#DepressionRoar

üblicherweise nehme ich an solchen Hashtags teil, weil ich mich nicht verstecken will. dieses Mal nehme ich daran teil, weil ich dahinterschauen möchte.

ich war in meinem Leben zwei Mal mit der Diagnose Depression in Behandlung. ich behaupte, dass ich schon früher kleinere depressive Episoden hatte, aber das ist nicht diagnostiziert. meine erste Behandlung erfolgte nicht aufgrund meines eigenen Einsatzes dafür sondern über die behandelnden Ärzt*innen meines ersten Sohnes. sie nahmen mich wahr, spürten meinen Zustand und drängten mich tatsächlich liebevoll, mit einer Therapeutin zu sprechen, die extra von der Klinik aus dafür da war, den Eltern schwer kranker Kinder zu helfen. von dieser Therapeutin aus fand ich dann eine externe Therapeutin, die meine erste Langzeittherapie mit mir durchführte.

schon diese Umstände entsprechen nicht dem üblichen Weg und waren ein Glück für mich, denn Freunde oder Verwandte, die mir in dieser Situation beratend zur Seite gestanden hätten, waren nicht präsent, obwohl eine Tante von mir Ärztin ist und meine Mutter Arzthelferin (es gab also einen professionellen Background).

durch meine Fixierung auf mein schwerkrankes Baby auf der Neonatologie war ich den ganzen Tag in einem Tunnel unterwegs. durch den Fütterungsrhythmus der Station war mein Tag getaktet. ich war ferngesteuert und gönnte mir als Luxus, abends zu chatten, Herr der Ringe zu schauen und jeden Tag dasselbe zu kochen. oder eben nicht.

ich stand für mein Kind auf. mir wurde gesagt, es brauche mich. sagen oder zeigen konnte mein Kind das ja nicht. also ging ich in Vertrauen auf die Ärzte*innen morgens hin und kam abends zurück. ich war ordentlich angezogen, denn auf der Station waren ja noch andere Menschen und mir war schon mein post-CS-Schwabbelbauch ein wenig peinlich. meine Wohnung war immer ordentlich, denn ich war ja kaum zuhause und wenn ich da war, saß ich am PC, der Fernseher lief und ich aß. einmal in der Woche putzte ich. ich lebte wegen des Kindes und meines Status als Studentin von Sozialhilfe, die ich schon vor der Entbindung beantragt hatte.

nicht jeder hätte sehen können, wie schlecht es mir ging, denn: ich hab es selber nicht gemerkt.

Teil meiner Therapie war zunächst, zu erkennen, mit was für einer Belastung ich unterwegs war. mir hat das in meinem Umfeld keiner gesagt. und ich funktionierte ja.

und jetzt komme ich an den Punkt, um den es mir geht:

ich bin inzwischen davon überzeugt, dass eine Aufklärung über Depression ins open hinaus nichts bringen kann, weil sie die Menschen, die an dem System und seinen Belastungen scheitern, als schwach stigmatisiert UND weil die, die noch durchhalten ihre Kraft brauchen, noch durchzuhalten.

ich möchte an dieser Stelle nicht wehklagen, sondern auch die andere Seite sehen. schon damals, als ich betroffen war, gab es Literatur zu dem Thema. Leute, zu Depression gibt es Bücher für wirklich jeden. bezogen auf den Körper, den Geist, die Seele, künstlerische, Ernährungs-Ratgeber, Yoga, philosophische, kulturanthroprologische, für Erwachsene, Jugendliche oder Kinder sowohl als Betroffene wie auch als Verwandte von von Depression Betroffenen. es gibt Filme, die dieses Thema flankieren oder direkt angehen. es gibt Songs. Ratgeber und Ratgeber und Ratgeber. Netzwerke, Telefonseelsorge, Notfalltelefone für Kinder und Jugendliche, Notfallambulanzen, Selbsthilfegruppen.

und das alles gibt es nicht erst seit gestern.

und doch bleiben die Sprüche alle gleich. „reiss dich zusammen“, „das wird schon wieder“, „dir gehts doch eigentlich gut“, „du nimmst doch Tabletten“, „du bist doch seit 5 Wochen krankgeschrieben“…

für Depressive hat jeder dieser Sprüche Sargnagelcharakter. und sie fallen dennoch.

