learning Langeweile

ich war mal so eine, die echt immer wieder gute Ideen hatte. als ich noch verpartnert war, reichte meine Energie für Arbeit, Haushalt, Beziehungsstress und tolle Ausflüge/Backaktionen/Tanznachmittage.

ich schaue auf die beiden Sätze und frage mich, was sich alles verändert hat, außer der Tatsache, dass mir tolle Ausflüge/Backaktionen/Tanznachmittage gerade sehr schwer fallen. denn eigentlich (!) habe ich jetzt keinen Beziehungsstress mehr und somit prinzipiell mehr Energie für mich. das schlägt sich auch in Regelmäßigkeit nieder (ich geh total regelmäßig mit den Kindern ins Bett und wache total regelmäßig vor den Kindern auf und meine alltäglichen Mittagspausenlücken reichen regelmäßig für eine Kleinigkeit zu Mittag und zwei Mal die Woche kann ich regelmäßig auch wirklich sicher alles gleichzeitig an mir duschen).
der Haushalt ist auch einfacher geworden. ich habe mehr Möglichkeiten, Sachen zu verstauen. ich weiß, was wohin verstaut wurde. ok, manchmal wäre es schön, wenn mal jemand anders die Küche machen würde, denn der Murmeltiertag-Anblick immer wieder ist schon irgendwie auch nervig. Einkauf ist auch einfacher: ich weiß, was da ist und was nicht. und es sind auch nur Sachen da, die ich mag.
die Arbeit läuft unverändert. da sind die Zeiten wie gehabt.

und trotzdem sacke ich ab.

ich lese mit steigender Irritation, wie andere Leute meine derzeitige Lebensleistung bewerten und frage mich, ob ich einen Knick im Kopp habe. ja, ich lebe alleine mit zwei Kindern, aber das ist gar nicht das Schwere. ich finde es auch nicht schlimm, den Haushalt alleine zu machen, das Gefühl, damit alleine zu sein, hatte ich schließlich auch schon vorher. ich bekomme Geld vom Amt, um auszugleichen, dass ich weder Unterhalt beziehe noch Vollzeit arbeite und niemand macht mich deswegen an. ich kann selber entscheiden, dass meine Teilzeitstelle reicht und sie wird auch von niemandem als zu gering eingestuft. und niemand macht mich an, dass ich überhaupt arbeite. bisher hat auch niemand über meinen Krankenstand geflucht.

ich habe es tatsächlich objektiv gut.

allerdings habe ich eine Theorie, warum ich so absacke. naja, Theorie. es ist eher ein Cluster von ineinandergreifenden Faktoren, die dem zugrunde liegen könnten.

Faktor 1: das Allein sein
das ist definitiv ein gigantischer Faktor, der mein Leben beeinflusst. ja, ich habe immer meiner Kinder bei mir und so richtig allein bin ich dann natürlich nicht, aber sobald ich mal krank bin oder eines der Kinder krank ist oder ich Ferien habe, ist nicht einfach selbstverständlich jemand hier zum gemeinsam Augenrollen oder zum Abwechseln. es ist eine sehr seltsame Art, allein zu sein, so ohne Erwachsenen und dafür mit Kindern. sobald sich die zwei zu sehr um mich sorgen, überstolpern sich meine Gedanken an Kinder, die die Elternrolle einnehmen müssen und schwups hab ich den Stromstoß im Rückenmark, der mich ins Stehen zwingt. andererseits finde ich den Impuls meiner Söhne gut, mir aus den Balkonkräutern Suppe zu kochen und heilende Bilder zu malen. sie verstehen offenbar sehr gut, dass krank-sein bei Mama bedeutet, dass wir mehr Ruhe hier brauchen. selbst wenn ich dauernd das Gefühl habe, meinen Kindern mit Ungeduld zu begegnen, wenn sie krank sind, haben sie da schon jetzt irgendwoher ein wertvolles Wissen.

klar sehne ich mich auch nach Partnerschaft. der Gedankengang „ich wurde verprügelt – hab die Trennung hinbekommen – ich hab Weihnachten alleine gefeiert – ich hab uns finanziell abgesichert – und ich bin trotzdem in allem alleine“ gegenüber „er hat mich verprügelt – er hält kaum Absprachen ein – er hat eine neue Freundin, mit der er schon übers Zusammenziehen spricht“ ist einfach schlimm und verletzt mein Gerechtigkeitsempfinden. ich hadere mit den Folgen der Beziehung und er vögelt schon die nächste.

