Strukturen

1 ich wollte hier raus (aus Erinnerungen und Alltag)

mein Blog und mein Twitteraccount waren schon immer offen. oder um Offenheit bemüht. prinzipiell an der Grenze zur Indiskretion und für manche darüber hinaus. der Grund dafür liegt darin, dass ich Tabus als krankmachend bewerte und der Meinung bin, dass all unsere Geschichten nötig zu erzählen sind. und zwar nicht in eloquenter Prosa oder Stellvertreter-Novellen sondern als Berichte. subjektiv, emotional und unübertragbar. aber mit der Einladung für die Lesenden, darin ihre Anteile zu verorten.
als ich meine Lyrik mit 16 zum ersten Mal kategorisch versucht habe einzuordnen, wollte ich als Ziel den Lesenden eine zart eingefärbte Leinwand damit hinstellen, die sie selbst gestalten. dass es dafür gar nicht so viel Mühe braucht, und dass das ohnehin mit jedem Text geschieht, habe ich inzwischen auch verstanden.

dementsprechend unterschiedlich werde ich gelesen. es gibt einen Grundtenor, den viele eine Weile teilen können, aber im Detail gibt es Abweichungen, die viel damit zu tun haben, wo die eigene Verletzlichkeit liegt. und je nach Stand der Dinge bin ich dann für Gefühle verantwortlich oder eben nicht.

ich möchte über Scham schreiben. meine Scham. meine Übung, mich anderen zuzumuten.

dieser Urlaub kam nur mit der Hilfe von vielen liebevollen Menschen zustande. Menschen, die etwas von mir gelesen haben und sich überlegt haben, dass Sie mir etwas abgeben wollen. das war eine komplexe Entscheidung. Aufmerksamkeit, Betroffenheit, Handlungsbereitschaft, Handeln. das ist nicht immer so verknüpft. was für mich dabei passiert ist, ist ein halbes Jahr mit Sicherheit für den Alltag und die Freiheit, mit meinen Kindern Zelturlaub an meinem Lieblingsort machen zu können.

ja, St. Peter-Ording ist nach Sylt auch so ein kleines deutsches Monaco. vor allem, wenn Dein Dispo bei jedem Einkauf quietscht. ich hatte mir alles durchgerechnet, eine frühere Notfall-Rückreise eingeplant und fühlte mich sehr sicher. nach der ersten Woche hatten wir mehr Geld ausgegeben, als ich gedacht hatte. ich hatte uns Unbeschwertheit erlaubt. das war toll! wir hatten ein schönes Zelt, unser Equipment hat super zu unseren Bedürfnissen gepasst, ich hatte alles dort hingeschleppt, vom Bahnhof aus hatten wir uns am Anreisetag aus Energiegründen ein Taxi geleistet nach 11h unterwegs-sein. ich habe uns direkt am selben Abend zum Essen eingeladen. wir haben immer auch Kekse eingekauft…aber die Preise in den Supermärkten erschienen mir seltsam hoch. und die Preise beim Essen erschienen mir seltsam hoch. und als k1 sich im Wattforum in eine Glubschi-Robbe verliebt hat, war die auch teurer als der kleine Hai Delphin, den k2 haben wollte. dann brauchte ich ein Verlängerungskabel und kaufte das Falsche (bei dem schlechten Netz hat mein Handy irgendwie total schnell Energie eingebüßt und irgendwie wollte ich dann doch gern mein Handy im Zelt aufladen und nicht jedes Mal zum Spülen, aufs Klo, zum Zähneputzen schleppen). wir tranken Limo, wir gingen in 2 Wochen 4 Mal essen und einmal holte ich uns zwei Portionen Milchreis zum im Zelt verputzen. wir kochten sonst selber oder aßen Brote und Reste. wie zuhause auch.
aber ich hatte mich da verrechnet.
ebenso bei den Auswirkungen einer Infektion auf uns drei und den dazugehörigen Hotelkosten.

und bei meinem Umgang damit. und dieses Gefühl sitzt knapp unter der Kehle. es hat Hauttemperatur. ich habe mich verrechnet. ich weiß, dass das jedem passieren kann und ich bin mit Zahlen nicht gut und ich kann nicht gut denken, wenn die Kinder 24/7 um mich sind und ich war im Urlaub und habe losgelassen und es war kompliziertes Wetter und ich musste viele Problemlösungsstrategien auffahren und meine Kinder hatten schlechte Laune und erinnerten sich immer wieder an ihren Vater, mit dem wir schon hier am Strand waren…

wir wurden den ganzen Urlaub mit dem Vater meiner Kinder konfrontiert. der Kleine sprach immer wieder davon, wo wir mit ihm hier waren und was wir mit ihm gemacht haben. inzwischen erfindet er Geschichten dazu. Geschichten, die fantastisch sind oder nah an der Realität aber dennoch nicht stimmen. ich beobachte das vorsichtig. und ich höre zu. bei jeder dieser Geschichten höre ich zu. die Kinder schwärmen in den Erinnerungen und ich teile mich in zwei Personen um das auszuhalten. bin dankbar um mein professionelles Ich, das mir dies gerade ermöglicht, denn einen Absturz im Zelt wollte ich nicht.

