#48stundenalleinerziehend – die hard

auf ihrem Blog mutterseelesonig sammelt Annette Berichte von alleinerziehenden Mamas über ihren Alltag, um sichtbar zu machen, wo der Unterschied liegt zwischen „ein Elternteil ist auf Dienstreise“ und „ein Elternteil ist quasi gar nicht da“.

da ich ja jetzt seit etwa 5 Monaten auch zur statistischen Gruppe der Alleinerziehenden zähle, trage ich gerne etwas bei. es fällt mir nur wahnsinnig schwer, 2 Tage rauszugreifen, die ich hier virtuell vorstellen möchte, denn das meiste steht und fällt mit meiner Verfassung. unsere kleine Welt ist ganz schön mutterzentriert geworden, seit ich mit den Kindern alleine lebe.

ich schildere jetzt einfach mal die Tage Montag und Dienstag dieser Woche. Sie sind nicht repräsentativ, aber sie sind eben zwei Tage. Und ich denke, auch an ihnen wird sichtbar, woran es bei uns hakt.

Ostermontag:
Ich stehe um 7:00Uhr auf, weil ich, wie immer, seit 6:00 Uhr wach bin und lege mich mit galoppierenden Kopfschmerzen in die Badewanne. Die Kinder kommen um 11:00 von einem Umgangswochenende zurück und eigentlich müsste ich total entspannt und aufgeladen mit Me-Time sein, aber das ist mir nicht gelungen, weil der Abschied eine eskalative Katastrophe war und ich mir eingestehen musste, dass der Rollback, den ich erlebt habe, fürs erste Teil meines Leben bleiben wird (Konfrontation mit Gewalt versetzt mich scheinbar in Sekundenbruchteilen in Schockstarre. Good to know. Bad to experience).
In der Badewanne versuche ich nebenher „you me her“ zu gucken und finde in der ersten Folge so viele Irritationen und leider auch Erinnerungen an anderes, dass es mich auch nicht wirklich ablenkt. Haare waschen, und beim Föhnen überlegen, dass ich die Küche aufräumen, Wäsche abhängen und den Geburtstagstisch dekorieren muss, da ich den 4. Geburtstag meines Sohnes nachfeiern möchte, weil dieser auf das Umgangswochenende fiel.
Ich komme zurecht, schmücke den Kuchen, male eine 4 an die große Wandtafel, zieh mich an, bring die Küche in Ordnung, räume Klamotten weg, mach das Bett und bin beschäftigt bis 10:30Uhr, als mein liebes Backup S. klingelt. Sie hatte meine Verzweiflung vom Wochenende über Twitter miterlebt und konnte zur Übergabe der Kinder hier sein.
11:20 klingelt der Vater der Kinder. S. und ich gehen runter, da ich ihn nicht mehr in den Hausflur lassen möchte. In unserem Haus kommt eh niemand aus der Wohnung, nur weil ich schreie. Auf der Straße sehen uns vielleicht wenigstens Menschen, bzw. wenn wir gesehen werden, verhält er sich eh immer situationsangemessen.
Beide Kinder sind angespannt. Der Kleine schreit und will mit Papa zurück. Der Große kann mich vor Aufregung kaum in den Arm nehmen, Gepäck steht direkt vor der Tür. Es dauert etwa 20min bis ich den Kleinen vom Arm seines Vaters runtergegeben bekomme und er mich dann tritt und kratzt, weil er zurück will nach Gießen, wo die drei das Wochenende mit seiner neuen Freundin und ihrem Hund verbracht haben. Wo die Welt ein Ordnung war. Wo noch seine Geburtstagsgeschenke liegen, die er dort lassen musste.
Oben in der Wohnung locke ich den Kleinen mit Gummibärchen aus dem Badezimmer und nach etwa 10min Schmollen ist er fröhlich, packt Geschenke aus und S. kann beruhigt zurück zu ihrer Familie gehen.

