Markttag

es ist Mittwoch. wir hatten schöne Ferien bisher. wir haben Menschen getroffen. wunderbare Menschen. der Kleine hat sich bei einer Freundin im Klo eingeschlossen und den Schlüssel eingeklemmt, so dass die Tür aufgebrochen werden musste. der Große hat bei einer Freundin den Flur und das Schlafzimmer umdekoriert, weil er gerade in einem Ablösungsprozess ist. ich wurde angefaucht. wir haben gekuschelt. wir haben 8h lang Lego zusammengebaut. wir hatten leckeres Essen. wir hatten Fastfood. wir sind Bahn gefahren. wir waren lange auf. Regen, Hagel, Sonnenschein, ein Date.

gestern kamen zwei Pakete an. für die Kinder. Amazon-Pakete. beide adressiert an den Großen. in beiden Paketen Stoffsäckchen mit einem Buch. für jedes Kind zum Geburtstag eins. die zwei sollen sich feiern lassen. maschinell unterschrieben mit dem Vornamen ihres Vaters.

ich stehe in der Küche. links stapelt sich das ignorierte Geschirr vom Vortag (die Spülmaschine musste nochmal laufen und dann war ich zu platt zum ausräumen). auf dem Boden liegen Papierschnipsel von den Pilzen, die wir gebastelt haben für die Märchen-Party. die Bremer Stadtmusikanten müssen noch ein wenig akzentuiert werden und im Halbschlaf habe ich überlegt, wie ich dieses verdammte Problem mit dem Schatz löse.

keine Sorge: ich mache das alles gern. unsere Tafelbilder an der Wand neben dem Tisch gestalte ich gern. die Dekoration von Leuchter und Fenster. Papier ausschneiden, Kuchen backen, Parties planen…das mache ich alles gern. und mir muss dafür auch niemand sagen: „Holla, das machst Du aber toll!“ ich weiß ja, dass es toll ist. weil wir das zusammen machen und es schön aussieht und weil diese Tage so herausgehoben werden zwischen all den anderen Tagen, an denen es Kuchen gibt oder mal Besuch kommt.

ich habe auch gern Geld zurückgelegt für Geschenke. ich hab schon vor einem Jahr angefangen, auf das Geld zu achten, um einen Ranzen kaufen zu können. ich hatte zur Not einen gebrauchten Ranzen besorgt, falls alles schief geht. aber es hat geklappt. der Große hat einen neuen Ranzen bekommen. weil ich mich darum gekümmert habe. und weil er mutig genug war, die Oma zu fragen, ob sie was dazugeben würde. den Vater habe ich gefragt. er hat es abgelehnt zu helfen, weil er kein Geld habe…

bei dem Date vor einer Woche wurde ich gefragt, warum sich das Vater nicht um die Kinder kümmert.

sobald diese Frage fällt, spüre ich, dass da Gegenüber jemand aufmerksam ist für die Art meiner Antwort. das Narrativ der „fiesen Ex“ hält sich wacker. und es ist emotional stärker aufgeladen als das Narrativ „des abgehauenen Vaters“. ich habe schon sehr viele dieser Geschichten gehört. die Ex räumt das Konto aus, die Ex belügt die Kinder, die Ex rückt die Kinder nicht raus, die Ex hat ständig wechselnde Stecher (nicht Partner oder Liebhaber…Stecher)…die Väter (!), die gehen und keinen Unterhalt zahlen, die sind immerhin nur nicht da. die tun ja nix. aber die Ex-Frauen (!), die benehmen sich total daneben ohne Rücksicht auf die Kinder.

