the beauty of Scham

guten Morgen.

ich habe beschlossen, darüber zu schreiben. über das da oben. es betrifft mich in einem Maße, dass ich nicht haben will. eigentlich halte ich Scham nämlich für grundsätzlich falsch. Scham ist der Hebel, der uns vereinzelt, uns das Gefühl gibt, alleine mit einem Makel unterwegs zu sein. und weil wir gesellschaftlich so viel Arbeit da rein gesteckt haben, schämen sich noch immer Menschen für menschliches. für Erschöpfung zum Beispiel. oder für psychische Krankheit. für Krankmeldungen, falsche Entscheidungen, Arbeitsplatzverlust, Bezug von Transferleistungen, Einsamkeit (wie effektiv!), ihren Körper, ihre Erziehung…

im Laufe meines Lebens reifte in mir die Erkenntnis, das Scham unnütz ist. dass die ganze Welt ein Wohnzimmer für jeden sein darf und dass es an uns ist, mit unserer Menschlichkeit offen umzugehen. ich habe deswegen geübt, das, was ich tue, auch draußen zu tun. ich kann aufstehen und meinen Mund aufmachen (wenn Unrecht geschieht), ich kann mich körperlich vor Menschen stellen, die angegriffen werden, ich kann allein im Park tanzen (singen klappt noch nicht so gut), ich kann Theater spielen, vor 500 Leuten meine Gedichte vorlesen und habe keinerlei Angst vor Referaten. ich hab das geübt. weil ich möchte, dass diese Welt auch mir gehört.

jetzt bin ich Mutter und ich kann mit meinen Kindern in der Öffentlichkeit auffallen, ohne rot zu werden. aber wir fallen nicht ständig auf. wir sind ja nur eine kleine Familie. aber wir fallen jemandem in diesem Haus auf, der uns beschämt: unsere Vermieter.

Exkurs
nachdem der Vater meiner Kinder ausgezogen ist, kühlte sich hier ohne Begründung das Klima ab. bei jeder Begegnung im Treppenhaus war etwas, zu dem ich Stellung nehmen sollte. ich habe mich jedes Mal über diese absurden Fragen gewundert: Frau K., fahren Sie dieses Auto da auch wieder weg? Frau K., können Ihre Kinder leiser durchs Treppenhaus gehen? Frau K., wann fegen Sie denn ihren Kellerraum? Frau K., wann machen Sie diesen einen Fleck da im Treppenhaus weg? Frau K., wissen Sie, dass das Schloß ausgetauscht wird/die Tür klemmt/irgendwas im Hof liegt?…

ich bewege mich durch das Treppenhaus meist in Eile (weil ich weiß, dass die Lautstärke meiner Kinder störend empfunden werden kann und weil wir zumindest morgens zum Kindergarten und zur Arbeit wollen. die Fragen bezogen sich alle durchweg auf Themen, die unnötig, weil anderweitig geregelt, waren und ich schämte mich, schnell weiter zu müssen, war aber auch stinkig, weil diese Fragen eben unnötig waren.
im Herbst wurde ich von drei Erwachsenen (beide Vermieter und deren Tochter) in diesem Treppenhaus angeschrien, weil meine Kinder mit Kreide im Hof gemalt haben und ich mich geweigert habe, das weg zu wischen:
Frau K., wann machen Sie die Kreide im Hof endlich weg?
– muss ich nicht, das erledigt der Regen!
Frau K., mit Ihnen kann man kein vernünftiges Gespräch führen.
– ach wissen Sie, mir fällt es auch nicht immer leicht, mit Ihnen zu reden.
Frau K., jetzt werden Sie nicht auch noch frech, nachdem ihre Kinder unseren Hof verunreinigt haben und Besucher jetzt den Kreidestaub im Treppenhaus verteilen.
– ich sehe hier keinen Kreidestaub.
Frau K., das ganze Treppenhaus war sauber, bis ihre Kinder mit der Kreide gemalt haben. entfernen Sie umgehend die Kreide aus dem Hof!
– das werde ich nicht tun.
Frau K., es ist eine Unverschämtheit, wie Sie hier mit uns umgehen und sich nicht an die Regeln halten!!! (…)

<<so funktioniert Beschämung. und wenn das nicht greift, gibt es noch härtere Mittel. inzwischen habe ich hier einen Beschwerdebrief mit der Androhung einer Abmahnung, weil ich den Hausfrieden nicht zu schützen bereit bin. eine Abmahnung wegen böswilligem Fensterlüften im Treppenhaus bei 12 Grad, einen Brief, in dem mir mitgeteilt wird, das die Schadensbegehung in meiner Wohnung, bei der ich vor meinen Kindern angebrüllt wurde, nicht stattgefunden hat. in allen Briefen steht drin: ziehen Sie doch aus, wenn Sie sich hier nicht wohlfühlen. und dann noch eine Mieterhöhung für die letzten beiden Monate, in denen ich gezwungenermaßen doppelt Miete zahlen muss, weil ich eben jetzt ausziehen werde und die Wohnung zu meinem Glück früher frei ist, aber meine Vermieter nicht wollen, dass ich früher einen Nachmieter vorstelle.

