Hannas Fehler (CN)

ja, ich beziehe mich auf die erste Staffel „13 Reasons why“ („tote Mädchen lügen nicht“), eine abgefeierte Netflix-Serie über den Suizid von Hanna Baker, der in 13 Episoden retrospektiv von ihr erklärt wird. die Serie lebt von einer ungewohnten Direktheit in der Darstellung und der deutlichen Adressierung an Jugendliche. sie ist explizit, beängstigend, entmutigend, spannend, scheinbar ehrlich und für Eltern kaum zu ertragen.
die Macher*innen der Serie (produziert von Selena Gomez, früheres Disney-Channel-Frontgirl) waren sich zu jeder Zeit im Klaren darüber, wieviele Tabus sie brechen mussten, um diese Serie zu produzieren. sie haben sie gebrochen. und auch wenn die Kameraführung ab und zu doch Erleichterung für die Zuschauer*innen verschafft, in dem sie verzerrt, ausweicht oder abstrahiert, bleibt doch ein Gefühl der Nähe zu den Protagonist*innen, als hätte das Team von Blair Watch Project hinter der Serie gestanden. auch Suspense ist zu spüren. wir wissen ja von Anfang an, dass dieses Mädchen sich umbringen wird. filmisch ist diese Serie ziemlich gut.

jede Episode erhöht den Schmerzfaktor, zieht die Zuschauer-Foltergeräte enger. ganz klassisch. in guter Tradition sämtlicher Serien, die mit der Realität spielen, um die Zuschauer*innen emotional in Bewegung zu bringen.
es gelingt. die Kniffe sind einfach aber auch einfach gut. die Musik sitzt. die Seitengeschichten sind konsequent und die Besetzung funktioniert. alle Figuren bleiben durch die Bank glaubwürdig. so viel zu meiner Rezension.

Hanna Baker ist glaubwürdig, aber nicht real.
die Schule ist es nicht. die ganze Geschichte ist es nicht. diese Geschichte funktioniert nur, weil klischeehaft das totale Versagen des ganzen Systems herbeigeführt wird und weil dafür eine Hauptrolle gefunden wurde, die unsterblich ist, bis sie sich umbringt.

alles an dieser Serie erinnert an etwas. selbst wir Deutsche, die nie auf einer Highschool waren, können das alles voll verstehen. die bedienten Klischees sind genauso realistisch wie die aufgelösten. wir begleiten Clay Jensen beim aufklären dieser Geschichte. eine zweite Hauptperson, die nicht realistisch ist, die wir aber schrecklich gern realistisch lesen. denn: Clay sind wir. die Beobachter*innen.

die Überschrift meines Beitrags heißt „Hannas Fehler“. die Figur der Hanna Baker ist schon von den Machern der Serie bewusst nicht fehlerlos angelegt. sie öffnet sich niemandem. sie steht nicht für sich ein. sie hat Interessen, aber keine Leidenschaft. sie scheint zu funktionieren, aber mehr Beobachterin als Gestalterin zu sein. ihr Versuch, sich Hilfe zu holen, gleicht einem bockigen Teenie-Klischee und nicht einer jungen Frau mit multiplen Baustellen. der Vertrauenslehrer hätte letztendlich nur versagen können. das Ziel der Figur war ja klar. oder nicht?

und wer Bitteschön ist so krass, jede Erniedrigung auf eine Kassette zu sprechen und diese Kasettensammlung posthum zur Heimsuchung zu nutzen? schon allein dieser Kniff, der diese Erzähl-Perspektive möglich macht, entlarvt Hanna entweder als Sadistin oder eben das, was ich für wahrscheinlich halte: eine KUnstfigur.

hätte es nicht in jeder Episode für Hanna die Möglichkeit gegeben, jemanden anzusprechen? Vertrauen zu fassen? wer genau hat sie enttäuscht? was hat sie erwartet? was WOLLTE Hanna eigentlich?

