mein Fleisch

ich spreche darüber, obwohl ich viel lieber über nichts mehr sprechen möchte. nie wieder. am liebsten möchte ich all das, was sich gegenseitig aus dem Schlamm reißt in eine Tonne packen, versiegeln, zuschweißen und im Mariannen-Graben versenken. eine Tonne voller Pandora-Zucker. voller Ängste, Zweifel und gelernter Wahrheiten. ich denke an Gewalt und an die Frage meines Beitrages dazu. ich denke an meine Sammlung von Schimpfworten und ob ich wirklich besser bin oder nur anders…ich denke an Ansprüche und an Entwertungen und an die verzweifelte Suche nach einem Menschen, der doch für immer und alles mein Gegenüber sein möge, egal, wohin ich noch in meiner Haltung diffundiere. und wenn ich das gedacht habe, lache ich mich aus, weil diese Überfrachtung eines anderen mehr Lecks hat, als ein Häkelpulli Löcher. ich verlasse regelmäßig meinen Körper durch die Ohren und möchte fliegen, fliegen, fliegen und wenn die Kinder an der Schnur reißen, spucke ich Feuer, als wäre es nicht ok…als wären meine Träume wichtiger als ihre Ideen..

was habe ich nicht schon alles ausbalanciert in meinem Leben. ich habe schon so vieles verstanden. ich habe gelernt, Hypothesen aufzustellen und die absurdesten mit ekelhafter Vehemenz zu begründen. der advocatus diabolus ist mir vertrauter als unser Rechtssystem, dabei habe ich da sogar Scheine darin gemacht. ich komme mit Leichtigkeit in die Abgründe hinunter und ich fürchte mich dort nicht. ich habe mich dort nie gefürchtet.

gestern habe ich geschrieben, dass ich hier im virtuellen Raum mehr ich sein kann als in der analogen Realität. warum ist das so? wovor verstecke ich mich? verstecke ich mich überhaupt? kann das von einer Frau gesagt werden, die schon beim Poetry Slam ihre post-mortem-Lyrik vorgetragen hat und mit Pussy-Hat durch die Stadt fährt? ich habe schon vor Publikum getanzt. verstecke ich mich?

ich denke, die Realität ist mir zu wenig. zu wenig straight. zu wenig Raum. zu eng. zu missverständlich. wir alle nehmen uns so irre wichtig. die Welt ist mein Wohnzimmer, aber ich darf nirgends die Füße auf den Tisch legen, obwohl ich das Zuhause auch mache.

und dann dieser Mist mit dem Geld. ich habe keinen Cent mehr. aber ich habe eine Wohnung. sie ist sehr schön. meine Kinder und ich sind krankenversichert. ich habe einen Job. wir haben Kindergartenplätze in einem wunderbaren Kindergarten. bisher wurde die Miete problemlos abgebucht. mein Vermieter droht also auch nicht mit Rauswurf. wo verläuft die Panikgrenze? ist meine Panik zu früh? bin ich eigentlich in Sicherheit? oder bin ich fürsorglich, wenn ich schon jetzt Angst habe? bin ich empfindlich? bin ich verantwortungsbewusst? andere Menschen haben kaum Möbel und keinen Job und niemanden, der ihnen zuhört. been there. ich weiß, wie das ist, wenn Du darüber nachdenkst, wann jemand riechen würde, dass Du nicht mehr existierst. dass Du aufgehört hast zu atmen. damals nach dem Tod meines Sohnes war das eine Lösung. wenn es zu viel wird, dann geh ich. aber wann ist es zu viel? wann ist zu viel? und wann geht noch was?…und was geht dann überhaupt noch?

diese Gedanken habe ich heute nicht. die hatte ich damals. sie sind mir vertraut. sie gehören zu mir. ich hatte sie schon in meiner Jugend, als ich die Schmerzen nicht ausgehalten habe. meine Mutter meinte, alle Mädchen hätten diese Gedanken. inzwischen habe ich schon als Profi mit den Mädchen, die diese Gedanken hatten, gearbeitet und weiß, dass meine Mutter einem widerlichen Irrtum aufgesessen war. das weiß ich jetzt.

