waving textiles

der letzte Beitrag liegt zulange zurück. mir fehlen die unsortierten Gedanken vor mir auf dem Bildschirm. im Kopf habe ich bereits 15 Blogbeiträge geschrieben und wieder vergessen. aber das ist nicht dasselbe, wie es hier hin zu tippen.

es gibt viele Wunder in jedem Alltagstag. eines ist, was alles möglich ist, wenn ich loslasse/festhalte. aus irgendeinem seltsamen Grund scheint immer das Gegenteil Entwicklungsziel zu sein. wenn ich mir vornehme, Menschen festzuhalten, die ich liebe, dann zeigt mir das Leben, dass ich sie besser loslassen sollte. wenn ich den Eindruck habe, loslassen zu wollen, werde ich damit konfrontiert, das Festhalten doch eine schöne Option wäre.
bewahre ich mich so selbst vor Extremen?

wird es jemals einen Zustand der Ruhe geben, oder ist das allenfalls eine Überkompensation dessen, was Leben bedeutet? eine Sehnsucht nach Bewegung dorthin? ist Ruhe vielleicht nur im Moment möglich, aber nie gedacht über einen fiktiven Zeitraum? ein Jahr lang Ruhe. einen solchen Roman würde ich kaufen und neben mein Bett legen. ein Jahr lang Ruhe. das klingt wie ein wunderbar exotisches Mantra. wie eine Einladung zur Reise.

ich befinde mich mitten in der Verarbeitung der Trennung. durch meine wachsenden Kompetenzen als Selfcare-Mom entstehen Räume im Alltag, in die meine Gefühle hineinschimmern können. ich lasse sie niemals ganz frei. dafür fehlt der Raum. aber ich lasse sie schimmern. heute morgen beispielsweise dachte ich wehmütig darüber nach, wie wundervoll ich Leben gestalten kann. ich habe so viel gelernt über Essen und Ernährung, über Atmosphäre und Licht, über die Wirkung von Musik und über das Kostbare des gestalteten Raumes. ich installiere nach wie vor Blickachsen für mein Herz und hoffe, dass meine Kinder davon ebenso profitieren wie ich.

und wenn ich dann Bach höre, dann denke ich an den Klang seines Cellos, den ich nie gehört habe.

wir hatten von einer Boho-Familie geträumt. eine eklektizistisch möblierte Wohnung mit großzügig weißen Wänden. ich habe 5 Jahre lang konsequent clutter entsorgt oder verarbeitet, um dem Moment der leeren Flächen näher zu kommen. er musste viele Zugeständnisse machen, denn er kam ohne Möbel, und so blieb ihm vorerst, mit meinen zurecht zu kommen. viele mochte er nicht. die Gründerzeit-Kommode mit der Marmorplatte fand er schrecklich und ich liebte sie aus Nostalgie. ich habe, wenn ich Oma und Opa besucht habe, diese Kommode mit einem Staubpinsel saubergepinselt. ich habe im bleich-gelben Licht der Gardinen auf dem Boden gesessen und die Linien im Holz, die Kanten, die komplizierten Griffe der Schubladen betrachtet.

unsere Kinder sollten den Klang eines Orchesters ebenso kennen wie unsere Lieblingsmusik. wir vermieden starke Farben, weil er helle Töne wollte. mir kam das logisch vor, weil er so groß ist und alles Drückende ihn belastet. wir genossen SlowFood ebenso wie die schnelle italienische Küche und moderne Variationen von Gemüse. unsere Söhne haben schon als Babys Sushi gegessen. an einem verregneten Tag saß ich mit dem Großen in der Stadt bei einem Sushi-Corner und wir teilten uns die Avocado-Maki.

wir interpretierten den Zeitgeist und boten ihn unseren Kindern als Spielplatz an.

