Glück

vor 11 Tagen sind wir umgezogen. was hab ich gebangt. wirklich gebangt. bis ich die Wohnung vermessen konnte, war ich überzeugt, dass ich mich geirrt habe und die Wohnung nicht hätte nehmen dürfen weil xyz. bis Anna mir beim Crowdfunding geholfen hat, war ich überzeugt, dass das ohnehin nur eine Handvoll Menschen interessiert, und ich habe schon nachgeschaut, wie ich einen laufenden Kredit aufstocken kann. bis ich den Mietvertrag unterschrieben hatte, war ich überzeugt, dass das eh nichts wird. bis ich den Schlüssel in der Hand hatte, war ich überzeugt, dass ich nicht so bald einziehen kann. bis der Umzug getan war, war ich überzeugt, dass ich hier gar nicht alles reinbekomme.

…der wichtigste Moment war wohl der mit dem Schlüssel. bei allen anderen Dingen, habe ich auf Autopilot geschaltet und die eine oder andere Entscheidung ausgelagert auf Freundinnen:
„was würdest Du machen? a oder b? a wäre anstrengend, aber b…“
-„c. ich würde c machen.“
„oh….“

aber das mit dem Schlüssel, war magisch. wir kamen müde und verschwitzt in die Wohnung. draußen hatte es locker 32 Grad. wir waren auf eine aufgeheizte Dachwohnung eingestellt. die Vormieter hatten uns dahingehend gewarnt. aber die Wohnung war nicht aufgeheizt. sie war angenehm. die Kinder rannten durch die Räume. ich versuchte, dem Vermieter zuzuhören. dann ging er und wir waren allein. der Große schloss die Türen seines zukünftigen Zimmers, setzte sich in die Mitte und begann zu singen. das Elsalied. eine Coverversion. aber verständlich.

ich setzte mich in mein zukünftiges Zimmer. an die Wand zwischen den beiden Fenstern. der Kleine kam zu mir, rollte sich in meinem Schoß zusammen und sagte nichts.

wir drei waren ruhig.

in dem Moment löste sich eine Blockade. ich verstand, dass das, was ich hier gespürt habe, wichtiger ist, als das, was ich in der anderen Wohnung spüre.

seit dem passiert jeden Tag etwas Schönes. und zwar nicht nur „Schmetterling auf Blume“-schön, sondern fundamental schön. herzöffnend schön. jeden verdammten Tag schön!

eine Mama aus dem Kindergarten backt für unseren Umzug Kuchen. wir kennen uns kaum. aber sie backt drei kleine Bleche. am Umzugstag komm ich mit den Kindern vom Getränke-holen um die Ecke zur alten Wohnung und da stehen 10 Menschen. 10 Freunde und Freundinnen mit ihren Kindern. den ganzen Tag helfen mir Freunde und Freundinnen. ich bekomme Stirnküsse, Seitenhiebe (weil ich die Kisten unpädagogisch beschriftet hatte), Umarmungen, Anerkennung, Glückwünsche…die Kinder waren alle den ganzen Tag dabei! eine Mama hatte einen Back-Up-Plan für die Kleinen, aber der war nicht nötig: die besten Freunde meiner Jungs wollten helfen. 12h lang ein Taumel zwischen Erschöpfung, Stolz, Rührung und dem Gefühl, geliebt zu sein.

seit wir hier leben, waren wir keinen Tag allein. jeden Tag strandet hier jemand. es ist so leicht. die Freunde der Jungs finden die Zimmer total cool. immerhin haben wir jetzt eine Falltür-Klappe und ein Aquarium-Zimmer. und egal wieviele Kinder hier spielen: keiner weint. seit 11 Tagen nicht. ich finde auch alles, was ich suche (außer der Kleiderstange vom Kleiderschrank…aber dafür habe ich noch zwei Teile vom Schrank gefunden, die gar nicht fehlen…Murphy?). die Wohnung wird jeden Tag schöner. die Tomaten sind auf einen Schlag reif. und plötzlich wachsen wieder Gurken an der Gurkenpflanze.

ich habe ein Picknick für uns gemacht bekommen für den zweiten Umzugstag. eine Freundin hat alles von Kassel hier hergetragen (Focaccia, Fleischbällchen, Blaubeermuffins, Kirschsirup) und mit mir Schränke aufgebaut und für Ruhe gesorgt und teil genommen. ich habe eine Freundin Flamenco tanzen sehen. das war so sehr unfassbar. ich habe gerade heute ein so zauberhaftes neues-Zuhause-Glückwunsch-Paket bekommen. wobei die erste Post hier war ein Yoga-Buch für Kinder, für das ich eine Rezension schreiben darf, was mich gerade sogar in den Fingern juckt, denn das Buch ist auch total herzig und mein Großer übt schon alleine damit. heute war eine Flaschenpost im Briefkasten.

die Tage sind voller Glück. jeder einzelne Tag seit der Schlüsselübergabe schimmert samtig in der Abendsonne.

ja, es ist wunderschön hier. heilsam. vor dem Fenster im Wind tanzende Blätter an hohen Bäumen. hinter dem Haus das Lachen der Kinder eines Kindergartens. zwischen den Wänden eine liebevolle Stille. und im Treppenhaus die Gewissheit, dass wir nicht alleine hier leben, sondern inmitten von Menschen, die dieses Haus schon länger mögen als wir.

Danke an alle, die mir hier her geholfen haben. Danke an Euch alle. Danke für den Zuspruch, das gemeinsame Schimpfen, die Unterstützung, das viele Geld, das Vertrauen und Zutrauen, das Orientieren, das Lachen, Tragen, Halten, Mitdenken und Verstehen.
dieses neue Leben ist ein unfassbares Geschenk.
ich bin glücklich.

Liefs,
Minusch

9 Antworten auf „Glück

  1. Ach, ist das schön! Das sind wunderbare Nachrichten.
    Ich freue mich sehr mit Euch und wünsche Euch weiterhin alles, alles Liebe
    Sabine

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