und ich denke, das liegt daran, dass wir uns als Menschen selbst mehr entfremdet sind, als wir ahnen.

wir wurden in der Schule darauf trainiert, Wissen aufzunehmen. über Anwendung und Transfer will ich nicht ablästern, aber wir wissen ja alle, welche Schwächen unser Bildungssystem hat. ich behaupte, die größte Schwäche sind mangelnde Ressourcen, ein veraltetes System und Problemorientierung. in Ausbildung oder Studium vertieft sich unser Wissen über Selbständigkeit (ist schon geil, sich überlegen zu fühlen, nur weil ich es schaffe (!) immer pünktlich zu sein und die Trulla da drüben kriegt es nicht hin) und Leistungsorientierung. und dann geht es rund: Vorstellungsgespräche, die uns auf Spur bringen, weil wir auf die Kohle angewiesen sind und nicht einfach sagen können „sorry, mit mir nicht…“. dann seltsame Arbeitsverträge, Ansprüche der ArbeitskollegInnen, Mobbing, Stress, Pendeln, der ewig gleiche Haushalt und die Sehnsucht danach, sich zum Ausgleich für den Stress „mal was zu gönnen“. ich behaupte, dass sich diese Schablone auf weit mehr als die Hälfte aller Deutschen anlegen ließe. wir lassen uns einiges dafür gefallen, dass wir am Ende des Monats etwas mindestens 4stelliges aufs Konto kriegen…und unseren Stress bauen wir dann in der Freizeit ab:

regelmäßiger Sex dank Tinder (oder zumindest immer wieder Vorfreude, auch wenn nix läuft), Binge-Watching (das durften wir als Kinder ja nicht), teure Handys (die sind einfach praktisch, ne? und ich gönne mir sonst nicht viel…)…he, und wenn ich Sport mache, brauche ich erstmal Sportklamotten als Motivation! außerdem bereiten wir uns ab 20 ja darauf vor, den und die Richtige*n zu finden, um eine Familie aufzubauen. eine ganz moderne Familie, nicht sowas, was unsere Eltern hatten. wenn allerdings er nunmal mehr Geld verdient als sie, dann zucken wir gemeinsam mit den Schultern, beißen die Zähne zusammen und sie übernimmt die Care-Arbeit und er eben den Erwerb, bis es einen Betreuungsplatz gibt, für den wir nebenher noch ehrenamtlich arbeiten können. oder eben sie, sie arbeitet ja nur halbtags…(ich weiß, ich gehe nicht auf sexuell nicht-hetero-präferierende Menschen ein. ich tu das nicht, weil ich nunmal hetero funktioniere und Respekt davor habe, dass sexuell nicht-hetero-orientierte Menschen hier noch ganz anderen Stress auszuhalten haben, vor allem wenn es ums Kinderkriegen geht).

wir alle sind auf unsere eigene Art gestresst.

wir sind groß geworden in einem Leistung-Optimierungssystem, das damit lockt, dass die belohnt werden, die sich anstrengen.

(ob das nun stimmt, steht auf einem anderen Blatt…ich glaube, es liegt in der Ablage P) wenn Du also nicht belohnt wirst, hast Du Dich nicht genug angestrengt. ergo bleiben wir auf dem Weg, beim struggle (die Belohnung wird schon kommen), und schauen den anderen beim Wegknicken zu…guck, die eine kriegt Krebs, die andere meldet sich nicht mehr, der da hat die Familie verlassen (die zwei haben auch echt nur gestritten, es war schon besser für die Kinder…) und wenn die da mit den Kindern so weitermacht, reichen die Mutter-Kind-Kuren bald auch nicht mehr…ohja, Lästern tut gut, oder?

wenn Du wegknickst, weil Dein Körper die Vollbremse zieht (und eine Depression ist nicht nur nach Daniel Hell genau so eine Vollbremsung), dann stehst Du plötzlich außerhalb dieses Systems, unterstützt von einem/einer Therapeut*in und sprichst von dort aus zu denen, die noch rennen. oder du sprichst eben nicht. aber da diese verletzenden Sprüche von oben ja irgendwo her kommen müssen, wird es wohl Kontakte zwischen beiden Welten geben.

