Elektro-Pschychohygiene

Guten Morgen.

Durch meine 25h-Wochenarbeitszeit bleibt derzeit nicht so viel Zeit für meine Internet-Präsenz. Ich bin zwar ständig auf Twitter und Pinterest, aber das ausgiebige Schreiben und nachdenken und Gedanken fließen lassen, hat eben (leider) gerade nicht die oberste Priorität.

Und doch geht mir viel durch den Kopf. Ich nehme gerade über Twitter vieles auf und positioniere mich innerlich dazu. Und gerade hat mich ein Thema angeschubst, das total gut zu dem Untertitel meines Blogs passt. Und weil wir gerade alle mit einem Magen-Darm-Virus beschäftigt sind, ist unsere Tagesstruktur sowieso ausgehebelt. Also: Blogzeit!

Es geht mir um Frankfurts Vorstoß in der „Aufklärung von Eltern“. Ich hab gerade keine Lust, den informierenden link dazu zu suchen, aber es geht um die Nutzung von Handys auf dem Spielplatz. Also um Eltern, die ihre Handys benutzen, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Spielplatz sind. Also es geht darum, Erwachsenen eine Empfehlung zur Nutzungsfrequenz ihrer Smartphones anzubieten. Oder aufzuschwätzen. Oder überzustülpen. Oder einfach nur, etwas in Bewegung zu setzen, wovon die Stadt Frankfurt ausgeht, dass es was mit einer falschen Einstellung zu tun haben könnte.

Natürlich, mit Vormarsch der Handynutzung hängen auch Eltern an diesen Geräten. Seit All-Net-Flat und Internetzugang, ist es sogar für private Zwecke erschwinglich geworden. Apps zu den Lieblings-Social-Media-Kanälen ermöglichen uns, unser virtuelles Universum so eng wie noch nie mit unserem Real Life zu verknüpfen. Früher haben wir noch alle „bin jetzt off“ geschrieben, wenn wir aus dem Haus gegangen sind. Heute nehmen wir diesen Kosmos mit.

Erinnert ihr euch noch an diesen grauenhaften icq-Ton? Unser Nachbar hatte seinen Rechner an der Anlage und den ganzen Sommer tönte dieser Ton bei geöffnetem Fenster durch den Hof.

Erinnert ihr Euch an Eure ersten Handyrechnungen? An astronomisch hohe Beträge, weil es so schwer war, mit dem Telefonieren aufzuhören oder nicht doch nur noch eine sms zu schreiben. Wie war der Anfang von Facebook? Dieses elektrisierende Gefühl, plötzlich allen Freunden und denen, die es vielleicht noch werden könnten, nahe zu sein und deren Erlebnisse teilen zu können, auch wenn wir weit weg waren?

Für mich waren das alles Schritte zu einem neuen Leben, einer neuen Freiheit. Und ich erkenne da an mir selbst ein sehr sehr tiefliegendes Bedürfnis nach Kontakt mit anderen. Und die EntwicklerInnen von Soviel Media-Plattformen erkennen dieses Bedürfnis auch und differenzieren entsprechende Angebote für jeden Geschmack und Bedarf aus.

Ist das schlecht? Grundsätzlich nicht.

Ist das gefährlich? Nur, wenn es krankhaft wird und dadurch Leid entsteht (das ist immer die Grenze zum Krankhaften).

Und warum müssen wir jetzt Eltern in diesem Bereich erziehen? …ich hab keine Ahnung…

Die Stadt Frankfurt investiert sogar Geld in eine entsprechende Erziehungs-Kampagne. Ja, sie ist recht sanft formuliert und kommt nicht mit einer Aufforderung daher. Allerdings ist auch eine sanft formulierte Kritik eine Kritik und „ein Umdenken anzuregen“ bedeutet immer „ich sehe bei dir etwas, was nicht optimal ist, und wenn du nur lange genug drüber nachdenkst, siehst du das doch auch so wie ich“. Das ist Erziehung. An einem Personenkreis, der sich nicht gerade dadurch definiert, in Langeweile vor sich hin zu vegitieren. An einem Personenkreis, in dem es überdurchschnittlich viele belastete Menschen gibt. In dem sich überdurchschnittlich viele Menschen in ihrer Erschöpfung einsam fühlen. Ein Personenkreis, dem explizit Kontakt zu anderen Menschen empfohlen wird! Ein Personenkreis, der sich gut nach außen abgrenzen lässt aber in dem es keine unbedingte Solidarität untereinander gibt, weil wir ja nicht Kinder kriegen, um endlich Erziehungsberechtigte sein zu dürfen.

