letting go. and again.

ich breite mich hier in meiner Nische aus und plaudere aus dem Nähkarton (ich hätte gern ein Kästchen, aber da geht nicht alles rein). ich stöbere durch mein Leben und meine Erfahrungen, durch meine Irrtümer und Entscheidungen. und dann breite ich alles auf dem Teppich aus und setze mich auf die Schaukel. wie so ein Orakel.

über andere Wege bekam ich die Nachricht, bezogen auf meinen letzten Blogpost, dass ich ja wohl gerade echt Pech hätte oder er viel Glück, aber dass Polygamie nicht die Lösung sei. Monogamie sei doch gut und funktioniere. bei ihm zumindest.

und das sehe ich ganz genauso. Polygamie ist in meinen Augen kein Gewinn, denn ein Mensch, der einfach viele andere Menschen heiratet, erhält dadurch einen Besitzanspruch, den ich nicht als normal akzeptieren möchte. es geht mir um den Besitzanspruch. um die Exklusivität. es geht mir um die damit einhergehende Abwertung alles anderen.

bei einer Scheidungsrate in Richtung 50% darf sich eine Bevölkerung schon mal fragen, warum so selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass eine monogame Ehe funktioniert. angesichts verzweifelter Mütter, die sich scharenweise im Internet Blogs durchlesen, auf denen andere Mütter von ihren BurnOuts und Zusammenhängen berichten, ist die Frage berechtigt, ob wir da nicht ein Lebensmodell feiern, das die meisten an ihre Grenzen bringt. gedeckelt von irrwitzigen Möglichkeiten zu Konsum oder pseudopädagogischen Ansätzen, die in der Realität keine Umsetzungsmöglichkeit haben oder eben nur denen mit den entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stehen. wir können eigentlich nur versagen. denn selbst die mit den Ressourcen brechen zusammen, wenn sie keine Hilfe haben.

berufliche Flexibilität, ein beschissener Arbeitsmarkt außerhalb von Ballungszentren, ein noch schlechterer Wohnungsmarkt, die Angst vorm Jobverlust, die größer ist als die Angst, dem Kind einen Schaden zuzufügen…ja, wir haben einen hohen Lebensstandard. selbst mit sehr wenig Geld können wir hier auf einem Niveau leben, das in anderen Ländern dem gehobenen Mittelstand entspräche. und doch behaupte ich, dass die Lebensqualität hier signifikant beeinflusst wird durch Geschlecht, Ressourcen, Herkunft und sexuelle Präferenz.

ja, heterosexuelle Monogamie steckt in unseren Köpfen. der Prinz sucht die Prinzessin. Vater-Mutter-Kind. Yin und Yang und wir ergänzen uns und außerdem können ja nur Mann und Frau ein Kind zeugen…diese Bilder sind so konservativ wie falsch. und der Sinn menschlicher Existenz liegt schon länger nicht mehr nur im Bereich der Sicherung der Ahnenfolge. aktuell möchte ich behaupten, liegt der Sinn menschlicher Existenz in der Ableistung von verschiedenen Kontrollaufgaben, die in Zahlen transformiert den Lebensstandard sichern. und je nachdem, an welcher Stelle Du kontrollierst, desto größer ist das Haus, das Auto, der Urlaub. und daran lässt sich dann, weil das Konto ja intim ist, der Status belegen. und da Kinderwunsch gewollt ist, knüpfen wir den einfach an ein vermeintlich leicht kontrollierbares System und werten die damit verbundenen optischen Veränderungen phasenweise so auf, dass sie als Status funktionieren und so den Willen zur Arbeitsleistung weiterhin erhalten. eigentlich wollen die Eltern ja lieber mit dem Baby auf dem Wollteppich liegen und sich mit schlafen abwechseln, aber da das eine fiktive Gefahr für den Arbeitgeber birgt, wird das eben nicht getan. und wer hat schon mit Mitte 20 oder Anfang 30 ausgesorgt?

ich weiß, dass es Lebensverläufe gibt, in denen genau das funktioniert. ich muss nur durch ein Villenviertel laufen und sehe dort nicht nur vermögende Rentner*innen sondern auch viele Familien. es ist möglich. das will ich gar nicht in Frage stellen. was ich allerdings in Frage stelle, ist die damit verknüpfte Normalität.

und ich weigere mich, das als Normalität zu sehen, wenn ich schon jetzt fast mehr Kontakt zu alleinerziehenden Frauen mit Kindern habe als zu intakten (aahrgh) Familien. ich finde mich in meinem Leben mit meinen Kindern gemessen am Bevölkerungsschnitt ziemlich normal. offensichtlich ist es sogar normal, dass Frauen verprügelt werden. es ist sogar so normal, dass mich ausnahmslos jede Frau auf jedem Amt, an das ich mich mit meiner Bitte um Hilfe gewandt habe, nickend ansah und sagte: „ja, das kenne ich auch…so scheiße.“

was ist das, was wir als Norm zugrunde legen? warum tun wir das? wieviele Menschen verzweifeln an den Grenzen? wieviele Mütter hätten gern eine andere Lebensumgebung? wieviele Väter hätten gern mehr Zeit? wieviele Kinder wünschen sich heimlich zum Geburtstag Ausflüge? und wieviele Menschen wünschen sich ein erfüllendes Sexualleben und akzeptieren, dass es „normal“ ist, wenig Sex zu haben? und dann werden mitreissende Drehbücher geschrieben über Menschen, die die Freiheit ausprobiert haben, aber einsehen mussten, dass ihr persönliches Glück gemessen an den gesellschaftlichen Prinzipien eben nicht wichtig genug ist.