ich bin dort hin gefahren, um es mir zurückzuerobern, so wie ich mir mein Leben zurückerobern will. ich bin als Angreiferin unterwegs. als aggresiver Mob. ich will das alles zurückbekommen! für mich und meine Kinder. meine Wohnung habe ich erstritten (mit Eurer Hilfe). meine Art Essen zu sehen habe ich mir zurückerstritten. meine Liebe zu anderen Menschen gehört mir noch nicht wieder ganz, weil ich dort am meisten seine Präsenz spüre. Ängste, Panik, Selbstentwertung und Misstrauen gedeihen auf dieser Brache prächtig. ich arbeite dagegen an, so gut es geht. nur geht es nicht wirklich gut.

und dann flüchte ich an meinen Herzensort und spüre dort die Not der Kinder noch mehr als im Alltag. spüre dort, wie dicht unser Alltag überhaupt ist. was für ein Wunder da hinter uns liegt in den letzten 9 Monaten. uns sieht niemand unsere Geschichte an. ist das gut? ich bin mir gar nicht sicher.

all das hat mich lahm gelegt. jeden Tag mehrere Konfrontation mit ihm. jedes Mal den Kopf in den Wind strecken und ruhig atmen. ich habs drauf. ich kann das. aber der Preis?

als ich ins Hotel ging wusste ich bereits, dass ich Hilfe dazu bekommen kann, wenn ich mich traue, sie anzunehmen. sonst hätte ich es kaum gewagt. als ich die zwei Nächte auf drei Nächte ausgeweitet habe, war ich mir sicher, dass mein Dispo das schafft. das Essen in dieser Zeit war teuer, weil ich nichts kochen konnte. am ersten Abend, als wir endlich wieder etwas schlucken konnten, aßen wir die Kühltasche leer. und die beiden anderen Abende teilten wir auf in einem mal Essen gehen und einmal Cornflakes mit Milch. das kam auf den Zimmerpreis noch drauf. plus die Medikamente, die ich kaufte, bevor ich unsere Diagnose kannte. plus zwei Taxifahrten, weil ich nicht mehr konnte.

vor zwei Jahren hat alsmenschverkleidet über Armut geschrieben. ich könnte das auch. dabei ist diese Armut schon ziemlich perfide und meine Bereitschaft, staatliche Hilfe anzunehmen, wenn ich es alleine nicht schaffe, ist hoch. aber, es alleine nicht zu schaffen, beschämt mich sehr. mein erster Gedanke als wir krank waren, war: ich sollte den Vater meiner Kinder um Hilfe bitten.
aber die letzten Bitten per Mail wurden nicht mal beantwortet. ich hatte um Hilfe bei Schuhen gebeten, um Hilfe für ein Bett…wären wir zwei Schulterpaare gewesen in dieser Situation, wäre es leichter gewesen. die sind wir nicht.

aber da sind die Schultern anderer.

ich hatte mir dieses Jahr als Vorsatz genommen, zu allem ja zu sagen. ich hatte mir das vorgenommen, um mich überraschen zu lassen und meine Gedanken nicht zu sehr ins Trudeln zu bringen. das Ergebnis ist nach 6 Monaten schon eines gewesen, das ich kaum fassen kann. der Bereich in meinem Leben, der mich schon immer verwundbar gemacht hat, wurde von fremden und vertrauten Menschen geschützt. mehrmals. einerseits neigt mein Kopf dazu, mich als Faß ohne Boden zu sehen, weil ich so viel Hilfe gebraucht habe. aber andererseits scheinen viele Menschen zu sehen, das diese Lebenssituation objektiv hart genug ist, um darin nicht stabil selbständig sein zu können. etwas, was ich nicht mehr sehen kann. was ich aus Euren Blicken wieder lerne oder erinnere. ich bin schon blind geworden für unsere Not. ein warmherziger Mensch meinte, dass ihn nicht wundere, dass wir drei im Urlaub krank geworden sind. wir waren entspannt. und wir sind das im Alltag wohl nicht. und stark belastete Menschen werden krank, wenn sie sich entspannen, weil das Immunsystem dann runterfährt…noch vor einem Jahr wäre ich selbst auf sowas gekommen. gerade brauche ich diesen Hinweis von außen.

