meltdown

Hallo liebe Welt da draußen.

Ich weiß, es gibt Menschen, die können miteinander und andere nicht. Und nur weil es eine genetische Nähe gibt, muss das nicht heißen, dass das Miteinander-auskommen auch klappt. Dafür werden dann Anstandsregeln eingeübt. Regeln wie „wenn dir jemand etwas schenkt, dann bedankst du dich“, oder „bleib höflich, auch im Streit“. Regeln wie „denke nach, bevor du sprichst“, „nimm Rücksicht auf andere“, „entschuldige dich, wenn du jemanden verletzt hast“…jede Familie formuliert ihr Regelwerk anders, aber in allen Familien gibt es solche Regeln in irgendeiner Form. Muss es ja geben. Anarchie in Familienstrukturen scheint nicht zu funktionieren.

Gerade bin ich aus unserer Küche geflohen, weil ich der Überzeugung bin, das Essen versaut zu haben. Ich hab angefangen zu heulen, dann wurden mir Sätze mitgeteilt wie „aber Schatz, Kinder sind nunmal laut“ und „Schatz, so schlimm wird das mit dem Essen nicht sein“…und ich hab geschrien, weil in mir drin gerade so eine gigantische Verzweiflung tobt, dass ich nur noch schreien möchte. Weil ich das alles weiß! Weil ich aber gerade nicht mehr ruhig sein kann!

Nein, ich möchte eigentlich nicht meinen Mann oder die Kinder anschreien. Viel lieber möchte ich die Menschen anschreien, denen ich etwas zu Weihnachten geschenkt habe, die mir (oder wenigstens uns) aber nicht mal eine Karte zugedacht haben!

Ich möchte schreien über so viel Ignoranz, Unvermögen und Selbstgerechtigkeit!

Ja, alle 8 betreffenden Personen haben bestimmt voll gute Gründe, uns keine Karte zu schicken. Und das Geschenk, dass ich verschickt habe, war sicher nicht besonders teuer: ein Kalender unserer Kinder. Mehr nicht. Mehr nicht, als 3h Fotos sichten und auswählen, 1h Designs sichten und auswählen, Foto für die Weihnachtskarte auswählen, Weihnachtskartendesign auswählen und bezahlen, Karten schreiben, Verpackungskram überlegen und besorgen, verpacken und rechtzeitig (!) abschicken.

Für eine Mama von zwei kleinen Kindern bedeutet dies im Dezember Verzicht auf Schlaf, Duschen, Pausen (etc.). Denn, auch wenn es so aussieht, als würde ich tagsüber 6h Zeit für mich haben, weil ich „nicht arbeiten gehe“, so ist es doch faktisch so, dass ich mich viel zu wenig um mich kümmere, gerade in der Weihnachtszeit, weil an jeder Ecke was anderes zu tun ist.

Gerade diese Weihnachtszeit hat sich von selbst gefüllt mit Krankheits-Ausfällen, Terminen, Konzerten, Elternabenden, Weihnachtsfeiervorbereitungen, Kindergeburtstag, Weihnachtsfeiern, einem Wachstumsschub, Elterngesprächen, einer Hochzeit und sehr viel Zeit alleine für die Kinder und mich, weil mein Mann ja mein „nicht arbeiten gehen“ durch „mehr arbeiten gehen“ kompensiert. In Anbetracht dessen erachte ich meine Zeit als das wertvollste, was ich zu verschenken habe.

Aber ich betrachte mich sicher nicht als Heldin, wenn ich es schaffe, einen Fotokalender mit Bildern meiner Kinder zu machen. (Ich hätte auch gerne Plätzchen dazugelegt, nur waren die leider zu schnell aufgegessen.) Ich empfinde das Geschenk als bescheiden aber liebevoll. Und auch wenn ich nicht erwartet habe, Geldgeschenke oder gar Pakete mit irgendwas geschickt zu bekommen, so habe ich doch erwartet, zumindest eine Karte in den Händen halten zu können. Eine Karte, die deutlich macht, dass wir uns alle an die Anstandsregeln halten und uns zumindest Gutes wünschen, wenn auch nicht schenken.

Gut, von einem Paar weiß ich, dass sie mich nicht mehr sehen wollen und mir geht es genauso. Aber dem Kind wollte ich Grüße schicken und ich hoffe nach wie vor, dass es die Bilder meiner Kinder sehen darf (weder mein Mann noch ich kommen in dem Kalender vor). Irgendwie hatte ich gedacht, dass den beiden auch wenigstens meine Kinder etwas bedeuten, die nichts dafür können, dass wir uns so verprellt haben. Wohl nicht.

