um ruhe ringen

guten Morgen.

guten Sonntagmorgen. oder okayer Sonntagmorgen?

…ich stehe neben mir. gerade hatte ich einen Streit mit dem Großen, weil er meinte mir erklären zu müssen, er habe keine Jogginghose. ich musste die kurzen Hosen anheben, dahinter lag sie zusammengeknüllt an der Rückwand. und ich war sauer.

blöd ist, dass sich beim sauer-sein die Gründe zu einem Kloß kumulieren, der die Steuerung übernimmt und meiner Erfahrung nach nur sehr schwer zu entwirren ist. daher bemühe ich mich ja um direkte „Einzelwuterlebnisse“ und vermeide nach Möglichkeit das Sammeln von Frustrationspunkten. das ist gar nicht so einfach. in unserem Alltag ist für Frust eigentlich keine Zeit. also: ja, als Pädagogin kann ich bei der Arbeit mit dem Klienten auftretende Ereignisse sofort pädagogisch sinnvoll aufarbeiten. ich kann die Wut rauslassen oder paraphrasieren, ich kann sie erklären oder Erklärungen einfordern, ich kann ausweichen. ich kann etwas tun. im sonstigen Miteinander ist das nicht so einfach. manchmal bemerke ich meine Wut erst beim Rückblick. dann war da in dem Gespräch irgendwie ein komisches Gefühl und ich merke zwei Stunden später: oha, da hat mir wieder jemand ungebeten eine Empfehlung reingedrückt und meine Entscheidung angezweifelt.
doch, ja, sowas macht mich wütend.

in der Familie läuft es ja nochmal anders. die Wut der Kinder ist sehr präsent, wenn sie auftritt. da wird direkt Satisfaktion gefordert! lautstark! körperlich! und solange danach nicht einer mehr mit blauen Flecken rumläuft, finde ich das sogar gut…also…bedingt. ich kann es kaum aushalten. ich finde es gut, aber ich halte es nicht aus. es gibt zu wenig Möglichkeiten, dem auszuweichen und ich fühle mich ständig aufgefordert, etwas zu tun. manchmal ist aber auch einfach nur nicht auszuhalten, wenn ich Sätze höre, die von mir stammen könnten. wenn meine Kinder spiegeln, wie ich bin, wenn ich wütend bin. ekelhaft. echt. und wenn mir klar wird, dass ich mal wieder diejenige bin, die die Situation verdichtet hat, weil sie mal wieder zu viel regeln wollte, dann ist das auch nicht gerade gut fürs Ego. ich mag mich nicht so wahnsinnig gern in wütend.

gerade befinde ich mich (trotz Streit) in einer sehr wachen Phase. wach, weil ich glaube, gerade mal wieder für kurze Zeit mehr verstehen zu können als sonst. in manchen (wenigen) Wochen gelingt es mir, zwischendurch anzuhalten. mich für ein paar Momente von außen zu sehen und dann zu prüfen, ob ich das, was ich sehe, so haben will. will ich so sein? will ich so leben? ich kam in den letzten 6 Jahren regelmäßig zu dem Punkt: nee. nicht so. immer wieder. eine ermüdende Erkenntnis. aber gut. wer von uns ist schon fertig. und wenn Du Dir klar machst, dass sich Dein Leben seit 6 Jahren eigentlich auf dem Schleudersitz abspielt, dann gerät da eben immer wieder dasselbe aus dem Blick: Du.

diese Woche ist in sofern eine besondere Woche, als ich gerade gelernt habe, wie tief die Belastung durch unsere Wohnsituation sitzt. ich lebe seit fast 9 Jahren in dieser Wohnung. meine Kinder sind hier gezeugt worden und kennen nur dieses Zuhause. in dieser Wohnung wurde ich belogen, gekündigt, um Geld betrogen, geschlagen, ausgelacht, missbraucht, abgestraft, vergessen, angeschrien, der Lüge bezichtigt und provoziert (von verschiedenen Menschen…Familie, Ehemann, Vermieter, Freundinnen). hier ist auch sehr viel schönes passiert! meine Kinder wachsen hier auf, wir hatten tolle Kindergeburtstage, wunderschöne Weihnachtsfeste, herrlichen Sex, Verliebtheit, fantastisches Essen…aber die Liste negativer Ereignisse enthält ein paar dicke Brocken. also, ich muss nicht an negative Energien glauben, um mir vorzustellen, dass ein Umzug ne gute Idee wäre. und gleichzeitig ist da die Angst vor dem Aufwand, finanziell wie körperlich. eine 4-Zimmer-Wohnung alleine mit zwei Kindern umzuziehen ist der Hammer. und als alleinerziehende eine bezahlbare Wohnung zu finden ebenso. zwei dicke Brocken.

