Stille

die Zeit des lauten Atems. aus dem Nachbarzimmer hörte sie die Atemzüge der Kinder herüberwehen wie eine Versicherung, dass noch Leben hier ist. hier. innerhalb dieser Wände. in diesem Mikrokosmos von Vergangenheit und Gegenwart. in diesen Räumen, die von der Zukunft nichts wissen.

sie saß auf dem Sofa und ließ los.

und war wieder im Gestern.

der Regen peitschte ihr ins Gesicht und lief trommelnd über den Rücken als sie auf dem Rad die Straße hinunterraste. ein wildes Gefühl im Bauch ohne Lächeln im Gesicht. sie war keine Läuferin. sie war eine Bleiberin. aber sie musste ab und zu den Wind spüren. und wenn der Wind ihr ein weiteres Element entgegenwarf, dann war das gut so. die Reifen rutschten auf dem Laub. das Adrenalin schoß ins Herz. Wanda war damit nicht glücklich, aber darum ging es auch nicht.

in den Ohren brannte der Song Euphoria und seine Klänge hüllten ihren Körper in einen hautengen Schutzanzug. für die Dauer der Strecke war sie nicht wirklich sondern eine Mangaversion ihrer selbst. eine verletzte Frau, wütend auf ihre Vertrauensseligkeit. rachedurstig, weil wieder einer gewagt hatte, sie an einer Stelle zu berühren, die vorgesehen war für Authentizität und nicht für Idioten.

Wanda hasste diese nötige Vorsicht, hatte aber noch kein Rezept gefunden, damit umzugehen. alles stand ständig im Widerspruch zueinander. Sicherheit und Mut. Zugewandtheit und Egoismus. ja hatten denn die anderen Menschen keine Vorstellung von Konsistenz oder Logik? wohin waren die alten Werte verschwunden, wenn selbst über 50jährige rebellierten und brandrodeten, um „endlich“ sie selbst sein zu können.

Charles war ihr ebenso zu nahe gekommen wie der Glasmann.

es half alles nichts. egal welche Erwartungen sie fallen ließ, sie erwartete Loyalität und Aufmerksamkeit. von ihr aus in einem sorgsam abgesteckten Stickbild. aber doch nicht in einer von einem Ventilator durcheinander gewehten Blattsammlung, bei der allein der Gegenüber über die Möglichkeit des gehört-werdens richtete. diese Menschen, die da bequem in ihren Leben einen Sessel an den Kamin gezogen hatten und durch ihre Displays Wanda draußen im Sturm begleiteten, diese Menschen wagten es tatsächlich, für Wanda zu entscheiden, wann sie gehört werden würde.

sie brauchte leider nicht in die Pedale zu treten um die Straße hinunter zu fahren. aber ihre Finger hielten den Lenker fest. Wanda war nicht nur eine Bleiberin, sie war auch eine Bewahrerin. sie hätte schrecklich gern festgehalten. so wie sie über lange Zeit leise gefolgt war, hätte sie auch das bißchen Realität gern in die Hände genommen, an ihr Herz gehalten und es bewahrt. ihre Aufmerksamkeit war schon immer Teil ihres Seins und ihre Fragen brannten nie aus einem Defizit an Infos sondern öffneten Türen zu den anderen. sie hatte über Defizite gesprochen. über ihre Defizite. über Unsicherheiten und eine neue Qualität von Angst, seit er gegangen war. sie hatte sich aufgeschlagen für die anderen. sich eingelassen. in deren Hände gelegt mit der naiven Sicherheit eines Kindes, das nicht wissen kann, wer diese neuen Eltern wirklich sind. vielleicht nicht ganz so arglos, aber um Arglosigkeit bemüht, weil sich ja sowieso schon so viele über „Altlasten“ beschwert hatten.

der Glasmann hatte es sich leicht gemacht und direkt von Anfang an jede Verantwortlichkeit abgelehnt. Wanda wollte das auch machen, war aber an seinen Grenzüberschreitungen gescheitert. er hatte nicht mal den Anstand besessen, sich an die Regeln zu halten und wirklich nichts Privates preiszugeben. stattdessen wusste sie jetzt, wie seine Ärztin seinen Gesundheitszustand einschätzte, dass er gleichzeitig eine Therapie machte und einen Coach bezahlte, mit seiner Frau zur Paartherapie ging und ihre Therapie auch noch finanzierte. in dem Moment, als Wanda anmerkte, dass das zu viel wäre und sich alles widersprach, zog er sich beleidigt zurück. was wäre auch zu erwarten gewesen?

