Kinder wachsen – immer

Gerade hab ich von Grummelmama gelesen, wie sehr sie sich um ihre Kinder sorgt und dass das ganz schön weit geht. Sie beschreibt sehr viel Angst, dass ihren Kindern irgendwo irgendwie etwas zustoßen könnte und ich ahne aus dem Artikel, dass es ihr damit wirklich nicht gut geht. Dass das nicht nur Kokettieren mit einem Helikopter-Parenting-Herzerl ist sondern einfach mit ihr passiert. Sie hat Angst, auch wenn sie weiß, dass die Kinder ausprobieren und mutig sein müssen. Über Twitter sah ich auch direkt die Reaktionen von anderen Mamas, die genau so mit solchen Ängsten zu kämpfen haben.

Und ich war ein wenig sprachlos, denn: mir gehts nicht so.

Ich musste ein klein wenig grübeln, warum das bei mir nicht so ist, aber vielleicht komme ich in die Nähe einer Antwort:

Also, sicher hab ich meine große Achillesferse mit dem verstorbenen Kind. Wann immer einer der Jungs mal länger schläft als gewohnt, schießt mir durch den Kopf: „Was, wenn er tot ist?“ Aber, so krass das auch klingt: ich weiß genau wo es herkommt, dass es sehr unrealistisch ist (zumindest jetzt…im ersten Lebensjahr beider Jungs war meine Angst da manifester und schwerwiegender). Dieses Wissen lässt diese kurze Angst wie einen verschrobenen Freund erscheinen und dann entlasse ich sie wieder in den Äther…ich lasse diese Angst seit meine Kinder geboren sind, immer wieder los.

Vielleicht ist das ein Baustein meiner Sicherheit.

Es geht aber noch weiter, denke ich. Ich bin nämlich tatsächlich selbst auch kein ängstlicher Mensch. Ich leide unter Unsicherheit und in dem Bereich ist es nicht schwer, mich ins Wanken zu bringen, aber ich weiß: Bis meinen Jungs etwas richtig schwerwiegendes passieren wird, muss ich entweder vorher ausgeschaltet sein oder ich hätte sowieso nie eine Chance gehabt, es zu verhindern. Und wieder bin ich bei meinem toten Kind, das krank geboren wurde, im Krankenhaus lebte und dort starb. Ich war bei  ihm so viel ich konnte, aber ich habe nichts verhindern können. Ich konnte die Inhalationen mildern, in dem ich sie ihm gegeben habe und nicht die Schwester. Ich habe seinen Schlaf behütet, den er tagsüber nachholen musste, weil er nachts nicht schlafen konnte. Ich habe ihn gewickelt, angezogen, gefüttert, beruhigt…alles, was ich konnte. Und darüber hinaus musste er alleine weiter kommen. Wir hatten keine Wahl. Ich habe getan, was ich konnte. Und seinen Tod hätte ich niemals verhindern können, wenn es nicht mal der Chefarzt konnte (er machte die Reanimation). Ich war nicht ausschlaggebend. Ich habe das gespürt, ich glaube das. Ich weiß es.

Bei meinen beiden Jungs ist das nun so, dass ich mir sicher bin, dass kein Schnupfen einfach mal eben zu etwas Größerem wird, wenn ich mich um den Schnupfen kümmere. Krank werden sie immer wieder, ich werde mich immer wieder um die beiden kümmern, und wenn es wirklich mal ernst wird, greift der innere Notfallplan. Wir hatten das einmal. Ich wurde schlagartig ruhig und fokussiert. Ich erreichte eine Art Über-Mama-Status für den Zeitraum von etwa 48h, in denen das von mir gebraucht wurde und brach dann eben danach zusammen.

Ich bin also schon durch die schlimmsten Martyrien gegangen, ich kenne mich, weiß wie ich wann reagiere, was ich kann und wo meine Grenzen liegen. Ich weiß, wo ich Hilfe bekomme, ich weiß, wie ich Hilfe bekomme. Und ich bin mir absolut sicher, dass ich rechtzeitig reagiere, sollte mit meinen Kindern etwas sein. Ich weiß es. Ich kriege Hautveränderungen als erste mit. Veränderungen in der Stimme oder im Blick. Ich kann auch auf dem Spielplatz scheinbar in die Zukunft sehen, weil ich weiß, was meine Kinder können. Klar muss ich auf einem Klettergerät acht geben, dass ich nicht zu viel Erfahrung durch Schutz wegnehme, aber eben auch, dass die Jungs ihre Grenzen selber spüren können. Und was ist schon ne Beule, ein Kratzer oder Nasenbluten? Klar sind das Verletzungen und müssen als solche behandelt werden, aber: die meiste Arbeit macht der kleine Körper und nicht das Pflaster.

Ich möchte sicher niemanden dazu aufrufen, die eigene Angst zu missachten oder leichtfertig mit Erkrankungen oder Verletzungen umzugehen. Leichtfertigkeit ist etwas, was mir niemand nachsagen würde. Ich plädiere aber dringend dafür, sich selbst als ausschlaggebende Größe realistisch einzuschätzen. Wir alle sind groß geworden. Wir alle haben Sachen ausprobiert, lagen mal im Krankenhaus, haben Mist gebaut oder eine Erkältung unterschätzt. Ich nehme an: wir alle haben die jeweiligen Tests etwa ein Mal gemacht und dann daraus gelernt.

