Selbstfürsorge

das Thema schwappte letzte Woche hier so rüber und seit dem wuselt es in mir herum. gelesen habe ich bei Nina Jaros davon. und ich bin mir nach wie vor nicht sicher, was so ein Wort wie „Selbstfürsorge“ eigentlich kann. hilft es? legt es seinen schokaldeverklebten Finger in die Schürfwunde? zeigt es nur wieder auf, was toll wäre, aber unerreichbar ist? reibt es sich an der Gesellschaft? an der Politik? zieht es vielleicht nur runter, weil die, die es am meisten brauchen, weil sie eben nicht jeden Montag nach dem Büro einen fixen Termin beim Lieblingsmasseur haben und das Mädelswochenende im Mai kein fixer Termin ist, es eben nicht kriegen? gibts auch bei Selbstfürsorge so einen LowLife-Trend, bei dem dann alles eben total reduziert ist und so, wie unsre Urgroßmutter schon für sich…ach…ich werde albern.

ich frage mich:
was tust Du denn für Dich? – heimlich in der Küche Schokolade naschen.
wie entspannst Du Dich? – schlafen?

ihr müsst mal raus… – ja, stimmt, aber ich brauche mein Gespartes für die zwei Geburtstage, die Anschaffungen für die Einschulung und um am Wochenende ab und zu Essen bestellen zu können, wenn ich nicht mehr weiter komme.

na klar sorge ich für mich. ich stehe auf, mache mich frisch, mache ab und zu Yoga und zieh mich ordentlich an. ich lächle viel (das soll gesund sein), versuche genug zu trinken. hey, seit ich die Kaffeemaschine habe, trinke ich sehr viel weniger Cola, um durch den Tag zu kommen! das ist eine Verbesserung. politisch und zuckerbezogen. ich breche Kontakte ab, mit denen ich mich nicht wohl fühle. ich setze Prioritäten. ich rutsche in meinen Sehnsüchten über meine Verhältnisse, wenn ich Freitagabend sehe, wie schicke Menschen gegenüber bei der Sparkasse Geld abheben um auszugehen… pardon.

manchmal weiß ich nicht, ob ich engere Kontakte vielleicht auch sogar verhindere, aus Angst, dann wieder mit all dem konfrontiert zu sein, was ich nicht kann. hm…

ich erinnere mich an Theaterproben und Mittagspausen in der Sonne. ich erinnere mich an Diskussionen am Brunnen auf der Mathildenhöhe. ich erinnere mich an durchtanzte Nächte. an lonely-wolf-Abende an meinem Tisch und an spontane Fahrten weit weg. stundenlanges Bücherlesen. ich erinnere mich daran, sonntags 4h an einem Gitarrenstück rumprobiert zu haben. oder an das alleine Tanzen im Park mit Kopfhörern und zu Musik von Arvo Pärt. ich erinnere mich an aufregenden Sex am Neujahrsmorgen. ich erinnere mich an pulsierende Parties in schlecht beleuchteten Clubs. ich erinnere mich, manchmal eine Woche lang jeden Tag getan zu haben, was ich wollte. und daran, dass ich mal Kinder- und Jugendpsychologin werden wollte. weil ich immer wieder gespürt habe, dass ich das kann.

Erinnerungen sind auch manchmal Selbstfürsorge. oder ist es scheiße, sich an etwas zu erinnern, was gerade nicht wiederholbar ist? weiß nicht.

jetzt sind meine Tage durchgetaktet, als hätte ich keinen freien Willen mehr. ich stehe auf, mache mich fertig (und manchmal Yoga), unterstütze die Kinder, sich fertig zu machen, mache Frühstück, mache Brotdosen, bringe die Kinder in den Kindergarten, fahre zur Arbeit, fahre zurück, wärme Reste auf, hole die Kinder und folge deren Plänen, weil ich spüre, dass der Kindergarten anstrengend für sie ist. weil sie einen Ausgleich brauchen. ich kann zur Not abends heimlich masturbieren und für einen Traummoment von Menschen in Gedanken berührt werden (Selbstfürsorge!). das können meine Kinder nicht. sie sitzen fest in der Realität und brauchen Freiräume, um dort ihre Träume entdecken zu können. freilegen zu können. und abends sind wir müde. alle drei. wir schlafen gemeinsam ein. das ist sehr schön. auf jeden Fall. und es ist besser, als von 20-22:00 auf dem Sofa zu sitzen und zu spüren, dass da niemand ist.
ich träume viel. manchmal von Nähe. das sind die schönsten Träume. die, in denen mich jemand im Arm gehalten hat.

an manchen Wochenenden bin ich so müde, dass ich den Haushalt nur teilweise schaffe. das sind die Wochenenden, an denen ich im Schlafanzug an das Gesparte gehe, um nicht an der Küche zu scheitern. von einer XXL-Pizza-Salamie für 13,- bestreiten wir zwei Mahlzeiten für die Kinder. 3,25Euro je Mahlzeit je Kind. zu viel. manchmal esse ich abends die Brote, die die Kinder im Kindergarten nicht essen wollten. danach fühle ich mich erbärmlich, weil ich mir eigentlich mehr wert bin als das. manchmal suche ich dann heimlich die oben erwähnte Schokolade. oder öfter als manchmal.