ich fühle mich nicht gut damit. gar nicht. seit der Schadensbegehung habe ich Schalfprobleme. meine Neurodermitis wird statt im März erst jetzt seit Ende Mai besser. mein Bauch tut ständig weh. ich erlebe mehrmals am Tag Adrenalinschübe, wenn ich das Haus betrete/verlasse, an deren Wohnungstür vorbeikomme oder in den Briefkasten schaue.

das ist Scham. Unsicherheit in etwas, was eigentlich normal ist. Stress beim Menschlich sein. das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben, was nicht greifbar ist. dabei liegt das Urteil über mein Verhalten außerhalb meiner selbst.

das einzige, was gegen Scham hilft, ist, sie zu benennen. darüber zu sprechen, zu schreiben, sich zu äußern. sich damit auseinandersetzen. so, wie ich zum draußen-tanzen-üben in den Park gegangen bin um es zu einfach zu tun, schreibe ich inzwischen hier über das, was ich nicht mal eben wem im Park erzählen kann. aber dieses Thema liegt ganz vorne auf meiner Zunge. ich verstecke es nicht, denn in dieser Geschichte wird auch etwas anderes sichtbar: die Macht anderer über mein Befinden. ich bin darauf angewiesen, dass andere wohlmeinend über mich urteilen. alles andere schränkt mich massiv in meiner Freiheit ein. und ich hätte nie gedacht, dass mir tatsächlich ein Mensch Böswilligkeit unterstellen könnte (zumal beim Lüften in einem Haus, in dem die Küchenabluft des Portugiesen im Erdgeschoss übers Treppenhaus geregelt wird), aber es geschieht. woher das kommt, kann ich nur mutmaßen, aber ich kann es nicht wissen. und das ist der Punkt, an dem ich gerade daran arbeiten würde, dass mir das egal ist.

es könnte mir auch egal sein, wäre diese Kommunikation nicht so aggressiv, dass meine Kinder unweigerlich davon betroffen sind. meine Kinder waren immer in meiner Nähe, wenn ich von den Vermietern angegriffen wurde. nicht mal diese Grenze wurde gewahrt. und das bei unserer Geschichte…selbstverständlich wissen die Vermieter, was in ihrem Haus vorgegangen ist. aber in deren Augen bin ich selbst daran schuld, wenn mein Ehemann mir eine reinhaut. er wird schon einen Grund haben. zum Streiten gehören immer zwei. und schließlich war ich es ja, die geschrien/gestört hat.

Quintessenz:
wir werden ausziehen. noch diesen Monat. wir werden alles zusammenpacken und einen Teil veräußern und in eine kleinere Wohnung ziehen mit Vermietern, deren Tochter gerade 16 ist, die sich also noch an das Familienleben mit Grundschulkindern erinnern. ein Haus mit Gemeinschaftsgarten. ein Haus, das näher an der Grundschule liegt. ein Haus, in dem auch andere Kinder wohnen.
das Ganze wird mich ca. 3000,- kosten, die ich nicht habe und die ich jetzt suche. ich werde meine alte Wohnung komplett renovieren müssen und auch aushalten, dass ich die erhöhte Miete für zwei Monate doppelt aufbringen muss. ich werde für das, was mir fehlt, ein Umzugsdarlehen beim Sozialamt aufnehmen.

im Grunde genommen leben wir mit dieser Entscheidung „über unsere Verhältnisse“. ich kann mir das kein Stück leisten. aber meine Kinder sind klein. sie leben mit mir immer noch in dem Verlust ihres Vaters. dieser Verlust ist eine ziemliche Verunsicherung in den Welten der beiden. und wenn ich eines will, dann so viel Ruhe wie möglich. das, was hier in diesem Haus passiert, überschreitet unsere Grenzen. und da ich nie Zeug*innen für die Aggression hatte, kann ich das Verhalten meiner Vermieter nicht mal anzeigen. das Mobbing, den Hausfriedensbruch.

meine Scham verändert sich wieder. ich schäme mich, dass ich meinen Kindern nicht zeigen kann, wie Menschen sich wehren können. aber: ich habe ihnen immerhin gezeigt, dass wir eine Lösung finden können.

ich schäme mich, dass wir schon wieder finanzielle Hilfe brauchen, weil sich das anfühlt wie Luxus. aber: ich möchte meine Kinder in Sicherheit aufwachsen sehen und nicht auf einem Pulverfass und dieses Bedürfnis ist so stark, dass ich dafür damit umgehen will.