Von einem anderen Paar weiß ich, dass es sich eben arg mit sich selbst beschäftigen muss. Warum nicht mal für die Kinder ne Karte drin war, kann ich allerdings nicht sagen.

Beim dritten Paar hat nur eine einen Clinch mit mir, er aber nicht. Und doch haben sie nur Geld für die Kinder und den Mann überwiesen, mich ausgespart und nicht mal an eine Karte gedacht.

Und das letzte Paar meldet sich seit dem Sommer nicht mehr bei mir (wahrscheinlich, weil es mein Blog gefunden hat und sich angegriffen fühlt, aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen), und hat lediglich an die Kinder adressiert ein Paket geschickt, voll mit Rewe-Sammelbildchen (ja, auch StarWars für einen 2,5- und einen 3,5-jährigen) und Büchern, die etwa ein Viertel des Wertes haben, der sonst von ihnen an meine Kinder verschenkt wurde.

Nein, ich hänge nicht an Geld oder teuren Geschenken. Und es geht mir nicht darum, zu nörgeln, weil wir zu wenig Päckchen hatten. Wir hatten einen schönen heiligen Abend und wir waren alle glücklich mit dem, was wir uns gegenseitig geschenkt haben. Es war uns eher sonst zu viel, weil die Kinder gar nicht rauskamen aus dem Auspacken und am Ende nicht wußten, womit sie sich beschäftigen sollen.

Aber ich habe ein Problem mit der Symbolik.

Ich habe ein Problem mit dem hohen Lied auf die Verwandtschaft, das mir immer wieder so laut vorgesungen wurde: Kind, Deine Familie ist immer für Dich da und wir halten zusammen! Verzeih alles, was sie machen, denn sie sind mit Dir verwandt! Kümmere Dich! Ändere Dich aber erwarte nicht, dass sie sich ändern! Und freu Dich über das, was Du bekommst, in aller Demut und unabhängig davon, ob Du Dich wirklich freust…“

Wir sind mit all diesen Menschen verwandt, die uns so spärlich bis gar nicht bedacht haben. Und ich finde es mehr als bedenklich, dass deren Selbstgerechtigkeit ausreicht, meine Kinder und/oder mich an Weihnachten zu ignorieren. Und noch mehr ärgert mich mein bescheuertes großes Herz, dass mir so märchenhaft eingibt, dass es an Weihnachten um Liebe geht, und dass diese Liebe ausreicht, Menschen, die mich unfassbar verletzt haben, wenigstens gedanklich, trotz allem was war, ein frohes Fest zu wünschen.

Dem gegenüber stehen nämlich Menschen, die ich kaum kenne, die mir Karten schicken. Menschen, die ich von hier kenne. Für die ich gar nichts großartiges tun muss, um zu wissen, dass sie gerne an mich denken. Ein liebevoller Adventskalender von der lieben Thea aus Berlin, schon vorher ein Buch von der wunderbaren Tinka aus Kassel und ein Wichteldate am 25.12. mit Antje . Hinzu kommen die vielen lieben Gedanken von teils namenlosen aber herzenswarmen Menschen aus allen möglichen Gegenden, mit denen ich immer mal wieder im Internet zu tun habe. Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen und die mit mir verwundert sind über die Ignoranz so vieler Menschen, die offensichtlich kein Bedürfnis haben, ein Fest der Liebe, sondern lieber ein Fest des an-sich-selber-denkens zu feiern.

Und richtig wütend wurde ich, als mir ausgerichtet wurde, dass eine der beschenkten Frauen sich bei einer weiteren Verwandten erkundigte, ob denn tatsächlich ich den Kalender und die Karten und die Verpackung gemacht hätte und auch den für sie? Ja, wer denn sonst? Meine Kinder? Oder der rationale Mann an meiner Seite?

Wißt ihr was? Nächstes Jahr halte ich mich an die Empfehlung dieses Mannes an meiner Seite: ich übertreib es einfach nicht mit dem Weihnachten-feiern und streiche als erstes die Geschenke von meiner Liste, die an Menschen gehen würden, die mich und meine Familie einfach nicht zu schätzen wissen.

Meine Kinder hingegen werden lernen, ihrem Herzen zu folgen. Sie werden niemals aus Anstand Geschenke machen oder Karten schreiben, so wie ich es immer wieder getan habe. Sie werden basteln, was sie schön finden und die Personen beschenken, die ihnen nahe sind. Und alle anderen müssen sich eben die Arbeit machen, sich die Nähe und Aufmerksamkeit meiner Kinder zu verdienen. Ich werde da nicht mehr behilflich sein oder vorgreifen. Und damit meine Kinder es auch ernst nehmen können, werde ich es genauso machen und auf jeden Verwandtschaftsgrad pfeifen.

