windwechsel per flashback

Donnerstagvormittag. Die Waschmaschine brummt. Die Küche ist einigermaßen aufgeräumt. Ich habe Yoga gemacht und länger mit Papasch geklönt. Ich habe einiges zu tun. Anträge, Papiere…und ertragen, dass mein Bruder mich gekündigt hat.

Ich habe überlegt, ob ich das erwähnen möchte. Einerseits stelle ich mich damit bloß („Wie muss die drauf sein, wenn der eigene Bruder sie rausschmeißt?“), dann klingt es ein wenig nach schmutziger Wäsche (manche wissen ja, wie der Laden meines Bruders heißt) und dann war doch das Gefühl, dass es irgendwie privat ist.

Privat.

Es war nicht einfach nur eine Kündigung.

Und es endet gerade auch nicht dort.

Es geht weiter, zieht sich bis zu meinen Eltern und dort gab es gestern eine Explosion. Und seit dem ist alles anders.

Ich bin explodiert.

Ich hatte um Vermittlung zwischen uns Geschwistern gebeten, weil wir das offensichtlich gerade nicht regeln können. Diese Vermittlung wollen unsere Eltern nicht übernehmen. Ohne Gründe. Einfach: nein.

Und mit einem Schlag…einem unfassbaren Schlag…wurde mir klar, dass sich seit meiner Kindheit nichts geändert hat. Dass ich nach wie vor die unfähige und faule Tochter bin und mein Bruder der starke und eigenständige Kämpfer. Dass unsere Eltern die sind, die ja alles nur erdenkliche getan haben, was sie für richtig hielten, dass sich dies aber aus Prinzip nicht mit dem decken kann, was ich für richtig halte.

Ich habe meinen Vater am Telefon angebrüllt. Und dann aufgelegt. Und dann beschlossen, dass ich das alles nicht mehr will. Dass Papasch Recht hatte, wenn er wegen meiner Herkunftsfamilie Wutanfälle bekam. Dass er Recht hatte, wenn er sagte, dass ich mir zu viel gefallen lasse, ohne etwas dafür zu bekommen. Dass ich mich wieder in meinem Kindheitstraum von einer heilen Welt verrannt habe.

Der Gedanke, meine Kinder in der Nähe von Großeltern aufwachsen zu lassen, war schön. Wir hatten so immer wieder jemanden zum verabreden und treffen oder auch hin und wieder als Babysitter. Gut, diese Babysitting-Dienste haben mir irgendwie jedes Mal ein schlechtes Gewissen beschert und wurden auch in diese Richtung von meiner Mutter kommentiert. Und die Treffen liefen jedes Mal darauf hinaus, dass ich mich gefragt habe, was an großelterlicher Abweichung von elterlichen Regeln eigentlich noch ok für mich ist.

Inzwischen habe ich dem Gedanken, mit meiner Familie ein zweites Mal zu brechen, in mir Raum gegeben. Das Ergebnis ist verblüffend: spontanes einsetzen meiner Mensis (nach 4 Tage Überfälligkeit, obwohl ich sonst die Uhr danach stellen kann), Aufhellung des Gemütes, Schwund des übertriebenen Appetits (den ich die letzten Tage hatte) und ein Gefühl von mehr Luft um mich herum. Mein Bedürfnis nach Schokolade ist komplett still.

Ich bin keine Esoterik-Tante, aber ich arbeite gern mit Biofeedback und das ist das Krasseste, was mir je passiert ist. Gleichzeitig fühle ich mich wie nach einer mehrwöchigen Migräne. Plötzlich erscheinen mir Möglichkeiten einfach umsetzbar, die ich noch vor einer Woche abgetan habe. Und das alles ohne jeden Anflug von Übertreibung sondern ruhig. Ohne High.

Ja, diesen Bruch muss das kleine Mädchen in mir verarbeiten. Für mein inneres Mädchen ist das eine Katastrophe, aber für mich als Frau und Mutter ist es, als hätte mir jemand einen Garten geschenkt. Beides gleichzeitig. Unglück und Glück.

Inzwischen bin ich stolz auf die impulsive und intuitive Entscheidung meines erwachsenen Ichs. Es kann das kleine Mädchen selbst an die Hand nehmen und ihm zeigen, dass sie groß genug ist, um den Traum von einer Mutter zu leben. Selbst die Mutter zu sein, die sie sich gewünscht hätte. Liebevoll, verständnisvoll, zärtlich, albern, klar und verlässlich. Meine Kinder werden niemals wissen, wieviel ich an mir arbeiten musste, um ihre Mutter sein zu können. Papasch kann ahnen, was für eine Arbeit mein Leben mir abverlangt hat und er steht staunend davor. Und mit Grusel, denke ich. Denn das, was in meiner Herkunftsfamilie geschehen ist, ist nicht gut oder in Ordnung. War es nie. Auch wenn viele andere Kinder solche Erinnerungen haben. Es ist nicht gut.

Warum schreibe ich das hier hin? Es ist diffus und hat keine klare Botschaft. Aber es ist Teil der Realität, dass wir verwoben mit unserer eigenen Geschichte existieren und dass häufig die Kinder am engsten an ihren eigenen Eltern hängen, die Gewalt durch sie erfahren haben. Und es ist auch so, dass sich die Strukturen, die unsere Eltern mit uns eingeübt haben, nicht einfach aufbrechen, nur, weil wir es wollen. Da endet für mich der Wirkungsbereich systemischen Denkens: Ich bin als eine andere in meine Familie zurückgekehrt, aber die homöostatischen Prinzipien sind so stark, dass selbst meine drastische Veränderung nicht ausgereicht hat, eine Veränderung bei den anderen anzuschubsen.

Ich habe meine Verpflichtung gegenüber meiner Herkunftsfamilie gestern aufgelöst. Ich habe es schonmal getan. Damals hat es 7 Jahre gedauert. Es ist möglich, dass ich jetzt nie wieder zurückkehren werde, denn ich weiß, was mich erwartet.

Liebe Menschen…passt auf Euch auf. Ihr seid niemandem verpflichtet, es sei denn, ihr entscheidet Euch dafür.

Liefs,

Minusch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s