ich bitte um Hilfe. schon wieder. so wie letztes Jahr auch.
Anna vom meinglück-Blog (ist ein geschütztes Blog, deswegen kann es nicht jeder lesen/kennen) hat eine leetchi-Kampagne gestartet um zu schauen, ob wir etwas zusammensammeln können, was uns helfen würde, den Kredit klein zu halten. ich selber muss meinen Mut zusammennehmen um dazu ja zu sagen, weil ich eben schonmal Hilfe bekommen habe und ich mich fühle wie ein Loch ohne Boden. dabei ist das, was andere mir sagen, ja auch wahr:
meine Situation ist nicht so, weil ich mich falsch verhalten habe, sondern weil diese Menschen hier mich loswerden wollen. und in dieser Situation nach Hilfe zu fragen bedeutet nicht, sich einen Urlaub oder ein schickes Outfit zu finanzieren, sondern die Lebenssituation einer Familie verändern zu wollen. also, öhm…Knoten im Kopf…an diesem Geeier könnt ihr ablesen, dass es für mich nicht leicht ist, den Stress und die Unsicherheit auszuhalten und daraus um Hilfe zu bitten. aber ich versuche es.

hier geht es zur Leetchi Kampagne um mir/uns zu helfen.

einatmen. ausatmen. abschicken.

Minusch

6 Antworten auf „the beauty of Scham

  1. Oh man… Ich drücke Euch von Herzen die Daumen, dass die Leetchi Kampagne erfolgreich ist und Ihr schnell und ohne Schulden dadurch kommt, damit Du Deine Energie auf Dich und Deine Kinder konzentrieren kannst.
    Ich hoffe, dass der Umzug schnell und schadlos über die Bühne geht, damit Ihr endlich zur Ruhe kommen könnt ❤

    1. ich danke Dir, Tanja.
      ich hatte ja mal diesen Gedanken, dass all das, was hier schon passiert ist, so rein aus Murphy-Perspektive, reichen müsste, für ein restliches Leben in Zufriedenheit und ohne Aufregung. aber gut…diese Wahrscheinlichkeitsrechnung geht nicht auf.

      umso schöner ist diese Hilfe hier.
      und je kleiner der neue Kredit, desto besser! da hilft jedes bißchen!

  2. Einatmen. Ausatmen.
    Glas Wasser trinken.
    Virtuelle Umarmung einer Wildfremden akzeptieren.

    Weitermachen.

    Ziehe jetzt weiter zur Kampagne und retweete. Mehr kann ich nicht tun. Hoffentlich wird es bald besser.

  3. Ich habe auch ähnliche Erfahrungen mit der Hausmeisterin in meiner ersten Wohnung gemacht. Irgendwann bin ich morgens um 4 aus dem Haus und nachts um 11 heim damit ich ihr nicht begegne. Ich habe ein Jahr kalt geduscht weil ich nicht bei ihr klingeln und sagen wollte, dass der Durchlauferhitzer kaputt ist. Die im Imperativ oder passiv aggressiv formulierten Zettel an der Tür. Eines Morgens stand ihr Mann in der Wohnung und wollte die Wasserzähler ablesen und ich musste mir im Anschluss in Unterwäsche eine Lektion dazu anhören wie es hier aussieht, etc. Die Erinnerungen kommen gerade wieder beim Lesen hoch. Und: Ich hab verglichen mit dir nen Scheissdreck mitgemacht.

    Ich verstehe auch 15 Jahre später sofort warum du das machst wie du es machst und das vermeintlich gegen jede Vernunft. Fühl dich gedrückt. Du machst das Richtige. Es ist scheiße und man ist noch lange wütend über die Hilflosigkeit, aber es ist dann vorbei. Und es verblasst langsam. Ich bin diesen Monat knapp, aber ich geb dir was ich kann.

    1. Danke Momo….und es tut mir leid, dass Du das kennst.
      ich vermeide Wege durchs Treppenhaus. ich bringe den Müll nur runter, wenn ich ohnehin runtergehe. meine Kinder dürfen nicht im Hof spielen, weil ich Angst habe. ich stelle immer wieder die Klingel aus. wenn meine Kinder rumrennen, werde ich nervös. ich kriege Herzrasen vor dem Briefkasten…und seit diese Menschen sich geweigert haben, meine Wohnung zu verlassen, habe ich Schlafstörungen.

      …ich frage mich, wieviele Geschichten es auch in diesem Bereich gibt. ich hab schon so viel schlimmes über Familien gehört, die Schwierigkeiten mit Vermietern/Nachbarn haben.

      Liefs,
      Minusch

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