sweet silence

ich wachse in mein neues Leben hinein. jeden Tag ein kleiner Schritt. Veränderungen. ich halte keine Lupe in der Hand und ich habe keinen Plan. kein Ziel. vielleicht ist es das, was es so leicht macht…

so, wie mein Leben bisher verlief, bin ich gewöhnt, meine Interpretationen eher als Hypothesen zu sehen und mir so einen Spielraum zu erschließen, in dem ich nicht meine ganze Meinung ändern muss, um eine andere Perspektive zu bekommen. das scheint sehr zu helfen. also in diesem Moment. denn, es ist leicht. irritierend leicht. ich folge seit 5 Jahren auch Blogs alleinerziehender Mamas. ich habe in meinem Twitter-Feed einige Mamas, die mit 1-3 Kindern alleine leben. deren Schilderungen kann ich bestätigen. es ist nur: irgendwie war das andere sehr viel schwerer als das, was ich jetzt zu tun habe, denn jetzt vibriert jeden Morgen meine Seele, wenn ich spüre: „ich bin frei“.

es ist wirklich wunderschön, nur mir selbst Rechenschaft schuldig zu sein. meine Kinder zeigen mir deutlich, wann ich zu viel mit meinen Gedanken unterwegs bin und wir wägen ab, was wann wichtig ist. naja „wir“: wenn sie stinkig werden reagiere ich genauso aus dem Bauch heraus, wie alle anderen. aber ich nehme mir dann zu einem späteren Zeitpunkt die Situation vor und betrachte mich aus den Augen meiner Kinder. ich bin so geübt darin, mich und mein Verhalten von außen zu betrachten, dass ich mir dafür nicht mal Zeit nehmen muss. es ist ganz leicht. manchmal komme ich zu dem Punkt, dass ich mich entschuldigen muss (wenn ich mich beispielsweise über eine Nachricht aufgeregt habe und diese Aufregung dann über meine Reaktion schwappt und so verändert, was ich eigentlich meinte). oder ich komme zu dem Punkt, dass ich es nicht ändern kann (abendliche Müdigkeit ist sowas, was ich nur bedingt beeinflussen kann…aber ich kann die Rahmenbedingungen ändern; also plane ich dann um).

ein freies Wochenende ist auch etwas unendlich wertvolles. eine Nacht für mich alleine. ich bemerke in diesen Zeiten, wie wenig ich gerade brauche. wenig essen. wenig Schlaf. aber ich brauche viel Wasser. ein seltsamer Gegensatz zu der sonstigen Zeit mit den Kindern, in der ich echt ständig Hunger habe und etwas essen möchte, aber zu trinken vergesse.

jeder Handschlag, den ich in dieser Wohnung tue, ist für mich. die Zeit ist länger geworden. ich muss um niemanden mehr kämpfen. ich muss mich nicht fragen, wie es kommt, dass der andere mich immer wieder in so schrecklichen Worten beschreibt. ich mache mir keine Gedanken darüber, was er an mir schön findet oder mag. ich trage, was mir gefällt. und ich reise auch da zurück zu mehreren früheren ichs von mir. beispielsweise wünsche ich mir gerade Docs.

ich lasse mich Tag für Tag taumeln, sobald ich kann. so viele kleine Nischen, meinen Gedanken nachzuhängen. im Pläne machen bin ich nach wie vor nicht so richtig toll, aber ich werde ganz langsam besser. meine Sehnsüchte werden konkreter. und es ist nur an mir, mich darum zu kümmern, dass sie erfüllt werden. ich muss auf niemanden warten. ich darf mich darum kümmern. ich arbeite an etwas Sinnvollem, wenn ich mich darum kümmere. über diese Sätze könnte ich gerade einfach nur jubeln: ich darf alles tun, was ich toll finde! ist das nicht wunderbar? wenn ich Tulpen will, kaufen wir Tulpen. wenn ich Leute besuchen will, besuchen wir Leute. ich kann 3 Wochen lang nur komische Sachen essen, und meine Kinder finden das ok. sie essen ja auch komisch (kiloweise Milchbrötchen oder immer nur den Käse oder einen Abend lang Tomaten).

unsere Tagesabläufe sind nach wie vor etwas gestückelt, aber ich sehe Entwicklungen. Phasen, in denen die Kinder mich in ihrer Nähe wollen, wechseln sich ab mit Phasen, in denen sie unter sich oder allein sein möchten. wir wachsen dem Sommer entgegen. wir bemühen uns umeinander. meine Kinder um mich wie ich mich um sie.

und ich habe wirklich viel Glück: Ich bekomme finanzielle Hilfe von den zuständigen Ämtern. es ist liegt irgendwo ein kleines Stückchen über den HartzIV Level, aber wir brauchen nicht viel. ich habe einen Job, der sich wunderbar mit der Betreuung meiner Kinder verträgt, ich kann überall mit dem Rad hinfahren. ich habe die Möglichkeit, im worst case um Hilfe zu bitten.  wir haben eine herrliche Wohnung und eine perfekte Infrastruktur. ich habe  wunderbare Menschen gefunden, die mich und meine Kinder so ins Herz geschlossen haben, wie wir sie.

alles kommt mir so leicht vor.

alles ist so leicht.

