beziehungsalltag

na, dann schwinge ich mich auf in den Olymp zu den Menschen, die mir schon über Erziehung und Verziehung und Kinder allgemein etwas gesagt haben. ich hänge mich auf an meinem Urlaub, mit den beiden Kerlen (fast 3 und fast 4) und ich möchte euch erzählen, wie ich das mit der Beziehung so handhabe (denn erziehen kann ich nicht).

ich weiß nicht, ob ich durch mein SozPäd-Studium schon gesegnet war mit einer gesunden Skepsis gegenüber Ratgebern. aber ich habe tatsächlich nur drei gelesen: ein Juul Buch (nä) und zwei Bücher von Remo Largo ( yep). da mein Schwerpunkt im Studium im Bereich Erwachsenenbildung war und ich im Bereich Kindheit eigentlich nur den psychosomatischen bis psychiatrischen Bereich grob überblicken kann, verfüge ich also nicht per Ausbildung über mehr Wissen in diesem Bereich als andere. das möchte ich vorweg schicken.

was mich aber vielleicht von anderen unterscheidet, ist meine Kindheit und deren Aufarbeitung in zwei Langzeittherapien. was mich unterscheidet ist mein totes Kind und dessen Auswirkungen auf mein Leben. und außerdem mein eigener Wunsch, die Welt möge mich doch bitte einfach ernst nehmen.

dies ist der Hintergrund meines Mama-werdens. und daraus entwickelt sich meine Perspektive. meine eigene. ohne irgendwie Langzeitstudiengrundlagenparadigma.

ich betrachte meine Kinder grundsätzlich als eigenständige Wesen. das heißt, sie haben eine eigene Vorstellung von Tagesgestaltung, einen eigenen Biorhythmus und eigene Vorlieben. die Informationen darüber, wen was entspannt und wer was mag und welchem ich mit welcher Bitte kommen kann, habe ich gesammelt und sammle sie noch, denn meine Kinder sind außerdem ein Kontinuum. sie sind nicht irgendwann fertig sondern ändern sich jeden Tag ein bißchen. das setze ich voraus. und das ist die Grundlage meiner Entscheidungen.

wenn ich also einen Tag überblicke, weiß ich in etwa, wo unsere Sollbruchstellen sind und wo ich mit Widerstand rechnen muss oder wo ich ihn tatsächlich sogar einkalkulieren sollte. meine Kinder sind schließlich völlig normal entwickelt und haben gute und bescheidene Tage und gute und schlechte Laune und wissen manchmal nicht wohin mit sich und hauen dem anderen dann ein Auto auf den Kopf oder mir einen Besen in den Rücken oder einfach einen Teller kaputt.

wir fallen weder durch das rezitieren Kinder-angemessener Mantras im Stadtbild auf noch scheint uns die Sonne aus dem Popo. aber: wir sind ein Team. und das ganz offensichtlich.

ich nehme als Beispiel unseren Urlaub:

die Kinder wussten nicht davon, aber ich habe mir vorgenommen, zu allen Bedürfnissen meiner Kinder einfach „ja“ zu sagen. und wenn sie nicht gleich umgesetzt werden können, dann deren Umsetzung in Aussicht zu stellen. ich hätte gegen den erklärten Willen der beiden ohnehin keine Chance gehabt. ich brauche mir nur die Großstadt vorstellen, meinen Rucksack auf dem Rücken, den einen links und den anderen rechts an der Hand und dann ein „nein“ von mir. das hätte fatale Auswirkungen haben können. also lieber das „ja“.

das zueinander „ja“ sagen ist auch kein großartiges Geheimnis oder so. ich kenne beispielsweise aus dem Improvisationstheater, wo es eine der Grundlagen bildet, nicht negativ zu spielen, weil sonst die Handlung aufhört. ebenso kenne ich es aus unserem Familienalltag, wenn ich eine schöne Idee habe und der Mann sagt, dass er keine Lust darauf habe. schwups ist die schöne Energie fort. aber wenn es ein „ja“ gibt, dann öffnet sich eine Tür in ein Abenteuer und genau das wollte ich mit den Kindern erleben.

