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Sie hatte alles zerschlagen. Zerstört. Unwiderruflich. Die Abgründe waren unerträglich geworden und hinter jedem Gesicht lauerte doch nur eine weitere Maske vor einer Maske vor einer Maske vor einer Maske. Durch diese Welt ging ein tiefer Riss. Und es war nicht der zwischen arm und reich. Die arm-reich-Diskrepanz hält die Energien hoch, weckt Begehrlichkeiten und sorgt für Ehrgeiz in den Köpfen junger Männer. Der wirkliche Riss trennt die Seelen von den Körpern.

Wanda saß mit dem Rücken an die Schlafzimmerwand gelehnt. Es war kalt. Die Kinder spielten im Wohnzimmer. Ein Moment, so kitschig wie die Ewigkeit. Die Gardinen waren noch zugezogen aber der Geruch des kommenden Schnees war schon jetzt tief in ihrer Haut verankert. Sie hatte wieder zerstört um nicht selbst Gefahr zu laufen, zerstört zu werden. die Gespräche der letzten 10 Tage mit dem Feuerwehrmann, dem Gewichtheber und dem Träumer hatten sie durch einen unantastbaren Alltag begleitet bis der Träumer sie angefasst hatte. Erst verbal und dann wirklich. Und jetzt, jetzt konnte Wanda spüren, dass sie keinen Schutz mehr hatte. Sie hatte es die ganze Zeit geahnt. Sie bewegte sich anders. Auf eine seltsame Art störte ihre Stimmung immer wieder den Austausch mit anderen. Ihre Arme hoben sich kontrolliert aber vorsichtig und ihre Schritte fühlten sich manchmal so an, wie die kleine Meerjungfrau sich gefühlt haben musste. Beim Radfahren fiel es allerdings kaum auf. Und jetzt gerade hatte Wanda verstanden warum das so war: ihre Haut war fort.

Üblicherweise verstecken sich Verletzte vor neuen Verletzungen. Das lässt sich in jeder Online-Partnerbörse und in jedem Dating-Chat wunderbar beobachten. Menschen suchen, wünschen, sehnen und halten dafür ein Stellvertreterbild hoch. Ein lächelndes Gesicht. Manchmal ist dieses lächelnde Bild sogar noch von einem Profi bearbeitet. Perfektes Licht, eine ansprechende Körperhaltung und ein gleichmäßiger Hintergrund. Ein isolierter Moment, aufgenommen, um die Wahrheit zu vertuschen. Die Wahrheit, die zeigen würde, wie traurig der Mensch ist, wie verletzt. Wie sehr ihn enttäuscht hat, dass Liebe enden kann. Wie bitter die Erkenntnis war, dass er oder sie selbst Teil einer Täuschung war. Dass die Ewigkeit versaubar ist. Dass diese wunderschönen starken und alten Träume von einer Zukunft nicht erfüllbar sind. Dass wir kein Recht auf Liebe haben.

Und im Gespräch sind diese Menschen dann freundlich, interessiert und bemüht, bis ein Gefühl entsteht. Und es ist egal bei wem und welches Gefühl überhaupt entsteht. Und es ist auch egal, ob es entsteht oder sich einschleicht oder plötzlich von den Augen fällt. Das Gefühl zentriert sich und lässt nicht mehr zu, dass die Fassade glänzt. Licht und Schatten sorgen für eine andere Perspektive, eine dritte Dimension, raue Oberflächen. Und das ist der Moment, in dem die Chance liegen würde. Wenn beide sich diesem Gefühl aufrichtig näherten. Es müsste gar nicht der Wunsch bestehen, dieses Gefühl zu teilen, es würde reichen, wenn das Gefühl wie ein willkommener Gast betrachtet werden würde. Denn dann wäre auch nicht wichtig, was für ein Gefühl es ist. Angst wäre willkommen wie Freude oder Wut oder Liebe. Schau an: Du bist menschlich! Wie schön! Ich auch! Sieh her, ich fühle auch!

Wandas Kopf löste sich von den Armen und lehnte sich an die Wand. Die Augen schlossen sich wie die Augen einer alten Puppe. Nur geklackert hatten sie nicht. Bei diesem Gedanken entspannte sich Wandas Gesicht für einen winzigen Moment.

Wanda betrachtet sich von innen. Sie war zu so etwas wie einem Medium geworden. Ein Medium für Gefühle. Sie spürte sie, sprach sie an und aus. Wo Menschen früher ein Medium brauchten, um die Zukunft zu sehen, und, bei blöden Zukunftsperspektiven, anschließend das Medium dafür hassten, machte Wanda diesen Job inzwischen unbezahlt aber mit genausoviel Ablehnung beim Online-Dating, wenn sie benannte, was geschah. Wenn sie fühlte. Wenn sie darauf hinwies, das beide menschlich sind. Wenn sie dafür abgelehnt wurde, sich zum Menschlich-sein zu bekennen.