jaaaa, ich bin selber so irre weise, dass ich weiß, dass ich mich ja so voll weiter entwickle und irgendwann erkennen die Kinder, dass ich da ja ganz toll bin und überhaupt wird er jetzt nur die nächste Frau in Probleme bringen und ich mache das ja nicht …aber mal ehrlich: wen soll das trösten, wenn abends der Rücken weh tut vom Legosteine aufsammeln und der Kopf leer ist vom „MAMAAAAA!“-hören und das Herz einfach nur gekrault sein mag?

ist das Faktor2?: Neid
ich bin bestimmt irre neidisch. ich hätte echt gern ein Haus mit Garten. und ein Auto. und zwei Mal im Jahr Urlaub. und Kohle für Kurztripps. naja und Sex hätte ich auch gern. ich würde gern regelmäßig Sport machen. und mehr tanzen gehen.
und ich hätte gern einen Partner in Crime. jemanden für die Zwischenzeiten. für die Stunde vor dem Heimkommen der Kinder und jemanden fürs gemeinsam einkaufen gehen.
keine Sorge, grün vor Neid bin ich nicht. also: ich neide keinem Menschen ihr/sein Leben. ich stelle es mir nur so erleichternd vor, über diese Faktoren verfügen zu können. so hatte ich mir mein Leben um die 40 auch vorgestellt. naja, ich hatte mir auch vorgestellt, dass ich total übergewichtig in irgendwelchen gerade geschnittenen Oversize-Leinen-Kleidern rumlaufe und feist lächle. so gesehen ist das gerade schon mehr Punk und irgendwie besser. und doch…ein kleines bißchen Spießertum…oder wenn schon nicht das, dann wenigstens Sex (jaaaa, es fehlt mir wirklich und das schon länger als 5 Monate Trennung).

Faktor 3: die unendliche to-do-Liste
ja, ich habe eine. ich schreibe sie nicht mehr auf, weil mich das kribbelig gemacht hat, über ein Jahr lang denselben Punkt immer wieder neu aufschreiben zu müssen. aber es gibt diese Punkte Sachen auf Ebay-Kleinanzeigen reinstellen, Türen abwischen, Fußboden neu verlegen, Keller ausmisten, Klamotten wegbringen, Rolladen reparieren lassen, Küchenschränke abwischen…früher war es so, dass ich ab und zu einen freien Samstag hatte, um sowas dann zu erledigen. Step by Step. heute ist es so, dass ich die freien Samstage brauche, um den Haushalt aufzuarbeiten, weil ich den ab der zweiten Woche immer mehr brach liegen lasse mit dem Wissen um einen freien Samstag, an dem ich das dann ja machen kann.
ja, ich arbeite noch an dem Konzept. so ist es blöd. aber: es sind ja auch erst 5 Monate, ne? ich hab noch Luft für Erkenntnisse…

ich bin also permanent am Prioritäten setzen. meine Fresse ist das nervig. ich priorisiere sogar, ob es sich lohnt, die Spülmaschine einzuräumen oder ob ich erst aufs Klo gehen soll, auf die Gefahr hin, dass dann dort jemand vor mir steht und möchte, dass ich die Balkontür aufmache, damit dort dann mit der Blumenerde gespielt werden kann, die dich dann im Anschluss wieder wegputzen muss.

ihr versteht, was ich meine, oder?

manchmal denke ich, eine Haushaltshilfe wäre der Knaller. oder Handwerker? ach, manchmal reicht es ja auch, die eigene Geduld zu trainieren, nicht wahr? Sex wäre auch ne Lösung (jaha, ich hatte meinen Eisprung gestern!)