Elterngespräche, Beschwerden der Vermieter (die sich verdächtig häufen, seit in dieser Wohnung kein Mann mehr lebt), Unverständnis über Verwandtschaft, Organisation von Geschenken…ich tu das alles. ich kümmere mich. ich entschuldige mich, wenn ich absehen kann, nicht pünktlich zu sein. ich lasse alles weg, was mir wichtig gewesen wäre, wenn ich ahne, dass mich der Energieaufwand dafür überfordern würde. ich nehme mir jedes Wochenende vor, mich in die Badewanne zu legen und ich schaffe es alle zwei Monate einmal. morgens um 5. damit mich keiner überrascht. und meist vermisst mich doch ein Kind genau dann im Bett und erschreckt mich damit, dass es die Türklinke runterdrückt.

wenn es geschieht, dass die Kinder nachmittags woanders untergebracht sind und ich nicht arbeite/einkaufe/die Steuererklärung nicht verstehe/aufräume/Hosen flicken/Termine wahrnehme, dann falle ich ins Sofa und schalte den Fernseher an und höre anderen beim Leben und Lachen zu. ich denke jedes Mal: Mensch, Minusch, nutz die Zeit für Dich! aber ich kann nicht. ich kann dann nur liegen. ich will dann nur liegen. nicht stehen, nicht gehen, nicht laufen, nicht fahren. nur still liegen. manchmal mit geschlossenen Augen, damit die Wohnung nicht permanent auffordert, etwas zu tun. das ist schön. irgendwie. komisch schön.

ich habe schon überlegt, ob es besser wäre, den Job aufzugeben. dann hätte ich schlagartig Zeit für mich. aber durch den Job erfahre ich zu viel Bestätigung. und an dem Gehalt hängen manche Hilfen. und wenn ich nicht arbeiten gehe, habe ich niemanden, dem ich begegne. wenn ich zwei Wochen krank geschrieben bin, treffe ich in den zwei Wochen nur die Kassiererin vom Penny und die Erzieherinnen meiner Kinder. Arbeit als Selbstfürsorge.

ich bin in einer WhatsApp Gruppe, die mich regelmäßig zu Theater-Trainings einläd. quasi ein Guckloch ins was-wäre-wenn. die Salsa-Kurse sind noch immer zur selben Zeit. St. Patricks Day habe ich immer gern gefeiert. und ich würde auch gern mal bei Critical Mass mitfahren. aber meine Kinder sind zu klein. Selbstfürsorge für später. ich hab quasi noch Pläne.

wir waren vor zwei Wochen im Museum. wir haben das Glück, einen unfassbaren Werkkomplex von Joseph Beuys im Landesmuseum zu haben. ich blieb vor „Szenen einer Jagd“ stehen und spürte diesen Sog…ich spazierte in Gedanken durch die vielen Gegenstände und assoziierte frei und ungefiltert. ich forschte. ich setzte mich auf den Boden und bat den Großen, mir etwas Zeit zu lassen. dieser Moment war so wunderbar…das Kribbeln, wenn Du spürst, Du hast eine Spur aufgenommen. die Tatsache, dass jeder Gedanken in diesem Moment richtig sein darf. ich saß 15min lang im Museum auf dem Boden vor dem Werk. der Große legte sich irgendwann daneben mit dem Kopf in meinem Schoß und ich kraulte ihm die Haare, während ich nachdachte, was sich seit 1964 geändert hat und wie ich das mitdenken könnte. ich hätte ihn so gern kennengelernt. Beuys. ich hätte so gern neben ihm gestanden, während er etwas zusammenlegt und sagt: das ist so.

ich wollte noch in dem großen Bild von Gerhard Richter versinken, aber mein Kind war angespannt und wollte zur Naturkunde und ich musste mich losreißen aus diesem wunderbaren Leben frei von drückenden Aufgaben.
4,- Euro kostet mich ein Museumsbesuch mit arme-Familien-Ermäßigung. ist das viel? dafür, dass mir beim Anblick mancher Werke die Tränen kommen?