Hanna und Clay sind zwei ziemlich charterfreie Charaktere in einer Serie voll von Klischees. einfacher macht das eigentlich nur noch Walt Disney. hätte Hannas Tod verhindert werden können? ja. wenn sie echt gewesen wäre. wenn diese Figur nicht als Ziel den Tod gehabt hätte, sondern das Leben.

keine Sorge, ich relativiere damit die Realität kein bißchen. ich erkenne an, dass unter Teenies Kommunikationsstrukturen herrschen, die durchaus mit brutal richtig bezeichnet sind. ich kenne die Epidemiologie von Depression im Kindes- und Jugendalter. ich sehe die Diskrepanz zwischen dem System Schule und dem Bedürfnis, einen Sinn im Leben zu finden. und ich sehe die Verführung durch Klischees und Peergrouppressure sowie die Enttäuschung von den eigenen Eltern.

was ich aber vor allem erkenne, sind Eltern, die „Respekt“ vor der Pubertät haben. Ratgeber, die laienhaft von Veränderungen scherzen und Eltern, die ihre Kinder wirklich maßlos unterschätzen. maßlos. aus Angst. aus Unverständnis. aus verquer interpretierten Signalen. und aus der aktuellen sicherheits-terroristischen Strömung in den Medien.

da wird nach der und vor der Konfrontation mit dieser ausgedachten Geschichte gewarnt und zum Handeln aufgefordert. da wird emotional die eigene Versagensangst ausgepackt. da sind plötzlich alle Kinder mit der Fähigkeit zu fühlen potentiell gefährdet und brauchen die wärmende Umarmung eines liebenden Elter.

also genau das Gegenteil dessen, wofür die Pubertät ganz klassisch steht.

ja, genau, das Gehirn strukturiert sich neu. aber nicht in dem Sinne, dass da ein Regal umgekippt wird und plötzlich alles auf dem Boden liegt. nee, ein Wertesystem entsteht auf dem, was als Kind schon verstanden wurde. ein ganz eigenes Wertesystem. eine eigene Vorstellung von einem schönen Teenie-Leben schwebt angeschoben von sämtlichen medialen Vorstellungen des jung-seins über den Köpfen, und die Einsamkeit haut rein, weil auch Teenies schon nicht erreichen können, was medial inszeniert wird. die eigene Verletzlichkeit wird global. plötzlich fällt das mit der Klimaerwärmung wie Schuppen von den Augen und kein Teenie wird jemals verstehen, warum Assad Syrien zerbomben durfte.

und was tun wir Eltern? wir sind da. im Kind entsteht die Revolution, der Wille zum Kampf. und die Eltern repetieren „Zähne putzen, pullern, ab ins Bett“. Smartphones werden getrackt, die Multimedia-Berater*innen malen gruselige Szenarien, sobald wir unser Kind unbeaufsichtigt chatten lassen und Mamas fb-Account kannst Du wohl kaum ablehnen, oder? mehr Nähe ist nötig, damit die Kinder auch wirklich wissen, dass wir Eltern da sind.

(psst: wenn sie das bis zur Pubertät nicht kapiert haben, also, dass wir Eltern da sind, werden sie es in der Pubertät erst recht nicht mehr glauben.)

die Kinder drehen sich um und die Mamas rufen: Ich bleib bei Dir!

um zurück zu Hanna Baker zu kommen: dieses Mädchen hatte keine Chance, weil sie dramaturgisch so angelegt war, keine Chance zu haben. die Ähnlichkeit mit lebenden Personen sind beabsichtigt, aber keine Charakteristik. die Serie funktioniert, weil die Hauptpersonen keine Ecken haben. weil sie ganz liebe und hübsche null-acht-fuffzehn-Menschen sind.

Hannas Fehler ist also, um zum Schluß zu kommen, charakterlos zu sein.

und als beste Konsequenz daraus wäre zu ziehen, die eigenen Kinder zu Persönlichkeiten wachsen zu lassen! sie gerade dort zu lieben, wo sie auffallen/abweichen/verweigern. ihnen die Welt anzubieten. ihnen die Realität zuzumuten. und allenfalls als Leuchtturm in der Nähe zu bleiben. Leuchtturm, weil der nicht immer dieselbe Stelle anleuchtet sondern auch wegscheint und so etwas ganz anderes ermöglicht: Raum für das Eigene und Unbeobachtete zu öffnen.
die jungen Menschen sollen ihren Eltern vertrauen. und ihre Eltern ihnen!

und wer sagt eigentlich, dass unsere Kinder alle Hanna Baker wären und nicht etwa Jessica, Alex, Justin, Marcus, Zach, Tyler, Courtney, Ryan, Sherry, Bryce, Kevin, Skye, Tony oder Clay?

liefs,
Minusch

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