Weil wir zusammen Geburtstagssüßigkeiten und Ostersüßigkeiten gegessen haben, spielen und kuscheln wir bis etwa 15:00, dann fange ich an zu kochen. Ich mache Hühnerfrikassee mit irre viel Gemüse in einer riesigen Portion, um es einfrieren zu können. Gegen 16:30 sind Frikassee und Reis fertig, die Kinder suchen sich das raus, was sie essen wollen (der eine Hähnchen, der andere Spargelstücke) und ich genieße das Gefühl, etwas Gutes gekocht zu haben. Es schmeckt wunderbar (nach zwei Tagen, in denen ich so gut wie gar nichts gegessen habe, schmeckt alles super).

Danach wünschen sich die Kinder Fernsehen und weil ich auch müde bin und wir gerne fernsehen, flakken wir uns aufs Sofa und gucken Dino-Zug und NinjaGo zusammen. Irgendwann Schnippel ich noch Möhren für die beiden und schütte ein paar Chips auf den Teller, schneide Käseklötzchen und Wursträdchen und nach dem Verzehr des Snacktellers gehen wir Schlafanzüge anziehen. Der Große muss an zwei Stellen eingecremt werden, was er schrecklich findet und worüber wir uns verlässlich streiten aber gegen 20:45 klingt aus der USB-Box leise eine Benjamin-Blümchen-Geschichte. Ich beantworte Nachrichten auf Twitter und schlafe über den Handy ein. Endlich eine traumlose lange Nacht von 21:00 bis etwa 4:30…

Am Dienstag wache ich um 4:30 auf, weil ich (schon wieder) Kopfschmerzen habe. Dazu schmerzen meine Handgelenke und Finger und ich vermute, dass ich im Schlaf so arg die Fäuste geballt habe, dass mir die Hände jetzt noch weh tun. Ich stehe auf, lüfte, bemerke, dass die Heizung spinnt und nehme eine Kopfschmerztablette.
Dann lege ich mich nochmal hin und schlafe tatsächlich nochmal ein…ich träume, dass ich verschlafen habe, dass ich meine Kinder zu spät in den Kindergarten bringe und mich krank melden muss bei der Arbeit und wache mit einem Ruck um 7:00 Uhr auf.
Ich stehe auf, putze meine Zähne und ziehe Rolläden hoch, damit das Licht die Kinder sanft weckt. Dann höre ich den Großen, sage ihm guten Morgen und finde seine Flecken im Gesicht irgendwie seltsam. Ich mache ein Foto davon und schicke es per WhatsApp an meine Kolleginnen, um die zu fragen, ob sie sowas schonmal gesehen haben. Die Ferndiagnose sagt: sieht aus wie eine allergische Reaktion.
Ich beschließe im Kindergarten nachzufragen.

Der Kleine ist auch wach, sie kommen in Schlafanzügen an den Frühstückstisch. Ich schicke eine Nachricht an die Lehrerin , die die ersten beiden Stunden in meiner Schule Unterricht hat, dass ich mich wahrscheinlich verspäte und mache Frühstücksboxen für die Kinder fertig. Wir sind mit 15min Verspätung unterwegs zum Kindergarten. Auf dem Weg überlege ich, wann die Frauenberatungsstelle aufmacht, ob ich mir frei nehmen kann, um zum Amtsgericht zu fahren und ob ich noch was einkaufen muss. Im Kindergarten wird mir empfohlen, zum Kinderarzt zu fahren und der Kleine schreit sofort los, er wolle auch mit zum Kinderarzt.
Also melde ich per WhatsApp an die Lehrerin, dass ich zum Kinderarzt muss, rufe beim Kinderarzt an und kann sofort kommen.