erste Geduldsprobe: Anziehen am Abreisetag

der Kleine hatte schon erklärt, er wolle gar nicht erst mit nach Hamburg. ich hätte ihn auch hier in der Betreuung lassen können, beide Optionen standen also ernsthaft zur Wahl. er fand beide Optionen blöd und zeterte herum (auch zurückzuführen auf die Spannungen zwischen uns Eltern). also mussten wir ihm irgendwie helfen, sich zu entscheiden und beschrieben beide Alternativen und die Zugfahrt und die Stadt und den steigenden Zeitdruck wegen des Zuges und irgendwann ließ er sich tatsächlich anziehen. an der Haltestelle Abschied vom Vater und wir waren zu dritt.

ich hatte so großzügig geplant, dass nichts schief gehen konnte und dann hatte der Zug auch noch 20min Verspätung. alles gut. bis wir aufs Gleis runter gehen mussten, weil der Aufzug kaputt war, auf den sich der Kleine gefreut hatte. ich hatte einen Riesen Rucksack auf dem Rücken und der Kleine schrie wie am Spieß, er wolle die Treppe nicht runtergehen. Tragen war keine Option. nach Hause fahren und Urlaub abblasen erwähnte ich nicht. also wieder: beschreiben dessen was kommt und in Panik ein Bestechungsversuch mit dem Wissen um einen Schokoladenautomaten auf dem Gleis. das fand ich eine bemerkenswert kleine Bestechung dafür, dass ich so mit einem einigermaßen ruhigen Kind die Treppe runtergehen konnte.

im Zug hatten wir keine Sitzplatzreservierung und pilgerten ins Fahrradabteil. wir verteilten uns auf zwei Sitzen und quer über den Boden und ich ließ die Jungs einfach machen. sie machten die Türen auf und zu und ich erinnerte mich an diese Poäng-Tester-Vitrine bei Ikea. Zugtüren müssen sicher auch so getestet worden sein. alles gut. sie krabbelten hinter und unter die Sitze, erschreckten die Mitreisenden, rannten im Wagen auf und ab. es war ok. Phasen der Aktivität wechselten sich ab mit Phasen der Ruhe. eine ältere Dame hinter uns bemerkte:“so zwei Kleine ruhig zu halten ist schon eine Aufgabe, nicht wahr?“ und ich lächelte und sagte:“ja, das stimmt, deswegen versuche ich es auch gar nicht…“

ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass ich meine Kinder ruhig den anderen zumuten kann und dass ich hören werde, wenn sie sich weh tun. und es ging.

in Hamburg selber lief es genauso. gut, ich gönnte uns mehr Fernsehzeit als zuhause, weil wir in einer fremden Wohnung wohnten und es mir sehr leid getan hätte, wenn wir mehr als eine Schüssel zerdeppert hätten. aber letztenendes war auch das eine Form von Teamwork. wenn es vorbei war, war es vorbei. und es funktionierte (zuhause darf immer ein Kind den Fernseher ausschalten, wenn die Sendung vorbei ist).

ich möchte auf folgendes hinaus: ich weigere mich, meine Kinder zu erziehen und ich erwarte nicht, dass sie einfach gehorchen. das hat den Nachteil, das ich sehr viel erklären muss. aber das hat eben auch den Vorteil, dass meine Kinder die Zusammenhänge verstehen. wenn ich in der Küche stehe und koche und der Kleine will noch schnell einen heißen Kakao mit kalter Milch, dann steht der Große daneben und erklärt, dass ich doch keine Krake bin und keine acht Arme habe und dass der Kleine einen Moment warten muss. wenn ich den Kleinen bitte, mir bei etwas zu helfen, dann antwortet er mit:“ja, sehr gerne“, weil ich das auch immer sage.

das alles läuft frei nach Schnauze. ich hab kein Buch hinten dran und keine Struktur. ich behandle meine Kinder so, wie ich auch behandelt werden möchte. und selbstverständlich reisst mir auch der Geduldsfaden, so wie mir auch bei Erwachsenen der Geduldsfaden reißen würde, wenn die Jungs das dritte Glas Apfelsaft über dem Teppich ausschütten. ich bin da ganz ich selbst: emotional-impulsiv und nicht interessiert an noch mehr Hausarbeit.