Charles hatte in sich das Potenzial zu einem Freund getragen, es aber vorgezogen, Wanda auszuklammern. sie zu verschweigen. und sie zu ignorieren. da blieben auch keine offenen Fragen. da, wo der Glasmann sich hinter seiner Arbeit verkroch um bloß keinen Schmerz zu spüren, da suhlte Charles sich in seinen Schmerzen und nutzte sie effektiv zur Vermeidung von der Nähe, die er so sehr wollte. die Träume von der Traumfrau mussten für ihn Träume bleiben, weil sein Leben sich immer um andere drehte, als gäbe es ihn gar nicht wirklich. und alle Verletzungen, die er sich selbst zugefügt hatte, wollte er jetzt, wo er endlich frei war, weitergeben. die einzige die da noch gewartet hatte, war Wanda gewesen.

gewesen.

„ich möchte gern mehr Täterin sein“ schoß ihr durch den Kopf. Bilder von sich selbst mit einer blutenden Axt auf einem apokalyptischen Feld. Schreie aus der Dunkelheit und in sich der Satz „niemand hat das Recht mich zu verletzen“. manchmal halfen diese archaischen Vorstellungen. manchmal nicht. dieses Mal waren sie unpassend.

im Nebenraum war es wieder still. die Kinder hatten sich umgedreht und Wanda hörte die ersten Autos auf der Straße fahren. was blieb? was blieb, wenn niemand blieb. so viele Rücken. so wenige Gesichter. abgelehnte Geschenke. ungehörte Fragen. alle Menschen hatten ihre eigenen Wege. und sicher konnten nicht alle dieselbe Geschwindigkeit haben. oder denselben Mut. es wäre denkbar, dass dann irgendwann sowas wie Ethik greift. das Minimalisieren des Schmerzes. aber wer wären wir ohne unsere Schmerzen? was bliebe, wenn uns unsere Schmerzen genommen wären? woran würden wir erkennen, dass wir Glück in den Händen halten und nicht nur einen Brief von einem jemand, der unsere Adressen aus dem Lostopf gezogen hat? woran könnten wir uns erinnern, wenn unser Leben keinerlei schmerzhafte Zäsuren mehr beinhaltet? und wäre dann Liebe noch möglich?

Wanda atmete laut aus, gemeinsam mit allen Kinofilm-Abspann-Gesichtern, die ein Abenteuer hinter sich gebracht hatten und jetzt in die Weite schauten. nein, das hier war kein Theater. kein Buch. das war ein Blick in die sich digitalisierende Welt und deren Möglichkeiten. Utopie und Dystopie verwoben zu einem Leben mit neuen Regeln. eins und null. an oder aus. mehr gab es nicht mehr zu sehen. die Grauzonen zogen sich zurück. entweder es war ernst oder es war nicht. oder?

das hier ist ein Auszug aus etwas Größerem. also, falls ihr Euch fragt, wo ich bin, wenn ich einen Monat lang nicht hier bin. dann sammle ich Bilder für dieses Größere. aber heute ist ein Tag, an dem ich Euch teilhaben lassen mag daran. dafür gibt es ganz viele verschiedene Gründe. aber die behalte ich für mich.

liefs,
Minusch

2 thoughts on “Stille

  1. Wahnsinn! Toll geschrieben! Hab beim Lesen gedacht, dass das auch ein Buch sein könnte…oder werden….Bin gespannt😊

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