Übrigens: mir wurde eingetrichtert, dass ich anzurufen habe, wenn ich etwas geschenkt bekomme. Überlegt mal bitte kurz, ihr lieben Verwandten, ob ihr nur einen Augenblick im Sinn hattet, mich/uns anzurufen, als ihr meine Schrift auf den Paketen gelesen habt.

Na?

Dacht ichs mir.

 

Frohe Weihnachten,

Minusch

 

 

 

 


9 Gedanken zu “meltdown

  1. Ich habe zwar eine recht gute Familie, aber ich komme immer mehr zum Schluss, das Freunde die „wahre Familie“ sind. (Und das es wichtig ist im ruhigen Weihnachten zu feiern und die zu bedenken die uns wichtig sind.)

  2. ich mag den Begriff der Wahlverwandtschaften…nicht ganz so, wie Goethe ihn ausgeschmückt hat, aber als eine freiwillige gemeinsame Verbindlichkeit. keine Ahnung, ob ich sowas finden werde. aber suchen kann ich ja danach.

    noch einen schönen zweiten Weihnachtstag Dir! ❤

  3. Ich habe keine einzige Weihnachtskarte verschickt dieses Jahr, noch nicht einmal E-Mails, sondern nur ein paar sms an ein paar ausgesuchte, und selbst hier habe ich fast jedem den gleichen Text geschickt. Ich bin voll berufstätig und habe zwei kleine Kinder, arbeite auch direkt vor und nach den Feiertagen. Ich habe einfach keine Zeit und Nerven für dieses ganze Gedöns, und trotzdem heißt das nicht, dass ich nicht an die Menschen denke und sie mir nicht wichtig wären. Aber irgendwo muss man Abstriche machen und seine (gegenseitigen) Erwartungen eben runter schrauben.
    Erwarte einfach weniger von den Menschen und werde dadurch weniger enttäuscht. Und sch*** drauf. Mache es nächstes Jahr einfach anders, egal was Dir in Deiner Erziehung eingetrichtert wurde. Wer zählt bist DU und Deine Kinder samt Mann. Mehr nicht!

  4. Hallo, Christina!
    Dein Blog, auf dem ich auf verschlungenen Pfaden und eher durch Zufall gelandet bin, bewegt und berührt mich.
    Du hast nichts von Deiner Kreativität, Power und entwaffnenden Ehrlichkeit aus Jugendtagen verloren…beneidenswert!

    In unnachahmlicher Weise und den gewohnt passenden Worten sprichst Du auch einem zweifachen Papa in vielen Deiner Beiträgen aus der Seele.

    Ich danke Dir für die vergüglichen und gleichermaßen zum Nachdenken anregenden Beiträge.
    Ich danke Dir für Deine kompromisslose Offenheit, die Du mit den vielen Lesern und Leserinnen, also auch mir teilst.
    Ich danke Dir für die Inspiration, die stets in Deinen Beiträgen mitschwingt.

    Vor allem aber wünsche ich Dir mit Deinen drei Männern viele schöne, intensive, ehrliche und unbeschwerte Momente!
    Ich freue mich schon darauf, darüber zu lesen! 🙂

    1. Das ist extrem berührend, Thomas. Und ich freue mich, dass Du mich gefunden hast (und dass Du zweifacher Papa bist freut mich auch! Alles alles Gute!).
      Es fühlt sich verrückt an, sowas hier zu lesen. So eine Verbindung zu früher hergestellt zu bekommen. Vielen lieben Dank für Deine Worte (die genauso wie früher Deine Hochachtung vor anderen Menschen mit einer leuchtenden Energie transportieren).
      🙂

  5. Jetzt erst gefunden, aber nicht weniger aktuell. Mir gings ganz ähnlich, weswegen ich mich auch zu einem Rant habe verleiten lassen (http://papapelz.de/1170), der viel…äh…Diskussionen ausgelöst hat, speziell in der Familie.
    Ich seh es wie lnmyschkin – care about the people next to you, not next to your genes.

    Danke für deinen Text. 🙂

    1. uns droht eine Hochzeit im Mai…ich werde jetzt schon sauer, weil ich ahne, wann meine Jungs sich in die Wolle kriegen werden und wen es dann stören wird.

      du hast absolut recht: die Gesellschaft empört sich über gleichgeschaltete (=unpolitische) Menschen, aber wehe wir weichen von der Norm ab. überall wird Individualität in den Himmel gelobt aber wehe wir gehen einen eigenen Weg.

      …na, vielleicht schaffen wir es auch mal zum ccc 😉 (<< ich träume heimlich vom ccc als Alternative zum sonstigen Zwischenjahresspaß)

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