wenn der Kleine mir durch sein Autos-durch-die-Gegend-pfeffern weh tut, dann sage ich ihm traurig, dass mir das weh getan hat. und er schaut mich ernst an und antwortet:“das war keine Absicht, Mama. soll ich Dir ein Kühlpack holen?“

was sich andere davon abschauen könnten, wäre folgendes: überlegt, welche Energien ihr in welch Situation investieren wollte und dann los. es lohnt sich nicht, an jeder Ecke mit Konsequenz zu glänzen. und es lohnt sich erst recht nicht, mediale Nutzung ausschließlich zu verteufeln. meine Kinder dürfen Handy-Apps spielen und Fernsehen, weil das Tätigkeiten sind, die ich selber auch mag. sie gehören zu meinem eigenen Entspannungsrepertoire und sie sind erst dann schädigend, wenn der Ausgleich fehlt. Ausgleich! darauf kommt es an! wie beim Essen auch! eure ureigene Balance ist ausschlaggebend für eure Familie. ich mag Burger und Pommes sehr gern. also esse ich die auch mit meinen Kindern. ansonsten steh ich nicht dringend auf Fleisch, also koche ich zuhause viel ohne. ich liebe Abenteuer, also suchen wir die Abenteuer zusammen. wenn die zwei aber keinen Bock haben, dann ist das eben so, dann passiert was anderes. wir lassen uns treiben, checken ab, worauf wir so Lust haben und setzen es im Rahmen unserer Möglichkeiten um. meine Kinder rennen mindestens so gern wie sie Fernsehen. so what? alles gut. ich hab mein Leben schon öfter reflektiert und weiß, was ich mag und wie ich leben möchte. da brauche ich kein Klugscheißer-Handbuch, das mir vorgibt, wie meine Kinder bessere Kinder sein könnten oder gar ich eine bessere Mutter.

so gesehen können wir uns alle eigentlich nur entspannen. unseren Kindern sind die Ratgeber ohnehin egal. machen wir es ihnen nach. vertrauen wir unseren Gefühlen und genießen wir, was wir an gemeinsamer Zeit haben. allez!

 

Liefs,

Minusch

 


3 Gedanken zu “beziehungsalltag

  1. Gefällt mir sehr. Würde ich auch gerne genau so machen. Nur bin ich leider oft zu faul, genervt oder in Eile um etwas lange und umständlich zu erklären. Dann sag ich Nein! oder Schnell! Hoffe, dass ich da mit der Zeit gelassener werde.

  2. Ja largo ist nicht schlecht, aber auch nicht der hit…
    Vieles was du schreibst, kann ich auch über mein leben sagen, ein dringlicher buchtip, wenn dus noch nicht kennst ist „http://wp.me/p6GCUI-3k“ „The ContinuumConcept“, der deutsche tietel lautet „Auf der Suche nach dem verlohrenen Glück“ von Jean Liedloff. Obwohl du das KontinuumKonzept schon recht gut beschrieben hast…
    Ich merke auch, dass so eigentlich alles läuft, vorbild leben, ja sagen, ja ermöglichen, kind mit einbeziehen, erklären, erklären, erklären,…
    Ich werde so oft darauf angesprochen, dass ich so ruhig und respektvoll bleibe, dass ich alles einfach erkläre, dass meine kinder alles verstehen. Wenn ich sauer werde, wenn jemand quängelig wird, dann atme ich tief durch und denke, irgendwann wird sie schlafen…
    Bei problemen fällt mir immer auf, dass sie entstehen, wenn ich mein kind nicht verstehe, also keine aussicht auf bedürfnisserfüllung besteht und ihr die information für die fehlende erfüllung nicht zur verfügung gestellt wird…
    So einfach ist es, oft sagen mir leute, die uns zusammen beobachten, dass meine kinder so lieb und brav seien, das finde ich schrecklich, weil sie sich einfach automatisch sozial verhalten, meistens…als brav gelobt zu werden, brav ist ein so schreckliches wort, es sollte aus dem sprachgebrauch einfach verschwinden!!!
    Lovis

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