und die einen schreien innerlich „ich möchte doch nur, dass mich jemand schützt“ und die anderen schreien innerlich „ich fühle mich von Dir bedroht, weil ich selbst nicht bei mir bin“. 

wie soll da ein Transfer stattfinden? wie soll Wissen verbreitet werden? welcher gesunde Mensch liest denn Bücher über Depression, solange es keinen (extrinsischen) Grund gibt? warum sollten sie es tun? damit sie darauf vorbereitet sind wohl nicht. dafür sind die Symptome nun doch nicht einheitlich genug und vor Selbstdiagnose wurden wir alle auch oft genug gewarnt.

es gibt keinen Grund, sich als nicht-Betroffener damit zu beschäftigen. wir fokussieren nicht grundlos auf das Positive (credits to positive psychology, Insert ‚Augenrollgeräusch‘ here). wir stärken uns durch diese Ignoranz. und grenzen uns ab. also die anderen aus.

das System, in dem wir leben, ist nicht so stabil, dass wir uns jede Belastung reinpfeifen können.

wir müssen ab und zu dicht machen, um uns zu schützen. wir sind medienkompetent und schon dort mit filtern ganz gut beschäftigt. wir haben komplizierte Arbeitsverhältnisse und einen nicht ganz artgerechten lifestyle. wir kriegen an jeder Ecke reingedrückt, was wir falsch machen und besser anders machen sollten (juhu, Superfood makes you super!). wir fühlen uns nicht schön genug (in words: zu dick), wir haben Angst den Job zu verlieren…und dann steht da so ein Typ mit fettigen Haaren, der früher mal ganz süß war und will gar nichts von mir. na dann geh ich doch einfach.

ja, ich verstehe, dass es Aufklärung über Depression geben muss. allerdings würde ich gern den Fokus verändern, denn das Problem sind nicht die steigenden Zahlen an Depression-Diagnosen (die übrigens auch (!) mit einem Abbau der Scheu vor Therapeuten und der Verfeinerung des Wissen über die individuelle Symptomatik zusammenhängen können) sondern die Veränderung unseres Lebensraumes in eine 24/7-Reizüberflutungs und Leistungs-Dystopie!

ich denke, die ganzen Betroffenen können sich die Mühe sparen, immer wieder mit Depression-Hashtags ihre Seele zu öffnen. wenn sie Pech haben, werden sie in dem Kontext von einem Hater erwischt und das Ganze wird noch schlimmer. ich denke, wir sollten uns auf die Zusammenarbeit konzentrieren. Verständnis füreinander. kein „warum sagst Du das??“ sondern „scheiße, das tut echt weh…kannst Du nicht sehen, dass Du mich damit verurteilst?“.

ja, das erfordert Eier in der Hose. das erfordert Selbstbewusstsein und gerade Depressive sind da nicht so weit vorne, aber: diese Krankheit ist die psychiatrische Diagnosen, die am besten therapierbar ist! die Heilungschancen sind wirklich gut. und selbst wenn es Rückfälle gibt, fängt niemand wieder bei Null an (auch wenn es jedes Mal frustriert überhaupt wieder anfangen zu müssen). wir werden Profis für unsere Seele und erkennen immer früher, woran es hängt. dann hilft nur noch Arsch zusammenkneifen und ändern, was uns krank macht. Selbstbewusstsein.

es ist schließlich auch unsere Welt, die uns krank macht!

ändern wir, was wir ändern können. und wenn es zunächst unsere Haltung gegenüber denen ist, von denen wir uns bedroht fühlen.

 

liefs,

Minusch

 

2 thoughts on “#DepressionRoar

  1. Hat dies auf KiloPsyche rebloggt und kommentierte:
    Wirklich berührend.
    Da ist jemand, da sind so viele denen es genauso geht. Die das selbe fühlen und durchmachen…und trotzdem fühlt man sich so oft allein in diesem Sumpf aus Traurigkeit.

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