verwellen

es fühlt sich an, als wäre da ein stetiger Sog in dieselbe Richtung. Du meinst, Du stehst mit beiden Füßen fest in der Brandung, wirst ab und zu von einer Welle geschubst und machst einen Schritt nach links und einen nach rechts und doch stehst Du irgendwann nördlicher als zuvor. unbemerkt. überraschend. und manchmal sogar frustrierend, weil Du doch so sehr darauf geachtet hast. Du suchst am Strand nach Deinem Platz findest ihn kaum noch. Unruhe. Unsicherheit. dann da der hellgrüne Fleck. nichts bleibt. alles ist im Fluß.

das haben schon ganz andere erkannt. ich habe das schon so oft zitiert. warum verliert sich dieses Wissen so schnell im Alltag? oder verliert es sich nicht sondern ist so abstrakt, dass es nur retrospektiv seine Schönheit zeigen kann?

Schönheit…via twitter bin ich über den Philosophen Byung-Chul Han gestolpert. ein Interview in der Zeit von 2014. es geht um Schönheit. er spricht darin von Glätte und von Big Data und Unfreiheit. es klingt einfach und bescheiden. aber für solche Erkenntnisse sind wohl dennoch Zugänge nötig, die nicht jeder hat. nicht jeder haben kann. oder stimmt das nicht mehr? können wir alle zu jeder Zeit jede Form von Information abrufen? also abgesehen von denen, für die Zugangsregelungen bestehen. und abgesehen von denen, die hinter Paywalls liegen.

was bedeuten Informationen für uns?

Byung-Chul Han unterscheidet Wissen und Information und setzt Wissen mit Erfahrung in Verbindung. klingt auch irgendwie sexy. und nach Individuum und nach universellem Zugang durch Geduld. keine Sorge, irgendwann wirst Du genug erlebt haben um etwas zu wissen. dann hast Du nicht nur Informationen sondern auch die Fähigkeit, diese zusammenzufügen zu etwas neuem. oder nicht? was geschieht mit den Zielstrebigen, die so wertvoll sind in ihrer Effizienz? die mit Mitte 20 ihre Ausbildung abgeschlossen haben und heiraten und den Bausparvertrag einlösen können? denen, die seit dem Abitur eine Rentenversicherung haben? denen, die mit 30 auf ein gelungenes Leben nach Strickmuster zurückschauen? stolz auf ihre zwei Kinder, den Gartenzaun und einen Volvo auf dem gemieteten Parkplatz vor dem Haus.

Moment: gibt es diese Menschen überhaupt? ist diese Vision wirklich?

bei all den Internet-Streitigkeiten um gutes Leben, gute Kommunikation, Aufmerksamkeit und Awareness, vermisse ich die Größe des eigenen als Voraussetzung für den Diskurs. überall wird doch immer wieder über den Kamm geschoren. und die Jungen bleiben immer jung.

wir reproduzieren Vorurteile und lassen uns dafür feiern, dass andere die eigenen darin wieder erkennt und dann erfüllt uns Genugtuung, denn: wir sind nicht allein.

ist es das?

das Gefühl, mit unserer Eigenarten so einsam zu sein, dass es uns berührt, wenn wir uns in Überheblichkeit begegnen? wenn wir wieder und wieder betonen, dass wir eben so sind wie wir sind und dass das gut so ist, aber die Meier von nebenan, die ist anders? die Meier, die lässt ihre Kinder immer Fernsehen und hat schon wieder einen Neuen. außerdem riechts bei der an der Tür. die putzt bestimmt nicht. die sieht schon so aus. ich putze ja auch nicht sklavisch nach Plan, aber meine Unordnung ist gewollt! die der Meier ist nur, weil die Meier so faul ist.

brauchen wir Menschen das, weil wir darauf warten mussten, auch endlich mal wer zu sein? nicht so arrogant wie der Kühnert, der beim SPD-Parteitag schon mit 28 den Mund aufmacht, als wäre er Profi.
Gegenfrage: wie kann ein 28jähriger für eine Jugendorganisation sprechen?

ich möchte damit nicht sagen, dass wir uns nicht positionieren sollen. nur, das mit der Abgrenzung, das sehe ich kritisch. Abgrenzung ist in der Pubertät identitätsstiftend. dann eigentlich nicht mehr so richtig. also, ich denke da an die Abgrenzungen, denen gestern gedacht wurde. beispielsweise.

es ist nicht gut, sich von Mitmenschen abzugrenzen. Inklusion würde das Gegenteil bedeuten.

nein, ich denke auch nicht, dass es nötig ist, mit überzeugten Rechtsradikalen in Kaffeekränzchen das Für und Wider von Gewalt zu erläutern. aber mir ist klar, wie diese Menschen dort hin gekommen sind und ehrlich gesagt erkenne ich in unserer politischen Landschaft nicht vieles, was die Ursachen bekämpft. stattdessen werden die angegriffen, die systematisch zu dem geworden sind, was sie sind. das trifft auf uns alle genauso zu.

sind Informationen tatsächlich unsere gutes-Leben-Versicherung? brauchen wir nur die richtigen Informationen um zu überzeugen? muss es wissenschaftlich belegt sein? und wer bestimmt, dass das Wissenschaftliche wirklich wissenschaftlich ist? wer steuert die Informationen?

