doing things

ins Tun zu kommen, ist ein erstrebenswerter Mechanismus. Menschen, die sich selber ausbremsen neigen zu Stillstand. ich auch. aber im Gegensatz zu vielen anderen habe ich damit schon so viel gespielt, dass ich mir in verschiedenen Situationen verschiedene Stimmen heranrufen kann, um mir zu helfen.

eine Stimme ist die der Regisseurin Nickel Amsbeck des Kinder-und Jugendtheaters, bei der ich einen Sommer lang Assistentin war.
ich werde den Klang ihrer Stimme nicht vergessen, wenn sie nach Ende einer Erklärung, egal wie absurd sie auch geklungen hat, leise sagte: „jetzt tu.“

ich sah aus meiner Perspektive den Jugendlichen zu, wie sie ins Tun kamen und Dinge taten, die vorher nicht gedacht worden waren. für die es keine Vorbereitung gab, die einfach aus dem Moment geboren wurden und die manchmal völlig in die Hose gingen oder aber mit einem Mal den ganzen Raum zum strahlen brachten.

eine andere Stimme ist die des Performers David Lakein. ich hatte das Glück, ihn erlebt zu haben, bevor ich mich für einen Workshop anmeldete. ein Workshop für Tänzer*innen unterschiedlicher levels. und ein international arbeitender Künstler als Leiter. mir lief der Schweiß den Rücken runter. ich versank in der Gruppe. ich hatte keine Aufgabe, außer zu tanzen. und ich tanzte mit allem, was ich hatte und genoß und nichts konnte mir passieren. ich fasste sogar den Mut, zur Jamsession zu gehen. Jam in der Kontaktimprovisisation bedeutet einen Raum voller Menschen zu haben, die alle sind. manche tanzen allein oder verheddern sich direkt ineinander. manche schauen von irgendeinem Platz aus in den Raum. niemand beobachtet, aber alle nehmen einander wahr. und wenn der Impuls da ist, folgst Du in die Bewegung und fließt mit den anderen mit.
als Warm-Up hab es eine Übung, die ich nie vergessen werde: „grab your juicy parts und walk through the room“.
und ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass nicht nur ich beim Tanzen an Sex denke sondern alle anderen auch, dass es aber keine Frage von Sexualität ist, was hier passiert, sondern eine Frage der Körperlichkeit und der geschärften Sinne und dem bedingungslosen JA zueinander wie zu sich selbst.

die Stimme meiner PME-Lehrerin Christiane Hosemann hat mir am Ende unserer Fortbildung etwas gesagt, was ich hier nicht aufschreiben mag, weil es nur für mich gedacht war. aber ich kann sie hören. noch jetzt. ich kann ihre Stimme zu mir holen und den ganzen Moment und die Stille um uns, als sie es sagte. und ich kann spüren, was dann mit mir geschieht. es macht mich völlig frei von Sexualität aber es verbindet mich mit etwas Leichtem. einem Windhauch vielleicht. oder mit dem Tanz der Pusteblumen auf der Sommerwiese.

eine neue Stimme kam letzte Woche dazu. der Shin Son Hapkido-Großmeister Myong.Ko leitete uns durch das Warm-Up und am Ende streichelten wir uns selbst und sagten uns: „Du bist schön. Du bist wunderbar. Du kannst das alles.“ auch das war nicht sexuell, obwohl es um Zärtlichkeit ging. es war wahr. und ausreichend für einen Strudel von Erkenntnissen und für einen Riss im Raum, der jede emotionale Tektonik verschoben hat.

ich bin schön. ich bin wunderbar. ich kann das alles.

in meinem Kopf spricht diese Worte der Koreaner. aber eigentlich sage ich sie mir selbst.

