are we humans…?

wir sind die Generation, die derzeit entscheidet. politisch vielleicht nicht, da sitzen noch immer unsere Eltern und die, die dazwischen liegen, aber wir sind die nächsten, die dran kommen. wir sind diejenigen, die aktuell die Elterngeneration stellen. wir sind diejenigen, die unsere Kinder in die Betreuung bringen, Hortkosten erwirtschaften und abends frustriert von irgendwelchen Studien lesen, die unseren Alltag scheinbar aus einer völlig irrationalen Perspektive beleuchten, analysieren und bewerten. wir schreiben Produktrezensionen und Blogs. wir recherchieren, bevor wir konsumieren. wir fragen niemanden mehr, was der Unterschied zwischen vegan und vegetarisch ist. wir haben die Frauenquote.

wir sind die Generation, die zu Tschernobylzeiten nicht mehr im Sandkasten spielen durfte und die danach mit Gudrun Pausewang im Hinterkopf eingeschlafen ist. wir sind die Generation, die erst „die Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen hat und später lesen durfte, dass Kurt Cobain sich umgebracht hat. wir hätten noch eine kleine Chance gehabt auf ein Queen-Konzert und wir wissen alle, dass Freddy Mercury Sex mit Männern hatte und sich so AIDS eingefangen hat. dank Ewan McGregor waren wir die ersten, die wussten, wie sich ein Heroin-Trip auf uns auswirkt, bevor wir es versuchen mussten.

wir sind auf einem Aufklärungslevel aufgewachsen, das haben viele unserer Eltern bis heute nicht erreicht. wir wussten schon von sexuell übertragbaren Krankheiten, da haben unsere Eltern noch überlegt, ob sie wirklich ein Kondom über eine Banane ziehen sollten.

und dann mit einem Mal gab es noch den Anheizer schlechthin: Internetverbindungen über den ganzen Globus. Beziehungsoptionen, die wir vorher nur von Romanen kannten. Informationsquellen direkt zuhause am Schreibtisch und nicht nur zu den Öffnungszeiten der Stadtbibliothek. Musik…so viel Musik…wieviele von uns haben Napster runtergeladen, oder mit dem Onion-Router gehadert? wieviele von uns haben nervös versucht, ihre virtuellen Wege zu verschleiern, damit wirklich niemand erkennen kann, wieviele Songs und Filme wir tatsächlich illegal runtergeladen haben? wer von uns hatte noch nie ein Online-Dating-Profil und die damit verbundene Hoffnung, dieser eine Spiegelmensch möge uns doch bitte genau jetzt finden?

Pornos mitten in der Nacht bei zugezogenen Gardinen. was für ein Genuss?

und wer hat uns das alles beigebracht? von wem wurden wir begleitet auf unserem Weg zu multimedialen Bürger*innen? wer hat mit uns darüber gesprochen, im Chat auf unser Bauchgefühl zu hören und nicht jedem Fremden unsere Nummer zu geben. ich erinnere mich vor allem an diese Lieder, nicht mit dem Mann mitzugehen, der uns Bonbons anbietet…aber von virtuellen Bedrohungen war nie die Rede.

wir sind eine Generation von Selftrainer*innen. wir schaffen uns in Datenbänke rein, erschließen uns Blogger-Content und klären uns selber auf. niemand nimmt uns das ab. zusätzlich stellen wir uns in Frage und sind unzufrieden mit unserer Leistung. am Arbeitsplatz könnten wir präsenter/cooler/effizienter/ruhiger sein. zuhause könnten wir ordentlicher/entspannter sein. wir sind die Generation work-life-Balance. wir wissen so abartig viel über Ernährung und Entspannung. über Wachstumsphasen, Krisenintervention und Selbstmanagement. mit jedem Schwung werden ein paar von uns wieder in Seminare getriezt, die uns helfen, uns besser zu verkaufen, zu bewerben, zu bewegen, zu fühlen. sobald bei uns Leerlauf droht, schalten wir hoch.

die Scheidungsquoten steigen. die Fälle kindlicher seelischer Störungen steigen. jeder hat jemanden mit Depression im engeren Umfeld. Menschen bemerken in der Krise, wie schlecht sie behandelt werden, aber kaum sind sie raus, zieht die Maschinerie wieder an. wir brauchen das Geld fürs Haus, das Auto, den Lebenserhalt, die Bioprodukte, eine neue Nähmaschine mit der wir dann aus Stoffresten tolle Klamotten für die Kinder nähen können, also wenn wir die Zeit dazu finden.

wir erinnern uns an alte Handwerkstechniken und feiern sie wie einen Weg zurück zum Ursprung. wir machen Butter selber, kochen Sirup für selfmade-Limo und häkeln Geburtstagsgirlanden wie zu Omas besten Zeiten, die wir nur von bräunlichen Fotografien erahnen können.