Wir lernen durch nichts so viel, wie durch solche Unfälle/Missgeschicke/Unterschätzungen. Wir spüren unsere Grenzen nur, wenn wir uns ihnen nähern.

Und dann gibt es in meinem Herzen das Wissen, dass es meine Kinder sind. Sie sind in mir gewachsen. Sie sind aus mir geworden. Ich habe ihnen bereits jetzt Geheimnisse von mir mitgegeben, die ich selbst nicht benennen kann. Sicher unterscheiden sie sich auch von mir. Sind mutiger oder zurückhaltender oder direkter oder verschlossener. Aber sie sind meine Kinder. Und da ich mir selbst vertraue, vertraue ich auch den beiden Jungs. Sie werden keinen hanebüchenen Mist machen. Sie werden nicht kopflos durch die Welt trödeln und irgendwann in einer kolumbianischen Straßengang landen. Sie sind meine Söhne. Ich vertraue ihnen und glaube an ihre Zukunft. Und bis dahin begleite ich sie, covere sie, helfe aus der Patsche, predige meine Ideale und schaue ihnen beim wachsen zu. Denn das machen sie auch schon ganz ohne mein Zutun. Ich habe bisher keinerlei Entwicklung gefördert sondern einfach nur Dinge mit ihnen gemacht, die uns beiden oder dreien Spaß machen. Und sie sind normal entwickelt, werden immer größer und größer und erfüllen mich mit Stolz, wenn sie mir etwas zeigen, was sie anderswo gelernt haben.

Ich bin eine sichere Mama. Vielleicht bin ich das, weil ich bereits an einem Ort war, an dem niemand sein möchte. Und wenn das so ist, dann gebe ich gerne weiter, was ich daraus gelernt habe und wie ich denke und fühle, damit andere das für sich gegentesten können. Wer weiß, für wen es vielleicht wertvoll ist, das hier zu lesen…

Tatsächlich kenne ich aber auch noch eine Reißleine für den Fall, dass tatsächlich irgendwo etwas passiert ist. Schließlich bleibe ich vor allem auch Mensch und kann nicht perfekt reagieren. Sollte eines Tages etwas wirklich schlimmes passieren, habe ich die Zeit bis dahin nicht mit Sorgen gefüllt sondern mit Lachen. Ich habe in der Zeit bis dahin Sonnenstrahlen gesammelt und keine Steine. Jede Sorge auf unabsehbares bindet Energie, die wir dann nicht mehr für Schönes haben. Aber leider bringt sie nichts. Das ist ja das doofe am Pessimismus: er scheint den Menschen auf etwas absehbar negatives vorzubereiten, aber wenn es dann kommt, sind die Pessimisten kein Stück besser dran als die Realisten oder Optimisten. So gesehen lohnt sich das Sorgen wirklich gar nicht.

Eltern wollen ihre Kinder schützen. Das steht außer Frage. Aber sie schützen sie nicht durch Angst sondern durch Vertrauen. Ich vertraue den heutigen Eltern, dass sie prinzipiell das Best-Mögliche für ihre Kinder wollen und erreichen. Und ich wünsche allen Mamas mit Ängsten im Herzen Bilder von fröhlich tobenden Kindern, die sich zwar auch verletzen, aber weiterspielen, weil das Spiel das Allerwichtigste ist. Nicht das Pflaster. Das Pflaster ist ein Stückchen Mama oder Papa, das Schlimmeres verhindert, ohne vom eigentlichen abzuhalten. 😉

 

Liefs,

Minusch

 

 


2 Gedanken zu “Kinder wachsen – immer

  1. Mensch, da hast du mich jetzt echt erwischt. Ich sitze hier und heule Rotz und Wasser. Wegen all dem, was du da erlebt, geschrieben, ausgedrückt hast. Und du hast mit allem Recht. Mit jedem einzelnen Wort. Und ich wünschte mir, wenn ich auch nicht deine Erfahrung mit dem Leben und dem Tod und der Rolle machen musste, die man darin spielt (oder eben nicht), dass ich nicht nur erkenne, was da bei mir irgendwie blöd läuft, sondern es auch irgendwie und irgendwann in die richtigen Bahnen lenken kann. Und, wie du sagst, die Freude HEUTE genießen kann, anstatt immer alles dunkle und panisch zu betrachten. Auch wenn das nicht einfach ist. Warum auch immer.

    Irgendwie war ich schon immer so. War schon immer nicht nur fröhlich. Habe schon immer in allem auch die Schatten gesehen – die ich schon damals nicht verscheuchen konnte. Ich hoffe wirklich, dass meine Kinder nicht so werden wie ich, was diese Dinge angeht…

    Danke für deinen Post. Ganz ehrlich. Danke.

    1. Achje…Rotz und Wasser sollte nicht das Ziel sein (und mir ist meine Geschichte schon so alltäglich, dass ich das auch gar nicht so richtig auf dem Schirm habe, dabei kenne ich ja die Gesichtsausdrücke der Menschen, denen ich davon erzählt habe…). Und ich will auch nicht, dass Du an Dir zweifelst. Du hast irgendwo in dir einen guten Grund, so skeptisch zu sein. Such den. Ein „ich war schon immer so“ gilt zwar sicher auch, aber gerade, wenn Du Dir selbst damit zu viel wirst, wird das eben kein Teil von Dir sein, der Dich ausmacht Ode ausmachen muss.

      Danke für den Anstoß zum „laut“ Nachdenken! Auch ganz ehrlich. 🙂

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