denn:
mein Bedürfnis, alles gut zu machen, überdeckt natürlich unsere Traurigkeit. meine Scham für mein Leid verhindert die Sichtbarkeit der Qualen hinter dem Lachen. meine „Tapferkeit“ steht allem Traurigen entgegen. ich bin keine Freundin der positiven Psychologie, weil sie übertüncht und wertet. und ich erinnere mich an viele Sätze wie „Kopf hoch“, „mach das Beste draus“, „sieh auch das Gute“…in mir tobt ein Krieg zwischen diesen beiden Lagern „alles scheiße“ und „alles gut“. beide lügen. beide sind nicht wahr. und irgendwann werde ich aus ihnen eine Melange rühren und sehen, was passiert.

es ist kein Wunder, dass bei mir etwas schief geht. dass ich vieles nicht kann. dass ich Hilfe brauche. dass Stimmungsschwankungen mein Seegang sind.

die Scham bleibt.

vor allem dann, wenn ich sehe, wieviel Hilfe ich schon bekommen habe und wie wenig Hilfe andere kriegen. ich kenne eine Mama, die als stark gelesen und gesehen und beschrieben wird. die aber durch die Trennung permanent in Not ist. sie kann nicht um diese Art der Hilfe bitten. die Gründe sind ihre und sie sind wichtig genug, um nicht mal an ein Urteil zu denken. und dann wünsche ich mir ein System, das uns hilft. dann wünsche ich mir sowas wie eine Schutzblase um uns herum. dann wünsche ich mir, dass die Schwere eines solchen Lebensereignisses besser abgefangen wird als mit Aussichten auf eine Mutter-Kind-Kur (die auch nicht zu jedeR passt). dann wünsche ich mir, dass dieses Gefühl, dass Dir vertraut wird, dass Du alles so schnell und gut wie möglich regelst, die Grundlage bildet. denn niemand von uns bleibt gern in diesem ohnmächtigen Zustand.

ich schäme mich noch immer, Hilfe anzunehmen. aber: ich lese die Hilfsangebote als eine Außensicht, die ich nicht einnehmen kann. ich schäme mich auch beim Schreiben. weil ich das alles schreibe. das hier ist knallhart. immer wieder das Beschissene zu erwähnen ist hart. viel lieber schreibe ich die kleinen leichten Dinger, in denen es um Schönes geht. awwww-Texte. kleine Wundervolligkeiten. aber: in mir gibt es eine Kraft, die darauf besteht, mich zu konfrontieren. und andere auch. ich will nichts in Relation setzen sondern meine Geschichte zum lesen anbieten, weil ich WEISS, dass das nicht nur mich betrifft! weil ich WEISS, dass diese Scham strukturell ist! weil ich WEISS, dass diese Lebenssituation ungerecht ist!

ich schäme mich hier also laut. ich lege mich bloß. ich übe indiskrete Transparenz. ich mute mich zu.

…und ich halte das an dieser Stelle für richtig, denn ich sehe, was mit denen geschieht, die nicht laut sein können, dann hebt sich mein stolzer Kopf und sagt: ich kanns. mich hassen Menschen dafür, dass ich das kann. aber ich kanns. und Talente soll niemand vergeuden.

mehr Schutz für alleinerziehende Mütter!
und alle Liebe für die Kinder von Vätern, die ihnen zumuten, sich ungeliebt zu fühlen!
mehr Glück für alle!
wir sind keine zufällige Gruppe von Versagerinnen! wir haben nur den falschen Menschen vertraut!

und mit diesem lack of trust gehen wir neu ins Leben und konfrontieren uns mit neuen Beziehungen zu neuen Freundinnen und sind in allen zentralen Lebensbereichen eingeschränkt.

ich wage mich schon wieder in den Wind, weil das mir entspricht. aber ich spüre, wie eingeschränkt ich bin. wenn ich könnte, ich würde vor diesem Grundgefühl davonlaufen. und ich kann jeden Menschen verstehen, der dies stellvertretend für mich tut. ich versteh das sogar besser als die, die bleiben wollen.

liefs,
Minusch


6 Gedanken zu “Strukturen

  1. Und genau das fand ich bei deinem Blog so atemberaubend, als ich ihn fand. Und es weckt ihn mir keinen Hass, sondern das Bedürfnis, dir die Flanken zu stärken, um es dir weiterhin möglich, oder vielleicht etwas leichter zu machen. Nur Wahrhaftigkeit kann bewegen, denke ich. Hochachtungsvoll (keine Floskel!), Alice

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