ich habe schon auf Spielplätzen zugehört, wenn Mamas sich darüber unterhalten haben, dass ihre Männer heimlich Pornos angucken und ich werde dann ganz still, weil ich wirklich keine Ahnung habe, was das Problem daran sein sollte. ich schaue selber Pornos an. muss ich mich schämen, dass ich eine Libido habe, die nunmal „ganz normal“ auf optische Reize reagiert? die Frauen waren sich einig und lachten darüber und das ginge gar nicht. gut, ich wollte bei meinem Ex auch nicht unbedingt wissen, zu was für Filmen er aktuell masturbiert, weil ich das als etwas sehr Intimes empfinde. dieses Wissen verleiht einiges an Macht in der Beziehung. diese Macht wollte ich nie. aber unangenehm finde ich den Gedanken nicht, dass mein Partner sich selbst befriedigt. es beruhigt mich eher. Selbstbefriedigung ist etwas, was entspannt. es tut gut. es reguliert den Stresskreislauf. es ist sinnlich, selbst auf dem Schreibtischstuhl neben einer Zewarolle.

wenn schon das ein Problem darstellt, auf das sich Menschen einigen können, dann bin ich irgendwie raus.

ich bin ein Mensch. als Mensch lebe ich in einem Körper. dieser Körper ermöglicht mit Interaktion, Genuß, Lebendigkeit, Müdigkeit, Bewegung. und schon da beginnen die ersten Differenzierungen, weil selbst das nicht normal sein muss. ich in meinem Körper spüre, dass ich Sehnsüchte habe. körperliche und emotionale. und meine bisherige Auswertung der Lebenserfahrung belegt für mich, dass meine Sehnsüchte Wegweiser sind. dass es sich für mich lohnt, ihnen zu folgen. meine Sehnsüchte sind Teil meines Körpers und helfen mir, Entscheidungen zu treffen. um glücklich und frei leben zu können, brauche ich Sicherheit, ein fixes Zuhause, kognitive Herausforderungen, Interaktion, meine Kinder, Freund*innen und körperliche Nähe in Form von Tanz, Theater und/oder Sex. das ist mein Wohlfühlcluster. das eine kann das andere kompensieren (Freund*innen können die Sehnsucht nach meinen Kindern kompensieren beispielsweise, Tanzen kann den Sex kompensieren). aber dauerhafter Verzicht funktioniert nicht.

in dieser Aufzählung steht bewusst nicht Lebenspartner drin.

weil ich der Ansicht bin, dass es nichts bringt, danach zu suchen, wenn sowieso vom Zufall abhängt, ob es länger hält als die durchschnittlichen 5-7 Jahre. ich verlasse damit das Terrain der Normalität (was ich durch mein Sprechen über Gewalt schon getan habe, was ich durch meine Sexualität tue, was ich durch diesen Exhibismus hier tue) und behaupte, dass ich damit nicht alleine bin. die Vision, mit einem Menschen auf einer Terrasse dem Lebensabend entgegen zu schaukeln, entspricht mir nicht. nein, ich will auch nicht bei einem Bondage-Experiment mit über 80 mein Leben aushauchen. nein, ich möchte nach einem großen Picknick sterben. ich möchte an einem riesigen Tisch in der Abendsonne gesessen haben. um mich Menschen, viele Menschen mit lachenden Augen. Kinder, Enkelkinder, Freund*innen und alle, die zu ihnen dazu gehören. und ich möchte, dass ich Teil dieses diffusen Liebes-Clusters bin. ich möchte die einen körperlich geliebt haben, mich nach den anderen emotional verzehren und wieder andere als Streitpartner an mich binden.

Polyamorie ist der passende Begriff. Viel-Liebe. nicht ein Mensch, der alles für mich erfüllt und damit meine Neugier aushebelt. viele. keine Mannschaft für sexuelle Experimente sondern körperliche Nähe dann und dort, wo sie gebraucht wird. und wenn es 1 Stunde Rückenstreicheln ist. oder eine Fußmassage. Kopfkraulen. oder ein Quickie in der Toreinfahrt.

ich hatte schon immer was gegen Regeln. ich habe etwas gegen Pauschalurteile. und ich frage mich, ob rein utilitaristisch gedacht das größere Glück nicht erreicht werden kann, indem wir unsere Normen aktualisieren und endlich mutig genug sind, unsere Menschlichkeit in den Fokus zu stellen und nicht unsere Leistungsfähigkeit. Sicherheit erwächst nicht aus starren Strukturen sondern aus der individuellen Wahrnehmung der eigenen Wirksamkeit.

über all das denke ich nach. und noch mehr. und nebenher wachsen Ideen und Gedanken und die Musik spielt und ich wünschte, ich könnte Lieder darüber schreiben.

Liefs,

Minusch

 

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