Ich bleib ab jetzt mal bei mir: Als unser Großer auf die Welt kam, dachte ich noch, dass ich kein Smartphone brauche. Ich hatte so eine Tastenmöhre und war gerade mal vernetzt mit den Menschen, die ich von vor der Schwangerschaft kannte. Alles Kinderlose. Kinderlose Arbeitende. Kinderlose Arbeitende mit vollen Wochenenden, Freude am Ausgehen und meistens noch in einer anderen Stadt lebend. Vor allem eine Gruppe von Menschen, für die sich gerade nicht die ganze Welt auf links gedreht hatte.

Das hatte für mich zur Folge, dass ich gar nicht wusste, wen ich was fragen könnte. Ich schämte mich, dass ich so viel zu jammern hatte. Und die Zeit des Tages, in der ich am meisten Kontakt gebraucht hätte, war die Zeit, in der alle arbeiten waren: unter der Woche von 8 bis 16 Uhr. Ich wollte gern mit anderen reden, aber für Spielplätze war mein Großer eine ganze bedürftige Weile zu klein. Stilltreffs brauchte ich als unfreiwillige Fläschchenmama auch nicht aufsuchen. Und von Krabbelgruppen hatte ich gehört, dass da auch viele dieser „also mein Kind kann ja schon lange..“-Mamas unterwegs waren. Und überhaupt fühlte ich mich kein bißchen in der Lage, einen fixen Termin in der Woche zu ertragen. Blieb also nur das Internet und das blieb mir nur, wenn der Große schlief, denn am Rechner (damals war es noch ein Monitor mit Tower) sitzen mit dem Großen, endete regelmäßig in Dramen. Leider brauchte ich die Zeit, in der der Große schlief aber auch für anderes. Beispielsweise aufräumen, Haare waschen, Wäsche zusammenlegen etc etc…und ich sollte ja auch eigentlich in der Zeit schlafen, wenn der Große schlief.

Jaaa: das war richtig scheiße. Und das war schon für Generationen von Müttern vor uns scheiße.

Dann erbte ich das alte Smartphone meines Mannes und mir erschloss sich ein kleiner Teil dieser tragbaren Social Media Welt. Klar war ich auch eine ganze Weile addicted. Aber nach etwa einem Monat hatte ich meine Nutzung eingependelt, ich war daran gewöhnt, der Hype war vorbei und ich begann ein Leben mit Kindern und Smartphone. Unfassbar viele Fotos wurden seit dem geschossen und versendet. Ich konnte anderen Leuten witzige Situationen mitteilen, ohne sie beschreiben zu müssen. Ich konnte mir ein wenig instant-Kontakt über Facebook und Twitter erschließen und immer, wenn es mir nicht gut ging, las ich dort ein wenig mit…teilte Gedanken mit fremden Eltern, lachte über fremde Menschen und begann zu kommentieren…

Ja, dann kam die Zeit des schlechten Gewissens. Ich hatte so viel Spaß mit dem kleinen Gerät und manchmal war der Blick davon weg einfach nur ernüchternd: Chaos. dreckige Scheiben, Kinder mit Ketchup im Gesicht (wo auch immer sie den herhatten)…aber: dann las ich genau dieselben Szenarien bei anderen Familien und erkannte für mich, dass „normal“ ein von mir selbst definierter Zustand ist und ich mich nicht an einem „normal“ messen lassen muss, das ich nicht vorher unterschrieben habe!

