eins

 

Immer wieder konfrontieren mich Zeitschriften, Blogartikel, Bücher oder Bilder mit dem Zustand des eins-seins. So etwas wie Deckungsgleichheit von innen und außen, welche zur Folge hat, dass wir in Ruhe mit uns selbst und der Welt existieren. Wir sind dann gesünder und haben Bedürfnisse, die sich auf gesunde „Dinge“ richten. Und selbst wenn wir so ungesunde Dinge wie Kellogs Frosties oder Pommes oder Pizzafleischkäsebrötchen wollen, selbst dann ist das in diesem Zustand oder auf dem Weg dorthin irgendwie gesund, denn der Weg ist das Ziel und wir hören auf unseren Körper und das größte Glück liegt in der Möbiusschleife (achja…ich wollte da noch eine Häkelanleitung posten).

Wenn wir eins-sind, dann sind wir auch ausgeglichener. Denn dann gibt es keine inneren Schwankungen. Die sind dann nicht mehr nötig. Und wenn es sie doch gibt, dann ist auch das richtig und Teil des Ausbalanciert-seins, denn wir existieren ja nicht im luftleeren Raum sondern wir sind Teil von etwas anderem und wir sind auch authentisch. Oh, so authentisch bis einer weint.

Das eins-sein hat zur Folge, dass wir auch gar nichts mehr brauchen, dass wir Verzicht als Gewinn empfinden. Wir befreien uns von Ballast. Von Kleidungsstücken, die wir genau ein Jahr im Schrank hatten, ohne sie zu brauchen (ausgenommen: Regenjacken, Pareos und Sonnenhüte), von Büchern – Moment, von Büchern vielleicht doch nicht, oder nur dann, wenn sie seit 5 Jahren nicht aus dem Regal genommen wurden oder wenn sie farblich einfach nicht mehr passen – aber wir trennen uns von Schnickschnack! …es sei denn, er passt so wundervoll ans Moodboard. Dann nicht! Oder er erinnert uns an einen wunderschönen Abend damals alleine in Patagonien/Kroatien/Nordindien. Schließlich bewahren wir ja das, was uns berührt. Und wenn wir dann doch noch eine Vase brauchen, dann bitte eine aus dem Einzelhandel vor Ort, der eine Direktverbindung nach Burkina Faso hat und dort von Alleinerziehenden wundervolle Töpfereien produzieren lässt, die auch gerade in Berlin hipp sind.

Es ist total einfach. Ehrlich. Und wenn wir erst einmal eins-sind, dann strahlen wir das auch aus. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Strahlen dann dem Strahlen ähnelt, das Schwangeren nachgesagt wird. Gut, mein Strahlen ging tatsächlich auf Eisenmangel zurück. Ich war so blaß, dass mir beinah ein Diadem gewachsen ist. Aber das Strahlen war da und es war echt und es hing mit meiner Schwangerschaft zusammen. Also wenn wir dann erstmal alle mit den Schwangeren um die Wette strahlen, wenn wir Linsensalate würzen um den Eisenmangel auszugleichen, wenn wir Hopi-Gerichte mit saisonalem Gemüse nachkochen und uns die Häkelanleitung für den filigranen runden Teppich gelungen ist ohne den Rand zu wellen…

…endet dann der Film? Oder kommt dann das Freunde-von-Freunden-Team und macht eine Berichterstattung über unser unfassbar eins-seiendes Leben mit Linsensalat auf einem Häkelteppich? Oder werden wir als inspirierendes Beispiel in der Flow abgedruckt? (Und wie kommen all diese inspirierenden Menschen eigentlich an das Geld, das sie für ihre inspirierenden Häuser in Medoc, Amsterdam, Stockholm oder London brauchen?…)

Ich bin mir nicht ganz sicher.

Ich spüre mein inneres Jojo, das in einem Moment Sehnsucht nach Leere hat und im nächsten davor flüchtet. Ich spüre meinen Geist, der manchmal gleichzeitig Leerlauf und Antrieb fordert. Ich bin fasziniert von so vielen Reizen und Ideen und ich könnte mich zerreißen, weil ich nicht weiß, ob ich die letzten 5 Euro im Monat für eine hippe Strickliesl oder eine 2kg-Packung Tilda-Reis ausgeben soll. Eigentlich mag ich diese ganzen Anleitungen zum eins-sein ja. Nur irgendwie stört mich, dass diese suggerieren, dass da eine Trennung geben könnte zwischen mir und…mir?

Ja, ich liebe diese Bilder aus den großzügigen oder liebevollen oder klaren oder akzentuierten Räumen anderer Menschen. Ich liebe diese Lebensgeschichten, die geprägt sind von Eigensinn und Mut und Hoffnung. Und bei jedem Artikel jault in mir etwas auf, was sich genau DAS wünscht: eine Idee, die so viel trägt, dass das Leben zu mir passen muss und nicht ich zum Leben. Und dann betrachte ich mich und meine Möglichkeiten und frage mich, wie unsere Gesellschaft wäre, wenn alle anderen, die sich nicht in Kreativität der eigenen Möglichkeiten verlieren können, sich ebenso stolz und mutig präsentieren würden. Wenn sich die Krankenpflegerinnen und -pfleger morgens in Ruhe den Matetee aufgießen. Wenn die Entsorgungsangestellten sich erst mit den ersten Sonnenstrahlen erheben, weil das eben mehr ihnen selbst entspricht. Wenn sich der Mittagsschlaf in den Büros durchsetzt und wenn die Arbeiter auf den Baustellen nach jedem schweren Heben erstmal eine Stretchingeinheit einlegen. Wenn die Soldatinnen und Soldaten nach jedem gezielten Schuss in stillem Gebet verharren.

Ich bin nicht von mir selbst getrennt. Ich bin in mir und verlasse mich nicht. Die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft allerdings zwingt uns alle in etwas, was sich verdächtig wie Selbstentfremdung anfühlt. Vielleicht ist es an der Zeit, mit all diesen zarten Empfehlungen zur Selbstsorge politisch zu werden? Vielleicht ist es an der Zeit für ein Magazin, das mehr Menschen im Fokus hat als einzelne? Vielleicht ist es an der Zeit, sich als Gesellschaft selbst in die Pflicht zu nehmen? Als Menschen eine Einheit zu finden?

Ich bin mir nicht ganz sicher.

Liefs,

Minusch


5 Gedanken zu “eins

  1. „Die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft allerdings zwingt uns alle in etwas, was sich verdächtig wie Selbstentfremdung anfühlt. “ Toller Satz, der auch aus mir hätte kommen können und was sich selber als eines meiner derzeit größten Probleme darstellt. Danke für Deine Gedanken!

    1. ich hab gerade die ersten Sätze deines aktuellen Beitrags gelesen und ärgere mich schon, dass ich nicht in Ruhe weiterlesen kann!
      Grüße von Blog zu Blog!
      Vielleicht denken wir mal zusammen nach?

      liefs,
      Minusch

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