die in der Asche putteln

ach, was haben wir geträumt. entlang der unendlich vielen Geschichten in den vielen vielen wunderschönen Büchern. Geschichten von Mädchen, die zu Frauen wurden und die Liebe entdeckten. Geschichten von Jungen, die die Liebe entdeckten und zu Männern wurden. Kinder, die über sich hinauswuchsen und danach ein total geiles Leben hatten. geheilte Wunden, vollbrachte Heldentaten, wahrgewordene Träume, Neuanfänge…

die Geschichten haben mich immer mitgerissen. und auch als ich mich an die große Literatur wagte, wurde ich nicht enttäuscht. irgendwie söhnen doch sehr viele Schreibende die Lesenden immer wieder mit der Welt aus, nicht wahr? ich beendete die Werke der klassischen deutschen Literatur meist mit einem Funken Hoffnung – ok, ich ahne bereits jetzt, dass diese Hoffnung auch (!) ein Spiegel meiner Pubertät war und ich eventuell jetzt in der Lage wäre, diesen Büchern eine andere Ebene zuzugestehen – bis ich „Bahnwärter Thiel“ las.

diese Novelle hat mich damals umgehauen. nicht nur, dass ich die Bilder bemerkenswert fand, nein, die Endgültigkeit der Tragik hat mich fertig gemacht. ob ich geweint habe, weiß ich nicht mehr. aber es fiel mir schwer, über diese Geschichte zu sprechen.

rückblickend denke ich, dass mich diese erdrückende Ehrlichkeit total überrascht hat. da wurde keine Hoffnung geschenkt, sondern all das Geschehen – verstärkt durch den Wald – den Lesenden zugemutet. schmerzhaft. ein total bescheuertes der nachvollziehbares Leid. damals berührte mich vor allem Tobias sehr. heute ist es der Bahnwärter selbst, der mich erschaudern lässt. bezeichnenderweise berührten mich nicht die Frauen. ich könnte mich über die Gründe dafür auslassen (na? wer von Euch war Harry-Potter-Fan und immer nah an Harry und nach der eigenen Entbindung schillert da plötzlich eine Molly Weasley durchs Gewebe und reisst schlußendlich mit dem geschrienen: „Nicht meine Tochter, Du Schlampe!“ alle Balken ein? na?), aber ich behalte mir die Verschwiegenheit drüber vor und begnüge mich damit, es zu benennen.

die Ehrlichkeit von Gerhart Hauptmann. wenn ich auf meine eigene Familie schaute, konnte ich schon als Teenie eine ähnliche Tragik zwischen den Menschen erkennen. mir kam dementsprechend ehrlich vor, von so etwas zu lesen. gleichzeitig ging ich schon noch davon aus, dass alle anderen ebenso Recht hatten und es die Maggie-Suppen-Familie tatsächlich gibt. so eine Familie, die nie Geldsorgen hat und sich morgens gegenseitig Nutellabrote schmiert, in deren Haus immer aufgeräumt ist und die jeder Krise mit Zusammenhalt und Nähe begegnet. ich glaubte daran. so viele Bücher beschrieben genau das (außer „die Buddenbrooks“)! herrliche schräge Mütter und tüddelige Väter kamen darin vor. oder gruselige Brummbären und wolfskehlige Frauen. Selbstredend gab es in dieser Zeit keine andere Familienform außer heterosexuelle Paare. maximal die Anzahl der Elternteile variierte. nunja, ich glaubte all den Büchern. schließlich war ich ein Büchermädchen, eine Leseratte. und wenn so viele Menschen von demselben schreiben, dann muss das wahr sein…

heute frage ich mich, warum so viele Menschen diese Art Familie beschrieben haben, wenn sie doch eher eine Legende zu sein scheint. also, ich will niemandem zu nahe traten, aber wann immer ich nachgefragt habe, ob es wirklich so schön sei, wie es ausähe, kam ein bedauerndes Kopfschütteln. ob der Kopf geschüttelt wurde aus Scham mir gegenüber (schließlich ist meine Geschichte ziemlich disharmonisch) oder weil es tatsächlich überall eine versteckte/unsichtbare Scheiße gibt, kann ich natürlich nicht einschätzen, aber ich kann daraus schließen: zumindest ist dieses Familien-Idyll nicht normal. also nicht der Durchschnitt. oder: nicht die Realität der meisten.

aber das Bild wirkt entgegen sämtlichen Trends massiv in uns weiter. ein Blick auf die Hygge-Trends von 2017 oder die Familotel-Prospekte. Krankenkassen-Broschüren, Blogs, Broschüren für Bausparverträge, Medienkompetenz oder Fertigbauhäuser. wir werden mit diesem Bild der glücklichen Familie fast ebenso massiv bombardiert wie mit (halb)nackten Frauen. inzwischen gibt es viele Videos darüber, was alles nötig ist, um die unzähligen günstigeren Models alle einheitlich aussehen zu lassen. Photoshop war mal ein Mega-Geheimnis, und heute gibt es schon fertige Filter für die Foto-App, um Dich aufzuhübschen. und das funktioniert auch für Familien.

