Sprache ich mich reinlegen kann…

      Ja fein, dann haben wir jetzt als neues Hobby Blog-Tennis. Es gibt doofere Beschäftigungen (ich häkle beispielsweise derzeit einen Teppich…öhm…nuja).

      Grüße aus dem diesigen Herbstwetter, von dem Sofa mit schlafendem Kind nebenan.

      Minusch

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