jetztness

gestern radelte ein Mann an mir vorbei, während ich auf den Bus wartete. kur vorher hab ich noch mit mir gehadert, dass ich mir doch Studentenfutter und ein Bus-Ticket kaufen kann, es mir also gar nicht so schlecht gehen kann. dann dieser Mann. ein zu kleines kaputtes Klapprad. Hosen mit Bügelfalte. ein Hut auf dem Kopf. und in meinem Kopf entstand das Universum eines Menschen, der noch weniger hat, bei dem es auch nicht so bunt sein kann wie bei mir zuhause…blablabla Vorurteile etc. aber eben eine mir bekannte mögliche Realität.

bei meiner Ärztin saßen zwei ältere Menschen zufrieden auf der Bank. sie mit Dauerwelle (eine sehr schöne Dauerwelle…), er mit einem Handy. in der Praxis Kunst an den Wänden (schöne Sachen, wirklich. nachvollziehbar ohne Magister in Kunstgeschichte). und ich in Jeans, SecondHand-Schuhen von vor 12 Jahren, einer Flohmarkt-Handtasche und meiner Bitte um mein Rezept für die Dauermedikation (Bluthochdruck, seit Mitte).

den Rückweg ging ich zu Fuß. ich hörte meine home-Playlist. dann das Lied aus dem Lego-Ninjago-Movie: Garmaddon. ein fieser Villain-Kracher. und in meinen Gedanken war ich mit meinen Kindern auf dem Kerbe-Umzug und spielte den Bösewicht und sie durften mich bekämpfen. nach außen sahen Menschen eine Frau mit Rucksack und Handtasche, festem Schritt und grimmigem Gesicht.

während ich nachmittags auf den Telekom-Techniker wartete entdeckte ich die Serie „Marvelous Mrs Maisel“. während ich das Bücherregal rumschob, reagierte Mitch auf alle möglichen Entwertungen, schminkte sich und andere und grölte besoffen in ein Mikrofon auf einer Kleinkunstbühne. ein tinder-Match meldete sich und ich tippte ihn zu, bis er mir schrieb, dass er eine Frau und 4 Kinder habe und eigentlich auch niemanden treffen will. ein früherer Schulfreund meldete sich auf tinder und machte Smalltalk und als ich nach seiner Frau fragte, weil ich auf deren Hochzeit war, antwortete er nicht mehr.

hier liegt ein Brief von der GEZ, den ich gerade aus Medienkompetenz-Gründen nicht aufmachen möchte. und eine Rechnung für die nicht gekündigte Zoo-Mitgliedschaft. Wäsche trocknet und die Taube fühlt sich superwohl auf diesem Gitter kurz vor der Regenrinne. wer bin ich?

was ist viel?
was ist genug?
wo beginnt Übermaß?

meine Kinder würden viel mehr konsumieren, als ich zulasse. gleichzeitig brauchen sie auch das Gefühl für viel und wenig. für teuer und günstig. für lange und kurz.

woran eiche ich unsere Skala?

was ist Liebe? ist Liebe bedingungslos? gegenseitig bedingungslos? unveränderlich? oder situationsabhängig? spüre ich sie echt den ganzen Tag, oder nur, wenn ich mir den Raum dafür gebe/nehme? was geschieht, wenn sie nicht bewusst gespiegelt wird? und was wird aus Menschen, die sich zur falschen Zeit geliebt haben? gibt es das? falsche Zeit? dieses „wo warst Du vor 20 Jahren??!?“, bedeutet das nicht eigentlich, dass jemand vor 20 Jahren nicht geglaubt hat, dass da in 20 Jahren jemand stehen könnte, der/die das Gefühl, gut zu sein, vermitteln wird, wie niemand sonst? oder können das mehrere Menschen vermitteln und ich hatte beispielsweise nur eine Weile Pech?

ich picke die Cranberries aus dem Studentenfutter und spüre das Licht auf dem Balkon. jetzt die getrockneten Bananenscheiben. es ist still. natürlich habe ich so einiges zu ordnen. nur eben auch mich. und mich selbst ordne ich nicht nur durch das ordnen der Dinge sondern durch das Sortieren von Worten. durch den Blick auf Äpfel. durch die Gleichzeitigkeit von Banane und Salz.

