was hatten wir vereinbart?

als ich Mama werden wollte, wollte ich Mama sein. also sein. mein Gedanke war: wenn das Kind erst draußen ist, wachsen mir Mütterlichkeitsschmetterlingsflügel und ich bin Mama. nach dick kommt glücklich und schön wie bei Eric Carle.

jaaaa, ich hatte und habe schon viel über Wege gelesen, und der Weg ist sowieso auch immer irgendwie Ziel, dabei sein ist alles, und die Erfahrungen kommen nur durch tun. aber trotzdem dachte wohl ein – vermutlich kindlicher  – Teil von mir, ich wäre nicht nur rechtlich sondern auch emotional Mama, wenn das Kind erstmal raus ist aus dem Bauch.

hat da jemand gekichert?

naja, mit dem Führerschein konnte ich Autofahren. mit dem Abizeugnis war ich schlau genug für die Uni. mit dem Diplom durfte ich endlich Geld für meine Arbeit verlangen. mit der Geburtsurkunde links und dem Baby rechts bin ich Mama. hab ja auch den Geburtsvorbereitungskurs gemacht. klare Sache.

stimmt aber nur so etwa gar nicht.

inzwischen gewöhnt sich der Kleine gerade selbst die Windel ab, der Große übt mit Hingabe schreiben, weil seine Verlobte es schon kann (sie ist 5). und ich kriege es immer noch nicht verlässlich geregelt, irgendetwas für mich ritualisiert zu machen.

aber:

ich bin da. meine Kinder nennen mich Mama. die Leute um uns rum nennen mich „Mama von…“ und ich stelle mich auch so vor. also im privaten Kontext: „Hejhej, ich bin Minusch, Mama von k1 und k2, SozPäd und Entspannungspädagogin für Kinder.“

das bin ich.

das hab ich vereinbart.

das stimmt auch so.

und der Rest ist Realität: Termine vergessen oder zu spät wahrnehmen, Unterlagen vergessen oder zu spät wegschicken, Kinder abholen und mitnehmen, einkaufen, aufräumenaufräumenaufräumen, ewige Wäscheständer, ein zugemüllter Schreibtisch, ein irgendwie immer wieder leicht dahin siechender Balkon, alle zwei Wochen Salsakurs (obwohl ich keine Studentin bin, also mit schlechtem Gewissen), zwischendurch ein Gefühl von „ihr könnt mich alle mal“, Solidarität mit Gina Lisa, Frust über den Brexit, Schnittchen schmieren während den Fußballspielen der deutschen Mannschaft, Kuchen backen und Marmelade kochen und Eis machen und Kühe angucken und Kaulquappen nicht finden, Fahrradfahren und fahren und fahren…

wie? er hatte die Windel jetzt echt 8 h lang an? wie konnte das passieren?

verdammt, die Vorsorgeuntersuchung hätte letzten Monat sein sollen? ups…

was soll das heißen „wir haben keine heilen Hosen mehr im Schrank?“

oh, die Unterhosen haben Größe 104 und er trägt schon 122?

shit, morgen braucht er Gummistiefel. wo sind diese besch*** Gummistiefel?

was? heute ist kein gemeinsames Frühstück? unser Brot hat gerade der Kleine aufgegessen!!

gerade stinkt mein Shirt (schon wieder), der Himmel ist grau aber so irgendwie wenigstens nordseeähnlich, in der Stadt hat das Heinertest angefangen. ich sitze auf dem Bett und tippe rum. ganz cool eigentlich.

in mir blühen Visionen von gelingendem Leben. ruhig eingerichtete Räume mit ordentlichem Fußboden (unser Laminat ist so dermaßen hinüber), schöne Blumentöpfe vor der Tür, ein Garten hinter dem Haus, Momente völliger Stille OBWOHL alle vier im Haus sind (wir haben ja nicht mal ein Haus), gebuchter Urlaub, ein leerer Schreibtisch, ein Konto im Plus, regelmäßige Termine (die wir alle erreichen, ohne uns zu hetzen) und abends ein üppiges Abendessen im Kerzenschein für alle.

ok, das war jetzt kein Kichern, sondern ein ausgewachsener Lachanfall irgendwo da draußen! ich habs gehört! ich träum ja auch nur!

echt jetzt: vereinbart habe ich „Mama sein und noch ein wenig arbeiten“. bekommen habe ich „Mama sein und ein wenig arbeiten und drölfzigtausend aktuell unerfüllbare neue Sehnsüchte“.

läuft.

oder?

 

 

liefs,

Minusch

12 thoughts on “was hatten wir vereinbart?

    1. 🙂 ich glaube, es gibt so Grundgefühle, die wir alle teilen, aber die als erstes über Bord gehen, wenn es stressig wird. Zufriedenheit ist so eins…:-)

      liebe Grüße! ❤

  1. Oh, das unterschreibe ich komplett!!!
    Ich hatte gestern ungelogen mindestens 20 einzelne Socken vor mir liegen und dachte: Ich bin ein Versager, noch nicht mal das kriege ich hin und musste doch selbst über mich lachen.
    Unordnung, Gummistiefel, zu kleine Kinderklamotten, verpasste Arzttermine, aufräumenhinterherräumensuchen, warum-haben-wir-keine-Bananen-mehr??? …
    hach, ich könnte deine Liste endlos fortsetzen.

    In solchen Zeiten lese ich keine heile Welt Blogs, die ich sonst eigentlich auch gerne mag. In solchen Zeiten finde ich die stressig.

    LG

    Stefanie

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