Brauchen junge Menschen Ausbildungsplätze?

es geht um eine reale Begebenheit und die daraus entstandene Betroffenheit. und ich möchte so gern lächeln und sagen: Du hast alles gut gemacht, liebe Juli, denn…

…wenn eine junge Frau sich aufrecht gegen eine Ausbildung und für einen eigenen Weg entscheidet, nachdem sie bereits über längere Zeit Bevormundung in der Ehe erlebt hat, dann ist das ein Zeichen für Entwicklung, das nur auf den ersten Blick und mit einer sehr tunneleigen Perspektive anders gelesen werden muss. ja, offiziell hast Du versagt, liebe Juli. ganz klar. dein Auftrag war, sie in eine Ausbildung zu vermitteln. sie hat schon nach einem Tag abgebrochen, weil sie keinen Bock hatte, geduldig da rum zu stehen. schwach. war sie nicht gut genug vorbereitet? rennt sie eh immer weg? kapiert sie nicht, worum es geht? sie drückt Eure Quote.

aber: diese junge Frau hat sich in ihrem Leben schon einiges an Gedanken machen müssen. das passiert zwangsläufig in einer Ehe, in der Du keinen Raum für Dich hast. sie weiß, was sie braucht, damit es ihr gut geht: eine sinnvolle Beschäftigung und Geld. und beides hat sie schon! manche Maßnahmen haben zwar den Auftrag, ein ganz konkretes Ziel umzusetzen. aber das Geheimnis dieser Maßnahmen ist, dass die Teilnehmenden auch mitdenken und ihre eigenen Ideen haben. und es gehört ne Portion Mut dazu, eine solche Chance auszuschlagen, denn an mangelndem Wissen über die Konsequenzen mangelt es nicht. dafür sorgt das System schon.

mit Deiner Betreuung hat sich eine junge Frau getraut, sich für sich selbst zu entscheiden. deine Betreuung war so gut, dass sie es gewagt hat. sie ist zu Dir gekommen und nicht abgehauen oder untergetaucht. sie hat es Dir sagen können. Du hast ihr mitgegeben, dass sie für sich selbst entscheiden kann, auch wenn ihre Entscheidung unorthodox ist und nicht dem Maßnahmeziel entspricht. Du hast ihr geholfen, etwas zu heilen, was auch in eine andere Richtung hätte gehen können. schließlich wissen wir alle, wie leicht Azubis ausgebeutet werden können. wäre sie in ihrer Unterwürfigkeit geblieben hätte sie vielleicht etwas erlebt, was ihr zwar den Abschluss bringt, sie aber in dem Gefühl bestärkt, auf andere hören zu müssen, weil sie es selbst nicht besser weiß.

dieser Effekt ist erwähnenswert, weil an ihm sichtbar wird, wie ferngesteuert wir denken, selbst wenn wir uns als offen empfinden. wir sind alle in diesem System groß geworden und wir kennen die Regeln. und gerade die Akademiker*innen unter uns gucken lieber nach „oben“ als nach „unten“ dabei gibt es diesen Höhenunterschied nicht, wenn es um Lebensqualität geht. es im eigenen Leben selten richtig oder falsch. es gibt nur Konsequenzen für egal welche Entscheidung.

wenn wir uns an vorgegebenen Strukturen orientieren, verschaffen wir uns Sicherheit. das ist absolut nicht blöd. aber deswegen das Abweichen von diesen Strukturen zu fürchten ist nicht notwendig. ja, neue Wege erfordern Energie, aber sie geben auch welche zurück. vielleicht nicht direkt im Sinne eines Perpetuum Mobile aber im Sinne von (Achtung, Juli, festhalten:) Resilienz. wenn Du selbständig entscheidest und damit etwas für Dich tust, dann stärkt das Dein Gefühl von (Achtung, noch so’n Brocken) Selbstwirksamkeit! beides bildet Grundlagen für Selbstsicherheit und das Gefühl von Kontrolle über Dein Leben. zu dritt verringern diese Faktoren Ängste und das Auslösen von unnötigen Stressreaktionsketten.

ich weiß, ich klinge gerade wie eine alte Frau im Schaukelstuhl mit ihrem Dörner/Plog auf dem Schoß. eigentlich möchte ich Dir auch nur auf die Schulter klopfen und sagen: you did a Great Job! und das ist Teil dessen, was Soziale Arbeit ausmacht: das Wissen um die gesellschaftlichen Vorgaben im Abgleich mit den realen Möglichkeiten. es spricht für Deine Beziehung zu der jungen Frau, dass das so passiert ist. leider weiß ich auch ganz genau, warum Deine Teamleitung nicht dieses Gespräch so mit Dir geführt hat. aber, ich bin mir absolut sicher mit dem, was ich hier geschrieben habe. und wenn es sich für Dich auch stimmig anfühlt, dann hab ich recht. auf Dich!

Liefs,

Minusch


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