wann ist es zu spät? wann ist es zu früh? was kann ich mir zumuten? welchen Spielraum haben Ämter? wann habe ich genug getan? wann ist es gut?

noch in der Beziehung hielt ich es mit „the Mexican“ und schämte mich jedes Mal, wenn ich dachte, dass es jetzt reicht. der Gedanke, es könnte nie zu viel oder zu wenig sein, war so tröstend. es gab eine Konstanz bis in eine Zukunft, deren Farbe so ungewiss ist wie das Geschlecht eines Kindes vor der Zeugung. hätte ich mal nicht auf „the Mexican“ gehört sondern auf…ja…worauf? mein Bauch war ja besetzt.

ich habe noch Pasta, ich habe Fleisch eingefroren. Hirsch-Gulasch, Hühner-Frikassee. ich kenne den heilenden Effekt des Kochens. eine Schublade voller Linsen, Kichererbsen, Reis und Dosentomaten. das Weizenmehl ist gerade aus, aber da stehen noch Hartweizenmehl, Dinkelmehl, Kartoffelmehl und Kichererbsenmehl. einmal alles leeressen ist eine Vision, die gerade hilft. nur. dabei bleibt es nicht.

so, wie ich hier jetzt schreibe, so war ich noch nie in meinem Leben. manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke, ich muss alles alleine schaffen können, denn die Wahrscheinlichkeit, es allein schaffen zu müssen, ist höher, als die, dass es jemanden gibt, der hier bleibt.

ein wirklich schräger Gedanke, denn gerade jetzt habe ich so viele Menschen in meinem Leben, wie noch nie. konkrete materialisierte Menschen. virtuelle Menschen. sogar heimliche Menschen. hauptsächlich Frauen. wirklich mit großem Abstand in diesem Mengenverhältnis. dabei dachte ich lange, ich wäre keine gute Gesprächspartnerin für Frauen, wegen meines Feminismus-Dings, weil ich so laut und peinlich bin, wenn ich was getrunken habe, wegen meiner Nerdigkeitenliebe, weil ich auf Musik ausflippen kann und ich mich da irgendwie selbst ständig im eher maskulin-konnotierten Kosmos verortet sah. dabei kannte ich Euch alle nur nicht. Frauen, die auf dem Tretroller ihrer Tochter durch Berlin sausen. Frauen, die mir vergewissern, dass sie einen Flirtversuch nur dann erkennen, wenn er schriftlich eingereicht wird. Frauen, die Punkmusik hören. Frauen, deren Adrenalin steigt, wenn sie Besuch bekommen. Frauen, die vor ihrer Familie flüchten wollen.

so viele Geschichten von Beziehungen und deren Varianten. so viele Geschichten von Entscheidungen. so viele Menschen, die sich auch nie sicher sind, ob das alles so bleiben kann oder soll. lauter Frauen, mit denen ich ohne zu zögern auf jedem öffentlichen Platz  Walzer tanzen würde und dabei vergessen, dass sich das nicht gehört.

neben meiner Panik wuchert eine Gewissheit. direkt daneben. sie teilen sich das Wurzelwerk. ich möchte nie wieder abhängig sein. ich werde nicht verzweifeln. oder immer nur ein wenig…also gerade so viel, dass es als Rechtfertigung für einen 500ml Becher Häagen Dazs reicht. genau so viel Verzweiflung, dass ich mich ohne nachzudenken in einen One-Night-Stand oder eine Affäre stürzen kann, wenn sich die Chance bietet. die Verzweiflung, die es braucht, um am 5. des Monats von den letzten 20,- Euro Pizza zu bestellen, weil die Kinder so gern Pizza aus dem Karton essen. ich kann das wirklich genau abmessen. ohne Skala. eine Verzweiflung, die bockig macht. die den Mund verzieht und sagt: jetzt erst recht! und das hat nichts zu tun mit Charlie Chaplin oder dem letzten Tag Deines Lebens oder dem Eintauchen in the deep oder Genuss. das ist Rotz! Bockigkeit! ich hab doch eh kein Sparbuch. keinen Bausparvertrag. meine Rente, so sie denn dann noch existiert, wird deprimierend sein. aber noch viel deprimierender ist Depression selbst. wenn der Rotz blaß wird und die Energie nicht mehr reicht, das Telefon in die Hand zu nehmen. wenn die Tage sich langsam entziehen und zu einem einzigen leberwurstgrauen Teig verschmelzen.