die ersten Familien haben jetzt gerade ihre Kriegstraumata bewältigt. in anderen lebt die preussische Tugend noch heute gemeinsam mit der Angst weiter. und nebenher regen wir uns übereinander auf wie die Fuhrkutscher. mit Genuss zerreissen wir in der Luft, was nicht zu unserem lifestyle passt. zu dem lifestyle, zu dem wir uns genötigt fühlen, weil die Bedingungen außen rum nichts anderes zuzulassen scheinen. klar sind wir engagiert und sitzen bei jedem Elternabend. klar gehen wir arbeiten, muss ja, ne? alles ok…den Umständen entsprechend. das große Glück kommt sicher dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind…

wir sind auch die Generation Warteschleife. bloß nicht zu viel Engagement. Praktika innerhalb geordneter Rahmen und ohne Anspruch auf irgendwas. Leben abgeheftet in Form von Mitteilungen zu unseren Rentenbeiträgen. „Wenn Sie so weiter machen und wenn das mit den Renten sich so weiter entwickelt, dann werden sie ab dem Renteneintrittsalter von 65 Jahren monatlichen 420,45Euro bekommen bis Sie ins Gras beißen oder halt eben auch nicht.“

wir warten schon jetzt auf die Rente. lohnt sich Riester eigentlich wirklich für eine Frau, die eh aufgestockt werden muss, weil sie 15 Jahre lang eben nicht voll eingezahlt hat und es danach vielleicht auch gar nicht wieder will, weil sie auch so das Gefühl hat, nichts für sich getan zu haben?

worauf genau warten wir?

wann genau machen wir den Mund auf?

wir haben eine Menge Mut bewiesen, indem wir Kinder in die Welt gesetzt haben. wir haben uns alle in unserer Pubertät gefragt, ob diese Welt überhaupt würdig ist, belebt zu sein. wir kennen die stories von den Schmarotzern, die nie ihren Wirt töten würden und dem Menschen, der rund herum abholzt, was er zu Geld machen kann. wir sehen die Auswirkungen unserer Konsums und verändern an diesem Hebel zu Freude derer, die auf dieses Geschäft gewartet haben. kleine Läden werden groß und unübersichtlich und unmenschlich.

wir haben ein System, das uns schützen soll, wenn wir krank sind. aber dem übergeordnet läuft eines, das Schaden in Zahlen übersetzt und alle Zahlen im negativen Bereich ablehnt. Scheitern ist die große Sünde gepaart mit Prokastination. wir müssen alles versuchen und wenn wir es nicht schaffen, dann sind wir selber schuld und dann gehen wir zur Gesprächstherapie um zu lernen, mit uns selbst doch nicht zu hart zu sein und demnächst ein bißchen besser auf uns zu achten. die Kosten trägt natürlich die Krankenkasse.

warum ist auf der Beschilderung für Menschen mit Einschränkungen eigentlich nur ein Rollstuhl? ich habe die Erfahrung gemacht, dass Depressive, Blinde, sexuell komplex orientierte, Harmonie-bedürftige, arme  und langsamere Menschen auch eine Form der Behinderung erleben und auch Hilfe kriegen könnten in Form von öffentlichen Toiletten, an denen sie nicht blöd angepampt werden oder in Form von barrierefreien Reisemöglichkeiten.

wer setzt die Standards?

wer ist normal?

woran sind wir selbst schuld?

 

wir sind abgelenkt von dem, worum es wirklich geht. von der Gestaltung unserer Welt. diese Parks, Straßen und Wege. die Wälder, Gärten und Seen. das alles gehört uns. alles, was staatlich ist, gehört uns. und wir leben hier. wir sind verantwortlich für das Klima um uns herum. wir sind die Entscheidenden.

wir sind die, die mit dem aufräumen können, was vor uns war. wir alle. und zwar nicht nur progressive Frauen sondern auch Männern, die die Schnauze voll haben von Geschlechterkämpfen oder dem Gefühl, bei den Kindern nur die zweite Geige zu spielen.

Leute, ernsthaft: es geht um Euer Leben! kämpft für das, was Euch wertvoll ist! nicht für die Firma…wir sind auf einem Informiertheitsgrad, der den der Generationen vor uns nach uns aktuell übersteigt. wir sind die, zu denen die jüngeren aufschauen und wir sind diejenigen, die von den älteren nicht ganz für voll genommen werden, wenn die sich einbilden, dass wir weiterhin Bock darauf haben, zu deren Bereicherung beizutragen.

 

unsere Welt geht nicht kaputt, wenn wir uns umeinander kümmern und füreinander einstehen. sie geht genau dann kaputt, wenn wir jeder für sich der Meinung sind, wir könnten nichts tun.

 

Minusch

 


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