Projekt „Nostalgie 2035“

Auf dem Weg zur Arbeit bin ich Martin begegnet, der, seine Tochter auf dem Rücken, mit dem Mountainbike in die Gegenrichtung fuhr. Wir kennen uns wohlwollend lose, haben mal zusammen Theater gemacht und treffen uns qua ähnlich alter Kinder immer wieder zufällig irgendwo am Rand: Rand vom Park, Rand vom Sandkasten, Rand vom Platz…
Er erzählte vom bevorstehenden Urlaub bei seiner Family in Polen und wie sehr sie sich alle darauf freuten. Drei Häuser bilden die Straße, nebendran beginnt der Wald. Ein Nostalgie-Booster für alle, die früher selbst noch im Wald verstecken gespielt haben und bei großen wilden Wiesen nicht zu erst an Zeckenschutz denken müssen. Ich dachte an Elena Shumilova und ihre fantastischen Fotografien. An unberührte Wiesen. Morgennebel. Diese kleinen Kostbarkeiten überall unter Farnen und Sträuchern. An gebrochenes Licht. Grüne Luft. Vögel, die Dich zu spät bemerkten…ich war in Awe. In Nostalgie.

Seit dem denke ich darüber nach, wann und wo ich so etwas mal erlebt habe. Ich bin schließlich nicht auf dem Land groß geworden sondern in einer Kleinstadt. Als Kinder lebten wir in einer Straße, an deren Ende die „Sandberge“ lagen. Eine Brache. Auf einer Seite ein inoffizieller Straßen-Komposthaufen und auf der anderen Seite Bauschutt-Hügel. Wir spielten viel dort. Ich suchte aus dem Kompost Blüten heraus und band neue Sträuße. In dem Bauschutt fanden wir immer wieder Rohre, Betonklötze oder ein altes Klo…Dinge, die heiß umgekämpft waren. Zeichen der Zivilisation, die nur uns gehörten. Aber glücklich machen mich diese Erinnerungen nicht.

Später als Jugendliche lebten wir am Kleinstadtrand und hatten sogar ein Jahr lang einen Hund, mit dem wir auch solange in den Wald gehen konnten, wie wir wollten. Und da kommen die Bilder: Sanddünen runter rutschen in der Frühlingssonne. Kleine Unterstände bauen und mit Blättern vor fremden Augen verstecken. Einen ausgetretenen Pfad entlang tanzen und sich eins fühlen mit all den kleinen Fliegen und Staubkörnern, die genauso durch die Sonnenstrahlen tanzen. Tagträume…so viele Tagträume…kleine Blumen, Spinnennetze mit Tau darin, flüchtende Kaninchen, einmal sogar ein Reh.

Diese Bilder sind abrufbar. Und sie sind aufgeladen mit Glück, selbst wenn die meisten dieser Momente von mir alleine erlebt wurden. Oder vielleicht weil ich sie allein erlebt habe? Und sie stammen zum größten Teil aus diesem einen Jahr mit Hund. Danach war ich kaum noch alleine im Wald.

Diese Bilder sind so stark und so wohltuend und verbinden mich sofort mit einem ganz einzigartigen Glücksgefühl. So ein wenig in die Richtung gehen auch Bilder von einem schön gedeckten Tisch mit weißem Porzellan (das gab es nur bei Besuch zu ganz besonderen Anlässen). Und es gibt einen Urlaub, aus dem ich vergleichbar kraftvolle Bilder behalten habe (Ich hab auf einem Surfbrett liegend sicher 3h lang die Unterwasserwelt vor dem Strand beobachtet. Schwerelos bin ich über Korallen geschwebt und war ganz alleine mit diesen Bildern. Gut, danach hatte ich einen Mega-Sonnenbrand, aber diese Bilder werde ich nie vergessen).

Jetzt frage ich mich, wo ich meinen Kindern solche Erfahrungen ermöglichen kann. Sicher werden sie ihre Bilder genauso selbständig finden, wie ich, aber ich muss die Tür öffnen. Vertrauen. Erlauben und Raum dafür lassen. Oder sie in ähnliche Räume bringen…

Mit Martin hab ich heute morgen über zukünftige Nostalgie-Bilder unserer Stadtkinder gewitzelt: kleines Kind am Morgen auf einem verwüsteten Festivalgelände oder neben dem überlaufenden Mülleimer zwischen Pizzakartons im Park. Wäre sicher möglich, wenn das Licht sanft ist und Stille die Schritte auf dem Kies hörbar macht. Aber ich habe beschlossen, unseren Aktionsradius zu erweitern und meine Kinder so oft wie möglich in den Wald zu fahren. Oder aufs Feld. An einen See oder Bach oder Teich. Nicht nur in den Zoo, auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad.

Dank unseres Christiania-Lastenrades sind wir ja endlich auch zu dritt flexibel. Und gestern haben wir zu dritt 6km in 30min geschafft. Dieses Wissen im Rücken macht mir Mut, das Projekt „Nostalgie 2035“ in Angriff zu nehmen und meine Kinder an Orte zu bringen, an denen ich den Zauber spüren kann. Ich werde sicher niemals Bilder wie Elena Shumilova machen. Aber ich möchte meinen Kindern als Geschenk mitgeben, dass auch sie als Erwachsene erkennen können, welche Orte voller Zauber sind.

Wir Eltern komponieren die Nostalgie-Bilder unserer Kinder. Bewusst oder unbewusst. Mein Projekt startet jetzt. Macht Ihr mit?

Liefs,

Minusch


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