come what may

sie drehte sich. und drehte sich. ihre Finger folgten den Ästen in einer fantasievollen Bewegung irgendwo zwischen Schönheit und Irrsinn. die Sonne strahlte durch die Blätter und ihre geschlossenen Augen ließen sich vom Schatten leiten. ihre Füße spürten den Boden. ihr Körper spannte sich immer wieder neu zwischen den Händen auf und ließ jede Idee sich gleich wieder los.

das Gefühl eines Fußes, der über den Boden schleift übersetzte sich in ein Gefühl der leichten Schwere. ein Zustand zwischen Fliegen und Gehen. ein Lächeln zeichnete sich auf ihre Lippen und sie genoß die Erinnerung an die Steine hinter ihr. eine kalte Stele im gebrochenen Licht, die ihrer Bewegung immer wieder schon beim Anblick Halt gab.

die Musik in ihrem Kopf hatte nur den Zweck, sie von all den Fußgängern abzulenken. von den Blicken, die nichts anderes verrieten als Neugierde. die Musik hielt die anderen auf Abstand. verlässlich.

Irma war so gern allein hier. allein mit ihren Ideen und ihren Funken. sie blinzelte in die Wolken und spürte sofort das Echo in ihrem Bauch. dieses Gefühl, groß und weich sein zu wollen, auch wenn in ihren Ohren gerade ein Baß seinen Lauf aufnahm. groß und weich und unendlich und niemals fertig. sie spürte die Luftmassen in den Armen und wie sie sich durch den Wind weitertragen ließen. ihre Arme waren nicht lang genug für die wirklich großen Bewegungen, aber das zählte nicht, denn gedacht war ihr Körper zu jeder Zeit alles, was sie brauchte. so zog Irma auf diesem kleinen Platz vor der Stele ihre Kreise in die Luft. Linien. Ellipsen. Schleifen. die Füße fest an den Beinen aber ohne Anker im Boden vervollständigen von selbst die Spuren der Hände.

sie hatte schon auf Bühnen gestanden. sie kannte den Klang des Parketts unter ihren Füßen. aber sie mochte die Räume nicht. diese Wände, die den Klang veränderten. die  Lichter, die Realitäten herstellten. hier, auf den Betonplatten mit den unzähligen kleinen Steinchen, die wegspritzten, wenn sie ihren Fuß mit Wucht in den Boden stieß. die Äste um sie herum, die immer wieder aufs Neue aufforderten zu wiederholen und zu wiederholen und in der Wiederholung sich selbst zu entdecken. kleine Grashalme, namenlose Pflanzen. und in den Ohren ein Klang von anderen Menschen.

Irma bemerkte erst zu spät die Beine auf ihrem Platz und stolperte überrascht über einen Fuß. mit ein paar absurden Bewegungen stand sie lachend wieder auf und hatte den Schreck schon verschluckt. vor ihr stand ein Mann.

er schaute sie an.

sie schaute ihn an.

ihr Gesicht verzog sich sofort zu dem Lächeln, das ihre Distanz wahrte.

er schaute sie an. er nickte leise.

sie nahm die Kopfhörer aus den Ohren.

„entschuldige, ich habe dich nicht gesehen…ich hab Musik gehört“, das Offensichtliche zu benennen war ihr Reflex. ihre Körperspannung veränderte sich, denn er schaute sie weiterhin an. er stand still auf ihrem Platz und schaute sie an. er muss gesehen haben, dass sie hier tanzte. er muss vorgehabt haben sie zu stören…er muss…irgendwas…was wollte er?

„ich wollte sowieso gerade gehen…“ sie griff nach der Wasserflasche am Rand hinter ihm aber er stoppte ihre Bewegung mit eine Berührung. einem Griff nach ihrer Hand. er erreichte ihr Handgelenk in einer flüssigen Bewegung und schaute sie weiterhin an. er lächelte nicht. er sprach nicht. er hielt sie fest.

Irma war starr. sie standen an einem öffentlichen Platz. jeder konnte sie sehen…sie ließ zu, dass er ihr Handgelenk hielt und spürte…Wut und Angst und Verwirrung und…und sie spürte eine wilde Freude aufsteigen. ihr Lächeln fiel langsam hinunter. die Geräusche um sie herum nahmen zu. das Brausen des Windes in den Blättern. die Vögel in ihrem beiläufigen Stakkato. sie hörte die Bienen im Gras. sie hörte Kinder in der Ferne lachen. und sie spürte einen Ton.

ihre Füße wurden leicht und einer glitt zur Seite. ihr Körper folgte und dann der Arm und mit dem Arm der Mann. er folgte ihrer Bewegung. seine Finger auf ihrer Haut änderten ihre Energie und sie spürte den dringenden Wunsch, ihn mitzunehmen.

Irma schl0ß die Augen und atmete tief ein. sie folgte ihrem eigenen Klang und ließ sich hinuntergleiten unter dem Arm des anderen hindurch. er folgte ihrer Drehung ganz zart aber klar und warm und ließ sie durch sich hindurch fließen. sie spürte seine Reaktion und antwortete darauf. sie richtete sich auf mit dem Gefühl eines wachsenden Hungers unter den Händen und folgte seinem Körper bis sie hinter ihm stand.

diese Wärme war ihr so vertraut. ein Schimmer von alter Sehnsucht. sie öffnete die Augen und bemerkte kaum, dass sie ihre Wange an seinen Rücken legte während er weiterhin ihr Handgelenk hielt.

suddenly the world seems such a perfect place, suddenly it moves with such a perfect grace

sie hörte seinen Herzschlag unter dem Stoff und atmete tief hinein in diesen Moment um dann seinen Arm an ihrem entlang streifen zu spüren. sein Oberarm folgte ihrer Kontur und sie glitt mit ihm in diesen Fluß hinein. die Schritte waren nicht mehr zu spüren. alles um sie herum versank in einem goldenen Fluß. ihre Hände fanden einander, ließen sich los. ihr Handgelenk erinnerte seine Berührung, als er los ließ, aber schon während sie die Kühle auf der Haut bedauerte entschädigte er diesen Verlust durch eine Bewegung an ihre Seite.

it all revolves around you

sie spürte Perlen in sich aufsteigen und mit einem kleinen Schrei ließ sie sich ihm entgegenfallen um dann mit einem Gefühl blinden Wahnsinns in seiner Umarmung zu stranden.

er hielt sie. still.

die Bewegungen verließen sie, flossen in den Boden und stiegen mit Wucht in die Bäume um sie herum. der Wind riss an ihren Haaren und die Luft leckte Kühle über ihren Rücken. die Vögel verstummten und das Rauschen in den Bäumen in der Ferne überragte ihr Leben.

I never knew I could feel like this, like I’ve never seen the sky before

die Perlen schmolzen zu Tränen. die Wolken verdeckten die Sonne und nahmen die Farben der Blumen mit sich. Irma stand dort gehalten von einem Menschen im Nirgendwo und spürte ihr Leben. sie spurte ihren Puls. und sie spürte ein anderes Herz unter ihrer Hand. dort, wo noch eben Hunger war blühte jetzt ein Lächeln auf.

come what may, come what may

 

 

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