Pippi, Tom und Annika

guten Morgen. ich bin gerade ziemlich platt, aber der Kopf rotiert alles, was er so kriegen kann: Kinderkurse – wie anfangen?, Arbeit – wieviele Stunden schaffe ich?, Haushalt – wie ertrage ich die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit?, Bekannte – woher kriege ich die Zeit, an etwas mit zu grübeln?, Tanzen – ich will mehr nur wie?, Beziehung – wie sortiere ich was war und was ist?…

wenn ich einen Gedanken erfolgreich losgelassen habe, kommt der nächste. und zwischendurch wuseln sich Zwischentöne dazu. Fragen, die ich im Netz aufschnappe. Gefühlsregungen, die ich hier und da wahrgenommen habe. und auch immer wieder dieses „bin ich zu naiv oder sind die anderen zu frustriert?“.

einer meiner Gefühlsregungsgedanken ist die Frage: warum wird die Kindheit eigentlich so gehypt? was soll das? es gibt unzählige Filme, in denen die Kinder wie so eine Art Lehrer dastehen an denen wir Erwachsenen uns orientieren sollen, denn „wir“ haben vergessen, worum es wirklich geht. „wir“ haben verlernt zu spielen. „wir“ haben verlernt, im Moment zu sein. „wir“ rennen dem Geld und der Anerkennung nach und verkennen, was wirklich wichtig ist. und das wirklich wichtige sind dann immer solche Sachen wie „in Laubhaufen springen“, „sich frei nehmen“ und „Kind sein“ (das letzte gehört eigentlich in doppelte Anführungszeichen gesetzt).

einerseits wollen wir Geld haben, weil Geld zwar nicht glücklich aber echt vieles leichter macht (und weil Geldsorgen auf jeden Fall krank machen), aber wenn wir etwas dafür tun, dann verlassen wir den Pfad dessen, worum es geht („Kind sein“, „im Jetzt sein“). das ist schon paradox. um sorgenfrei im Jetzt sein zu können, müssen wir zeitweise woanders (?) sein. aber wir müssen ja auch bei der Arbeit im Jetzt sein, sonst werden wir unglücklich (krank). ok, wir brauchen also einen Job, durch den wir genug Geld verdienen, mit dem wir aber gleichzeitig im Jetzt sein können, denn: wenn wir bei unserer Arbeit zu viel Energie verlieren, müssen wir die auf Kosten unserer Kinder wieder auftanken. also entweder Geld ausgeben für einen Babysitter ODER den Kindern zumuten, dass wir müde sind und nicht mit ihnen Kind sein können…

ja, ich hab den Knoten auch im Kopf. nein, ich hab keine Ahnung, ob ich transportieren kann, was ich meine. neuer Versuch:

ganz klassisch sind ja die Anzugsträger in diesen Familienfilmen diejenigen, die böse sind. also sie sind auf ihre Arbeit konzentriert und nicht auf das Leben (häh?). sie stehen, auch in meinem Kopf, für Momos graue Männer. sie entwickeln oft irgendwelche Produkte, die anderen schaden (Roboter, die Arbeiter ersetzen, Effizienzstrategien mit Kündigungsquoten, Spielzeug um die Kinder ruhig zu stellen, Medikamente um die Leistung zu steigern). und am Ende der Geschichte erkennen sie, dass das irgendwie doof ist und sie doch lieber einen Bauernhof aufmachen wollen, auf dem Stadtkinder sich vom Stadtgeruch erholen können.

ich hoffe, es wird deutlich, dass ich gerade frei von Belegen durch meine filmische und literarische Sozialisation reise (vieles trägt das Disney-Label).

worauf ich hinaus will: was wäre Pippi ohne Annika? was wären Kinder ohne Erwachsene? was wäre Vivian ohne Edward?

die ganzen Geschichten funktionieren nur durch Gegensätze, prägen aber eine Perspektive auf die Welt und ein gut vs. böse. also meine Perspektive haben sie sicherlich geprägt. gut, dass ich nicht nur Kinderfilme gesehen habe, aber wenn ich mir anschaue, wie unsere Generation Pippi Langstrumpf feiert, frage ich mich schon: warum?

ich möchte nie wieder ein Kind sein (müssen).

