Kiki und Janosch

„Du?…“
„Was denn?“
„Werden wir immer Freunde sein?“
Kiki starrte geradeaus. Ihre Haare lagen still am Kopf und ihre Hände umfassten die Halteäste das Baumsitzes. Sie dachte nach und Janosch konnte an ihrer krausen Nase erkennen, dass Kiki kurz davor war, sich in der gründlichen Entzauberung des Wortes „immer“ zu verlieren. Er stupste sie an.
„He!“
Kiki entkräuselte ihre Nase und sah ihn an.
„Der Satz hat viel zu viele Worte, auf die wir keinen Einfluss haben…“
Was hatte er auch gefragt. Kiki war so eine, die immer grübelte und nachdachte. Janosch kannte das schon. Dass Kiki so eine war, kam daher, dass sie zuhause total alleine war. Ihre Mutter hatte meistens schlechte Laune, ihr Vater arbeitete den ganzen Tag und machte am Wochenende Kinderspaßausflüge und ihr Bruder war schlicht normal, abgesehen von seiner Vorliebe für komische Klamotten. Wie hätte da jemand wie Kiki anders sein können als grüblerisch vom vielen allein-fühlen? Janosch fand das völlig nachvollziehbar.
„Naja, Freunde…heute sitzen wir zusammen in dem Baum und lassen Blätter in den Bach fallen, morgen arbeiten wir und übermorgen haben wir vielleicht ein Auto oder Kinder und sind den ganzen Tag beschäftigt. Sind die Freunde von Erwachsenen dieselben wie die Freunde von Kindern? Woher soll ich das wissen?“
Janosch nickte. Wenn er an die Freunde seines Vaters dachte und wie sie abends auf dem Sofa saßen und Witze über die Tagesschau machten und ihr Lachen dabei bitter wurde, und trotzdem nannte Papa die Leute „Freunde“…dabei fühlte sich die Luft in diesem Raum voller Freunde völlig anders an als die Luft um ihn und Kiki herum.
„Und was ist denn immer? Vielleicht wirst Du ja irgendwann aus Enttäuschung total bescheuert? Ok, vielleicht nicht total, aber vielleicht veränderst Du Dich ja? Oder auch ich? Können wir Freunde bleiben, wenn wir uns beide verändern? Oder wäre es besser, sich gar nicht zu verändern? Maaaaaaaaan, warum stellst Du solche doofen Fragen???“ Kiki sprang wütend von ihrem Ast und rannte davon.

Janosch schaute ihr hinterher. Die Blätter und Äste verdecken schon schnell die hüpfenden Farben von Kikis Lieblings-T-Shirt und dann war sie fort. Ja, so eine war Kiki. Sie rannte weg. Entweder sie grübelte, oder sie rannte weg. Aber sie hatte Janosch auch schon oft geholfen. In der Schule war sie ein Ass und bei ihr zuhause durfte stundenlang Playstation gespielt werden und niemand konnte ihm das Leben so erklären wie sie. In der Klasse witzelten die anderen, dass Janosch und Kiki verliebt seien, aber Janosch wusste es besser. Er war nicht verliebt. Er hatte eine Schwester in Kiki. Das hatte er ihr nie gesagt, aber manchmal nachts träumte er, er würde mit Kiki in einem Haus alleine leben. Nur sie beide.

„Jan?“ er schaute runter und sah Kiki am Baumstamm stehen. Eine Hand berührte die Rinde und die andere wuselte in den kurzen Haaren herum.
„Hm?“
„Warum hast Du das gefragt?…das mit dem immer Freunde sein?“
„Nur so.“
„Verarsch mich nicht!!“ Kiki wurde knallrot, trat gegen den Baum und drehte sich rum um wieder wegzurennen. Doch diesmal war Janosch schneller als sie, stand mit einem schnellen Satz neben ihr und hielt sie an den Schultern fest.
„Kiki, bitte, beruhig Dich…ich geh nicht weg.“
„Warum machst Du mir immer solche Angst????“ Kiki hüpfte wütend unter seinen Händen und die ersten Tränen schimmerten schon in den wütenden Augen.
Janosch kannte sie so. Die Angst immer direkt unter der Haut. Seine Schwester war empfindlicher als eine Libelle. Ein Hauch Unsicherheit und sie zitterte vor Wut. Gleichzeitig konnte kein anderer Mensch verstehen wie sie. Kiki erklärte nicht nur die Welt, sie erklärte auch Menschen, Eltern und sogar Lehrerinnen.
Vielleicht konnte sie ihm sogar erklären, wer er war?
Kiki ließ sich festhalten.
Janosch hielt sie fest.
So blieben sie stehen.
Der Wind strich zärtlich durch die Äste und die schon kühlen Sonnenstrahlen zitterten über die Arme der beiden. Eine Amsel traute sich in den Kletterbaum und in den Sträuchern an der Seite raschelte etwas. Kiki lief die Nase und sie strich sich mit einem Ärmel über die Nase. Die Amsel flog auf und der Moment war vorbei.
„Janosch, was ist denn los?“ Kiki sah verzweifelt aus mit ihrer verschmierten Nase. Die hellen Augen sahen Janosch fest an.
‚Janosch nennt Kiki mich nur, wenn sie total ernst ist‘, schoß es Janosch durch den Kopf. Er ließ den Kopf hängen. Gleich würde sie ihm eine Kopfnuss geben.
„Mannn!!!“ brummte Kiki und gab ihm eine Kopfnuss.
Janosch musste lachen. Er ließ ihre Schultern wieder los und grinste verschämt.
Er hatte es wieder nicht geschafft, das zu sagen, was er gern sagen wollte. War es denn überhaupt wichtig? Vielleicht bildete er sich das alles ja nur ein. Es war so schön wie es war. Vielleicht…

„Kiki? Jan?“ die Stimme von Kikis Bruder klang durch den Park zu ihnen rüber. Beide sahen sich erschrocken an. Niemand durfte davon erfahren. Sie sahen sich ernst in die Augen, verhakten die kleinen Finger ihrer rechten Händen und schworen Stille gegenüber denen da draußen. Schnell zog Janosch die Hose von Kiki aus und den Rock an und war wieder Kiki.

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