sanft geseufzt

Stille

so langsam kommt sie. oder zumindest ist sie sichtbar. so langsam.

ich schaue 5 Jahre zurück und erkenne jetzt, was ich alles bereits vergessen hatte. oder in meinem Lebensarchiv aus dem high-frequency-Regal rausgenommen und irgendwie ungünstig weggeräumt hatte. als hätte ich einen Teil meines Lebens in den falschen Keller gestellt. als hätte ich vergessen, dass diese Tür dort auch zu meiner Wohnung gehört.

ich lebe gern in der Stadt. die Stadt hat eine ganz eigene Stille. sie ist nie vollkommen, aber wann ist Stille das schon. die Stille einer Stadt ist wie die Stille einer Familie. sie lebt von ihrem Gegensatz. deswegen funktioniert in der Stadt ja auch Wellness so gut. allein sein-Angebote. Entspannungstraining, Salzgrotte, alle zwei Straßen ein Yoga-Studio, liebevolle kleine Cafés…alles, damit Du loslassen und allein sein kannst. das wird in einer Stadt richtig wertvoll, weil Du ja ansonsten ein mehr oder weniger getaktetes Leben lebst. der Bus fährt um 7:04, die Arbeit beginnt um 8:00, Essen in der Mensa gibt es ab 11:15, die Kinder sind zwischen 14:30 und 15:00 einzusammeln, Hunger auf Brote haben die Kinder ab 18:00…

ich habe meine Zeit post Elternhaus und prae filii damit verbracht, zu begreifen, was mir früher an Wertvollem ausgetrieben wurde. beispielsweise das mit dem Faulsein. ein unfassbar beglückender Zustand zwischen Schule und Schlafen. ich konnte in meinem Zimmer faul sein, im Wald, auf der Straße. beim Faulsein hörte ich Musik, schrieb Gedichte, dekorierte meine Poster neu oder stellte Trockenblumen-Sträuße um. ich träumte von einem erfolgreichen Leben, richtete gedanklich ganze Häuser ein und versuchte herauszufinden, wie ein Mensch sein könnte, mit dem ich alles das teilen würde.

Faulsein, ein Zustand, der sich effizient produktiven Menschen allenfalls als Verschwendung darstellt, war für mich ein Ausgleich zu all den Belastungen des Alltags. heute ist bekannt, dass diese Tagträumereien wertvoll sind. dass sie den Menschen darin üben, sich selbst zu entspannen, sensibel für sich zu sein und gut für sich zu sorgen. ebenso ist heute bekannt, dass das immer weniger Kinder können. steigende Stresssymptome (wie Kopfschmerzen, Schlafschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme, Aggression) sind warnende Marker eines Systems, dass sich der Leistungssteigerung verschrieben hat und in dem für jede Ahnung eines Bedürfnisses direkt 10 Anbieter aus dem Hut springen, die dieses Bedürfnis für wenig Geld aus reiner Selbstlosigkeit stillen.

welche Bedürfnisse du wie stillst, liegt in deiner Hand. das einfachste für mich ist in den meisten Fällen Träumen. Faulsein. durch eine leere Wohnung gehen und spüren, dass ich hier allein sein kann. mich dem zuwenden, was mir gerade durch den Kopf geht. dieses Faulsein hat an Kostbarkeit noch gewonnen, seit meine Söhne da sind. weil es mit ihnen noch nicht geht. aber ich erkenne bei beiden schon die Fähigkeit, sich eine Welt zusammen zu träumen. wir können gemeinsam traumhafte Legostädte entwerfen und aus Pappe bauen. das einzige, was ich dabei tu, ist sie zu bestärken, mit dem, was sie tun, weiter zu machen. ich sage nicht „nein, in diese Richtung kann dein Auto hier nicht fahren“ sondern „super, dann können wir zusammen einen Unfall bauen“. ich sage nicht „nein, die Ziege sollte mit dem Zug geliefert werden“ sondern „ach, wenn der Zug schon weg ist, geht die Ziege eben noch einkaufen“. ich sage nicht „du, das Teil brauch ich nicht“ sondern „woah, Danke! wo kann das hin?“

ich sehe die Träume in meinen Kindern wachsen. sie haben eine Vorstellung von schön und nicht-schön (häßlich ist abstrakt) und von dem, was sie brauchen, um glückliche Kinder zu sein. und jeder von beiden entwickelt seine eigene Palette von Maßnahmen, die ihm durch den Tag helfen. zu schimpfen ist nur ein Vehikel, wenn da noch etwas anderes fehlt. manchmal hilft schon die Frage, was das Kind denn braucht, um nicht mehr schimpfen zu müssen (aber das hilft wirklich nur manchmal…je nach Wutpegel besser oder schlechter). der eine muss malen, der andere Autos bewegen. der eine braucht eine Höhle, der andere einen Stall. der eine muss Tiere pflegen, der andere vor dem Spiegel posen.und manche dieser Maßnahmen sind so ansteckend, dass der zweite mitmacht und so geraten beide zusammen in ein neues Spiel.

total ineffizient. sinnlos. rein situativ. nicht wiederholbar. sie sind die besten Lehrer wenn es darum geht, die Zeit verstreichen zu lassen und dabei ein Höchstmaß an Lebendigkeit zu spüren. sie sind die besten Lehrer, wenn es darum geht, sich um sich selbst zu sorgen. sie sind die besten Lehrer wenn es darum geht, den tatsächlichen Stress eines Tages in der Stadt sichtbar zu machen und so handlungsfähig zu werden. und sie zeigen dir auch, wie du wieder runterkommen kannst: Rituale, Wiederholungen, Ruhe, Fernsehen (;-)), Backen, Malen, Baden, etwas Leckeres (EIS!) essen…

so gelange auch ich immer wieder in Sichtweite meiner Stille. ich erinnere mich durch den Alltag, in dem ich nicht still sein kann, daran, wer ich bin und wohin mein Weg mich führt. denn meine Stille ist kein zenbuddhistischer Zustand auf einem Berg. meine Stille ist der Blick durch das Fenster raus aufs Meer mit einer dampfenden Schüssel Essen auf dem Tisch und der Gewissheit, dass die Schritte draußen vor dem Haus die meiner Söhne sind.

Liefs,

Minusch


2 Gedanken zu “sanft geseufzt

    1. ach Du…ich finde ja auch so viel Wahres in anderen Blogs. und es freut mich so sehr, wenn Mebschen meinen Worten/Gedanken folgen und etwas davon in sich wieder finden.

      ein so schöner Austausch.

      Danke fürs antworten! ❤

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