ich habe selbst Hilfe dabei, mit ihm zu sprechen. das ist so herrlich. das erste Gespräch war eine Katastrophe, aber es war ein Gespräch. ich bin so dankbar, dass ich damit nicht alleine bin.

ich bin so heil. so ganz. meine Arbeit und meine Kinder und meine Träume und mein Wissen mischen sich zu etwas wirklich Wundervollem.

ich habe mich schon gefragt, ob diese Highs, die ich manchmal habe, einfach eine Art Überkompensation sind. ob sie etwas Manisches haben. aber je länger ich mich beobachte und je mehr ich mit meinem alten Leben connecte, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich auf diesen Zustand hingearbeitet habe und erst jetzt verstehe, wie mein Puzzle wirklich funktioniert. wer ich bin. und dass ich heil bin. aus all meinen Fragmenten ist eine Frau entstanden, die ich schon immer kannte, die ich aber noch nie leben konnte. bis jetzt. alles, was ich in meinem Leben erfahren und erlebt habe, alles, was ich ertragen musste und alles, wofür ich mich entschieden habe, folgt meinem eigenen Plan. meinem eigenen Wachstumsplan. und jetzt bin ich tatsächlich ruhig.

das bedeutet nicht, dass ich in Angstfreiheit wie Buddha über dem Sofa schwebe. es bedeutet, dass all die kleinen und großen Abstürze so schnell übersetzt werden in Handlungsspielraum, dass ich immer wieder selber staune.

die einzige Frage, die sich mir an diesem Punkt noch stellt: was für ein Mensch käme für mich überhaupt noch als Partner in Frage? ich frage mich das ganz ernsthaft. denn Nähe wünsche ich mir immer. und ich möchte gern mein Leben teilen. nur: mit wem? mit meinem besten Freund würde ich sofort in ein Haus ziehen. und mit meinen KollegInnen auch. und meinen lieben Freundinnen von Twitter auch. und es erscheint mir fast, als wäre das genug. brauche ich eine*n Lebenspartner*in? oder brauche ich viel eher Menschen?

ich denke weiter nach. über Sex, Partnerschaft, Liebe und Zusammenleben. über gesprengte Grenzen, Freiheit und Unabhängigkeit. über Rücksicht und Eigensinn. ich kann über all das nachdenken. denn ich habe echt keine anderen Probleme.

 

Liefs,

Minusch

 

PS: dieser Text im umstandslos-Magazin ist von mir. wenn ihr stabil unterwegs seid und Euch konfrontieren möchtet, schaut mal rein. ich habe ihn geschrieben, um einen Einblick zu ermöglichen und um Betroffenen zu zeigen, dass ihre Mechanismen normal und gut sind. wir sind nicht alleine. wir sind nicht hilflos. wir haben ein Recht auf Glück. wir überleben das und lernen für die Zukunft. wir gehen nicht kaputt. wir verstehen. und wir dürfen hoffen…s.o.

 

 

 

 

 

6 thoughts on “sweet silence

  1. Willkommen im Club 🙂

    Es ist ein komisches Gefühl, auf einmal wieder alle eigenen Bedürfnisse zu spüren und überlegen zu können und dürfen, ob man ihnen Raum geben will oder nicht. OHNE dass eh schon 80 Prozent gar nicht erst zugelassen wurden.

    Ich habe mir anfangs kaum selbst über den Weg getraut und Angst vor mir selbst gehabt: Will ich was mit aller Macht nachholen? Bin ich aus der Beziehungskrise direkt in die Midlifecrisis gerutscht?
    Aber nein, ich war einfach wieder auf dem Weg, ich selbst zu werden.

  2. Ach, Du sagtest es gestern schon und ich habe auf dem Heimweg gemerkt, wie sehr ich mich für Dich freue. Wie sehr ich Dir mit jeder Faser Dein Glück gönne und Dir wünsche, es möge ewig halten. Ihr seid eine tolle Familie und Du bist eine großartige Mutter!

    1. Ach Du…und ich höre Dir so gern zu, wenn Du von Deinem Leben erzählst in dem so vieles so anders läuft als bei mir.

      es ist schön, mit Dir Zeit teilen zu können. ❤ selber großartige Mutter! 😛

  3. Ein bisschen machst Du mir Mut. Vor allem der Satz „Ich bin frei!“ klänge auch für mich nach absoluter Erlösung. Manches würde schwerer werden, aber manches eben auch leichter. Diese Schwere auf der Seele, dieser Druck, von einem Mann Forderungen gestellt bekommen, die man einfach nicht mehr bereit ist zu erfüllen. Das so viel negatives war und seine bloße Anwesenheit anstrengt. Ich bleibe wegen der Kinder und unserem Zuhause, aber der Preis ist sehr hoch: meine Gesundheit und mein neues Liebesglück gehen gerade den Bach runter.
    Aber ich schaue zu Dir und freue mich sehr, dass es funktionieren kann!

  4. Du Liebe, jede*r hat seinen eigenen Weg. Und Du entscheidest für Dich über Dein Glück. Immer. Und wenn Dir der Preis gerade zu hoch ist, dann ist er es. Aber: wenn Du einen anderen Weg wählst, wird er ebenso Deiner sein.
    Der Weg entsteht beim Gehen. Manche Gedanken kommen nur in Bewegung.

    Pass auf Dein Herz auf.

    Minusch

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