wir haben eine Wohnung gefunden. ob die Vermieter auch das Gefühl haben, uns gefunden zu haben, weiß ich erst nächste Woche. aber seit ich in dieser Wohnung stand, kann ich kaum noch schlafen. meine durch den Streit mit den Vermietern hier im Haus aufgeflammte Neurodermitis beruhigt sich kaum. und seit gestern habe ich Bauchschmerzen. bei jedem Bissen. ich brauche die Schönheit der jetzigen Wohnung gar nicht der Wunschwohnung gegenüber stellen. beide Wohnungen sind schön. aber diese neue Wohnung schenkt mir Hoffnung. ich habe Hoffnung.

bisher hatte ich mir vorgestellt, was ich tun kann, um hier in Ruhe leben zu können. Yoga, eine innere Haltung meinen Vermietern gegenüber, mich selbst daran erinnern, ruhig zu bleiben, mit Provokationen rechnen…und jetzt ist da der Gedanke, dass ich diesen ganzen inneren Aufwand nicht mehr halb so sehr brauche, wenn ich einfach nicht mehr so nah bei diesen Menschen lebe, die mich nunmal nicht mögen. in mir fährt alles Achterbahn, seit diese Gedanken da sind. es ist einerseits der Übermut wie beim Verliebtsein und andererseits ein Gefühl von Selbstkontrolle…und dann hat diese Wohnung auch noch alles, was ich mir gewünscht habe.

ja, sicher, ich freu mich nicht einfach sinnlos ins Leere, solange ich keinen Vertrag in der Hand habe. aber: der Zustand tut mir trotzdem gut. aus diesem Zustand heraus setzen sich Erkenntnisse, die nebenbei zwar passiert sind aber noch nicht betrachtet werden konnten. ich fühle mich stärker. und ich formuliere wieder Wünsche. in Gedanken habe ich schon alle Möbel in der neuen Wohnung verteilt. beim Frühstück hier habe ich das Gefühl, das Licht steht falsch, weil ich mir so sehr wünsche, meinen Tisch schon dort drüben stehen zu haben. in einer Wohnküche. ich sehe hinter dem Rücken meiner Kinder meine Küchenschränke, dabei ist da ein Fenster. und wenn sie ihre Spielsachen aufsammeln, dann tun sie das, um sie in den Wandschränken zu verstauen, die diese Wohnung hier ja gar nicht hat. gestern auf dem Heimweg vom Einkaufen gab es den Impuls, in die Straße abzubiegen. zu dieser Wohnung. in das neue Leben…

ich beobachte diese immensen Prozesse auch mit Skepsis. aber eigentlich bin ich der Ansicht, dass sie ausdrücken, worum es in mir geht. dass ich mir einen Neuanfang wünsche. dass ich ihn wohl sogar brauche. und meine Kinder auch. nicht um vor den Erinnerungen an den Vater zu fliehen, sondern um die Zukunft gestalten zu können. neue Räume bieten neue Wege, neue Lösungen, neue Eindrücke. in dieser Wohnung hier ist vieles so wie es ist und wie es schon war, als wir noch zu viert hier waren. als die die Kinder noch ihren Papa hatten und ich einen Ehemann, der mich ansah ohne zu lächeln.

ja, ich wünsche mir sehr, in diese andere Wohnung einziehen zu können. wirklich sehr. dass allein die Möglichkeit besteht verändert schon jetzt so viel. was würde sein, wenn es wahr würde?…

mein Großer sitzt inzwischen neben mir. angekuschelt. ich habe mich entschuldigt. er hat nichts gesagt. wir haben uns einen Moment lang festgehalten. ja, ich suche nach wie vor die innere Ruhe, um aus der Ruhe heraus dem Alltag zu begegnen und nicht aus der Bewegung. meine Kinder wissen das. ich weiß das. und wir gehen damit um so gut wir können. das Ganze ist ein Weg. viele kleine Schritte. vielleicht schaffen wir diesen Sommer den nächsten großen Schritt, bevor die Schule losgeht.

Liefs,
Minusch

6 Antworten auf „um ruhe ringen

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