Das Smartphone ist ein Gerät, das meiner Meinung nach, nur von Eltern überhaupt richtig genutzt werden kann! Von Erwachsenen, die eben nicht mehr aus irgendwelchen Verdrängungs-Mechanismen heraus im Internet surfen, sondern weil sie dort Informationen suchen. Von Erwachsenen, die eben nicht mehr auf den Bonbon-Onkel hereinfallen, sondern Fakes entlarven und vorsichtig und reflektiert mit ihren Informationen im Internet umgehen. Von Menschen, die wissen, wie wichtig Netzwerke sind. Und diese Erwachsenen, jeder und jede davon im eigenen virtuellen Entwicklungsstadium unterwegs, sollen sich jetzt von einer Stadt erklären lassen wollen, wieviel Aufmerksamkeit die Kinder brauchen? Die Kinder, die 24h/Tag um einen sind? Die Kinder, die vielleicht auf Spielplätzen gerne mal selbständig unterwegs sind? Die Kinder, die keiner so gut kennt, wie ihre eigenen Eltern?

Wer Antworten auf pädagogische Fragen zu diesem Thema sucht, kann gern bei Sonja anfangen. Sie hat sich dem ganzen eher kinderzentriert genähert und kommt zu demselben Ergebnis.

Abschließend möchte ich nochmal bemerken: Sicherlich gibt es Menschen, die es übertreiben. Aber gerade unter den Eltern kommt dieses sogenannte „schlechte Gewissen“ signifikant häufiger vor als bei anderen Menschen. Dank der Medien. Dank der Mommy Wars. Dank widersprüchlicher Informationen. Dank der konsequenten Sockel-Grabungen an unseren grundlegenden Kompetenzen. Die Stadt Frankfurt wäre besser beraten, wenn sie sich darum kümmern würde, attraktive Angebote für junge Familien zu schaffen, mehr Parks anzulegen, den Verkehr besser zu regulieren, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und ihre Schulen besser auszustatten. Und dann könnte sie eine Image-Kampagne starten unter der Überschrift „Weil wir den Eltern dieser Stadt vertrauen: freies Wi-Fi auf allen Spielplätzen und ab 2017 auch an jedem Spielplatz ein Café mit öffentlicher Toilette!“

Nein…das bezieht sich ganz sicher nicht nur auf Frankfurt! Diese Kampagne würde jeder Stadt gut stehen. Und mehr Toiletten an Spielplätzen genauso! Von den Cafés mal ganz zu schweigen…

Liefs,

Minusch.


10 Gedanken zu “Elektro-Pschychohygiene

    1. och Du…Danke für die Blumen 😉

      (wenn ich sowas nochmal durchlese, hab ich dauernd den Eindruck, irgendwie Durcheinander geschrieben zu haben…ich wunder mich ständig, dass mich wer versteht ^^)

  1. Ich fand den ganzen Beitrag schon sehr treffend, aber gerade für die letzten beiden Absätze möchte ich dir gerne ein virtuelles High five geben. 🙂

    Von meinem Smartphone gesendet.

  2. Hallo Minusch,
    du hast ja so recht – und schön geschrieben! Man denke nur an unsere Eltern früher – die saßen halt mit der Zeitung auf dem Spielplatz. Und? Will ein Kind wirklich 24 Stunden angeschaut werden? Das wäre doch grauenvoll!
    Als Eltern wird man leider ohnehin permanent von anderen Menschen beobachtet und bewertet (da kommen zum Beispiel ältere Damen mit Taschentüchern auf einen zu: „Bei ihrem Kind läuft die Nase“, wenn man gerade noch ein Laufrad in der einen Hand trägt und mit dem anderen den Sportwagen schiebt). Da braucht die Stadt nicht auch noch mitzumachen.
    Du hast ja schon viele gute Beispiele genannt, wo das Geld besser investiert wäre.

    Liebe Grüße, Marlene

    1. Kennst Du die Idee des gläsernen Gefängnisses? Ich glaube, das hieß Panoptikum und da steckte irgendein kluger Franzose dahinter: alle Zellen sind auf Glas und nur ein Wärter ist in der Mitte, und weil sich alle jederzeit beobachtet fühlen, macht niemand mehr was falsch…theoretisch…

      so ähnlich kommt es mir manchmal vor. Nur, dass wir nicht einen Wärter haben, sondern unzählige…

  3. Danke fürs Verlinken. Und ja, das ergänzt sich ganz gut, der Fokus auf die eigenen Bedürfnisse sind auch sehr wichtig – und ich finde, sie dürfen es sein. Nicht nur, weil auch Eltern Menschen sind, sondern weil es den Kindern sogar gut tut, nicht nonstop, 24/7 in der vollen Aufmerksamkeit zu stehen.

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