reach out

ach Mensch. gerade habe ich ein weinendes Kind im Kindergarten zurücklassen müssen. müssen. naja. ich hätte auch noch 20min dort sitzenbleiben können, aber: ich saß auch schon 20min da.

nach den Umgangstagen sind meine Kinder immer angespannt. ich habe gelesen, dass das vielen Kindern so geht. sie sind aufgewühlt, durcheinander, aggressiv, unruhig. und im Zweifelsfalle alles gleichzeitig. aus diesem Blickwinkel verarbeiten meine Kinder scheinbar völlig normal. und gleichzeitig schaue ich ihnen zu und frage mich, was das Gute daran sein soll.

die letzten 8 Tage haben wir uns gut eingeschaukelt. gut, der letzte Montag (Montag nach einem Umgangstag) war nicht besonders einfach, weil der Kleine nur geweint hat und ich ihn so nicht in den Kindergarten hätte bringen können. aber die Zeit haben wir drei gut genutzt, Ordnung gemacht, gebadet, zusammen gekocht. viel Mama-time.

die Tage danach wurden auch immer besser. die Morgen-Routine greift langsam. die Jungs wissen, was auf sie zu kommt und ich kenne unsere Sollbruchstellen recht gut. und das letzte Wochenende war Zucker: Dank Sonnenschein und viel Zeit an der frischen Luft hatten wir zwei wunderbare Tage und ruhig Nächte. ich konnte an meiner Gefühlswelt rumforschen und die Kinder haben sich Zeiten mit mir und ohne mich so eingeteilt, dass wir drei gut zurecht kamen.

Twist

eines meiner Prinzipien bei der pädagogischen Arbeit ist, für Ruhe zu sorgen. also, Ruhe im Sinne von nicht-aufregen. das rührt nicht daher, dass ich Aufregung für etwas Schlechtes halte. das beruht einzig auf dem Wissen, dass aus Ruhe Mechanismen wachsen können, die in Krisenzeiten helfen, das Stressniveau auszubalancieren. wenn mein Nervensystem andauernd mit Aufregen beschäftigt ist, sorgt das für (verkürzt gesagt) eine beschleunigte Ausschüttung von Stresshormonen und wenn ständig Stresshormone ausgeschüttet werden beruhigt sich das Nervensystem nicht mehr bis auf einen Zustand der Ruhe. und nur die Gegenpole von Entspannung und Anspannung können helfen, nicht „überzuschnappen“ oder in Angst zu erstarren, wenn dann ein starker Stressfaktor auftritt. es braucht beides. wenn aber nur eines erfahren wird, dann ist die Balance gestört. und das ist kein esoterischer Yin-Yang-Spaß sondern biochemisch gut nachvollziehbar.

re:Twist

nun lebe ich ein Leben, in dem ich keine Kontrolle über verschiedene Lebensbereiche meiner Kinder habe. das ist so gewollt. sie haben ihre eigenen Welten im Kindergarten, mit Freund*innen und irgendwann vielleicht in einem Sportverein oder sogar in ihren Zimmern. die Loslösung läuft auf Hochtouren. der Große beobachtet traurig, wie seine besten Freundinnen sich auf die Schule im Sommer vorbereiten. der Kleine hatte schon immer die Tendenz, sich buchstäblich selbständig zu machen.

und in diese Phase fällt jetzt die veränderte Familienordnung.

alles, was ich tun kann, ist: Rituale/Routinen/Wiederholungen schaffen, damit diese Strukturen rückversichern, dass alles ok ist. Rücken kraulen, Geschichten vorlesen und langsam mit dem Üben von Traumwelten anfangen. ich werde dem Großen einen Traumreisen-Geburtstag schenken mit Glitzer und Zauber für ihn und seine Freundinnen und ich hoffe, dass all mein Wissen reicht, es für uns so zu gestalten, dass wir aus dieser Phase raustreten, ohne Kaugummi am Schuh.

gleichzeitig sind da auch meine Gefühle. Ohnmacht, Wut, Frustration, Hoffnung…wir alle zusammen sind ein unfassbares Gemisch an allen möglichen Gefühlen und Wünschen. ich sehe uns drei nebeneinander und manchmal übereinander. im Bett mal verkuschelt und mal ordentlich sortiert. ich habe heute morgen 30min Yoga gemacht von 5:30 bis 6:00. eventuell kann ich bald wieder Laufen gehen, ein Mal die Woche. und eventuell kann ich ein bis zwei Mal im Monat zum Salsa, dank eines Arrangements mit einem Kollegen (Wäsche waschen gegen Babysitting). ich träume mit meinem besten Freund von einem großen Altbau mit Hof: er mit seiner Familie im Erdgeschoss, ich mit den Jungs unterm Dach und dazwischen noch andere Menschen, die wir mögen. ich höre viel Musik. und am Freitag werden der Beste und ich Filme zusammenschauen, bis wir mit den Köpfen in die Chipstüten fallen (wahrscheinlich so gegen 22:00).

wir sind in Bewegung. der Kleine sowieso. der Große auch. und ich schwinge in meinem eigenen Tempo um uns alle rum. wir haben Zeit, alles zu regeln. wir sind nicht alleine. wenn eines sicher ist, dann unsere kleine Minimalfamilienstruktur.

jetzt wünsche ich mir nur noch, dass die Brüche von den Umgangstagen nicht mehr so arg sind und in den nächsten Tag hineinwirken. es tut so weh, ein weinendes Kind im Kindergarten zu lassen. und gleichzeitig ist das eben unser Rhythmus. unser Normal. Mama geht arbeiten und die Kinder in den Kindergarten. auch diese Normalität ist heilsam in sich. notwendig. und heilsam. und sie gibt den Erzieherinnen die Chance, mit ihm weiter zu gehen. mit dem kleinen Jungen, der schon jetzt in die Schule will…der sich so schwer tut mit dem loslassen. der so wütend werden kann. und der so offen ist für alle schönen Reize dieser Welt.

Stoßseufzer

unser Leben ist schön. trotz der Erschwernisse. und solange ich noch Ideen habe, solange schwingen wir gut. ich mache alles richtig. die Kinder können nichts falsch machen. wir sind nicht angreifbar.

dieser Text ist sowohl Status Quo als auch Postulat und und Autosuggestion.

liefs,

Minusch

8 thoughts on “reach out

  1. Bei dir zu lesen ist für mich immer irgendwie heilsam. Selbst bei Sorge und Unglück bleibst du in deinem Nachdenken ruhig und ja, durchdacht eben. Das tut mir gut und dir hoffentlich auch ❤

    1. Danke. Ich fühl mich gar nicht so durchdacht…aber ich bin erstaunt, dass es so läuft, wie es läuft. oder dass ich so laufe, wie ich laufe?

      mir tut gut, dass ich hier sortieren kann. und die Sonne. und das Gefühl, es gut zu machen.

  2. Dieser Papa-Jetlag wird besser mit der Zeit. Wir schaffen mittlerweile einen fast problemlosen Übergang.

    Ansonsten klingst Du sehr gut. Reflektiert, aber nicht verharrend oder gar schockstarr. Und jetzt kommt auch noch der Frühling und der Sommer. Und wenn man draußen sein kann – insbesondere mit Kind(ern) – lebt es sich gleich viel entspannter.

    *high five*

  3. Vielen Dank für deine tollen Texte! Bin gestern über deinen Blog gestolpert und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen! Du berührst mich mit sehr vielem. Danke nochmals.

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