nachgedacht

es sind so viele Gedanken und Fragen

was ist mir angemessen? welcher Standard entspricht meinem Wert und wie konstituiert sich mein Wert? fragen sich andere auch, ob sie zu viel vom Leben erwarten?
glücklicherweise habe ich ja gerade keine Paarbeziehung zu pflegen. ich erinnere mich, aus diesem Themenfeld die Frage nach der Angemessenheit zu kennen. die Frage nach den Erwartungen. und die Frage: darf ich etwas erwarten und was geschieht, wenn ich das tue?

mein Leben ist grundsätzlich besser als das, was ich mir in der Pubertät für mein Alter ausgemalt hatte. ich hatte befürchtet, dass ich mit 40 mit ordentlich Übergewicht bewaffnet nur noch weite Leinengewänder tragen würde und einen 9-5-Job abarbeiten. meine Kinder hätten schon in der Pubertät sein sollen, also beide mit eigenen Zimmern und eigenen Leben und eigenen Köpfen und in den Ferien verschwunden im Rauschen der Stadt, während ich Blumenkästen bepflanze und mit den Nachbar*Innen Tratsch austausche. echt. ich habe gedacht, das stünde mir bevor. die Darstellung von Müttern in der Literatur, in Filmen oder Erzählungen, meine eigene Mutter…ich hätte nicht gedacht, dass ich mehr Spielraum haben könnte.

als ich anfing zu studieren, entwarf ich einen Plan B zu der Idee der Mutterrolle: die schräge Wissenschaftlerin. alleinstehend. Hang zu Whiskey. Arbeitszeiten nur azyklisch zum Rest der Gesellschaft. ich suchte nicht nach dem größtmöglichen Widerspruch. ich klopfte Bilder ab, die ich kannte. mir gefiel das Bild des Film Noir-Privatdetektives, der verwahrlost seinen Job macht und keinerlei persönliche Bindung eingeht. nur der Job der Detektivin schmeckt mir nicht. also dann die Sprachwissenschaftlerin. Bücherdetektivin. Sprachlaborantin. die Haare immer irgendwie achtlos unfrisiert. Kleidung egal. ich füllte dieses Bild mit mehr und mehr Details, bis ich es fast spannender fand, als meinen „Kinderwunsch“. parallel brütete ich noch auf der Idee, ins Kloster zu gehen. tagein tagaus Wiederholungen, Beete jäten, kochen, beten, singen, nie wieder über Klamotten nachdenken. eigentlich auch ganz geil. und dann wurde ich schwanger. mit Mitte 20.

ich überblicke 25 Jahre feministische Arbeit, meine Adoleszenz und ein kleines bißchen Weltgeschehen. ich hab Ende der 80er Anfang der 90er noch Fuck-Chirac auf meinen Rucksack geschrieben. ich trug so eine Teppichjacke und einen gewebten Rucksack, halbhohe Docs und Hosen aus der Herrenabteilung. manchmal einen Hut mir Blümchen und im Winter meine falsche Barbour-Jacke vom Camden-Market. ich kaufte mir über das Jahr immer wieder Konzerttickets, weil ich davon überzeugt war, dass nur live-Musik zum wahren Verständnis führt. ich las und schrieb Lyrik. ich stritt mich online mit Kerlen. datete viel. fuhr spontan allein nach Berlin oder mit einer Freundin nach Italien. ich brauchte nie viel Geld. und wenn ich es hatte, lud ich ständig andere zu irgendwas ein, weil es mir wichtig war, diese anderen dabei zu haben.

und heute?
heute sitze ich in einer wunderschönen Wohnung, arbeite in einer Schule, habe allein zwei Kinder, kann bloggen…ich kann Musik hören, kann kochen was uns schmeckt. niemand schaut mir mehr über die Schulter. was will ich noch? warum reicht das nicht?

ich kann förmlich spüren, dass es reichen könnte, wenn ich mir in all dem Raum mehr Freiheit zugestehen würde. mehr Rückzug. mehr Versagen. wenn ich mir zugestehen könnte, menschlich zu sein. wenn ich nicht so eine Angst davor hätte, nicht mein Bestes gegeben zu haben. für die Kinder. für die Arbeit…

was geschieht, wenn ich meinem Bedürfnis folge und nächste Woche all die Briefe ignoriere? ich hab vor einer Woche 4 Tage lang nicht bei O2 angerufen, weil ich so viel anderes zu erledigen hatte. das Ergebnis war ein gelöschtes Ticket und eine neue Warteschleife von 40min. 40min. 40min wären genügend Zeit für eine Runde Yoga. oder zwei Folgen Young Justice. 40min einfach am Tisch sitzen und aus dem Fenster sehen kann sehr schön sein. dabei die O2-Warteschleifen-Musik zu hören, ist es nicht. eine aufgeschobene Rechnung wird höher. eine verpasste Deadline bedeutet einen Monat weniger Geld.

ein wenig ist ja die Teilzeitarbeit so ein Geschenk an mich. ein zärtliches Zunicken. Du musst nicht noch mehr arbeiten (obwohl mir die Arbeit wirklich Spaß macht). „Du darfst dann zuhause sein. mit Deinen Kindern. Du darfst dann den Kleinen in den Arm nehmen, weil er gerade so traurig ist. Du darfst den Großen aushalten, weil ihm die Umstellung schwer fällt.“ ja, sicher, und es ist auch andersrum: meine Kinder brauchen mich auch und das Geschenk fällt auch ihnen zu. wir brauchen Freiraum miteinander. Reaktionsspielraum. Puffer. Zeit zuhause.