ja, schon viele Frauen vor mir „haben das mit der Kindererziehung allein geschafft“. aber ich kann nichts dagegen tun: ich beneide alle die Frauen, die erwähnen, dass sie Zeit für sich haben. ich habe ein Bild angefangen. Skizzen angefangen. die Gitarre steht hier. ich fange Choreografien an. ich fange Texte an. und dann breche ich ab, weil ich es ja doch nicht fertig kriegen werde. weil mein Auftrag nicht ist, mich selbst auszudrücken. mein Auftrag ist die Existenzsicherung meiner Familie. meiner Kinder und mir. möp.

Selbstfürsorge, Aye? Teil einer Tendenz, eines Trends. kümmer Dich mehr um Dich. und wenn Du es nicht tust…naja…selber schuld. aber vernachlässige dafür bitte weder Kinder, noch Haushalt noch Job. denn die digitalen Putzpläne sehen vor, dass Du das Bett einmal im Monat beziehst und einmal im Monat den Kühlschrank putzt und die Waschmaschine reinigst. ein Mal im Monat ist wirklich nicht viel. und Du wirst stolz darauf sein! backe und koche am besten alles frisch, wegen der Kontrolle über die Zutaten und kaufe diese am besten ohne Plastikverpackung. das tut so gut!! Du wirst sehen! sei bitte pünktlich bei der Arbeit. ja, Deine Kinder brauchen Zeit, damit Du sie bedürfnisorientiert in den Kindergarten bringen kannst, aber wenn regelmäßig einmal die Woche ein Kind nicht in den Kindergarten will, steh doch besser jeden Tag 30min früher auf und weck sie eher, damit Du pünktlich bei der Arbeit sein kannst. schaffen andere doch auch. und 30min sind nicht viel! merkst Du fast gar nicht!

das mit den Bedürfnissen und der Fürsorge ist echt so ein Ding…es lohnt sich, darüber nachzudenken, woher dieser Trend gerade kommt. und zu beobachten, welcher Trend ihn ablösen wird.

Liefs,
Minusch

12 Antworten auf „Selbstfürsorge

  1. Oh, dein Text berührt mich so. Mir ging es lange Zeit genauso, nur, dass ich es nicht wie du in Worte hätte fassen können, weil ich in der Zeit viel getan hab um mich nicht so genau zu spüren, weil ich sonst vermutlich ziemlich unglücklich gewesen wäre.

    Jetzt ist das Kind schon fast ein Teenie und mein Umfeld ist großartiger als es je war, und ich bin meistens glücklich und meistens recht frei und spür mich meistens wieder und hab meistens genügend Kapazitäten für mich erfüllende Tätigkeiten. Und ab und an sitz ich da und weine: um die Zeiten die mir verloren gegangen sind. Aus Angst, das Glück und mich wieder zu verlieren. Weil ich nicht mehr besonders gut darin bin, mich frei und fröhlich und ohne Gedanken an die Konsequenzen in Abenteuer zu stürzen.

    Viele Grüße, Anna

    1. ja, ich kann mir gut vorstellen, dass ich an dem Punkt auch mal ankomme. ich bin schon seit Kilians Tod nicht mehr wirklich unbeschwert. und die Erfahrungen jetzt machen es auch echt schwer, mich unantastbar zu fühlen.

      Danke für Deine Worte, Anna.

  2. Dein Text ist so wunderbar ehrlich und auf den Punkt. Auch als glückliche Gemeinsamerziehende kann ich einiges nachvollziehen von deinen Gedanken, deiner Trauer und deinen Träumen. Die Vereinbarkeit unserer verschiedenen Rollen ist eine Herausforderung. Ich habe den Luxus, auch mal Zeit für mich zu haben. Aber es ist auch eher die Ausnahme, ein Bruch mit dem Alltag, eine eingeplante Zeitspanne. Und den Kühlschrank habe ich seit seiner Anschaffung vor 2 Jahren (noch) nicht geputzt. Betten beziehe ich wohl auch zu selten. Aber irgendwo muss manfrau sich die eigenen Prioritäten auch erlauben. Viele Grüße

    1. hejhej Charlotte,

      ich glaube sowieso, dass es weniger um den Extrem-Status „alleinerziehend“ als um die Tatsache „erziehend“ geht. auch Eltern mit vielen Dienstreisen sind belastet, selbst wenn sie hoffentlich mehr Geld haben, wenn sie Dienstreisen machen. oder Paare ohne familiäre Unterstützung, weil vielleicht wegen Jobangebot umgezogen. Eltern, die ein Kind mit Behinderung großziehen. Eltern, denen im Ballungsraum aus Kinderfeindlichkeit die Wohnung gekündigt wird.