Faktor 4: Verletzlichkeit
wow, bin ich empfindlich derzeit. eine Abweichung in der Wortwahl, ein Blick, ein unglückliches Timing und ich mache dicht. immer wieder. nie fiel es mir leichter auf Menschen zu verzichten, von denen ich mich gestresst fühle. ist das eine Kompetenz oder Übertreibung?
ich habe mich entschieden, keine emotionalen Betonwände hochzuziehen, damit ich auch in Phasen von tiefster Tristesse noch spüren kann, wenn sich die Verhaltens-Nuancen meiner Söhne verändern (nicht, dass ich gerade dann was tun könnte, aber bemerken ist besser als übersehen und hilft auch retrospektiv bei der Einschätzung der Lage…ich bin so kluk…möp). das bedeutet aber, dass ich unter die Fluchttiere gegangen bin. und das auch IHM gegenüber. ich habe inzwischen die Übergabestelle von Wohnungstür zu Hoftor verlagert und bitte wieder um Einzelgespräche beim Kinderschutzbund, weil meine Empfindlichkeit dazu führt, dass mich jeder Pups von ihm trifft. da will ich gelassen und stark sein und dann stehen mir die Haare zu Berge und meine Stimme wird schrill und ich bekomme einen Buckel und fahre die Krallen aus…nur um kurz darauf zusammenzubrechen.
ineffizient aber so schnell wohl nicht veränderbar, wenn ich an dem Parameter „Empfindsamkeit“ nichts ändern will. schöne Scheiße.

Faktor 5: meine Möglichkeiten
es ist ja so, dass ich selbstverständlich eine Vorstellung von glücklicher Kindheit habe. für mich ist das eine bunte Mischung aus regelmäßigen Mahlzeit und Anarchie, aus gemeinsamen Pflichten und Tohuwabohu, aus Selfcare und Abenteuer, drinnen und draußen und zusammen und alleine. bis zur Trennung gelang mir diese Mischung in diesen Punkten quasi analog zu meinem Potenzial. da die dem zugrunde liegende Beziehung aber nicht ausreichte, um meinen Kindern und mir ein gesundes Gefühl für Zuhause zu geben, stehe ich jetzt vor der Aufgabe, mein Potenzial entweder weiterhin zu nutzen und dafür zu viel Energie zu brauchen (weil ich beispielsweise keine Abenteuer mehr delegieren kann und der Faktor gemeinsame Pflichten mit einem Helfer weniger eben mehr Aufwand für die anderen bedeutet) oder es eben nicht voll zu nutzen und mit der Resignation leben zu lernen.
und das ist meine Entscheidung. Resignation. und sie ist hart.

ich weiß, die Zeit arbeitet für mich und irgendwann wird es leichter und die Kinder werden größer und dann kann ich einen Samstagseinkauf auch alleine machen und die Kinder können mehr im Haushalt helfen (hört auf zu lachen!) und überhaupt wenn ich groß bin wird es alles ganz knorke. nur: ich lebe jetzt. zusammen mit zwei kleinen ganz stark im-jetzt-lebenden Kindern. Warten können wir alle drei nicht so irre gut. aushalten auch nicht. ich empfinde beides auch gar nicht als DIE erstrebenswerten Charakterzüge.
also bleibe ich weise, hm?

dieser Text entstand Sonntagvormittag unter zur Hilfename zweier Smartphones, auf denen die Kinder App-Spielchen zocken durften. wir saßen zusammen auf dem Sofa, jeder ein Device vor der Nase. ab und zu musste ich den Bildschirm quer stellen oder ein Update unterbrechen oder die Musik leiser/lauter machen. aber hey…auch eine Form der Kompetenz. und immerhin habe ich zwei Smartphones, eines mit und eines ohne Sim-Karte. aber zwei. so schlecht gehts mir also nicht.

Liefs,
Minusch


3 Gedanken zu “learning Langeweile

  1. Liebe Minusch
    vielleicht waren alle Deine Aktivitäten auch so etwas wie das Tanzen am Rande des Vulkans? Jetzt holen sich Körper und Unterbewusstes die Langeweile/Ruhe, die sie auch brauchen? Auch wenn’s Dir schwer fällt?

    Mir ging es vor 5 Jahren so – erst ein massiver Energieschub und dann 2 Jahre reduzierte Drehzahlen.

    Vielleicht freuen Du und Kids sich über diesen Langweil-Beitrag?

    herzlich
    r.

    1. an den Tanz am Rande des Vulkans dachte ich auch schon. und ich hatte schon Angst vor einer bipolaren Störung, weil das alles immer so verstärkt daher kommt.

      aber gut, dass Du das von Dir aus beschreibst. das beruhigt mich echt. Danke!

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