ja, ich weiß, dass das hier alles viel ist. Trennung, Stress, Umzug, Alltag. deswegen spreche ich ja auch darüber. wüsste ich es nicht, ich würde mich irrsinnig dafür schämen, so schwach zu sein.

ich lache sehr viel weniger als noch vor 6 Jahren. ich habe früher mehr gelacht. im Kino, beim Ausgehen, mit Freunden, beim Rollenspiel spielen, beim Tanzen, auf Konzerten…heute bin ich schon zufrieden, wenn ich meine Gefühle so sortiert bekomme, dass ich mich trotz Alltagsexplosion meinen Kindern zuwenden kann, ohne automatisiert zu schnauzen. Transit. es ist eine Transit-Phase. hoffe ich.

ich kann so vieles entscheiden. und doch nicht alles. nicht so wie früher.

ist das ein Denkfehler, wenn ich in all dem Spielraum, den ich habe, den vermisse, den ich nicht habe? die Freiheit, auf die Bürokratie zu pfeifen. die Freiheit, einfach mal nicht nachzudenken beim Einkaufen. die Freiheit zwischen Bio und reduziert-bei-Aldi auszusuchen. die Freiheit, meinen Stil zu verändern (naja, ich hab keinen wirklichen Stil, aber ich weine eben gerade der Hose hinterher und frage mich, ob ich die irgendwie selber enger nähen könnte und was wäre, wenn ich jetzt neue Klamotten bräuchte).

oder ist mir gerade diese fehlende Freiheit so wichtig, weil ich gelernt habe (!), dass ich eine Versagerin bin? weil ich „immer nur komme, wenn ich was will“? weil ich „nichts fertig mache“? weil ich „das alleine niemals schaffen werde“? glaube ich diese Sätze noch?

ich bin jetzt so lange in einer Lebenswirklichkeit, in der ich aufpassen muss. in der ich nicht sicher bin. in der mir etwas passieren kann. gut, das eine, was mir passieren konnte, lebt inzwischen in einer anderen Stadt (aber aktualisiert sich mit Konfrontationen…). das andere, was mir passieren konnte, habe ich durch den Umzug (und mit der Hilfe so vieler guter Geister) hinter mir gelassen. jetzt kann mir die amtliche Hilfe wegbrechen, wenn ich eine Deadline verpasse (oder jemand beim Amt eine Information anders interpretiert). und der worst case wäre eine seelische Entgleisung…etwas, wofür ich aktuell noch keinen Plan B habe.

wie gefährdet bin ich? hat mein Nervensystem recht? oder nicht?

und wie beeinflusst das Wissen um diesen Kanal hier mein Leben? meine Wahrnehmung? meine Entscheidungen? stelle ich mich als Opfer dar? bin ich eines? bin ich keines? hab ich Pech? oder entspreche ich dem Durchschnitt? mit wem kann ich mich denn vergleichen? oder bringt das ohnehin nichts?

ich liebe nach wie vor Musik. und Lyrik. ich gestalte nach wie vor meine Wohnung mit allem, was mir wertvoll ist. ich ziehe mich abenteuerlich an. meine Haare werden immer unordentlicher. meine Kinder haben eigene Zimmer. ich wiederhole jeden Tag dieselben Handgriffe: Zähne putzen, Porridge kochen, Brotdosen packen… gut, ich komme nicht nachts nach hause, aber zur Mondfinsternis habe ich einen Absinth getrunken. allein. im Dunkeln. den Nachbar*innen bringe ich Kuchen. und mein Ich sitzt in meinem Inneren unter einem Regenschirm. um sich herum Zettel, Post-Its, Tagebucheinträge, Zeitungsseiten. lauter Fragen, die zusammengefasst „wer bin ich?“ ergeben.

wer bin ich?

und wer seit ihr?
warum lest ihr das hier?
warum berührt es euch?

…so viele unsichtbare Namen. Geschichten. so viele Leben. ich wüsste wirklich gern, wer ihr seid, ihr Geister da draußen.

Liefs,
Minusch

9 Antworten auf „nachgedacht

  1. Hey Minusch,
    es ist nicht immer leicht mitzulesen, aber ich tue es doch und finde dich und dein Leben wahnsinnig interessant, wir haben Dinge gemeinsam und doch wieder kaum etwas, aber ich würde dich sicher gern auch im „echten“ Leben mal kennenlernen .
    Liebe Grüße

  2. Wer ich bin?
    Ich bin die, die ab und an hier bei Dir vorbeischaut und Dein Leben verfolgt, auch wenn genau dieses manchmal hart zu sein scheint. DIe Deine Art, uns an Deinen Gedanken teilhaben zu lassen, fesselt. Die es schätzt, dass Du nicht an der Oberfläche hängen bleibst, sondern tiefgründig bist. Die das Leben, was Dir in die Hände gefallen ist, nicht fragenlos hinnimmt und dennoch für eine optimistische Zukunft für Dich selbst kämpfst.
    Keep going!!!

      1. Weil Du Groß-Kleinschreibung bisweilen scheinbar wahllos verwendest und so waren die Texte für mich zu Beginn meiner Besuche hier etwas schwerer zu lesen. Wobei mein Auge das Problem war.

  3. Ja, es gibt auch noch andere, die sich fragen, ob sie zu viel vom Leben erwarten.
    Und genau deswegen fühle ich mich wohl von deinen Texten angesprochen. Weil ich darin oft Worte für meine Gedanken finde.

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