Feminismus

Ich finde es an sich nicht besonders erwähnenswert, dass ich feministisch ticke. Ich habe das theoretische Unterfutter schon lange vergessen, erinnere mich nur grob an Judith Butler oder Germaine Greer und habe aus dem Philosophie-Studium eigentlich nur noch abrufbar, dass der Feminismus im ethischen Diskussionsbereich eine gute Alternative zum Individualismus darstellt, wenn er auch gerne damit verwechselt wird.

Mein Werdegang bis zu meiner heutigen Position lief über katholische Jugendarbeit in einem extrem gendersensiblen Verband: wir waren der Zusammenschluss eines Verbandes für Mädchen und Frauen und eines Verbandes für Jungen und Männer. Gegründet als Jugendgruppe der Jesuiten blieb die geschlechtliche Trennung zumindest organisatorisch bis heute bestehen, wenn auch ansonsten alles gemischt abläuft. Diese Geschlechtertrennung auf organisatorischer Ebene führt zu streng paritätisch besetzten Leitungen und somit zwangsläufig zu der Konfrontation mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Gut, der Männerarbeitskreis hat nicht lange gelebt, aber der Frauenarbeitskreis hat sich dank einer feministischen Referentin gehalten und sich immer wieder aufgefrischt.

Durch diese Art der Arbeit, ich war etwa 10 Jahre lang innerhalb des Verbandes aktiv, bin ich geübt in dieser Art zu denken, zu organisieren und zu arbeiten. Es passt zu mir. Nichts und niemanden ausschließen, aber stetig analysieren, welche Themen und Ziele für wen relevant sind und für wen gerade nicht.

Gut, der katholischen Kirche traue ich heute nicht mehr über den Weg. Ich bin zu entsetzt über die Freiheiten der Menschen, die Liebe predigen, aber den ihnen anvertrauten kleinen und großen Menschen Schaden zufügen. Nichts desto trotz bin ich dankbar für die Einarbeitung in diese Art zu denken.

Im Philosophie-Studium habe ich festgestellt, dass diese von mir erarbeitete Sicht eben nicht selbstverständlich ist und sich auch der Diskussion um sich selbst stellen muss. Aber ehrlich gesagt habe ich keine Debatte erlebt, in denen der Feminismus inhaltlich schlecht abgeschnitten hätte. Das mag an meinem Fokus liegen, aber wer kann von sich schon die größtmögliche Annäherung an Objektivität behaupten?

Im SozPäd-Studium habe ich festgestellt, dass meine feministische Perspektive viele Probleme direkt anders beleuchtet und mich vor vielen typischen Fallen schützt. Meine Bereitschaft, auch absurde Hypothesen aufzustellen, zu unterfüttern und zu prüfen, hat mich ziemlich weit nach vorne gebracht. Und später in der Arbeit mit seelisch verletzten Menschen oder mit Kindern und Jugendlichen war es mir über diese Sicht auf die Welt sehr einfach, glaubwürdig zu bleiben und wertschätzende Beziehungen aufzubauen, indem ich die Bedürfnisse meiner Gegenüber einfach akzeptieren konnte, ohne sie zu bewerten.

Wenn ich mir jetzt meine Familie anschaue, spüre ich auch die Sicherheit, die mir aus meinem Blickwinkel erwächst. Mich verunsichert sehr wenig. Wenn mein großer Sohn eben gerne backt und Röckchen trägt und Schmuck bewundert, sehe ich darin eine grundsätzlich starke Anlage zur Sinnlichkeit. Wenn der kleine Sohn nicht genug bekommt von Autos und Bobby Cars, betrachte ich ihn als ein motorisch sehr begabtes Kind mit einem starken Bedürfnis nach (Fort-)Bewegung. Über die späteren sexuellen Präferenzen unserer Kinder können wir an diesem Punkt noch gar nichts wissen. Dementsprechend bemühen wir uns, immer verschiedene Möglichkeiten offen zu lassen. Beispielsweise schäkere ich oft mit den anderen Eltern darüber, wen der Große mal heiraten könnte, relativiere aber gern, dass er auch sehr süße Freunde hat und nicht nur Freundinnen.

Auf meiner Beziehungsebene habe ich schon lange klar gemacht, dass ich mich gern um den Haushalt kümmere, wenn ich die Zeit dazu habe, dass ich aber auch arbeiten möchte, weil das ein Teil von mir ist. Auf den ersten Blick war ich natürlich etwa drei Jahre lang ein einsames Hausmütterchen. Aber es war immer klar, dass ich das nicht bleiben will. Und vor allem, dass mein Geschlecht nicht meine Fähigkeiten diktiert: Papasch und ich, wir können beide gleicht gut arbeiten, putzen, Essen kochen, spielen, toben, backen, ins Bett bringen, Windeln wechseln, Arztbesuche erledigen, Auto fahren etc.

Komme ich meinem Mann mit Feminismus, wird er ganz kribbelig, weil er damit primär die Frauen-Quote verbindet. Und dennoch leben wir sehr gleichberechtigt miteinander und erziehen unsere Kinder mit individuellen Unterschieden aber eben nicht geschlechtsbezogen.

Für mich gibt es paradigmatisch keine Alternative zu dieser Sicht auf die Welt. Ich weiß, dass keine Denkrichtung und keine Theorie einen Anspruch auf Absolutheit stellen darf, aber das ist ja auch nicht nötig, solange alle sich gegenseitig ernst nehmen und berücksichtigen. Gleichzeitig bin ich erstaunt, wenn ich mitbekomme, wie viel Gegenwind im Social Media Bereich kommt, wenn eine Serien feministisch argumentiert oder sich gar das label an den Ava klebt. An sich ist gegen eine Denkrichtung, egal wie aggressiv sie vertreten wird, nichts zu sagen. Und ich finde es auch angemessen, die eigene Gefühlswelt nicht auszuklammern und emotional zu argumentieren, wenn diese Gefühle nunmal da sind. Provokationen, Gewaltandrohungen und verbale Gewalt kommen ja in den meisten dieser Fälle nicht von der feministischen Seite, sondern von deren Gegenüber.

Leider bin ich schon zu sehr mit dieser Perspektive verwachsen um ernsthaft verstehen zu können, was genau die Gegner in Rage bringt. Und ich möchte an sich auch nicht erleben, wie mich jemand bedroht, nur weil meine Visionen einer geilen Welt eben von der des Gegenüber abweicht. Denn meine Art, Feminismus zu leben bedeutet nicht „Kampf“. Sie bedeutet: Teilhabe an der Gesellschaft, Erhebung meiner Stimme und als Rolemodel zur Verfügung zu stehen, um zu zeigen, dass dieser Weg nicht das Ende einer Ära bedeutet sondern die logische Konsequenzen der Befreiung der Menschen aus den ihnen aufgezwungenen Rollen.

Ich möchte, dass der Begriff „Feminismus“ mit mir und meinen Accounts verknüpft ist. Nicht als Gegnerin der „anderen“ sondern als Gesprächspartnerin für beide Seiten. Ja, das Private ist Politisch in der heuten Zeit. Und Feminismus ist nicht die Lösung für alle Probleme dieser Welt, aber ein sehr guter Prüfstein für die Auswirkungen von Veränderungen, Reformen, Innovationen und Ideen.

In erster Linie bin ich „ich“ und nicht Feministin. Aber in erster Linie bin ich auch nicht Mutter. Oder Partnerin. Oder Kuchenfee. Und doch gehören diese Attribute zu mir.

Liefs,

Minusch

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