ich wollte so gern stark sein und ihm den Raum geben, zu spüren, wie schön es ist, in Sicherheit zu sein. aber wir waren beide nicht sicher. zu keinem Zeitpunkt waren wir sicher in den Herzen des anderen. so viele kleine und einige sehr große Lügen hatten mich völlig verängstigt. und ihn hat meine Abwehr immer wieder gekränkt. das Ergebnis waren zu viele Gefühle auf der anderen Seite des Pendels. zu viel Schmerz. zu wenig Vertrauen.

er holte sein Cello erst, als es zu spät war. der Gedanke, auf dem Teppich zu liegen und ihm zu lauschen, während er Etüden probiert, war so wunderschön. das dazugehörige Bild ist nie entstanden.

war es der Punk in meinem Herzen? die von mir so sehr geliebten Brüche? mit mir ist keine Einheitlichkeit möglich. meine Schönheit entspringt dem gelebten Widerspruch. ich kann nicht genau sagen, was ihn am meisten auf die Palme gebracht hat. aber ich lebe vieles von dem, was wir gemeinsam angefangen haben, mit den Kindern weiter. wir hören sonntags klassische Musik und ich versuche an Konzertkarten für Kinderkonzerte zu kommen. ich koche so oft ich kann das, was wir auch gemeinsam gekocht haben. an regnerischen Tagen zünde ich die Kerzen am Leuchter an und an sonnigen Tagen essen wir mittags auf dem Balkon. ich gestalte das Leben rund um unsere Mahlzeiten analog zum Wetter, zu unserem Energiehaushalt.

und im Sommer fahren wir nach St. Peter-Ording.

ich träume nach wie vor davon, Paris mal zu sehen. oder Kopenhagen. Stockholm. Helsinki. ich träume davon, unzählige Menschen in meinem Rücken zu spüren.

ich öffne mich neuen Begegnungen und genieße die Aufmerksamkeit. gleichzeitig übe ich das Loslassen nach jedem Kontakt, wenn mein Gegenüber aus versteckten Gründen den Kontakt nicht mehr möchte. nicht mehr braucht.

in mir tobt eine wilde Freude, wenn ich eine Stimme höre, die sich vertraut anhört. laut lachen zu können erscheint mir wie ein Geschenk. und ich lächle immer wieder über die beiden Jungs, die dieses Leben arglos mit mir teilen. die nicht wissen, wieviele Brücken ich bereits abgebrochen habe. wieviele Sorgen in mir toben. die zwei Kinder, die mich aus Selbstschutz akzeptieren und so den Raum groß und weit machen für meine Lernprozesse. ich darf Fehler machen. das Gefühl hatte ich noch nie in meinem Leben…

so traurig ich manchmal bin, so viel Glück empfinde ich doch immer wieder konzentriert in einzelnen Tropfen Zeit. meine Kinder sind gesund. ich kann laufen und Yoga machen und kochen und singen und schreiben. es gibt immer wieder Menschen, die mich freudig begrüßen. es gibt Menschen, die mir vertrauen.

ich habe auf dem Sperrmüll einen wunderschönen Tisch für den Großen gefunden. sein Kindertisch war ihm schon lange zu klein. er sitzt jetzt mit seinem Stockestuhl an einem 50-Jahre-Resopalplatten-Tisch. mein Schreibtisch in etwas kleiner. das Bild seines Zimmers ist völlig verändert. und ich bin hingerissen von der Stille, mit der er an diesem Tisch Bilder zeichnet. Osterhasen, Drachen, Familien, fliegenden Häusern.

und der Kleine ist schon jetzt in der Lage, komplizierte Geschichten abzurufen. seine Motorik ist bemerkenswert. er gestaltet nicht gerne Räume. aber er gestaltet Bewegungsabläufe. und er kann Tagesplanungen entwerfen, die uns dreien gerecht werden.

zu Leben heißt loszulassen und festzuhalten. zu tanzen. wechselnde Tempi. wechselnde Stimmungen. wechselnde Tongeschlechter. nein, wir können nicht mit jedem Menschen tanzen. aber wir können es versuchen. und wenn die Bewegungen sich nicht synchronisieren lassen, dann können wir loslassen. ein kraftvolles Damensolo um die eigene Achse und der Raum öffnet sich für den nächsten Schritt.