Wissenschaftlichkeit ist nicht mehr und nicht weniger als eine Vereinbarung über die Herangehensweise und keine Weihe zum*r Prophet*in.

steht ihr mit mir vor diesem gordischen Knoten? vor der unsichtbaren Aufgabe, Menschen, die sich in ihrem Erwachsen-werden endlich frei fühlen wollen, zu einem Meinungswechsel zu bewegen, der extrinisch motiviert wird? etwas, was kein*e Therapeut*in versuchen sollte, das hätten wir gern für ganze Gruppen. und das am besten nach unserer eigenen richtigen Meinung, weil wir ja die richtigen Informationen haben.

es kann nicht gelingen. weder durch Shitstorms noch durch Debatten. denn wir haben ähnliches Rüstzeug und ähnliche Bedürfnisse. und vor allem: niemand von uns hat Recht.

die einen finden Furcht vor der Polizei total lächerlich, während die anderen schon wegen der Polizei zusammengebrochen sind. einige sagen, dass die Flüchtlinge niemanden stören, aber wegen der Hilfe, die diese brauchen, bekommen andere tatsächlich weniger Hilfe. es ist ein so warmer Gedanke, Tiere zu schützen, aber wenn auf den Gemüsefeldern Menschen ausgebeutet werden, sollten wir dann nicht doch besser Tiere ausbeuten? klar, regionale Produkte haben einen kleineren CO2-Fußabdruck und sind zu bevorzugen, nur gehören zu den regionalen Herstellern eben auch die deutschtümelnden Identitären (und Burschenschaftsmitglieder). für die Milchproduktion werden Kühe und Kälber getrennt und für Soja werden Urwälder abgeholzt. selbst die Tafeln sind in ihrer Systematik nicht ohne Fehl und Tadel. Foodsharing hat einige Probleme mit der Überlassung von Lebensmitteln. und nicht jeder hat einen Unverpackt-Laden in Reichweite. wieviele Bäckereien backen denn noch selber? und ist es besser, einen handgeschöpften Demeter-Käse aus einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung zu kaufen, wenn Du nicht weißt, ob die Mitarbeiter*innen wirklich alle ordentlich mit den dort lebenden Menschen umgehen und sie in ihrer Selbständigkeit unterstützen? sind die Abrechnungen Deines Zahnarztes wirklich ok? hat der Busfahrer vielleicht gerade seine Familie im Stich gelassen? belügt die Aussteigerin ihre langjährige Beziehung? oder ist die Kassiererin vom Penny nicht in der Lage, sich krank zu melden, weil sie Angst um ihren Job hat?

ist Perfektion wünschenswert, wenn sie so schwer zu erreichen ist?

ist das Leben schön, wenn es glatt verläuft?

ist tatsächlich jemand glücklicher als ich?

was ist angesichts dieser Fragen ein Fehler?

darum mag ich das Meer. wegen der Freiheit, die es mir lässt. wegen der Weite. wegen dieser ewigen und unaufhörlichen Brandung. die Bewegung. nichts bleibt da, wo es ist. naja, vielleicht einzelne Wasseratome, die mit der Welle eine kreisförmige Bewegung vollziehen. aber kein Holzsplitter, keine Plastiktüte, kein Fisch bleibt immer an derselben Stelle. kein Wattwurm. keine Möwe. keine Muschel. alles neu macht die Flut. keine Spuren mehr von vorher. es ist unmöglich für mich, mich angesichts dieser Bilder für etwas Besseres zu halten. zuhause geschieht das oft. ich weiß mehr als meine Kinder, mehr als Nachbar*innen, mehr als meine Vermieter…aber eigentlich weiß ich nur das, was ich weiß. und eben nicht das, was die anderen wissen.

mein Leben ist nicht besser als das der anderen. und auch nicht schlechter. es entzieht sich mit jeder Nacht wieder der Bewertung und erneuert sich mit dem Mond.

ich würde gern mit Byung-Chul Han darüber sprechen. aber ich fürchte, ich müsste erst alle seine Bücher lesen, was ich nicht schaffen werde. selbst Retrotopia von Zygmunt Baumann liegt verheißungsvoll mal hier und mal da und meine Ruhe reicht nicht, es aufzuschlagen und weiter zu lesen. vielleicht, weil es keine Frage des Lesens ist. vielleicht, weil es eine Frage des Lebens bleiben sollte so wie es immer eine war. nicht das Buch rettet die Erde. auch nicht das Internet. genauso wenig zerstören die Medien das, was ist. aber ich gebe zu, dass ich mir noch keinen Weg vorstellen kann, wie intuitive Medienkompetenz aussehen könnte. außer:

vertraue Dir selbst, handle und entschuldige Dich, wenn Du Dich geirrt hast.