jetzt ist vieles in Rutschen gekommen. hätte das letzte Wochenende so stattgefunden, wie ich es geplant hatte, wäre eine Menge nicht passiert. ich hätte mir nicht den eigenen Hapkido-Anzug gekauft, weil ich weder zum Kinder- noch zum Erwachsenen-Training gegangen wäre. ich hätte ein tolles Kompliment verpasst. ich hätte nicht abends im Burger-Kind mit einem Vater mit zwei Kindern geflirtet ohne ihn anzusprechen. ich wäre nicht mit zwei müden Kindern durch die dunkle Stadt gefahren in dem Bewusstsein, dass ich entscheide, wer mich verletzt. ich hätte meine geschehenen Verletzungen am nächsten Tag verschwiegen und weiter um etwas gebettelt, was mir auch ohne Bitte zusteht. und ich hätte sehr viel weniger geweint, als ich geweint habe.
ich hätte nicht verstanden, dass Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit genauso als Worte missbraucht werden wie Liebe und Sehnsucht. und ich hätte nicht gespürt, dass ich von all dem die Schnauze voll hab.

das, wofür ich stehe, ist ein Weg. und ich nehme mir die Arroganz heraus zu behaupten, dass dieser Weg sehr gut ist. weil er alt ist. weil ihn schon viele Menschen vor mir gegangen sind und noch nach mir gehen werden und weil dieser Weg angelegt ist, keine Schmerzen zu verursachen. ich glaube, ich bin auf diesem Weg schon weiter gegangen als der Otto-Normal-Verbraucher. das kann ich spüren, wenn ich ruhig sein darf. und das zeigen mir die Menschen, die sich hinter ihrer Bewunderung verstecken, weil sie sich nicht trauen, selber zu gehen. Menschen, die sich von anderen tragen lassen. Menschen, die sich ihre Gefängnisse selbst eingerichtet haben. Menschen, die ihr Leiden als Schild brauchen, um von dort aus anderen zuzumuten, sich von ihnen abweisen zu lassen. Menschen, die lieber sofort zubeißen als tief zu atmen. Menschen, die schon von einer veränderten Bewegung das Gleichgewicht verlieren und dann deswegen sauer auf der Gegenüber sind.

keine Sorge, das klingt arroganter als es ist, denn ich kann all diese Menschen sehr sehr gut verstehen. ich verstehe die Nöte, die Seile, die Ängste und die Selbstzweifel. ich versteh das alles. ich möchte nur nicht mehr die sein, in deren Gegenwart alles gut ist, und die danach nicht mehr gebraucht wird, geschweige denn selber brauchen darf. so wie ich auswähle, welche Bücher ich in meinen Kopf lasse, wie ich unser Zuhause kuratiere, wie ich die Musik zuordne, genauso werde ich auch Menschen einen Platz anbieten, mit dem vor allem ich mich wohlfühle. ich werde niemals verschlossen sein. das verbietet mir meine Überzeugung seit ich 16 war. aber ich werde nicht durchlässig bleiben für selbstgemachte Schmerzen und handgefertigte Krisen. so, wie niemand meinen Schmerz für mich filtern muss, werde ich das auch nicht für andere tun.

vielleicht ist diese Erkenntnis so banal wie nur irgendwas. seit ich mit der Sortierung begonnen habe, spüre ich etwas, was ich mag. etwas wortloses. und ich bin kein Mensch, der eigene Entscheidungen bereut, da ich jede einzelne bedenke, bevor ich sie treffe.

ich lasse wieder ein Stück Sicherheit hinter mir und wage mich weiter hinaus in den Sturm. ich nähere mich dem Traumbild, das ich gesehen habe. ganz langsam. behutsam. ohne Druck. in meinem Tempo.
ich lass die Veränderung zu und ziehe die dafür nötigen Konsequenzen. auch hier. und vor allem dort, wo mir dieses Jahr so viele sprachliche Missverständnisse um die Ohren geflogen sind, dass ich mal wieder kurz lieber an mir gezweifelt habe, wie es sich gehört, und nicht an denen, die ich ernst genommen hatte.
ich habe dort sehr viel Hilfe erfahren. ich bin auch dankbar für diese Hilfe. ich werde das niemals vergessen. nur: was hinter den Kulissen abläuft ist etwas, was mit der Oberfläche nicht überein geht. und ich lehne es ab, eine Diskrepanz zwischen Innen und Außen zu produzieren, nur um nicht angegriffen zu werden.

ich handle.

ich werde hier sicherlich weiterschreiben. ob Du das noch lesen magst, bleibt, wie immer, Dir überlassen.

Liefs,
Minusch

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