wenn ich erwähne, dass er direkt nach dem Auszug eine Neue hatte, bin ich eifersüchtig (dabei war ich das tatsächlich nie…ich war überrascht. ich hatte gedacht, er müsse auch erst mal verdauen, was da zwischen uns passiert ist). wenn ich erzähle, dass er mich geschlagen hat, dann ist die Reaktion: „eine Frau zu schlagen ist das Letzte“ aber niemand weiß, was das für mich bedeutet. und das Thema ist so freudlos und unangenehm, dass ich auch keine Aufklärung forciere. er hat mir auch mal gesagt, dass er mich nie schlagen würde. ich denke, das sagen alle. ich habe den Schlussstrich gezogen, bevor ich mir ansehen musste, dass er auch die Kinder schlägt, obwohl er gesagt hat, dass er das nie tun würde. er hat auch gesagt, dass er uns nie im Stich lassen wird. dass er immer für die Kinder da sein wird. dass er uns helfen wird. dass er mit den Kindern in den Ferien eine Woche wegfahren will.

ich bin traurig.

sehr traurig.

der sechste Geburtstag des Großen bedeutet dem Kind etwas. mir auch. auch seinem Bruder. uns allen. morgen wird er ein Buch auspacken, das nichts mit ihm zu tun hat. es wird auch keine Widmung vom Vater drin stehen. es bereitet nicht auf die Schule vor. es erinnert nicht an ihn. ich werde „das Buch“ vom Papa vorlesen. die Kinder werden es aufladen mit ihrer Liebe und ihrer Sehnsucht nach diesem Menschen und er wird einfach nichts weiter tun. nicht anrufen. nicht nachfragen. sie werden nicht miteinander reden.

es regnet gerade.

der Große will zu Oma. der Kleine nicht. ich möchte für morgen alles schön machen und habe mal wieder unterschätzt, was diese Puzzleteile in mir anrichten. wie sehr sie mir vor Augen führen, was hier geschehen ist. dass es dort einen Menschen gibt, den ich nicht nur auf Formularen angeben muss, sondern der eigentlich zu den beiden Kindern gehört und das alles ignoriert. sicher bin ich emotional erleichtert, dass ich ihm nicht mehr zufällig in der Stadt begegne. aber ich verstehe nicht, wie ein Elternteil sich vollständig jeder Pflicht entledigen kann.

nein, nein, ich breche nicht zusammen. ich spüre Schmerzen im Bauch. Anspannung. Gereiztheit. aber auch dieser Tag wird vorbeigehen. und morgen hat der Große Geburtstag.

ich hatte mir das alles so anders vorgestellt. nicht, weil unser Leben zu dritt nicht schön ist. sondern weil ich davon ausgegangen bin, dass Ehrgefühl nicht nur in der Literatur existiert. ich kreide das der Literatur an. dass sie offensichtlich nie versucht hat, die Realität zu beschreiben. die Bücher für die Kinder sind weitere Geschichten vom Ritter Trenk. einem kleinen Wichtigtuer, der alles richtig macht. mutig ist er. kein Draufgänger, aber mutig. an seiner Seite ist auch ein Mädchen. die ist regelrecht wagemutig und sehr oft zornig. er betet sie an. sie findet ihn süß. und beschützt werden sie nur so lala von ihrem Vater, der gutmütig sorgt. die Kinder haben beide Träume und rebellieren. das Mädchen will keine Hofdame sein. in Trenk steckt eher Ritter als Bauernsohn. starke Frauen kommen in der Geschichte nicht vor.

ich weiß gerade nicht, ob ich das vorlesen kann. vielleicht im Sommer mal. der Gedanke, als Vorleserin unsichtbar werden zu müssen, damit die Kinder die Bücher vom Papa erleben können, der ja tatsächlich unsichtbar ist, ist nicht so leicht zu ertragen. andererseits breche ich mir auch keinen Zacken aus der Krone, nicht wahr? was macht das schon? was zählt mein Unbehagen angesichts der Freude meiner Kinder?

wer bin ich?

Liefs,
Minusch

3 Antworten auf „Markttag

  1. Ich drücke dich mal unbekannterweise aber aus vollstem Herzen aus der Ferne!! Dein Text ist sehr emotional für mich und ich kann viel nachfühlen. Ich finde, dein Leben ist jetzt voller Reichtum und du leistest Unglaubliches! du verdienst es glücklich zu sein ❤
    Alles Liebe

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