von außen sehen wir alle immer so sortiert aus. aber eine Kleinigkeit kann uns alle zum Einsturz bringen. nichts ist von Dauer. wir gehen durch den Alltag und bewältigen unsere Pflichten und sind pünktlich und immer ordentlich angezogen. wir kaufen Obst und Gemüse und wir wissen immer, was für alle das Beste ist. wir erziehen genau richtig, im Gegensatz zu den anderen. und unsere Ängste sind angemessen. außer die unangemessenen. aber naja, guilty pleausures gehören dazu.

bitte. versagt mit mir zusammen. lasst uns gemeinsam loslassen. das ist doch sogar irgendwie Yoga: sich selbst so weit zu vertrauen, dass das eigene Versagen als Leben erkannt und gelebt wird. oder nicht?

versagt mit mir. wir versacken vor Netflix und feiern uns nicht dafür, dass das MAL geschieht, sondern wir wissen, wie oft nur noch das geht. weil es die Einsamkeit bekämpft. weil wir dabei nur liegen müssen. weil die da im Fernseher so beklopptes Zeug erleben, dass wir mit unserem bekloppten Kram unsichtbar werden.

wir essen eine Woche lang nur Kohlenhydrate und sagen es keinem. weil es einfach so ist. Kohlenhydrate machen glücklich. und Fett trägt den Geschmack. beides kann nötig sein. was, wenn diese Intensität nötig ist, um nicht völlig abzuschmieren?

Perfektion ist so gruselig wie ein sauberes Oberteil nach einem Arbeitstag (sorry, S., nicht Du bist gruselig! Deine sauberen Oberteile sind es! die haben nicht mal Falten, obwohl Dein Gesicht sagt: „war ein Scheißtag heute!“). und ich bin immer wieder dankbar, über Meldungen von Wut und Frust aus dem Bekanntenkreis. DAS erdet mich. dieses Wissen um die Endlichkeit unserer Möglichkeiten! nicht als Voyeurin, sondern als Sympathisantin!

ich sympathisiere mit dem Versagen. mit meinem wie mit dem der anderen. auch mit dem meiner Kinder. nirgends sind wir mehr Punk als in dem Moment, in dem wir anerkennen, dass diese Ansprüche von außen lächerlich sind. und die Punks von damals haben heute Fahrradgeschäfte, in denen tobende Kinder nicht negativ auffallen, weil sie selbst vor 20 Jahren zwar negativ aufgefallen sind, aber sich sich irgendwie die Sicherheit, Anspruch auf dieses Leben zu haben, konstruieren konnten. ich war nie Punk. ich war immer nur Sympathisantin. ich habe nie von Rechten aufs Maul bekommen. ich wurde maximal als Türkenschlampe beschimpft (wenn ich andere schützen wollte) oder als arrogante Bitch (wenn ich mich schützen wollte).

Perfektion ist eine Inszenierung. und die Inszenierung anerkennenswerten Versagens ist widerliche Manipulation und eine Beurteilung, die niemandem zusteht.

beim Anblick jeder Form von Perfektion sollten wir in Deckung gehen. egal, wer oder was da inszeniert wird. ganz grundsätzlich. wenn ich betone, was an mir super ist, verschleiere ich damit meine Schwächen. wenn ich meine Schwächen verschleiere, werte ich sie ab und verdränge sie. wenn ich meine Schwächen verdränge, halte ich mich für was Besseres. dabei kann kein Mensch grundsätzlich besser sein als der andere. vielleicht besser in Mathe, oder im Stricken, gern auch besser im Einparken oder besser im Kochen. aber nicht grundsätzlich.

und was tu ich eigentlich gegen rechtes Gedankengut, wenn ich schon nicht zu Soli-Konzerten gegen Rechts fahre? ich übe Selbstliebe auch im eigenen Versagen und schreibe solche Blogtexte. denn rechts ist das Gegenteil dessen, was ich hier beschreibe.

Liefs,
Minusch

3 Antworten auf „jetztness

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