Es sind Ringelröteln. Was mir morgens in dem dämmrigen Schlafzimmerlicht nicht aufgefallen ist, sehe ich hier in der Neonbeleuchtung in seiner ganzen Schönheit: ein Oberkörper voller Ausschlag. Eine Woche kein Kindergarten. Er sei zwar nicht mehr ansteckend, aber die Vorschriften…

Ich melde mich per WhatsApp bei der Arbeit krank. Bis Freitag. Und frage mich, wieviel weniger Gehalt es bedeutet, wenn ich jetzt 4 Tage lang nur Krankengeld und kein Gehalt bekomme. Ich überlege, zu meiner Hausärztin zu fahren. Mit meinem Schlafproblem, meiner seelischen Verfassung und meinen Kopfschmerzen bin ich auch nicht fit, aber beide Kinder haben grottig schlechte Laune.

Wieder zuhause stehen wir etwas ratlos in der chaotischen Wohnung. Der Kleine springt zu seinen Lego-Sachen und baut eine Baustelle, der Große findet alles kacke. Ich rechne im Kopf durch, wie wir das mit dem Kindergeburtstag am Freitag machen, aber beide Kinder haben Hunger. Ich schreibe eine Mail, ob der Vater die Kinder früher abholen würde (Dienstag ist Papatag) und er willigt ein. Dann informiere ich mein Team, dass ich trotz der kranken Kinder zur Teamsitzung komme, nur ein bißchen zu spät wahrscheinlich und koche den Kindern Nudeln mit Tomatensauce, Brokkoli und Hähnchenschnitzel.
Vor Papa-Aufregung können beide kaum essen und ich bastel ihnen noch zwei Lunch-Boxen zum mitnehmen.
Dann meldet sich meine Chefin mit der Frage, ob ich nicht Überträgerin der Viren sein könnte, auch wenn ich immun wäre, und ob es nicht besser wäre, ich bliebe daheim. Ich fange am Telefon an zu weinen, weil ich seit über 20 Tagen gefühlt alleine bin und Erwachsene vermisse und mir meine Teamsitzungen so wertvoll sind und meine Chefin erwidert nur: Minusch, ich hol Dich ab, alles gut.

Die Kinder verabschieden sich im Regen von mir. Ich stehe mit meinem Rucksack und einem Gefühl von permanent-Weltuntergang vor dem Haus und warte auf meine Chefin.
Sie hört sich meine Wochenend-Horrostory an und nimmt mir das Versprechen ab, mich zu melden, wenn es mir schlecht geht.
Die Teamsitzung ist wunderbar. Ich kann denken und lachen und es gibt Erdbeeren. Wir planen und überlegen und ich kann meinen Entwicklungsbericht korrigieren.

Ich sehe auch meinen ursprünglich besten Freund und fühle, wie es mich zerreisst, dass er keine Notiz von mir nimmt. Er nicht mal versucht, mit mir zu reden. Er Späße mit den anderen macht und immer wegschaut, wenn ich ihn anschaue. Es ist eine Qual. Und doch bin ich froh, hier zu sein. Ihn wenigstens zu sehen.

Anschließend fährt meine Chefin mich um 18:00 Uhr heim und bleibt noch einen Moment bei den Kindern und mir. Wir bauen einen hohen Legoturm, hören „Unter meinem Bett“ und dann mache ich Brote. Noch zwei Folgen Dr.Snuggels und wir gehen wieder ins Bett. Schlafanzüge anziehen, Zähne putzen, Spülmaschine anstellen, den Großen eincremen…alles wie immer mit dem Gefühl, zu viel von meinen Kindern zu erwarten.

