in krankheit sein

nein, ich liege nicht hoch fiebernd ans Bett gefesselt. ich habe lediglich diesen blöden grippalen Infekt, der gerade umgeht. Konsequenz daraus ist, dass ich mich wieder mit dem gesund-krank-Paradigma auseinandersetzen muss.

natürlich ist mein erster tatsächlicher Gedanke: verdammt, ich bin in der Probezeit. das entspricht auf dem Gedanken des Mannes hier: verdammt, sie ist doch in der Probezeit.

dieser Gedanke ist so groß und dick und schwer, dass ich tatsächlich zwei Tage lang Schonung eingehalten habe, um am Montag möglichst wieder arbeiten gehen zu können. Schonung = Verzicht auf Freizeitaktivitäten mit den Kindern und Ordnung-machen sowie Einhalten gesundheitsförderlichen Verhaltens.

genauso bescheiden wie es klingt war es auch.

wäre ich nicht im Beruf, hätte ich mich wahrscheinlich angestrengt, meinen Teil zum Wochenende beizutragen, hätte mich gestresst aber auch mehr gelacht und mich dann eben Montagvormittag erholt, bis die Kinder wieder abzuholen sind. das hätte mir auch innerlich entsprochen. mir sind die Wochenenden mit den Kindern sehr sehr wertvoll. diese unverlangte und freie Zeit ist etwas, was wir immer noch miteinander üben, was uns aber auch goldene Momente verschafft. darauf habe ich verzichtet. weil ich krank bin und Montag wieder arbeiten muss.

heute früh um 5 konnte ich beim besten Willen nicht mehr einschlafen und habe nach Entscheidungshilfen gesucht. meine Nase lief und war gleichzeitig verstopft, mein Hals tat weh und ich fühlte mich elend. ich las mir Leitfäden und Diskussionen durch zu der Frage „bei grippalem Infekt und Probezeit krankmelden?“ und kam nicht weiter. ich dachte über die Arbeitssituation nach, über die Kinder, mit denen ich Kontakt haben würde. ich malte mir komplexe Situationen aus, in denen ich reagieren müsste. und eigentlich wollte ich meine Augen schließen und ruhig sein. bei mir sein.

um 6 weckte ich den Mann vorsichtig und erklärte mein Dilemma. was ich denn jetzt tun solle, war meine Frage. seine Empfehlung war „Wick daymed nehmen und durchbeißen…“

ich lebe in einer Gesellschaft, die sich selbst zerfleischt, wenn es um die Frage nach kindlicher Ernährung geht. bloß kein weißer Kristallzucker für die Kleinsten, Gemüse bitte nur Bio und wenn der kleine sich den Kopf anhaut geben wir Arnika-Kügelchen. das alte Omawissen um Wadenwickel und Heilwolle wird aus der Versenkung geholt. Klamotten vom Flohmarkt wirken gesundheitlich weniger bedrohlich als neue Kleidung. ich schwimme da mit! ich habe mit dem Zucker und der Schokolade beim Großen länger gewartet als beim Kleinen, weil der Kleiner schneller an alles dran kam, aber ich habe es versucht. ich habe Thymian-Myrthe-Balsam aufgetragen und immer Ringeblumensalbe von der Bahnhofsapotheke im Schrank. ich hab die Impfungen zwar alle mitgenommen, aber wir haben uns dafür viel Zeit gelassen. und ich habe mir inzwischen selbst eine Hausärztin mit homöopathischer Ausbildung gesucht, weil ich es leid war, immer nur symptomatisch behandelt zu werden.

ich bin ein ganzer Mensch und ich bleibe ein ganzer Mensch und wenn ich krank bin, gehört die Krankheit eben eine Weile zu mir.

dieses Paradigma, ich bin ganz ich und nicht teilbar, ist meine Überzeugung. wenn ich Schmerzen habe, muss ich wissen, woher sie kommen. wenn ich krank bin, muss ich gesund werden. die Alternative würde für mich bedeuten, dass ich etwas von mir abspalte, was gerade Kraft braucht, um etwas außerhalb meiner selbst gerecht zu werden. ich kann das tun. ich werde es auch sicher wieder tun. aber nur zu meinen Regeln. beispielsweise könnte ich für die Kinder über meine Grenzen hinausgehen. nicht lange. aber grundsätzlich. und ich würde es nicht bereuen.

jetzt ist es nur ein bescheuerter Infekt, der zeitlich einfach schlecht liegt. andererseits geht dieser Virus eben gerade um und überall sind Leute mit diesem Infekt belastet. bei erhöhtem Stresslevel und einer täglichen Dosis an öffentlichen Verkehrsmitteln und Kontakt zu vielen Kindern und angegriffenem Immunsystem durch die heimischen Viren (Sohnemann hatte ja letzte Woche 3 Tage lang einen üblen Magen-Darm-Infekt) ist es also keine Schande, krank zu sein. und selbst wenn ich die einzige im Umkreis von 50km mit diesem Virus wäre, wäre es keine Schande.

ich möchte gerne die Haltung „ein Arbeitgeber, der mich wegen eines Krankheitstages feuert, hat mich nicht verdient“ etablieren. entgegen jedem finanziellen Risiko und entgegen jedem Sicherheitsbedürfnis. ich glaube, ich kann meinem Arbeitgeber zumuten, meine Arbeitskraft auch dann beurteilen zu können, wenn ich 3 Tage nicht am Arbeitsplatz erscheine.

und ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen offensiver mit dem Gefühl der Krankheit umgehen und sich krankmelden, wenn sie nicht arbeiten können. ich wünsche es mir wirklich. ich bin es nämlich leid, als wehleidig oder bequem angeschaut zu werden, so wie ich es aus schon in meiner Kindheit gelernt habe. dieser Blickwinkel liegt nahe, wenn das Gegenüber sich eben noch mit Fieber fragt, ob es nicht doch einfach eine Paracetamol tut. wenn die Rechenaufgabe lautet Tag – Arbeit= kein Geld.

und es ist total einfach, einem kranken Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, weil er/sie nicht arbeiten kann. aber es ist gleichzeitig menschenverachtend und nicht gesundheitsförderlich, denn bei der nächsten Krankheit wird dieser Mensch seiner eigenen Wahrnehmung weniger trauen und sich unsicher fühlen. und wozu? was ist das Ziel? Perfektion? Demonstration der Selbstkontrolle? Geld?…führt es nicht eher zu einer unmenschlichen Gesellschaft?

Krankheit ist kein Luxus, den wir uns leisten, sondern Krankheit gehört zu jedem Leben dazu. sie gehört einfach dazu. basta!

 

Liefs,

Minusch

 


4 Gedanken zu “in krankheit sein

  1. Liebe Minusch,

    einfach nur ja. Es ist nicht sinvoll, gerade wenn Du mit Kindern arbeitest, krank zur Arbeit zu gehen. Ich denke, ein guter Arbeitgeber wird das genau so bestätigen. Erhol Dich gut und lass Dich nicht verrückt machen.

    Herzlich
    Rona

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