ich ermögliche meinen Kindern eine Kindheit, wie ich sie gut finde (für sie…). ich sehe mich als Begleiterin, die an mehr Türklinken ran kommt. aber mein Ziel ist doch, dass sie groß werden. dass sie jetzt ausprobieren, was ihnen Spaß macht, dass sie sich selber kennenlernen über das Medium Umwelt (gehts mir im Wald gut?, mag ich Geschwindigkeit?, welche Musik macht mich glücklich?, spüre ich gern Wasser?, mag ich Lavendel?…) und gleichzeitig dürfen sie an mir sehen, was erwachsen-sein heißt. ich bin kein großes Kind. ich bin eine relativ alberne Frau, wenn ich den Raum dafür habe, aber ich feiere die Kindheit nicht. ich feiere meine Kinder (jeden Abend beim Gute-Nacht-Kuss).

was will ich sagen?

ich will sagen, dass es sich lohnt, sich zu fragen, worum es geht, wenn wir ein bestimmtes menschliches Repertoire bevorzugen oder eben auch nicht. die Frage „was finde ich an Pippi Langstrumpf toll?“ ist sehr wertvoll. „warum mag ich das Wort „Erziehung“ nicht?“, „warum bewerte ich selbstgebackenen Kuchen als hochwertiger als gekauften?“, „warum mag ich Ordnung?“, „warum arbeite ich?“…

manchmal beschleicht mich eine Ahnung (und sie beschleicht mich wirklich…ich suche sie nicht…sie beschleicht mich über den Rücken ins linke Ohr), dass wir die erste Generation Kinder sind, die keinen Krieg erlebt haben und die mit etwas wie „expliziter Kindheit“ aufgewachsen sind. wir verarbeiten noch die vererbten emotionalen Schäden unserer Großeltern und Urgroßeltern, aber im Gegensatz zu denen konnten wir in eine relativ (!) kinderfreundliche Welt hineinwachsen. viele Familien konnten von einem Einkommen leben, es gab sowas wie Familienurlaube für die meisten, wir konnten durchmarschieren vom Kindergarten in die Grundschule in die weiterführende Schule. und wir hatten Zeit und Ressourcen für Hobbys (ich hab beispielsweise die Gemeinde-Bibliothek leer gelesen, und es hat nicht gekostet außer Zeit). wir konnten eine eigene Nostalgie aufbauen und ein Normalitätsgefühl entwickeln für Papa arbeitet, Mama macht den Haushalt. und wir sind jetzt Eltern. die erste Generation mit grundsätzlich intakter Kindheit. und was machen wir? wir spielen selber weiter (Pokemon Go), wir lassen uns verunsichern (Ratgeber für jede Tageszeit) und: wir streiten uns um Internet über jedes Thema, dass uns gerade recht kommt. wir finden uns selber ganz gut, geraten ins wanken, wenn jemand das anders sieht und werden dann sauer.

kann es sein, dass wir nicht genau wissen, was Erwachsen-sein heißt?

kann es sein, dass uns die Abgrenzung vom Kind-sein schwer fällt?

<< ich stelle diese Fragen zur Debatte. ich habe keine Antwort darauf und forsche nur in mir herum. ich beobachte meine Kinder und mich und frage mich, was uns unterscheidet (außer der exponierteren Perspektive auf die Welt).

vielleicht wollen die vielen Helikopter-Eltern auch einfach spielen, weil sie sich daran erinnern, dass das schön war. damals. als Kind? vielleicht fahren viele Eltern ihre Kinder zur Schule, weil sie auch diese Udo Jürgens Platte hatten mit diesem Lied, das davor warnt, bei einem fremden Mann ins Auto zu steigen? vielleicht streiten wir uns so viel, weil wir eben nicht WISSEN, was richtig ist und mit unseren Vermutungen gegenüber den anderen (Erwachsenen), die VIELLEICHT was anderes WISSEN, nicht bestehen können? oder dies zumindest meinen?

mal Hand aufs Herz: wie gut findet ihr Erwachsen-sein? wenn Ihr so Eure Kinder anschaut, wäret Ihr manchmal gern selbst wieder Kind?