Liefs,
Minusch


8 Gedanken zu “waving textiles

  1. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Du Deine Gefühle und Deine Gedanken in solch fesselnde Worte fassen kannst. Du beschreibst das Leben! Das istzum Glück nicht nur schwarz oder weiß, es ist unheimlich bunt und voller Facetten. Lebendigkeit, bloß kein Stillstand ist das, was mir wichtig ist. Zur Ruhe komnen? Innerlich vor allem – klar, wäre auch mal schön.
    Du bist da wo ich noch hin muss. Trennung. Ich arbeite dran. Sie geht von mir aus, weil ich nicht mehr so weiter machen kann wie bisher. Und gleichzeitig ist da so viel Angst vor dem, was kommen mag oder auch nicht kommt. Die Angst, die mich viel zu lange verharren hat lassen. Erstarrt in Angst. Und ganz wichtig sind die Menschen drumherum. Und ja, loslassen + festhalten kommt mir auch sehr bekannt vor.
    Danke!

  2. Liebe Minusch, ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen und lese mich grad hier durch. Bei diesem Eintrag musste ich einfach reagieren, obwohl andere mich nicht weniger berührt haben.
    Ich bin ebenfalls alleinerziehend, allerdings mit 2 Mädchen, 5 und 8 Jahre alt. Seit 3 1/4 Jahren sind wir- nicht allein- sondern zu dritt. Es ist verdammt hart. Es ist absoluter Mist. Mich hat die Trennung seelisch wie körperlich krank gemacht und meine Kinder mussten vieles miterleben, was ich Ihnen so gern erspart hätte. Ich hatte mehr Rückschläge als Meilensteine.
    Ich habe so viele Tränen vergossen. Um das, was ich verloren habe, um zerplatze Träume, um das, was ich meinen Kindern genommen hab und ihnen nun nicht geben/bieten kann, um die, die ich mal war und die ich verloren hab, um ‚Freunde‘, die ich verloren hab (und das waren erschreckenderweise ALLE),…
    Aber ich habe auch viel gelernt. Dass es okay ist, Hilfe zu benötigen und SIE ANZUNEHMEN. Dass ich mehr kann als ich gedacht hätte. Dass auch die dunkelste Nacht wieder heller wird. Dass eine beängstigende Diagnose nicht das Ende der Welt bedeuten muss. Dass ich schwach sein darf. Dass ich mich die kinderlosen Wochenenden am liebsten manchmalauf die Bahnschienen gelegt hätte. Dass ich sie aber auch genießen DARF. Dass vermissen okay ist. Dass eine kurze Zeit ohne Kinder mir immer aufs neue zeigt, dass ich danach wieder viel offener für sie bin.
    Ich habe lange mit vielem gehadert. Ich hadere noch immer viel. Ich bin 35 und habe das Gefühl, meine beste Zeit geht vorbei ohne dass ich sie nutze. Mist Gefühl.
    Ich bin noch lange nicht dort, wo ich hin will. Wo ich mir wünsche, bald mal zu sein. Manchmal fühle ich mich, als würde ich noch immer in der Trennung stecken.
    Aber es wird leichter, liebe Minusch 💖 danke für diesen tollen und so wichtigen Blog. Durch ihn fühlen sich sicher einige nicht mehr so allein. Ich auch nicht💖

    1. Danke. ich hoffe, dass es hilft, sich nicht allein zu fühlen. und ich hoffe, dass es Schritt für Schritt besser wird.

      am schlimmsten ist diese andauernde Erschöpfung. das ist so schwer zu ertragen.

      müde Grüße,
      Minusch

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