und wieder schlafe ich über meinem Handy ein. wieder wache ich mitten in der Nacht mit Kopfschmerzen auf. wieder stehe ich vor einem Tag alleine mit meinen beiden Kindern. und es geht mir leider nicht so gut damit. ich hätte gerne mehr Menschen in meinem Leben. Menschen, die uns besuchen und mit uns eine Beziehung aufbauen und zu uns gehören. Menschen, die ich im Notfall anrufen kann. oder besser: bei denen ich mich traue, sie im Notfall anzurufen. ich werde mit jedem Monat müder. und ich wäre so gern wieder die Mama, dich noch letzten Sommer war: eine zuversichtliche Frau, die den Tag einfach plant und nicht vor lauter Erschöpfung vorbeiziehen lässt. eine Frau, die mehr Initiative ergreift und sich ihr Leben selbst zusammenbaut, so wie es sein muss. aber tatsächlich reicht meine Kraft derzeit gerade mal, den Alltag zusammenzuhalten. oder hällt der Alltag mich zusammen?
ich bin dankbar, dass wir finanziell sicher sind gerade. nicht reich, aber sicher. wir brauchen ohnehin nicht viel und dafür reicht das, was wir haben. aber diese Sicherheit scheint das nächste Level frei geschaltet zu haben: emotionale Instabilität. wenn ich mir meine eigene Bedürfnis-Pyramide so anschaue, dann scheint mir das plausibel. wenn dieses level steht, dann kann ich mich wieder um die Gesundheit kümmern, die ich gerade vernachlässigen muss. und wenn das klappt, dann vielleicht mal einen Urlaub in Angriff nehmen…

und das alles wäre leichter, wenn ich wüsste, dass ich nich zusätzlich noch ertragen muss, was der Vater meiner Kinder tut. denn einfach nur schön ist nichts davon.
und es wäre leichter, wenn ich nicht noch traurig wegen dem Freund wäre. dieser Zusammenbruch hat mich unfassbar geschwächt. und ich merke die Auswirkungen dessen in meinem Umgang mit anderen Menschen: ich bin noch ängstlicher geworden, weil einfach zu viel auf dem Spiel steht. ich stehe auf dem Spiel. und mit mir meine Familie. meine Kinder. Kinder, die ein glückliches buntes Leben mit mir haben sollten und jetzt mit mir durch eine Zeit müssen, in der ich meistens müde bin und ständig vor Erschöpfung einschlafen möchte und öfter schlechte Laune habe als vorher und in der sehr viel weniger geht als noch vor einem Jahr.

Liefs,
Minusch

8 thoughts on “#48stundenalleinerziehend – die hard

  1. Ich finde, den Alltag mit zwei Kindern zu stemmen, hat mit ,,gerade mal“ nichts zu tun. Es ist eine wahnsinnige Leistung!! Hochachtung vor allen Alleinerziehenden!
    Mach dich nicht so klein! Super Mama!!

  2. Respekt, du machst das prima!!!
    Der Umgang mit dem Vater und die damit einhergehende Sorge um die Kinder ist wohl einer der großen Unterschiede zwischen wirklich alleinerziehend und „Mein Mann kommt auch immer spät und ich bin quasi alleinerziehend“ Das ist mir gerade noch mal bewusst geworden.
    Ich wünsche dir Kraft und trotzdem jeden TAg einen Grund zu lachen,
    stefanie

  3. das stimmt. der größte Unterschied ist, dass es einfach keinen Verbündeten gibt sondern einen klaren Gegner. und das nicht mal selbstgewählt sondern als Dreingabe zum eh-schon-alleine-sein. ja, es ist leichter, ohne ihn zu leben als mit ihm. und das wäre es auch, wenn er gar nicht mehr hier klingeln würde, weil mich das so sehr stresst, dass ich mich bei sehr abwegigen potentiellen Lösungsstrategien erwische.

    Glücklicherweise habe ich die tollsten Kinder der Welt zuhause. und auch wenn sie Grenzen austesten und mich auf die Palme bringen, gibt es Aspekte, die einfach schön sind. 🙂

    Minusch

    1. Hej…ich fürchte, diese Gefühle und Erfahrungen gehören auf sehr blöde Art dazu. Reaktionen anderer Alleinerziehender sind sowas wie ein wissendes Nicken. Leute, die damit arbeiten, lächeln traurig und bemerken, dass es wohl überproportional häufig so läuft.
      Gefangen im Klischee.

      Aber gute Wünsche helfen irgendwie dabei, nicht in innere Diskussionen zu verfallen. Schuldgefühle können sehr effektiv Vorsichtsmaßnahmen umgehen.

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