Verzweiflung ist Punk.

Depression ist kalter Kartoffelbrei.

und mit diesen Gedanken wandere ich durch meine Tage. dann ärgere ich mich über die Selbstgerechtigkeit mancher Menschen, die zarte Versuche zur Veränderung wegen der Vokabeln blöd finden. dann denke ich mir: egal, ändert nix und beiße in das Brötchen vom Vortag. und dann muss ich lächeln, weil ich daran denke, wie mein Lieblingskollege „Mannix“ sagt und überlege mir, dass ein wenig abgefuckt sein eh ganz gut zur politischen Lage passt. ich sortiere mein präapokalyptisches Wissen und bemerke, dass ich dringend Streichhölzervorräte aufstocken wollte. und ich muss mehr Liedtexte auswendig lernen, denn wenn nach der Apokalypse das elektromagnetische Netz zusammengebrochen ist, kann ich nix mehr streamen und dann braucht die Welt Menschen, die die Lieder singen können. dann braucht die Welt Menschen wie mich. Menschen, die leben um zu bewahren. nicht zu zerstören.

den Stoßseufzer eben konntet ihr nicht hören, oder? dieser Zustand relativiert sich mit jedem Gespräch und zurück bleibt eine Frau, die nie wieder Kind sein will und nie wieder festgenagelt. eine Frau, die sich ganz langsam, das volle Spektrum erschließt. und irgendwann habe ich diesen fetten Oversize-Schaukelsuhl und häkle den ganzen Tag Luftmaschen und spreche wie ein Orakel in fragmentarischen Sätzen. ich übe schon. und vielleicht werdet ihr dann die einzigen sein, die mich noch verstehen können, weil ihr all das aus meinem virtuellen Vorleben schon kennt und es einfach nur konsequent ist.

und dann sind meine Jungs Männer.

und ich trage nur noch Häkelsöckchen.

und hinter mir stehen meine Erinnerungen an alle Menschen, mit denen ich schon in einer engen Verbindung war. denn ausnahmslos alle Menschen, die mir schon nah waren, sprechen gut über mich. das wurde mir klar. sie stehen hinter mir, wenn ich mich frage, was mein Beitrag war. ich war, wie ich bin. es gibt keinen Spielraum. und ich war so gut, wie nie zu vor. dass es nicht gereicht hat, lag nicht an etwas, was ich hätte beeinflussen können. sonst hätte ich es getan.

 

ihr Lieben, die mich kennen, ich habe niemanden vergessen. und Eure Gedanken kommen an. auch die ungeschriebenen.

 

und an die Menschen, die mir eine Freude gemacht haben: das Glück, dass ihr mir geschenkt habt, das gebe ich weiter. es ist wunderschön und so hell und strahlend, dass davon noch mehr Menschen profitieren. es versackt nicht bei mir. ich verstoffwechsel es und schenke weiter.

in Liebe,

Minusch

 

 


6 Gedanken zu “mein Fleisch

  1. Oh man *seufz*. Wieder ist da der Wunsch zu Dir zu fahren und Dich einfach nur in den Arm zu nehmen. Sofern Du das möchtest. Neuer Versuch: am Wochenende 18. / 19. 2. schon was vor? Bringe Essen mit, oder bezahle mehr als gerne die Pizza aus dem Karton!!! Ich drück Dich erst mal virtuell. LG

    1. hej, Du Süße…das nächste Wochenende ist ganz schön voll…vielleicht müssen wir mal das Medium wechseln um uns zu verabreden. ich hab nach wie vor keinen funktionierenden Internetanschluss und hab echt Probleme, hier zeitnah zu antworten.

  2. ❤🍕🍕❤ Bleib stark! Und bald ist das Pizzadate mit uns! Du meisterst das ganz prima mit den beiden Jungs! 🙌 Wenn du mal einen Sitter brauchst, gib mir Bescheid, dann schneie ich vorbei 😉

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