      es geht uns damit nicht schlecht. ich denke nur, dass diese Ideen, wie das Leben gut wäre, von Menschen entwickelt werden, denen es zumindest besser geht als vielen. und dass diese Begriffe, die dann zum Leben erweckt werden, mehr Trend sind als Konzept.

      ich bin mir sicher, dass diese Situation viele Menschen kennen. und dass es nicht primär das Fehlen des Partners ist, was belastet.

      liefs,
      Minusch

  3. Letztendlich aber hängt doch alles am Geld, oder? Menschen mit Geld können sich Babysitter leisten. Sie können sich Essen bestellen, wenn es gar nicht anders geht. Oder ihre Einkäufe liefern lassen. Sie müssen nicht dauernd rechnen, ob etwas drin ist oder nicht, und nicht bei jedem Wunsch der Kinder abwägen, ob das jetzt drin ist und auf was sie dann selbst verzichten. Kinder brauchen ständig neue Dinge, einfach, weil sie wachsen. Es kostet Kraft, ihnen immer wieder zu erklären, dass Dinge nicht gehen, weil eben kein Geld da ist. Ich ertappe mich auch manchmal bei dem Gedanken, nicht mehr zu arbeiten, um wenigstens mehr Zeit zu haben – weil es natürlich zusätzlich Stress macht, nach 18 Uhr nicht nur Abendessen und Wäsche und Einkauf zu machen, sondern auch noch Hausaufgaben nachzusehen, Kinderkummer – und freude anzuhören und dabei bitte auf keinen Fall gestresst oder unkonzentriert zu sein. Und sich trotzdem schlecht zu fühlen, weil es eben doch schon wieder 18 Uhr ist.
    Selbstfürsorge ist ein komischer Modebegriff. Für Menschen mit kleinen Kindern, ohne Geld und ohne permanente familiäre Unterstützung klingt das für mich mehr nach einem Begriff, der zusätzlich Druck und Stress macht. Letztendlich geht es dann doch eher darum, ausreichend zu schlafen und gesund genug zu essen, um den Alltag durchzustehen. Das „Selbstfürsorge“ zu nennen, finde ich fast zynisch und würde es nicht tun.

  4. Ja, Arbeit als Selbstfürsorge….als ich jemandem letztens erklärt habe, dass die Arbeit meine Freizeit ist, hat er gelacht. Und es nicht verstanden.
    Und manchmal plane ich Projekte für andere. Weil die Verbindlichkeit sie mich seltener abbrechen lässt, als Projekte für mich…verrückt.

  5. Liebe Minusch,

    mir geht es ähnlich. Allerdings bin ich verheiratet, Hausfrau, mein Mann Alleinverdiener. Wir haben vier Kinder und eigentlich bleibe ich immer auf der Strecke. Bei uns kommen dann die ständigen Erwartungen des Partners hinzu. Mein Mann will mehr Paar Zeit. Die Therapeutin meines ältesten Sohnes meint, wir brauchen mehr Paar Zeit.
    Aber woher die kommen soll kann mir niemand erklären.
    Abends schläft mein jüngstes Kind um 21 Uhr, da bin ich auch fertig.
    Ich sehe tatsächlich nur selten jemand anderen als die Erzieherinnen im Kindergarten, meine Kinder und meinen Mann.
    Wir haben leider auch keine große familiäre Unterstützung und einen „Clan“ mit anderen Aufbauen hat bis jetzt nicht geklappt, wir leben in einem schwierigen Ort. Viele andere Frauen gehen arbeiten, die Kinder sind in der Betreuung…
    Die Liste ist lang.
    Aber dieses ständige, sie müssen auch was für sich tun, für sich selbst, für ihre Ehe…
    Jaja, Bla Bla Bla…
    Ganz gerne lässt auch mal jemand den Satz fallen: Du musstest ja so viele Kinder bekommen…
    ach ja.

    1. ich bin davon überzeugt, dass diese Themen gar nicht unbedingt an dem Komplex „alleinerziehend“ hängen. vielleicht eher an dem Komplex „Frau“…und ich bin gerade sehr dankbar, dass kein Partner Anspruch auf mich erhebt. dem könnte ich nicht gerecht werden…

  6. Liebe Minusch,

    eine Mutter-Kind-Kur beantragen oder ein bezuschusster Urlaub beim Ferienerholungswerk wären auch gut für die Selbstfürsorge. ❤

    LG

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