Realitätsbegegnung

Ich habe Freitagnacht verfolgt, was in Paris passiert ist. Der Zustand, der sich daraufhin in mir breit gemacht hat, fühlt sich sehr seltsam an. Ich kann erfassen, dass es eine Katastrophe ist. Kann ich. Tu ich. Und gleichzeitig wuchert in mir ein Zynismus.

Ich habe mich schon lange damit arrangiert, dass ich die Welt nicht retten kann. Während des Irakkriegs haben mich die Bilder aus der Tagesschau und auf den Zeitungen derartig verstört, dass ich Nacht für Nacht darüber nachdachte, was passiert, wenn die Flugzeuge sich nachts verfliegen…wenn sie die geladenen Bomben an einem falschen Ort fallen lassen.

Heute habe ich zwar kein Wissen aber eine Ahnung von den technischen Möglichkeiten. Ich habe Berichte über die verschiedensten Krisenherde der letzten Jahre gelesen, weil es für mich immer wieder ein Rätsel war, wie Kriege entstehen. Und ich habe es nie verstanden. Ich habe nie verstanden, wie Menschen Marschbefehle erteilen können. Wie Menschen sich den Kopf über die perfekte Waffe zerbrechen. Ich verstehe, woher Gewalt kommt. Wut, Zorn und Angst als Motor verstehe ich. Aber ich verstehe nicht, wie Menschen ihr Wissen und ihre Zeit investieren, um beim Töten zu helfen oder selbst zu töten.

Das ist etwas, was ich meinen Kindern niemals erklären kann.

Es wird immer etwas rätselhaftes in jedem Menschen geben. Ein Geheimnis, dass nur der jeweilige Mensch kennt.

Gleichzeitig spüre ich den Wunsch, zu schützen. Zunächst möchte ich meine Familie schützen. Meine Kinder. Meinen Mann. Unsere Freunde. Ich spüre in mir eine Energie, die in der Lage ist, zu schützen. Zumindest solange, bis ein Mensch mit einer Waffe vor mir steht. Dann werde ich machtlos. Dann habe ich noch immer Worte, aber ob diese Worte einen Zauber tun können, liegt nicht mehr in meiner Macht. Bisher war ich nie in einem Bewusstseinszustand, in dem ich mir eine Waffe gewünscht hätte. Ich sage bisher, weil mein Leben bisher noch nie so in Gefahr war wie das Leben der Menschen in Paris, diesen Freitag. Oder der Menschen in Beirut. Oder in ganz Syrien. In den afrikanischen Staaten, in denen bürgerkriegsähnliche Zustände schwelen. Oder auf einem kleinen Schlauchboot im Mittelmeer.

Überall auf dieser Welt gibt es Menschen, die schützen wollen. Sie alle tragen den Grund dafür im Herzen. Und wenn nur die Angst im Herzen groß genug ist, wird es schwer, zu unterscheiden, wem zugehört werden sollte, wer wie am besten geschützt werden kann. Ja, ich wünsche mir jemanden, der oder die stärker ist als die Menschen, die im Namen ihres Glauben töten. Gleichzeitig weiß ich, dass Gewalt gegen sie genauso wenig eine Lösung sein kann wie sie zu ignorieren. Wir leben in Zeiten der Sprachlosigkeit. In Zeiten, die diplomatisch so verstrickt sind, dass wir möglichst wenig Fehler begehen. Wir leben in einem Zeitalter der Lügen und Manipulation, die so geschickt über verschiedene Medien transportiert werden, dass niemand die Chance hat, klar zu sehen.

Politisch kann ich zu diesem Thema kein Stück beitragen. Ich habe auch keinen Maßnahmenkatalog, den ich Eltern in die Hand geben könnte, um darüber zu reden. Nichts wird besser, nur weil es erklärbar ist. Und jeder Mensch hat ein Recht auf sein Geheimnis.

Liefs,

Minusch


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