…vielleicht braucht es gar keine Bewertung der Antworten. vielleicht hilft ein Bewusstsein für solche Prozesse (sollten denn noch andere diese in sich wieder erkennen, ansonsten war das hier ne Selbsttherapie). vielleicht hilft es beim Verständnis für andere und bei der Kommunikation. und vor allem bei der Entscheidung, wo ich welchen Dampf ablasse. das würde ich zumindest als den größten Unterschied zwischen mir und den Kindern beschreiben: ich kann (!) entscheiden, wann ich meine Wut zeige. und auch wie.

zusammengefasst möchte ich sagen: jeder Lebensentwurf hat einen Grund und einen eigenen Wert. jede Perspektive hat eine Grundlage. mag sein, dass unsere eigene Entscheidung niemals in die Richtung eines bestimmten Entwurfes fallen könnte und dass bestimmte Perspektiven für uns weder zugänglich noch zuträglich sind. und doch erfüllen sie einen Zweck. und wenn es nur der Zweck ist, ein Leben zu erfüllen.

auf der Grundlage gegenseitigem Respekts sollten wir in der Lage sein, unser Leben als so wertvoll zu betrachten, dass uns das Leben eines anderen nicht verunsichern kann. nicht nur Pippi hat ein geiles Leben. auch Annika hat eins. und auch Tom. unsere Kinder können Kinder sein, weil sie uns Eltern haben. und gerade frage ich mich, ob die grauen Männer nicht vielleicht auch eine Mama haben oder eine Schwester oder einen pflegebedürftigen Vater?…

 

so…das war wieder eine Art stream of consciuosness. manchmal ist es so, oder? dann ist das die Form…allez.

Liefs,

Minusch

 

 

 

3 thoughts on “Pippi, Tom und Annika

  1. Ich war gerne Kind. Jetzt bin ich gerne erwachsen. Ich glaube auch, ich weiß wie das geht. Aber ich mache auch keine Karriere, sondern die Welt, wie sie mir gefällt. Dafür habe ich wenig Geld. Und mit einem Teilzeitjob mehr Zeit für „das, was wirklich zählt“. Ich springe aber nicht in Laubhaufen, ich mache Dinge, die mir Spaß machen. Zum Beispiel Musik. Oder tanzen. Oder Sport. Oder im Garten arbeiten. Oder kochen. Oder so.
    Und ich bin keine Helikoptermama, die ihr Kind zur Schule fährt. Der fährt seit der zweiten Klasse selber. So wie ich als Kind auch.
    Ich wollte als Kind groß sein, um selbst mein Leben bestimmen zu können. Jetzt bin ich groß und bestimme selber und finde das gut.
    Und denke gerade, vielleicht bin ich nicht die Zielgruppe Deines Posts?
    Aber ich mag, was Du schreibst und ich lese hier gerne. Vielleicht bin ich doch die Zielgruppe. Man kann sehr gut Pippi und Annika sein – alles zu seiner Zeit 🙂

    1. hej Gabriela,
      ich hab keine Zielgruppe also bist Du meine Zielgruppe…;-)

      ich versteh Deine Einwürfe. und ich freu mich, dass Du (mit mir?) nachdenkst, denn ich unterscheide mich ja auch hier und da von dem, was ich sehe. ich frage mich wirklich, ob das so ist. bisher weiß ich nicht, ob jemand dazu Studien (*hust*) anstrebt.
      auf Twitter meinte @Flipsiy, Annika wäre vielleicht das alter Ego von Pipi. das spräche für Deinen Schlusssatz…

      Wahrheit ist unendlich und Erkenntnis immer nur ein Moment

      ich freu mich auf jeden Fall, gelesen zu werden mit meinen manchmal eher strukturarmen Texten. stream of consciousness, freier Vers, panta rhei…wirklich 🙂

      liefs,
      minusch

  2. Ich musste jetzt an die neuseeländische Serie „The Tribe“ – eine Welt ohne Erwachses denken. Dort löscht ein Virus alle Erwachsenen aus. Die Kinder organisieren sich in „Tribes“ (in Stämmen). Ich habe diese Serie als Teenagerin gesehen. Und ja eigentlich werden die älteren Kinder so ein bisschen zu den Leitfiguren,welche Verantwortung für die Jüngeren übernehmen:

    Ich denke Alter macht uns nicht erwachsen, sonder Verantwortung. Als Kind will man gerne Erwachsen sein und als Erwachsener gerne Kind.

    Wenn man es von der „Warte der Verantwortung“ aus betrachtet ist Pippi gar kein Kind. Sie ist erwachsen, weil sie Verantwortung tragen muss. Ihr Vater ist ja sonst wo. Also Pippi ist eigentlich eine Erwachsene, die lieber wieder Kind sein möchte.

    Wer kann mir folgen?

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