Rakun und Lilibe

die Beine baumelten unter seinem Körper. war nicht schon Zeit? immer wieder war er sich nicht ganz sicher. dabei war er sicher. die Hände neben den Beinen lagen sanft auf dem Ast. er schaute sich die Landschaft an. Bäume und Sträucher vereinzelt zwischen Wiesen. am Horizont die Hügel. es hatte etwas herzig-niedliches. ein zartes Summen lag über dem Bild. und er baumelte und schaute und war doch nicht ganz sicher.

‚etwas Wasser wäre auch schön‘, dachte er und rutschte auf dem Ast ein wenig herum. hatte er nicht etwas gehört, was ihn an Wasser erinnerte? dieser eine Schritt, als er kam, der nicht vor allem raschelte sondern eher leise platschte?

er fand die wirklich kleine Pfütze und dann das dichte Gras daneben und dann den Schilf dahinter. ’schön‘, dachte er, ‚Wasser.‘

er war tief zufrieden. sein Gemüt färbte sich leicht ein und er fand seine Geduld. er wartete eigentlich immer etwas länger als er dachte. dieser Impuls, nach dem Zeitpunkt zu fragen, begleitete ihn seit aller Zeit, aber sein Geist war wach genug, sich nicht beirren zu lassen. ‚im Schaukeln liegt doch auch Wahrheit‘, dachte er, ‚und im Schauen liegt Genuss‘. woher diese Sätze kamen, war nicht von Bedeutung. von Bedeutung war die Aussicht auf einen wunderschönen Moment mehr in seinem Bauch.

vor lauter Denken hingen die Beine jetzt ganz ruhig. da die Sonne ihm im Rücken stand, bemerkte er nicht das kleine Tier auf seinem Fuß. seine Gedanken strichen durch das Gras und folgten den Bienen und auf seinem Fuß putzte sich unbemerkt ein kleines  Wesen.

er lächelte, als er es bemerkte.

‚wie hübsch‘ dachte er.

das kleine Wesen zupfte sich an den Flügeln und schimmerte leicht. es krümmte seinen Körper und war nicht zu spüren, obwohl es da war. die langen Flügel standen still und es war kein Geräusch von ihm zu hören. er beugte sich hinunter. „Hallo“, sagte er. ein Schauer schien durch das Wesen zu laufen und es starrte ihn an. er wollte dem Tier gerade die Hand reichen, da flog es auch schon auf und hinterließ eine glitzernde Spur in der Luft.

sein Blick folgte dem Wesen und das Lächeln verstummte unmerklich. es flog fort von ihm.

das war ihm nicht neu. er tippte in solchen Momenten auf eine Art Überlebensinstinkt und wann immer er daran dachte, verdüsterte sich sein Blick. ein Dilemma. sein Dilemma. ein kleiner Trost waren die Bilder und das Wissen, dass auch diese Erinnerung in seinem Bauch ihn eine Weile wärmen würde. er dachte an seinen warmen Bauch und das beruhigte ihn.

es war ohnehin gleich soweit. er spürte dieses Ziehen, wie jedes Mal. er ließ sich ruhig vom Ast gleiten und als er gerade weitergehen wollte, entdeckte er das kleine Wesen von eben auf dem Ast, dort, wo er eben noch gesessen hatte.

jetzt auf Augenhöhe, war es nicht mehr starr. aber sein Schimmern im Sonnenlicht berührte ihn. ’sein Anblick berührt mich mehr als seine Berührung‘ ging ihm durch den Kopf, und er beschloss, sich diesen Gedanken am Abend aufzuschreiben.

„gold? “ sagte das Tier.

„hm?“ fragte er.

„ich meine, deinen Schimmer. ist er gold?“

„was meinst du mit Schimmer? ich schimmere nicht…“

das kleine Wesen schaute verständnislos.

„mein Name ist Rakun. wer bis du?“ fragte er.

das kleine Wesen bewegte seine Flügel: „ich bin grün“, antwortete es.

„das sehe ich. aber wer bist du? hast du einen Namen?“

er wusste nicht genau, woran es lag, aber ihn entzückte dieses Tier vor ihm. dieser warme Schimmer, die zarten Flügel, die Arglosigkeit. er ertappte sich bei einer Spur von Bedauern…

„nun sag schon: wie ist dein Name?“

das Tier dachte nach. er konnte es an der Reglosigkeit ablesen. „ichbineineLibelleundichbingrün. mehr weiß ich nicht zu sagen.“ sprudelte es aus dem Tier heraus.

‚Lilibe‘ dachte er…und sein Herz zog sich zusammen.

„Du bist sehr schön, Lilibe“, sagte er und er wunderte sich über den samtigen Klang seiner Stimme.

sie schaute ihn an und verstand wieder nicht so richtig, was er meinte. aber sie bemühte sich sichtlich: „bist du ein Baumsitzer? ich kenne dich nicht. du warst noch nie hier…“

jetzt stand er reglos. das Bedauern überflutete ihn in dichten Wogen und sein Bauch fühlte sich an, als hätte er eine Gewitterwolke verschluckt.

„ich bin kein Baumsitzer, Lilibe. ich…bin ein Weltenverschlinger…“ seine Sicherheit bröckelte trocken in sich zusammen, als dieses kleine Wesen ihn so ansah und offensichtlich nichts verstand.

„oh“, antwortete sie fröhlich. „ich verschlinge nie etwas…aber ich würde gern mal etwas verschlingen. soll ich dir sagen was?“

sein Atem holperte in der Brust. die Sonnenwärme fühlte sich an wie gemeines Gelächter, aber er nickte.