(bitte nicht verwechseln mit „es ist besser um Entschuldigung zu bitten als um Erlaubnis zu betteln“!…obwohl…vielleicht?)

es gibt nie eine Lösung. es gibt nur ein gemeinsames „ja“ zu dem, was kommen wird. ein „ja“ zu dem ungewissen Wasserstand bei Vollmond wie ein „ja“ zu dem weiten Weg bei Ebbe. ein „ja“ zu unserer Natur und unserer Entwicklung. ein „ja“ zu unseren Unterschieden. ein „ja“ zu der Entscheidung, sich selbst zu vertrauen und daraus schließlich spüren zu können, dass es so lange weiter geht, bis es nicht mehr weiter geht. Leben ist nicht das, was nach der Ausbildung/dem Studium beginnt. oder wenn die Kinder aus dem Haus sind. oder wenn der Vertrag ausläuft. wenn die Rente erreicht ist. Leben ist alles, was Dir den ganzen Tag passiert. mein Leben ist gerade, am Frühstückstisch bei der ausbrennenden Kerze zu sitzen, Miranda Boumedin zu hören, zu spüren und zu tippen. meine Füße sind kalt. um meinen Hals hängt der Schneeflockenobsidian einer Freundin, die eine Freundin ist, weil ich sie so nenne. die Kinder spielen in den umgeräumten Kinderzimmern. ich habe seit Donnerstag keinen Erwachsenen mehr gesehen. aber ich habe gelacht, geweint, mich glücklich gefühlt und einsam. ich habe tieftief geschlafen und leckeres Essen gegessen. ich habe gestern vergessen, dem einen Kind Nasenspray zu geben. ich habe zu viele Süßigkeiten gegessen und mein Bauch fühlt sich an wie ein Sitzsack. ich habe vor dem Einschlafen, wie so oft, an flüchtende Frauen mit Kindern gedacht und nach den Händen meiner Kinder getastet. ich habe mich gefragt, ob ich den Mut gehabt hätte für den Widerstand vor 80 Jahren.

Moldoni…Schindler’s List…meine Kinder sind frei und laut. mein Großer trägt Röcke und hat ein Einhornzimmer. mein Kleiner hat eine Höhle mit Wolke und das Zimmer eines Master-Builders. wir kennen die Handlungen von Pokemon, Lego Ninjago, Drachenzähmen, Mia and Me und Mein kleines Pony. wir kennen Ronja Räubertochter und Snöfrid und Ritter Trenk, Momo und das kleine Gespenst. Bibi Blocksberg und Tina und Benjamin Blümchen, 3 Fragezeichen und Drache Kokosnuss. jetzt.

was meine Kinder in 20 Jahren kennen werden, weiß ich nicht. ich hoffe, dass sie sich angstfrei bewegen werden. in der Stadt wie am Meer. aber ich kann es nicht garantieren. es gibt weder eine Garantie für die Zukunft noch eine Gewähr für Sicherheit.

k1: Mama, wie gut, dass hier gerade kein Krieg ist, oder?
me: ja, mein Großer. es ist gut, dass hier gerade kein Krieg ist.
k1: aber im Sommer fahren wir ans Meer.
me: wir werden es versuchen.

meine Gedanken für Eure Gedanken.

Liefs,
Minusch

3 thoughts on “verwellen

  1. Danke für diese wunderbaren Worte. Ein ganz außergewöhnlicher, bereichernder Text für mich. Ich wusste kaum mehr wo oben und wo unten ist, was richtig und was falsch ist, was ich weiß und was ich nicht weiß und worum es überhaupt gerade geht. Und genau das war wahrscheinlich das Ziel. Und zum Ende fühlte ich mich reich beschenkt. Danke.

  2. Ja, ja, ja. Das ist unser Leben, hier jetzt und heute! Das ist, was zählt. Jeden Tag das bestmögliche geben. Das muss und kann niemals perfekt sein. Und alle Gefühle zulassen und spüren. Und lachen und weinen und tanzen und traurig sein und glücklich sein und und und. Manchmal sogar gleichzeitig.

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