der sonntägliche Frühstückstisch in der Morgensonne mit selbstgepflückten Blumen brüllt eine Mischung aus: Hygge, Liebe, gute Erziehung. und kein Schwein weiß, wer den Strauß wirklich gepflückt hat. ja, klar, wir wissen alle, dass wir die Ausschnitte der Bilder möglichst vorteilhaft wählen (wie hoch sind eigentlich die Einbußen von Fotostudios seit Beginn des Selfie-Booms?), und doch: das Bild bleibt.
ich habe in einem Profil eine Aufnahme meiner Jungs von hinten. Regenbogenschirme, bunte Kleidung und drumrum ein grauer Regentag. beide halten Händchen. das Bild erzählt nichts davon, was ich morgens für einen Stress hatte, die beiden rechtzeitig angezogen zu kriegen. der Kampf für oder gegen Regenjacken oder das ständige Stehenbleiben an jeder Ecke. es erzählt etwas wie: Geschwister-Harmonie, Selbständigkeit, Zuversicht…blablabla.

es ist super einfach geworden, Ästhetik zu reproduzieren. für jede Zimmerform, Wohnungsgröße und für jedes Budget gibts die passenden Tipps auf Pinterest. und danach können wir das Wunderwerk fotografieren und hochladen und die anderen bestaunen lassen, wie gut wir das gemacht haben. diese copy-n-paste-Mentalität ist schon sehr weit in unsere Leben eingedrungen. einerseits finde ich es selbst wunderbar auf so einfache weiße alltägliche Probleme lösen zu können, aber…

…sie hilft nicht weiter, wenn ich scheitere. wenn es mir weh tut. wenn ich jemandem weh tue. wenn meine Erwartungen enttäuscht werden. da kann ich nicht kopieren. da kann ich nur kooperieren.

also abgesehen davon, dass ich dank Pinterest inzwischen sehr viel schneller erkenne, worauf ich achten will, wenn ich einen Raum einrichte, weiß ich nicht mehr darüber, wie andere Menschen Krisen meistern. ja, der Mut wächst, auch über die Schattenseiten zu schreiben. das erkenne ich auch. aber nach wie vor gibt es das Bild der „gescheiterten Ehe“ oder der „kaputten Familie“. ich möchte dagegen anschreiben und deutlich machen: eine Ein-Eltern-Familie ist nicht kaputt. sie kann es sein, aber sie ist nicht kaputt, weil da eine Trennung passiert ist und eine Zwei-Eltern-Familie ist auch nicht heil, nur weil das zwei Erwachsene sind. ich möchte all den Ratgebern zurufen: bitte, malt nicht nur die Horrorszenarien für Kinder aus, sondern auch die Chancen! ich möchte der Politik ein Plakat vor den Bundestag betonieren: Ein-Eltern-Familien brauchen etwas mehr Schutz aber nicht mehr Kontrolle!

in meinem Umfeld gibt es inzwischen immer mehr getrennt erziehende. einige praktizieren das Wechselmodell mehr oder weniger gern. andere haben Wochenend-Väter. wieder andere sind zwar getrennt aber irgendwie trotzdem gute Kumpels. naja, und ein paar stehen eben wie ich ganz alleine da. aber wir leben. nicht immer Pinterest-tauglich aber in einer Schönheit, die an Wert gewinnt, WEIL da ein Bruch stattgefunden hat. WEIL vieles nicht mehr selbstverständlich ist oder nicht mehr erschwinglich oder nicht mehr möglich. wir sind Familien. nach wie vor. meine Kinder und ich sind gerade mehr Familie als noch vor 2 Jahren, als ich mich jede freie Minute mit dem Vater meiner Kinder auseinandergesetzt habe und so auch nur wenig Zeit hatte, um mit den Jungs frei zu sein. wir sind real. unsere Wollmaus-Kolonien sind real. unsere Bockwurst-Dinner sind real. unsere Kuchenexperimente, unsere Sorgen, unsere Tränen, unsere Träume, die Probleme…das sind alles Familienprobleme. Sorgen, um die sich Goethe eher nicht gekümmert hat und die Novalis total romantisch vorkamen und die sich bei Gerhart Hauptmann zu etwas verdichtet haben, was beim Lesen stumm werden lässt.

und wir sind normal. real und normal. nicht kaputt sondern konsequent. schutzbedürftig aber nicht unfähig. und vor allen Dingen sind wir so wertvoll wie alle anderen Menschen auch, egal wie erwerbsfähig wir sind.

keine Sorge, ich schreibe nicht stellvertretend für alle Single-Eltern. ich schreibe aber gern bezogen auf dieses System so, als wäre ich mehr als eine, denn ich bin es leid, mit diesen Narrativen leben zu sollen, die noch nie wahr waren und es ganz sicher auch nie sein werden. etwas mehr Mut zur Realität wäre echt schön. und vor allem etwas weniger Vergleiche zwischen Äpfel und Birnen und daraus folgende Schlüsse, die immer nur die schließende Seite berücksichtigen und eigentlich nie die Seite, über die etwas beschlossen wird.

dabei ist das das ganze Geheimnis des Lebens: urteile nicht über ander, sonder frag sie einfach selbst. wobei ich zugeben muss, dass ich selber daran zweifle, tatsächlich immer die Wahrheit gesagt zu bekommen. wer kann schon ehrlich über sich selbst sprechen angesichts eines Menschenbildes, das jede Form von Menschlichkeit als Schwäche auslegt?

hihi, das Wort zum Pfingstsonntag…und jetzt geh ich die Küche aufräumen, mich bei den Jungs entschuldigen und vielleicht gucken wir gleich Ninjago, bis zum Einschlafen. stop comparing, dears. stop comparing.

Liefs,

Minusch

2 Antworten auf „die in der Asche putteln

  1. Wunderbar! So ein positiver Artikel von dir tut echt gut 🙂 vielleicht habt ihr ja auch ein bisschen die Sonne genossen 🙂

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