„einen Zitronenkuchen!“ schoß es aus der Libelle heraus und sie strahlte am ganzen Körper. er schaute sie an. dieses kleine zartschimmernd-glückliche Wesen, dass bald verschwunden sein würde mit all den Grashalmen, dem Wasser und den Blumen und den sonnenwarmen Flügeln. er schaute die Libelle an und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. ‚Zitronenkuchen…was ist ein Zitronenkuchen?‘ dachte er und schaute verständnislos.

die Libelle schaute glücklich ins Nichts und erinnerte sich an etwas wunderschönes, sicher diesen Zitronenkuchen. sie wirkte richtig entrückt.

„ich weiß nicht, was ein Zitronenkuchen ist, Lilibe. aber ich fürchte, du wirst keinen verschlingen können…“

sie wandte sich ihm zu und kratzte sich am Kopf: „woher willst du das wissen? du kennst mich doch gar nicht.“

„es liegt nicht an dir!“ beschwichtigte er sofort. „es liegt…es liegt an mir“, er ließ den Kopf hängen. „es tut mir leid. ich werde deine Welt verschlingen.“

„was sagst du da?“, fragte die Libelle. „warum?“

„ich sagte doch schon, ich bin ein Weltenverschlinger“ es war vorbei mit seinem Seelenfrieden und seiner Geduld und seiner Ruhe. seine Finger vergruben sich ineinander und ihn überkam ein ungekanntes Gefühl. er fühlte sich zum ersten Mal unbehaglich und unwohl und er wollte lieber auch eine kleine Libelle sein und von Zitronenkuchen träumen.

„ja aber warum wirst du meine Welt verschlingen? ich habe doch nur die eine…wo soll ich denn hin?“

„dich werde ich auch verschlingen. mit deiner Welt.“

der Blick der Libelle verdunkelte sich: „na hör mal, wer glaubst du denn wer du bist?“

er erschrak. er hatte mit Tränen gerechnet, einem Nervenzusammanbruch und Hysterie. vielleicht hatte er gedacht, dass sie versuchen würde zu fliehen…er wurde kalt: „ich bin ein Weltenverschlinger, das habe ich dir direkt gesagt und daran ist nun keine Überraschung, Lilibe. also reg dich nicht so auf, ja?“

die Libelle funkelte ihn an: „so einfach ja? du setzt dich auf meinen Baum, erschreckst mich, schaust mich freundlich an und willst dann meine Welt verschlingen? was für eine Nummer ist das denn bitte? wo bleiben deine Manieren? hast du keinen Anstand? denkst du, weil deine Mama dir einen eigenen Namen gegeben hat, bist du wer? wer bist du denn? wer??“

Stille.

die Welt schien endlich zu spüren, dass er da war und warum er da war und sie hörte aufmerksam zu, aufgeschreckt durch dieses winzige wütende Wesen.

auch er war aufgeschreckt. er drehte sich um und dachte nach. bisher war so etwas nicht passiert. er war immer gekommen, hatte sich umgeschaut, auf den Moment gewartet und dann geschlungen. aber das ging ja nun jetzt nicht mehr. sollte er dann einfach sofort die Welt verschlingen und gehen oder…oder was? was, wenn er es nicht täte. was würde passieren?

ein zarter Wind streifte durch die Blätter. die Sonnenwärme nahm ab. die Libelle zitterte auf ihrem Ast und wusste selbst nicht, war es die herannahende Nacht oder ihre Empörung. sie ließ ihn nicht aus den Augen.

Rakun, der Weltenverschlinger, stand mit gesenktem Kopf in der Welt und war ratlos.

sie konnte sehen, wie die Ratlosigkeit von ihm Besitz ergriff. sie kannte diese zerbrechliche Steifheit in den Gliedern. und sie spürte seine Fragen. „was ist los? war ich zu grob?“ fragte sie.

er zuckte mit den Schultern: „ich weiß nicht weiter…“

die Libelle schüttelte ihre Flügel auf, flog zu ihm hinüber und setzt sich auf seine Schulter ohne seine Erlaubnis abzuwarten: „verschling doch einfach etwas anderes.“

„und was?“

sie zögerte: „vielleicht…hm…den Tag?“

er stand ganz still. sie saß still. beiden war anzusehen, dass sie nachdachten.

„versuch es doch mal. so ein Tag ist wie eine ganze Welt und jeden morgen entsteht eine neue. und ich denke ehrlich gesagt, dass diese ganzen alten Tage besser verschlungen gehören als das sie irgendwo rumliegen sollten.“

sein Herz hellte sich auf. das Bedauern zerbröselte zu feinem Staub und ihr zartes Lächeln wehte es davon. er richtete sich auf und spürte Wärme in seinem Bauch. diese kleine Lilibe hatte Recht. sein Aufleuchten ließ auch sie erstrahlen und er nickte.

„wenn ich den Tag verschlungen habe, Lilibe, wartest Du dann mit mir auf den nächsten?“

die Libelle lächelte: „mit einem Weltenverschlinger, der meinen Traum von Zitronenkuchen schützt, warte ich ab jetzt gerne Nacht für Nacht auf den nächsten Tag. soll ich dir dabei was vorsingen?“

er nickte. die Libelle auf der Schulter verschlang er den Tag. erst das Rot und das Gelb und dann das köstliche Blau. Rakun und Lilibe setzten sich auf den Mond, um auf den neuen Tag zu warten und sie sang…

„But I won’t cry for yesterday
There’s an ordinary world
Somehow I have to find
And as I try to make my way
To the ordinary world
I will learn to survive“*

*Duran Duran „ordinary world“

 

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