Der Riss zwischen den Körpern und Seelen der Menschen brannte schon tiefer, als Wanda befürchtet hatte. Sie hatte gewusst, dass es waghalsig ist, sich Menschen zuzumuten, solange sie noch verletzt ist und so viel fühlt, doch sie hatte es gewollt. Sich zumuten. Mutig sein. Schritte tun. Türen öffnen. Wanda hatte sich dafür entschieden, verletzbar zu bleiben und sich nicht in Beton einzugießen und war sich jetzt, so kurz vor Weihnachten, nicht mehr klar, warum eigentlich. Weil das in diesen wunderschönen pastel-farbenen ich-liebe-das-Leben-Medien so stand? Weil Jesus das auch getan hätte? Buddha hätte das schonmal nicht gemacht. Warum hatte sie das gewollt? Ging es um die Bestätigung? Die Lehre? Forschung und Erkenntnis? Oder ging es um das kleine Mädchen in ihrer Seele, das sich seltsam zuhause fühlte, wenn jemand sie ablehnte?

Nein, es war nie die Freude an Erkenntnissen gewesen. Es war die Hoffnung. Hoffnung auf Nähe. Keine spezifizierte Nähe. Keine Vision von Rittern auf weißen Pferden oder Pferdedieben oder Ponys mit Schleife zum Geburtstag. Nur Nähe. So einfach wie abstrakt. Sie hatte tatsächlich gehofft, innerhalb eines Jahres, Menschen zu finden, zu denen sich Nähe herstellen lässt. Und sie war gescheitert. Sie hatte immer zu viel gefühlt. Und inzwischen brachen die Gefühle schon bei der leisesten Berührung aus ihr heraus. So wie bei dem Träumer. Er hatte sie angesehen und sie konnte ihn nicht mehr spüren, weil in ihr eine Rebellion losgebrochen war. Angst mit großen Standarten, Paniksniper und Maulwürfe, die sie immer wieder verrieten. Es gab nichts zu verraten, aber die Tatsache, dass sie es taten, war so ungeheuerlich, dass es nicht zu ertragen war. Ein unsäglicher Krach vom Bombardement von Erinnerungen. Einschläge von vernichtenden Sätzen. Der Träumer war bei sich geblieben. Und Wanda hätte ihn an der Front gebraucht. Doch sein Einsatzgebiet lag ganz woanders und deswegen hatte sie alles niedergebrannt. Loyalität, Soldat! Loyalität! Halte Deinen Fahneneid!

Keine Tränen heute. Der Schnee kühlte ihre Füße dadurch, dass es ihn gab. Sie musste ihn nicht berühren. Der Träumer hatte sie so berührt, wie sie es sich gewünscht hatte. Darüber hinaus hatte er sie so berührt, wie sie befürchtet hatte. Und Wanda hatte sich unter seinen Blicken verformt zu einer passgenauen Frau, die sie nicht war. Und der Schmerz kam mit 12h Verspätung so heftig, dass die Fugen rissen und Wanda am Ende des aufgerissenen Tages nicht mehr in der Lage war, nicht zu weinen über all die Kämpfe in ihr.

Die Raufasertapete im Rücken und unter den Füßen Laminat. Alles fühlte sich ohne Haut noch so viel kälter an. War sie wirklich die Letzte, die versuchte, nicht zu vergessen, dass sie ein Mensch ist? War es naiv, sich als Ganzes zu sehen und gesehen werden zu wollen? War es nicht so viel einfacher, einzelne Fragmente zu leben und nicht das Ganze? „Hey, Sweetie, auf das Leben! Wir lassen die Vergangenheit hinter uns! Können wir eh nicht ändern, Aye? Auf die Liebe! Also, nicht so Goethe-Style, sondern die neue Liebe! Auf guten Sex mit guten Bekannten und die Freiheit jederzeit, ganz wir selbst sein zu können! Neolife! Neolove! Neosex! Wir scheißen auf Verbindlichkeit! In einer virtuellen Welt darf es keine Grenzen geben!“

Keine Tränen, Wanda. Keine Tränen. Bitte nicht. Bleib stark.

2 Antworten auf „10

  1. Du bist so sensibel, und Du kanbst Gefühle so gut in Worte fassen, es ist der Wahnsinn, Deinen Text zu lesen und sich selbst zu erkennen. Ich glaube, ein großer Teil von Wanda ist auch in mir. Das ist beängstigend und beruhigend zugleich.

    „Die Wahrheit, die zeigen würde, wie traurig der Mensch ist, wie verletzt. Wie sehr ihn enttäuscht hat, dass Liebe enden kann. Wie bitter die Erkenntnis war, dass er oder sie selbst Teil einer Täuschung war. Dass die Ewigkeit versaubar ist. Dass diese wunderschönen starken und alten Träume von einer Zukunft nicht erfüllbar sind. Dass wir kein Recht auf Liebe haben.“ <— Dieser Absatz hat mich ganz besonders beeindruckt. Er ist so wahr auch für mich. Danke!

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